16.07.2007

AUTORENTournee in den Tod

Mit Jörg Fauser starb 1987 einer der großen Rebellen des deutschen Literaturbetriebs. 20 Jahre nach seinem Tod erscheint nun sein letzter Roman.
Wagner, 63, ehemals Chefredakteur der Illustrierten "Bunte", heute Kolumnist für "Bild", war Freund und Trinkkumpan Fausers.
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Wie Sterben ist, hat Jörg Fauser nicht mehr selbst erlebt, er war zu besoffen. Am Nachmittag hatte er schon mit Freunden in einem Münchner Biergarten mit dem Trinken begonnen, es war sein 43. Geburtstag, und er hatte auf die 169. Seite seines neuen Romanmanuskripts "Die Tournee" in der Nacht zuvor triumphal die Worte getippt: "Schreiben war gut. Besser als die Gemeinschaft mit Menschen war, über sie zu schreiben und dann nicht an ihnen haften zu bleiben, sondern weiterzuhüpfen wie die Kugel im Roulettekessel, sieben, ätsch, dreiundzwanzig, ätsch, siebzehn, money."
Die Geburtstagsgesellschaft lief angenehm betrunken am frühen Abend dann ins "Schumann's" ein. Gott, wie oft schon waren wir beide, Jörg und ich, als Schnapsleichen aus dem Schumann's hinausgetorkelt. Zwei Schritte vor, drei Stolperschritte zurück, und hinter uns Eichinger oder Wondratschek. München 1987.
Es muss irgendwann nach Mitternacht an diesem 17. Juli gewesen sein, als Fauser etwas murmelte wie "frische Luft" und aus dem Schumann's rausging und zwei, drei Stunden später, von einem Lastwagen überfahren, tot auf der A94 lag. Es gibt zwei Theorien: Fauser hatte Todessehnsucht, so die Legende. Fauser wollte ins Puff, so die Polizeireporter, erbrach sich im Taxi, der Taxifahrer schmiss ihn beim Autobahnzubringer Flughafen Riem raus, wo rechts das Puff war. Für mich schwankte Fauser, zwei Schritte vor, drei Schritte zurück, auf der Autobahn hoch zu dem blauen Licht, wo ich zweimal mit ihm abgestürzt war. Jörg war sofort tot. Jörg wollte keinen Sex, er wollte seinen Geburtstag zu Ende feiern mit echten Menschen, mit Huren, Dealern, Nachtgespenstern. Er hatte an dem Tag nichts Besonderes vor, um 16 Uhr wäre er zur Massage gegangen. So steht es wenigstens in seinem Taschenkalender.
Als Band 9 einer Werkausgabe veröffentlicht der Alexander Verlag Berlin nun 20 Jahre danach sein Romanfragment "Die Tournee" - für mich der sicherste Beweis, dass er leben wollte*. Wer solche 184 Buchseiten in seine Olympia hämmert (wir hämmerten damals noch auf unseren mechanischen Schreibmaschinen), wirft sich vor keinen Laster.
Jörg hatte sich in "Die Tournee" Westdeutschland vorgenommen, die Bundesrepublik der achtziger Jahre, und beim Lesen erschaudere ich darüber, dass ich dort gelebt habe. Keine Illusion ist verbreiteter als die, dass früher alles besser war - wir hingen rum, Überlebende der Generation Jimi Hendrix und Andreas Baader.
Die Helden seines Romans sind alle müde. Da ist Harry Lipschitz, 57, Mitglied der Schöneberger SPD, Berlin. Mit ihm beginnt "Die Tournee". Es ist das Berlin des Babystrichs. Das Berlin von Christiane F., das Berlin, in dem die Bosse ins Immobiliengeschäft mit Migranten einstiegen. Da ist ein Münchner Galerist, der pleite ist und verzweifelt Anschluss zu den Burdas und Beckenbauers sucht, den Königen der manikürten Stadt. Da sind 500 Gramm Koks, die sich als Mehl entpuppen. Da ist Natascha Liebling, 41, die mit 23 in Italien entdeckt wurde und in allen Klatschspalten stand und keine Rollen mehr kriegt.
Die Idee zu "Die Tournee" war Fauser bei den Recherchen für seine Theatertourneereportage "Die Wunde der Komödianten" gekommen, veröffentlicht 1986 in "Transatlantik". Mit Doris Kunstmann war er über die Kurorte gezogen, Bad Orb, Bad Wörishofen. Eine Comedia infernale braut sich in "Die Tournee" zusammen, Fauser hatte den großen Roman vor, sein "Manhattan Transfer", und dann kam sein Scheißtod. Seite 183, toll, Seite 184, Wahnsinn, Seite 185, ätsch.
Fausers Romanfragment zu lesen ist, als schaufelte man die zwei Meter Erde seines eigenen Grabes auf. Wie wild und gefährlich waren die sechziger, die siebziger Jahre: Vietnam, die Schüsse auf die Kennedys, die Männer auf dem Mond, die Hausbesetzer, Willy Brandt, die mörderische RAF.
Wie trostlos waren dagegen die achtziger Jahre vor dem Mauerfall: Hausmänner, Alice Schwarzer und der heilige Handke. Man trank jetzt nicht mehr. Gewichts-
gründe, Pillen, die sich nicht mit Alkohol
vertrugen. Man las Graeter, die "Bunte", am Wochenende die "Zeit" sowie Walser und sah verstohlen um Mitternacht auf die Uhr, an den Babysitter denkend und das Kopfweh am nächsten Morgen. Man joggte, und zu allem Übel war das Kondom wieder zurück. Aids.
Wie war Fauser drauf in dieser Gegenwelt? So war er drauf: "Was bei uns als Literatur gehandelt und hochgemotzt wird. Bei uns!", schrieb er, schrie er in seinem Porträt über Jack Kerouac - und es fällt mir schwer, ihn zu Ende zu zitieren, weil ich seine Sätze gerade erst, während ich über ihn schreibe, gefunden habe und noch erschrocken bin.
"Da gab es Rolf Dieter Brinkmann", heißt es weiter, "sicher kein Autor, der einen vom Stuhl riss, aber ehrlich, geschlagen wie wir alle, aber meistens voll da, mit einem Gespür für die versteckte Scheiße ringsum, wurde in London überfahren, 35, tot, und prompt denunziert von den Hohepriestern unserer pseudo-sensibilistischen Verblödungs-Kamarilla ... und auch das letzten Endes nur ein Zeichen dafür, dass man bei uns noch mehr als anderswo auf der Hut sein muss vor den Kulturverwertern, diesen Schakalen der total medialisierten Welt ... nicht mal sterben kann man, ohne Angst zu haben, verschaukelt und verscheißert zu werden."
Keine Analyse, nur die Frage: Sind Schriftsteller Seher, Hellseher?
Jörg Fauser wurde 1944 in Bad Schwalbach im Taunus geboren. Sein Vater war ein anerkannter Maler, seine Mutter war Schauspielerin, ab und zu in der "Frankfurter Rundschau" erwähnt. Jörg machte mühelos Abitur, übernachtete manchmal bei Hausbesetzern, schlief neben Joschka Fischer auf der Matratze, seine Mutter brachte ihnen frische Wäsche. Er immatrikulierte sich an der Goethe-Universität, Ethnologie und Anglistik, Zivildienst. Was hätte aus Jörg alles werden können? Professor, Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen", Kurator?
Ein Junge, der mit 17 Jack Kerouacs "On the Road" liest, wird kein Kurator. "Hatte man Kerouac gelesen", schrieb Jörg, "waren die Straßen anders als vorher. Hier gab es Bewegung, Farbe, Rhythmus, Rausch." Alles andere sei wie Kirchenfunk oder ein Buch von Böll gewesen.
Eine Jugendliebe von ihm lebte in London, er zog zu ihr, jobbte in einem Siechenheim, schmiss das Studium - und, ja, da spritzte er sich Heroin und war on the road. Ich denke, es ging ihm darum, Worte herauszubringen, aus Stottern Sprache zu machen. Er war ein Junkie.
1967 bis 1968 lebte er im Istanbuler Drogenviertel Tophane. Er hatte sich fest vorgenommen, Schriftsteller zu werden, Joseph Roth, Fallada, Jack Kerouac.
"Wenn du dich stützen musst, stütze dich an Mauern, nicht an Menschen", schrieb er in Istanbul. Wer das druckte? Mal ein Frankfurter Szeneblatt, mal der "Tip" aus Berlin.
Wer das las? Ich und vier-, vielleicht fünfhundert Fauser-Fans. Aus der Hölle schrieb er Gedichte, undruckbar in der geschnöselten Welt. Eines heißt "Manchmal mit Lili Marleen", und es klingt so: "Und die anderen / die sich in Cold-Turkey-Gefängnissen aufhängten / in Badezimmern absackten oder einfach irgendwo im Park / die gleichen Gesichter, die gleiche Sinnlosigkeit / das kalte ausgehungerte Fleisch / ... / weit weg mit Erinnerungen / und manchmal mit Lili Marleen" (Jörg, ich habe die Verse herausgenommen, wo man sich in den Penis fixt).
Auf seinem Grab keine Blumen, was ich der Witwe, aber auch uns Freunden ankreide. Ungefähr hundert Leute waren gekommen, um Fausers Beerdigung in München beizuwohnen. "Darf man auf einem Friedhof rauchen?", fragte ich Reinhard Hesse, Fausers Kollegen und Saufkumpan bei "Transatlantik", später Redenschreiber von Gerhard Schröder, vor drei Jahren elendig an Krebs gestorben. "Man darf auch trinken", sagte Hesse und reichte mir seinen Flachmann.
Wie muss man sich Fauser vorstellen? Vielleicht wie in diesem Gedicht, das er "Winter-Szene" nannte.
"Draußen schneite es. / Drinnen im Keller / saß ich auf dem ungemachten Bett, / trank Alka-Seltzer aus einem Bierglas / und sah ihr zu. / Sie zog sich an. / Musst du denn schon gehn? / Ja, ich muss den Kindern Mittagessen machen. / Und dann? / Dann muss ich auf die Krankenkasse, / aufs Finanzamt, aufs Schulamt, / ... / verstehst du? / Ich verstand. / Sie schlüpfte in ihren Slip, / er war lila. / Weißt du, dass ich seit sechs / Wochen kein Gedicht mehr / geschrieben hab? / Dann schreib doch eins. / Und das letzte war schon Mist. / Dann schreib jetzt ein besseres. / Vielleicht hab
ich's verlernt, / sagte ich. / Sie setzte sich zu mir, / ich küsste ihre Titten. / ..."
Fauser war ein Dichter geworden. Wie Bukowski, wie Benn. Wir standen am Grab eines Dichters, rauchten und tranken Hesses silbernen Flachmann aus.
1971/72 war Fauser weg vom Heroin. Er schrieb nun nur noch. Aber: "Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique." Ein Schriftsteller wie Christian Kracht hätte Jörgs Leben nicht überlebt. Die Erzählung "Alles wird gut", seine Romane "Rohstoff" und "Das Schlangenmaul" - alle wurden sie nach seinem Tod Kult, aber erst nach seinem Tod. Und deshalb verfluche ich alle Kritiker.
Die größte Demütigung fügte er sich aber selber zu. In einem Hawaiihemd las Fauser 1984 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vor. "Er passt nicht hierher", sagte Reich-Ranicki. Da war immerhin schon "Der Schneemann" erschienen, das Buch, das ihn berühmt gemacht hat, 1985 wurde es verfilmt mit Westernhagen. Der Film hatte mit Jörgs Buch wenig zu tun, aber Jörg nahm das Geld gern. War er jetzt ein glücklicher Mann?
Als Jörg und ich uns kennenlernten, war vor allem ich ein unglücklicher Mann. Ich war nicht durchgekommen. Ich hatte vier Romane geschrieben und war kein einziges Mal in der "FAZ" oder der "SZ" erwähnt worden. Ich rettete mich in den Journalismus, in das leichtere Leben.
Er aber hämmerte, hämmerte. Und es hämmert in meinem Kopf, wenn ich an ihn denke. "Gib nicht auf", sagte er mir. Aber ich fuhr längst einen Porsche und verdiente mein Geld mit einfacheren Worten. In "Die Tournee" kann man lesen, wie es anders geht. Welchen toten Schriftsteller unserer Zeit, wenn ich die Wahl hätte, würde ich wieder zum Leben erwecken? Ich würde sagen: Fauser.
* Jörg Fauser: "Die Tournee". Alexander Verlag Berlin, Berlin; 272 Seiten; 19,90 Euro. Erscheint Ende August.
* Mit Marius Müller-Westernhagen und Polly Eltes.
Von Franz Josef Wagner

DER SPIEGEL 29/2007
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