09.07.2007

JUSTIZDer Missionar des Westens

Seit Afghanistan vom Unrecht befreit scheint, will Karim Popal aus Bremen das Recht in seine Heimat bringen. In Kursen vermittelt der Exil-Afghane Anwälten und Richtern, wie ein Staat funktioniert, in dem auch Angeklagte Rechte haben - kaum einer versteht ihn. Von Jochen-Martin Gutsch
Ganz ruhig steht Popal da, vor seiner Klasse, und erzählt die Geschichte seines ersten Tages. Von zwei Todesurteilen, die ihn fast dazu gebracht hätten, wieder nach Hause zu fliegen. Zurück nach Bremen in seine aufgeräumte Kanzlei. Zurück zur deutschen Justiz, die funktioniert wie eine zuverlässige, etwas altmodische Maschine. Vielleicht ist die Maschine nicht immer verständlich, vielleicht ist sie langsam und vollgestopft mit Fällen. Aber sie bringt niemanden um.
Popals erster Tag in Herat, anders kann man es nicht sagen, lief beschissen. Popal und seine Kollegen fuhren vom Flughafen ins Hotel. Anschließend war Popal zum Gericht der Stadt gegangen, um nach Teilnehmern für seinen Lehrgang anzufragen. Man schickte ihn irrtümlich in einen Gerichtssaal im Erdgeschoss, und plötzlich saß Karim Popal, 50 Jahre alt, Anwalt aus Bremen, Spezialgebiete Straf- und Verwaltungsrecht, in diesem kleinen Raum, hell und mit einer hübschen Fensterfront.
Die Angeklagten, zwei zerlumpte Gestalten in Häftlingskleidung, kauerten auf dem Boden. Zwei Richter saßen hinter einem Tisch. Aber es gab hier keinen Staatsanwalt und keinen Verteidiger. Und keine Öffentlichkeit. Nur Popal. Auf dem Richtertisch lag ein Stempelkissen.
Es ging um vierfachen Mord.
Einer der Angeklagten drehte sich Popal zu, fragte, wer er sei. Ein Rechtsanwalt, sagte Popal, aus Deutschland.
Was ist das, ein Rechtsanwalt?, fragte der Angeklagte. Ein Verteidiger, jemand, der euch helfen könnte, sagte Popal. Warum habt ihr keinen Verteidiger?
Kannst du unser Verteidiger sein?, fragte der Angeklagte. Popal schwieg.
Warum hört ihr unsere Zeugen nicht?, sagte der Angeklagte zu den Richtern.
Wir verkünden jetzt das Urteil, antwortete der Vorsitzende Richter. Wir verurteilen euch zum Tode. Ihr könnt dagegen Berufung einlegen.
Was ist das, eine Berufung?, fragte der Angeklagte. Ihr müsst noch hier unterschreiben, sagte der Vorsitzende.
Die Angeklagten unterschrieben nicht. Sie pressten, wie es Analphabeten tun, die Daumen erst auf das Stempelkissen und anschließend unter ihr Todesurteil, das sie nicht lesen konnten.
Popal blieb noch einen Moment lang sitzen, als warte er auf eine Wendung. Dann stand er auf und ging zurück ins Hotel, taumelnd wie ein angeschlagener Boxer. Er
setzte sich auf die Terrasse und steckte sich eine Zigarette nach der anderen an, amerikanische, obwohl er eigentlich nicht raucht.
"Es war alles falsch", sagt Popal jetzt, fünf Tage später, zu seiner Klasse und strafft sich. "Das Verfahren widersprach unseren Gesetzen, widersprach dem Koran, widersprach den Menschenrechten. Jeder in Afghanistan hat das Recht auf einen Verteidiger."
Die Worte schweben im Raum wie eine Vision. Popal schaut die Klasse an. 26 Teilnehmer. Vier Richter, zehn Staatsanwälte, drei Rechtsanwälte, vier Polizisten, fünf Mitarbeiter der Universität.
Jeden Morgen steigt Popal mit zwei Kollegen, einem Anwalt aus Paris und einem Juristen aus Teheran, in einen alten weißen Toyota-Transporter. Sie fahren auf eine Baustelle am Stadtrand. Zwischen unfertigen viergeschossigen Neubauten grasen Schafe und Ziegen. Vor einem der Neubauten, dem einzig fertigen, hält der Transporter. Popal steigt aus, klopft die Anzughosen aus, nimmt ein paar Stufen, sein Unterrichtsraum ist am Ende des Ganges. Dort legt Popal seinen Rucksack auf den Tisch vor der Tafel, und jetzt steht er hier und schaut in die Gesichter von 26 afghanischen Juristen und Polizisten.
Sie sitzen, so sieht es aus, in Gruppen vor ihm. Sie bilden kleine Ballungsgebiete der Berufe und Geschlechter. Die Richter mit Bart und Turban und betonter Würde. Die Staatsanwälte im schlichten Anzug. Die Polizisten in grüner Uniform und mit umgeschnallter Pistole. Links am Rand die einzigen beiden Frauen, immer nebeneinander sitzend. Manche sind alt hier, bereits ergraut, manche noch jung. Manche kommen freiwillig, manche erfüllen die Weisung eines Vorgesetzten. Es gibt sechs Dollar Lehrgangsgeld am Tag.
Karim Popal, ein Mann mit weichen, freundlichen Gesichtszügen, ist für zehn Tage ihr Lehrer. Ein Entwicklungshelfer aus dem Westen. Geschickt vom Max-Planck-Institut in Heidelberg. Ein Deutscher, geboren in Afghanistan. Er soll ihnen die Grundlagen eines fairen Strafverfahrens erklären. Er soll ihnen den Rechtsstaat erklären.
Eigentlich geht es um einfache Dinge, nicht um komplizierte Juristerei: das Recht auf einen Verteidiger, das Recht zu Schweigen, die Unschuldsvermutung, die Gleichheit vor dem Gesetz, das Folterverbot. Um Rechtsgrundsätze also, die in der afghanischen Justiz keine Rolle mehr spielten in den vergangenen Jahrzehnten. Wahrscheinlich gibt es kaum ein anderes Land auf der Welt, das so bekannt wurde für seine Rechtlosigkeit wie Afghanistan.
Popal ist jetzt eine Art Missionar. Und er ist gleichzeitig auf einer langen Rückkehr in ein Land, das er einst kannte.
In Deutschland verabschiedete sich Popal für einen Monat aus seiner Kanzlei, gelegen in einer Bremer Einkaufsstraße, und flog nach Kabul. Von dort weiter nach Kunduz, in den Norden Afghanistans. In Kunduz hielt er den ersten Lehrgang ab. Auch zehn Tage. In dieser Zeit ging ihm das Vollkornbrot aus, das er mitgenommen hatte, was Popal daran erinnerte, wie deutsch er geworden war, in den vergangenen fast 30 Jahren.
65 Prozent Deutscher, schätzte Popal.
Ein Auto brachte ihn von Kunduz nach Masar-i-Scharif, dort bestieg er ein Flugzeug und landete schließlich in Herat, eine Stadt tief im Westen, rund 350 000 Einwohner, die drittgrößte Stadt des Landes, bewacht von italienischen Soldaten.
Popal brachte seine Sachen in ein kleines Hotel, es gab auch ein großes, neues, erbaut für Ausländer. Aber irgendwie war er ja auch Afghane, zu 35 Prozent. Er war zum ersten Mal wieder in Herat. Die Stadt, in der er als Kind gelebt hatte, in der sein Vater Gouverneur war und in der seine Mutter begraben liegt.
Vorn links, ganz am Rand, meldet sich eine junge Frau, eine Rechtsanwältin. "Nach islamischem Verständnis ist es leider oft so, dass der Verteidiger, der dem Täter hilft, auch eine Sünde begeht."
Ein junger Mann, Dozent an der Universität, meldet sich. "Ein Verteidiger darf nie versuchen, für den Täter die geringste Strafe zu erreichen. Das ist unislamisch."
Ein Staatsanwalt fragt: "Wie sehen Sie das? Ein Anwalt verteidigt jemanden,
der ein Drogendelikt begangen hat. Geht das?"
Dann meldet sich ein alter Richter: "Herr Popal, was ist überhaupt die Aufgabe eines Verteidigers?"
"Okay", sagt Karim Popal und schreibt die Tafel voll.
Popals Mission begann vor drei Jahren. Er bekam einen Anruf vom Max-Planck-Institut für Völkerrecht in Heidelberg. Man plane ein Projekt in Afghanistan, es gehe um den Justizaufbau. Die Leute vom Institut suchten Juristen, die auf Dari unterrichten könnten, einer afghanischen Landessprache.
Popal sagte zu. Es war eine Chance. Er konnte in das Land zurückkehren, das er 1978 verließ. Er konnte eine Schuld abtragen, die er in sich fühlte. Damals ging er als Flüchtling. Jetzt kam er als Entwicklungshelfer. Der Kreis schloss sich. 27 Jahre waren vergangen.
Im Februar 2005 flog er für das Max-Planck-Institut zum ersten Mal nach Afghanistan, nach Kabul. Das Flughafengebäude war eine Ruine, ein dunkles, kaltes Loch. Popal fuhr im Taxi durch die zerschossene Stadt. Er hatte in Kabul gelebt, hier sein Abitur gemacht. Aber er erkannte nichts wieder. Kabul war Staub und Trümmer und Lärm, die Abgase schmerzten im Hals. Sogar der Kabuler Akzent schien sich verändert zu haben. Popal fühlte sich wie ein Fremder damals, wie ein Tourist. Er kam immer wieder nach Afghanistan, führte Lehrgänge durch. Aber das Gefühl verließ ihn nie.
Jetzt also Herat.
In den vergangenen Jahren sind die Erwartungen gestiegen. Nicht an Popal. Aber an Afghanistan. Man verliert ein bisschen die Geduld. All die Länder, die Geld und Soldaten schicken, erwarten Fortschritt.
Afghanistan ist seit fast sechs Jahren eine Art internationales Projektland.
Der große Weltversuch.
Aus den Trümmern soll ein neues Land erwachsen. Wiederaufgebaut vom Westen, im Frieden mit dem Westen. Die gute Islamische Republik Afghanistan, sozusagen. Ohne Justiz wird das nicht funktionieren. Eine Gesellschaft regelt sich über Werte, Normen, Gesetze. Das ist der Ursprung.
So gesehen, arbeitet Popal jetzt ganz unten. An den Wurzeln.
In Afghanistan haben sie eine neue Verfassung, auch neue Gesetze. Moderne Sachen, erdacht von Experten aus dem Westen. Leider ist Recht ein schwerfälliger Stoff. Es braucht jemanden, der das Recht kennt. Und der es einklagt. Und der es vollzieht. Das macht den Aufbau einer Justiz so schwierig. Der Rechtsstaat ist sehr von seinem Personal abhängig.
Das Personal von Herat sitzt bei Popal und in den Klassen seiner beiden Kollegen. Es wird zehn Tage lang trainiert.
Die Frage ist, was das bewirken kann.
Es gibt Studien, auch von der Uno, zur Lage der afghanischen Justiz, zum Personal. Nur rund 60 Prozent aller Richter haben eine juristische Ausbildung, der überwiegende Teil in der Scharia. Über ein Drittel aller Richter studierten nie, sie gingen bestenfalls zur Schule. Unter den Staatsanwälten sind es rund 30 Prozent, die Recht studiert haben. Danach wären die meisten von ihnen Laien.
In einer Umfrage des afghanischen Justizministeriums erklärten 55 Prozent der befragten Richter, dass sie keinen Zugang zu Gesetzbüchern hätten. 83 Prozent erklärten, dass sie keinen Zugang zu den Urteilen des Obersten Gerichts hätten. Ein Jurist ohne Gesetzbücher und Urteile kann praktisch einpacken.
Richter und Staatsanwälte verdienen in Afghanistan im Monat zwischen 35 und 60 Dollar. Davon kann niemand leben oder eine Familie ernähren. Und niemand ist unabhängig für 60 Dollar. Keine Institution in Afghanistan gilt als so korrupt wie die Justiz. Urteile, Haftentlassungen - man kann alles kaufen. Wer kein Geld hat, nimmt eine Waffe. Keine Institution in Afghanistan wird so bedroht wie die Justiz.
Man kann demütig werden, wenn man die Verhältnisse kennt, hoffnungslos.
In Popals Klasse meldet sich ein Richter. "Was ist, wenn der Angeklagte kein Geld hat. Wer bezahlt dann den Verteidiger?" Popal schaut den Richter an, schüttelt den Kopf. "Ehrlich, ich weiß es nicht. Aber es steht in unserer Verfassung, dass jeder einen Verteidiger haben soll. Und das ist ein Fortschritt. Wir brauchen in Afghanistan wieder die Herrschaft des Rechts."
Dann packen alle ihre Sachen zusammen. Es ist vier Uhr nachmittags. Sie gehen zurück in ihre Welten.
Popal wird mit dem alten Toyota-Transporter zum Hotel gefahren. Die Schüler laufen hinaus ins afghanische Leben. In die Gerichte, Büros und Gefängnisse.
Es muss ein seltsames Gefühl sein. Man verlässt die Klasse und ahnt, dass die Dinge, über die man sprach, draußen nichts zählen. Sie verlieren sich mit jedem Schritt. Sie lösen sich auf wie Wasserdampf.
"Der Lehrgang ist Theorie, ein Ideal", sagt Ramesh. "Im Moment ist die Theorie leider nicht umsetzbar in Afghanistan."
Ahmad Ramesh ist Oberstaatsanwalt und Popals Schüler. Er sitzt in seinem Büro im ersten Stock der Staatsanwaltschaft, es riecht hier nach altem Papier, der Geruch der Justiz, süßlich, holzig. Sein Schreibtisch ist überladen mit Akten, alles handbeschriebene Blätter. Ramesh sitzt hier auf einem Papierberg, und es sieht so aus, als könnte ein Luftzug kommen und das ganze Zeug durch das offene Fenster tragen. Dann wären die Fälle tot.
Aber vielleicht sind sie es sowieso.
Die Staatsanwaltschaft soll ermitteln, sie sind die Verbrecherjäger, eine Strafverfolgungsbehörde. Aber Ramesh, der Oberstaatsanwalt, hat keine Schreibmaschine. Sie haben hier keine Gerichtsmedizin, kein
Kriminallabor. Leider hat die Staatsanwaltschaft auch kein Auto, nicht mal ein Fahrrad. Und im Moment, sagt Ramesh, ist auch das einzige Kopiergerät defekt. Die Staatsanwälte ziehen zu Fuß in den Kampf. Mit Papier und Kugelschreiber. Aber die sind auch knapp, sagt Ramesh.
Ramesh ist 54 Jahre alt, ein kleiner, dünner Mann. In den vergangenen 30 Jahren hat er alle Systeme und Ordnungen durchlaufen. "Die beste Zeit für die Justiz war unter den Kommunisten", sagt Ramesh. "Die schlechteste Zeit, wenn man die Taliban mal vergisst, ist jetzt."
Ein Staatsanwalt, der ein bisschen was versucht, hat viele Feinde. Drogenbosse, Warlords, korrupte Politiker und Beamte, einfache Kriminelle, die überleben wollen. Vor ein paar Wochen erwischte es dann einen von Rameshs Staatsanwälten. Man fand ihn auf der Straße, geschlagen mit Gewehrkolben, aber lebend. Er hatte gegen den Bürgermeister von Herat ermittelt - wegen Korruption.
Ramesh bekommt 50 Dollar im Monat. Dafür riskiert er hier sein Leben.
Für zehn Tage sitzt Ramesh jetzt in Popals Klasse. Er wurde delegiert. Die Leute vom Max-Planck-Institut suchten nach Teilnehmern aus der Staatsanwaltschaft. Die Anfrage landete auf dem Schreibtisch von Maria Bashir, und Bashir schickte Staatsanwälte, von denen sie glaubte, sie seien die Richtigen für die neuen Zeiten.
Maria Bashir hat ein großes Büro, man läuft einige Meter über tiefen Teppich bis zu ihrem Schreibtisch. Bashir ist 37 Jahre alt und die Chefin der Staatsanwaltschaft der Stadt und der Provinz Herat - als erste Frau in Afghanistan überhaupt. Damit ist sie eine kleine Berühmtheit.
Condoleezza Rice, die amerikanische Außenministerin, lud Bashir vor ein paar Monaten nach Washington ein. Als Stargast vom Hindukusch. Bashir blieb acht Tage in Amerika, sie wurde herumgereicht und bestaunt wie ein Symbol für die neuen Zeiten. Für den Fortschritt. Bashir sagte, dass man etwas für die Justiz tun müsste. Wenn die Justiz funktioniere in Afghanistan, werde es auch keinen 11. September mehr geben. Das Land werde sich stabilisieren, mehr als durch jede Armee.
Condoleezza Rice nickte, und Bashir flog hoffnungsvoll zurück.
Jetzt sitzt sie hier in Herat und führt ein Hochsicherheitsleben. Am Morgen bringen sie drei Soldaten von ihrer Wohnung ins Büro. Und am Abend wieder zurück. Demnächst sollen es acht Sicherheitsleute sein. Dazu ein gepanzertes Auto.
Vor ein paar Tagen, in der Nacht, bekam Bashir wieder einen Anruf. Jemand drohte, ihr den Kopf abzuhacken. Bashir hat drei Kinder. "Wenn wir nicht müssen, gehen wir nicht raus", sagt sie.
Popal und seine Kollegen fliegen nach den Lehrgängen wieder in ihre Welt. Nach Bremen, Paris, Teheran. Maria Bashir und Ahmad Ramesh bleiben zurück. Sie sollen die Theorie in Realität verwandeln, irgendwann. Im Moment, so sieht es aus, sind sie damit beschäftigt, zu überleben.
"Ich könnte hier nicht mehr leben", sagt Popal. "Ich würde kaputtgehen." Popal sitzt auf der Hotelterrasse, raucht Marlboro Lights. Er ist müde, er verträgt das afghanische Essen nicht besonders, ihm fehlt die Bewegung. In Bremen geht er ins Fitnessstudio. Hier sitzt er mit den Kollegen auf der Terrasse und schaut in die Nacht, in die Stadt dort draußen, hinter dem Hotelzaun. Sie gehen kaum raus, nach Einbruch der Dunkelheit.
In den Jahrzehnten zuvor hatte Popal immer wieder an Rückkehr gedacht, sobald sich die Lage ändert. Als es so weit war, als nach dem Sturz der Taliban manche aus dem Exil zurückkehrten, war Popal schon zu weit weg von seiner Heimat, oder sie von ihm, das ist schwer zu sagen.
Karim Popal wuchs privilegiert auf, die Familie war einflussreich, damals in Afghanistan. Popals Vater war unter dem afghanischen König Gouverneur, Finanzminister, Botschafter in der Sowjetunion.
1978, nach dem kommunistischen Putsch, verließ die Familie das Land.
Popals Geschwister gingen ins Exil in die USA, Popal verschlug es nach Deutschland. Nur der Vater blieb in Kabul und starb kurze Zeit später, unter welchen Umständen, weiß Karim Popal bis heute nicht.
Er schlug sich allein durch in Deutschland, lernte die Sprache, studierte Jura, bekam einen deutschen Pass, er wurde der erste afghanischstämmige Rechtsanwalt in Deutschland und Mitglied bei Werder Bremen. Popal kaufte ein Haus, seine Kinder sprachen nur noch Deutsch, er verlor den Kontakt zur alten Heimat. Aber er wurde sie auch nicht ganz los. Popal bekam Angebote, in afghanischen Ministerien zu arbeiten, Botschafter zu werden. Über ein paar Ecken ist Karim Popal verwandt mit Hamid Karzai, dem afghanischen Präsidenten.
Popal lehnte immer ab.
Der Lehrgang erfüllt jetzt die Schuld, die er trotzdem spürte. "Afghanistan, die alte Heimat, störte mein Glück in Deutschland, der neuen Heimat", sagt Popal.
Wahrscheinlich ist das kein schlechter Ansatz für einen Entwicklungshelfer. Popal erwartet nicht zu viel. Weder von sich noch vom Land. Das schützt. Auch vor Enttäuschungen.
Nach dem ersten Tag, nach den Todesurteilen, ging Popal nicht mehr zum Gericht. Es gibt dort täglich Fälle, die den Glauben erschüttern. Und man kann nicht das ganze Land retten. Eigentlich kann Popal, der Strafverteidiger, hier überhaupt niemanden retten.
Das Gericht von Herat ist ein sauberer Neubau, schmucklos, ein Verwaltungsgebäude. Im ersten Stock sitzt an diesem Tag ein Mädchen auf einem Stuhl, 17 Jahre alt, die Burka vor dem Gesicht hochgeklappt.
Ein Richter sitzt vor ihr. Sie warten zusammen auf den Staatsanwalt.
Das Mädchen sagt, zwei Männer wollten sie vergewaltigen, in einer Straße von Herat. Ihr gelang die Flucht. Zu Hause erzählte
sie ihrem Bruder davon, der führte sie hinaus aufs Feld, nannte sie eine Schande, stach mit einem Messer in ihren Hals, in die Arme, warf sie anschließend in einen Brunnen, und dort lag sie, zerschunden, bis sie jemand fand.
Das Mädchen ist nicht die Zeugin. Sie ist die Angeklagte. Unzüchtiges Verhalten, sagt der Staatsanwalt. Wahrscheinlich habe sich das Mädchen den Männern freiwillig genähert. Doch der Staatsanwalt kommt nicht, der Richter vertagt den Prozess, und das Mädchen wird zurückgebracht in eine Jugendanstalt, wo sie seit sechs Monaten auf ein Gerichtsverfahren wartet.
Ihr Bruder wurde nie angeklagt.
Am ersten Unterrichtstag hat Popal in der Klasse ein schmales Handbuch über das faire Strafverfahren verteilt. Im Handbuch steht, dass Männer und Frauen gleiche Rechte haben. So steht es auch in der afghanischen Verfassung.
In der afghanischen Realität sind weniger als drei Prozent der Richterschaft Frauen. In der afghanischen Realität ist eine Frau als Zeugin vor Gericht halb so viel wert wie ein Mann. In der afghanischen Realität gehört Herat zu den Provinzen mit den meisten Selbstverbrennungen.
Frauen übergießen sich mit Benzin und entzünden ein Streichholz aus Verzweiflung über eine Zwangsheirat, über häusliche Gewalt, vor der sie kaum ein Gericht schützt. Andere schlucken Nägel, Rattengift, Insektenmittel. Mindestens 50 Selbstverbrennungen gab es in Herat im vergangenen Jahr. Die Dunkelziffer liegt höher.
Wenn man vom Gericht hinüber zu Popals Hotel geht, kommt man am Frauengefängnis von Herat vorbei. Es ist nicht sehr groß. Rund 50 Frauen sind dort zurzeit inhaftiert. Die meisten verurteilt wegen Mordes. Sie haben irgendwann ihren Mann umgebracht.
Bei seiner ersten Rückkehr nach Afghanistan, damals im Februar 2005, stand Karim Popal eines Tages vor dem alten Haus seiner Familie in Kabul. Es war ein bisschen verrottet, aber nicht zerstört. Die Schwester seiner Stiefmutter wohnte jetzt dort, zusammen mit ihrer Familie.
Im Keller fand Popal damals einen Karton mit alten Fotos.
Dann flog er in der Zeit zurück, in das Kabul der sechziger und siebziger Jahre.
Er sah auf den Fotos seine Schwestern im Minirock. Er sah sich selbst im T-Shirt und mit Koteletten. Er sah die Straßen von Kabul, seltsam unbeschädigt, unverletzt. Er erinnerte sich sogar an die Discotheken, in die er damals ging. Er sah nicht unglücklich aus, auf den Fotos. Die ganze Stadt sah nicht unglücklich aus.
Popal nahm den Karton mit nach Deutschland. Die Fotos schienen wie ein Hinweis zu sein, sie gaben die Richtung vor. Sie zeigten eine Vergangenheit, die jetzt aussah wie die Zukunft.
"Am Anfang, wenn ich herkomme, bin ich immer frustriert. Aber am Ende dann hoffnungsvoll. Man darf unsere Geschichte nicht vergessen", sagt Popal.
Eine ganze Generation wuchs auf, immer unter Waffen, die meisten Analphabeten. Es ist die gleiche Generation, die Afghanistan jetzt aufbauen soll. Was also kann man erwarten?
Nur an manchen Tagen gerät auch Popal ins Wanken.
An einem Nachmittag sitzt er im Männergefängnis von Herat, im Büro des Gefängnisdirektors. Oberst Hemat, ein gedrungener Mann in grüner Uniform, war auch eingeladen, am Lehrgang teilzunehmen. Aber Hemat sagte ab, aus Zeitgründen. Jetzt sitzt er Popal gegenüber und hält eine kleine Verteidigungsrede für die afghanischen Gefängnisse. Natürlich gebe es noch Menschenrechtsverletzungen, aber kein Vergleich zu früher. Falls ab und zu gefoltert werden sollte, dann könne man das nicht verallgemeinern. "Wir foltern hier jedenfalls nicht", sagt Hemat. Dann schnappt sich Hemat seine Uniformmütze, ein Tor öffnet sich, und Popal geht hinein ins Männergefängnis von Herat.
Oberst Hemat führt Popal auf das Dach eines Mittelbaus. Von dort gucken sie hinunter auf einen Hof, in dem die Gefangenen stehen. Die recken jetzt ihre Arme nach oben, rufen, betteln, fluchen.
"Hey, Herr Direktor, was ist mit meiner Akte? Hey, Herr Direktor, ich bin seit über zwei Jahren hier, wann ist endlich mein Prozess? Hey, Herr Direktor, warum, verdammt, werde ich eingesperrt?"
"Fragt nicht mich! Was soll das? Fragt die Regierung!", ruft Hemat hinunter.
Oberst Hemat hat rund 950 Gefangene. 700 sind es im großen Block. Eine Zelle ist mit 40, 50 Mann belegt. Sie schlafen auf dem Boden, aneinandergelegt wie tote Fische in einer Büchse. Die Zellen sind unbeheizt, auch im Winter, wenn die Temperaturen an manchen Tagen unter minus 20 Grad sinken. Für die 700 Gefangenen gibt es zwei Plumpsklos, zwei Duschen, einen Wasserhahn auf dem Hof.
Popal steht auf dem Dach, in Jackett und Stoffhose wie ein Besucher aus einer fernen Welt. Es riecht hier nach Menschen, nach Dreck, nach Pisse.
250 Gefangene, sagt Hemat, hat er im kleinen Block. Politische Gefangene. Taliban, Regierungsfeinde, es werden täglich mehr. Einige der Taliban hat Hemat jetzt auf der Krankenstation einquartiert.
Die Krankenstation ist eine Baracke mit zwei dunklen Räumen. Neben einem Medikamentenschrank steht ein kleiner Mann. Der Gefängnisarzt, sagt Hemat. Der Gefängnisarzt sagt, er habe nie Medizin studiert, kenne sich aber ein bisschen mit Tabletten aus. Das Stethoskop, das sie hatten, ist kürzlich kaputtgegangen.
Auf einem Bett liegt der einzige Patient. Ein junger Mann mit einem schmutzigen, nassen Verband am linken Unterschenkel, angeschwollen auf die Größe eines Oberschenkels, seltsam verkrümmt.
Popal ist blass und geht raus, an die Luft.
Am Abend, im Hotel, jagt Popal ein paar Marlboro Lights durch die Lungen und möchte am liebsten alles hinschmeißen. "Es ist totaler Scheiß, was wir hier machen. Ich unterrichte faires Strafverfahren, aber wofür? Was bringt das? Was haben sie aus diesem Land gemacht?"
Am Morgen steigt er in den alten Toyota-Transporter, der ihn zur Baustelle bringt. Popal steigt die Stufen zum Unterricht hinauf. Es gibt keine Alternative, sagt er.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 28/2007
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