30.07.2007

JUGENDDie Rolle ihres Lebens

Theater als Therapie: Ein halbes Jahr lang spielten gefährdete Hildesheimer Schüler in Schillers „Räuber“, waren Amalia, Grimm und Moor. Es sollte eine neue Chance sein für eine Zukunft jenseits von Gewalt und Hartz IV. Was bleibt, wenn der Vorhang fällt? Von Dialika Krahe
Hussein al-Awad fährt an diesem grauen Nachmittag mit dem Zug von Hildesheim nach Hannover, um sich mit sich selbst zu treffen.
Er marschiert durch das Foyer des hannoverschen Stadttheaters, breitbeinig, wie mit Rasiermessern unter den Armen. Die Frau hinter der Plexiglasscheibe am Empfang nickt ihm kurz zu, er muss sich nicht mehr anmelden, geht einfach durch, er kennt sich aus im Labyrinth der Theatergänge - und wirkt doch, als käme er aus einer weit entfernten Welt.
Im Herbst 2005 sah Hussein mit 17 Jahren zum ersten Mal ein Theater von innen. So wie 24 andere Schüler des BVJ, des Berufsvorbereitungsjahrs der Hildesheimer Walter-Gropius-Schule. Sie alle waren durchgerutscht durch das System, wegen Schlägereien oder Arbeitsverweigerung von der Hauptschule geflogen und nun dort gelandet, wo ganz unten nicht mehr fern ist.
Und plötzlich sollten sie Theater spielen. Gerade sie. Alle zusammen. Ein halbes Jahr lang Schillers "Räuber". Ungläubig standen die Schüler am ersten Probentag
vor der Bühne des Hildesheimer Stadttheaters, 600 Sitzplätze im Nacken.
Hussein ist Deutsch-Libanese, er weiß, wie man sich größer macht: Die zurückgezogenen Schultern lassen das Kreuz breiter wirken, die Stimme wird schnell laut, die arabesken Gesten brauchen Platz. Quer über der Nase prangt eine Narbe, man traut ihm zu, sie stamme von einer Schlägerei, auch wenn sie nur vom Fußball ist.
Jetzt drückt er den Fahrstuhlknopf, sechster Stock. Marc Prätsch, der Regisseur, erwartet ihn, als sich die Tür zum Probenraum öffnet. Prätsch lacht, klopft ihm auf die Schulter: Hussein ist eine Stunde zu spät, die Unterlagen hat er vergessen. Sie wollen Texte üben für "Romeo und Julia", wieder ein Stück mit Jugendlichen.
Hussein beugt den gelglänzenden Kopf über den Holztisch. Nur zehn Zentimeter Platz bleiben zwischen seiner Nasenspitze und den Zetteln, der Zeigefinger der rechten Hand fährt die Zeilen entlang über die Worte von Pater Lorenzo, seiner Rolle in dem Stück. Hussein zieht an seiner Unterlippe, gräbt in seinem Kopf nach der Bedeutung dieser Sätze, die Stirn in tiefen Nachdenkfalten. Er stockt, stolpert, quält sich durch die fremde Sprache. Der arabische Akzent mischt sich mit Shakespeare und mit Straßendeutsch.
Und dann passiert es: Hussein trifft auf Hussein. Den Hussein, der Anerkennung verdient, weil er etwas kann. Den, der seine Sprüche, seine Gesten abfallen lässt.
Ein neuer Blick auf sich selbst - Hussein verdankt ihn der Gewalt von einigen Schülern und einem Einfall von Theaterleuten. Als an die Öffentlichkeit kam, dass in der Berufsvorbereitungsklasse einer Hildesheimer Schule ein Jugendlicher monatelang von Mitschülern misshandelt wurde, als die Gewalt überhandzunehmen schien in dieser beschaulichen niedersächsischen Stadt, beschloss die Chefdramaturgin des Stadttheaters, etwas zu tun. Zusammen mit Regisseur Marc Prätsch und zwei Lehrerinnen startete sie das Theaterprojekt. Sie wollten gewaltbereite Jugendliche durch "Die Räuber" therapieren.
Hussein sprachen sie beim Anmeldegespräch für das Berufsvorbereitungsjahr an. Conny Törber, eine der Lehrerinnen, überredete ihn, als Schauspieler mitzumachen. Gerade war er von der Hauptschule geflogen, seine Noten waren schlecht, der Abschluss nur ein unscharfer Traum. Hussein konnte sich nicht konzentrieren, er störte, beleidigte Schüler und Lehrer. Häufig flog er raus. Am nächsten Tag erschien er nicht.
Auch Husseins Freunde Halil und Tolga wurden als Darsteller angesprochen. Ihre Karriere gleicht der von Hussein: von der Grundschule auf die Sonderschule, von der Sonderschule auf die Walter-Gropius-Schule, kein Abschluss in Aussicht. "Der Lehrer war ein Bastard", sagt Halil, wenn man ihn nach den Ursachen fragt. Theaterspielen finden beide schwul, mitmachen wollten sie nur, weil auch Hussein dabei war.
Und dann ist da noch Julia Heidemann, eine hübsche, eigentlich höfliche, kleine Person, die mit ihren 16 Jahren schon mehrere Anzeigen wegen Körperverletzung im Register hatte, ihre Lehrer beleidigte und von der Hauptschule flog.
Insgesamt waren es 25 Schüler. Sie sollten schauspielern, das Bühnenbild bauen, die Kostüme schneidern und Plakate kleben. Kaum einer hatte ihnen zugetraut, am Ende des halben Jahres auf der Bühne zu stehen. Sie hatten keine Disziplin, sie hatten noch nie irgendwas zustande gebracht.
"Schülerinnen erscheinen nach Schlägerei verspätet im Unterricht"; "Schüler verweigern Arbeit"; "Schüler hat Termin bei Suizidberatungsstelle"; "Schüler nennt Lehrer Fettsack und verlässt Unterricht" - diese Einträge hatten sie im Klassenbuch.
Das war auch das Problem von Julia. Sie schlug sich vor der Schule, sie schlug sich nach der Schule, sie schlug sich in der Schule - bis sie flog und an der Walter-Gropius-Schule landete.
Warum sie ständig geprügelt habe? "Ich wollte dazugehören", sagt Julia. Immer sei sie die Jüngste gewesen, sie wollte Respekt. "Beim ersten Schlag war ich geschockt, wie stark ich bin", sagt sie und lacht. "Später hat es gereicht, wenn mich einer dumm angeglotzt hat: Ich habe draufgehauen." Und die Freunde haben applaudiert.
Seit sie die Amalia spielte, ist Julia ruhiger geworden, etwas rundlicher auch. Den Hauptschulabschluss schaffte sie nicht, jetzt arbeitet sie in einem Callcenter.
Julia sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer ihrer Eltern. "Wir sind Zigeuner", sagt die Mutter, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt, "wir halten zusammen, mein Kind soll sich ruhig wehren."
In dem alten Haus, das die Eltern gemietet haben, hat Julia sich das Dachgeschoss eingerichtet, eine steile Treppe führt hinauf in ihre Zimmer. Goldene Zierrahmen hängen an den Wänden, stehen in den Regalen. Sie zeigen sie auf der Bühne, im Kostüm, singend. Oder mit Hussein, sich umarmend.
Julia findet, dass keine Rolle besser zu ihr hätte passen können als die Hauptrolle, die Amalia, eine Frau, die sich duchsetzen müsse, auch wenn das bedeute, jemandem wehzutun.
"Es gibt mich zweimal", sagt sie, "es gibt die Gute und die andere. Die Julia, die zu Hause bei ihren Eltern sitzt und freundlich ist, und die Julia, die ihre Lehrerin eine Hure nennt." So sei es doch mit ihnen allen. Sie zuckt die Schultern.
"So muss es auch bei den Tätern gewesen sein", sagt sie dann, als sie die Treppe wieder hinuntersteigt zum elterlichen Wohnzimmer. Sie meint die Jugendlichen, die einem Mitschüler einen Mülleimer über den Kopf stülpten und dann draufschlugen, die ihn zwangen, sich mit einer
Drahtbürste die Zähne zu putzen, ihn quälten, monatelang, und alles auf Video aufzeichneten, um es ins Internet zu stellen.
Der Fall machte jene Schule berühmt. In der ganzen Republik galt Hildesheim plötzlich als Ort der brutalen Außenseiter.
"Die werden ihre Gründe gehabt haben", sagt Julia, "vielleicht brauchten sie Respekt." Einer der Täter sei ein guter Freund von ihr - ein netter, ruhiger Typ.
Julia setzt sich wieder in die leopardgemusterte Sofaecke der Eltern, der Fernseher läuft, obwohl keiner hinschaut. Sie hält eine Plastikdose auf den Knien, darin loser Tabak, Hülsen und Filter. Julia reicht ihrer Mutter eine Zigarette, dann zündet sie sich selbst eine an. Langsam atmet sie den Rauch aus, folgt ihm mit den Augen.
"Seit der Schauspielerei hab ich keinen mehr verprügelt", sagt sie dann. "Das Theater war ein Glücksgefühl, wie bei einer guten Schlägerei."
Für manche Schüler sei das Theater die erste wirkliche Chance, sagt Conny Törber, Julias ehemalige Lehrerin, für manche die letzte. Sie eilt durch die Gänge der Schule, eine zierliche, energische blonde Frau. Vor den Klassen lungern Jugendliche, die aussehen wie aus dem Musikclip eines Gangsta-Rappers. "Ey, Frau Törber", rufen sie ihr hinterher. Seit mehr als 20 Jahren unterrichtet sie an der Walter-Gropius-Schule. Seit mehr als 20 Jahren versucht sie ein Netz zu spannen für die Jugendlichen. Sie kennt die Phasen des Absturzes von Jugendlichen gut.
"Wer hier bei mir landet", sagt Conny Törber, "der ist fast ganz unten." 120 dieser Schüler, die aus dem normalen Schulbetrieb herausfallen, landen jedes Jahr auf ihrer Schule, davon schaffen es 32 in den Hauptschulkurs, trotzdem erreichen nur 10 den Abschluss. Auf alle anderen warte das Arbeitsamt, der Knast oder die Abschiebung, sagt sie. Conny Törber ist die letzte Bezugsperson vor dem freien Fall in die gesellschaftliche Unterwelt.
Die erste Phase des Abstiegs, die beginne mit fehlender Förderung, sagt Frau Törber und schließt mit klimpernden Schlüsseln die Tür zum Lehrerzimmer auf. "Den Schulen fehlen die Mittel, und die Eltern sind so sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, mit dem Existentiellen, der Arbeitslosigkeit, den Integrationsproblemen,
dass die Kinder zu kurz kommen", sagt sie. Die meisten seien noch nie für irgendwas gelobt worden.
Die nächste Stufe, der Abgrund, der lauere, sobald sich die Folgen der Vernachlässigung zeigten: Die Schüler sind gestört, sie fangen an, sich die Aufmerksamkeit zu suchen - mit Gewalt. Sie prügeln, mobben, klauen, pöbeln. Dann bekommen sie die Anerkennung ihrer Clique, das System aber straft sie mit Ablehnung, mit Schulverweis oder Jugendarrest.
Die Aussichtslosigkeit - dann sind sie ganz unten -, die mache sich breit, wenn sich zeige, dass die Schüler in ihren Verhaltensmustern feststeckten. Wenn jeder Versuch, an sie heranzukommen, abprallt. Dann scheitern sie selbst in dieser untersten Schulform. "Dann ist es zu spät. Dann brauchte es wesentlich mehr als die Schule, um sie zu retten."
Nach den Misshandlungen war Hildesheim zum Fall geworden, beispielhaft für die Situation an den Haupt- und Berufsschulen in Deutschland. Zeitungen und Fernsehen berichteten; ein Kamerateam von SPIEGEL TV kam und begleitete das Theaterprojekt ein halbes Jahr lang für eine Dokumentation. Der Film zeigt, wie mühsam es für die Jugendlichen ist, die Stufen des Abstiegs wieder nach oben zu klettern, und wie brüchig die kleinen Fortschritte sind. Da reicht es schon, wenn der Regisseur - inzwischen von den Jungs als Respektsperson akzeptiert - mal fehlt, um in die alten Verhaltensweisen zurückzurutschen. An jenem Tag, als die Jungs wieder mal einen Schritt zurück machten statt nach vorn, war eine Theaterpädagogin bei den Proben, um mit den Schülern zu arbeiten, Lehrerin Conny Törber war auch dabei. Hussein, Halil und Tolga sitzen auf einer ranzigen Couch, tief eingesunken, die Beine breit aufgestellt, alle anderen sind schon im Probenraum. Die schwarzen Haare haben sie sich kurz rasiert, um den Hals baumeln dicke silberne Ketten, daran hängt schwer die Libanon-Flagge als Anhänger.
Conny Törber und die Pädagogin wollen anfangen zu proben. Die Jungs aber regen sich nicht, weigern sich, auf die beiden zu hören, offenbar, weil sie Frauen sind. Es ist, als würde sich eine Wand vor ihnen aufbauen, eine kulturelle Mauer, gegen die die Frauen anreden. Aus den MP3-Playern der Jungs dröhnt HipHop von Saad, einem deutsch-libanesischen Musiker, der mit Skandal-Rapper Bushido von Nutten singt. Die Jungs nicken im Takt mit dem Kopf, grinsend, die Frauen sind längst unsichtbar.
Als sich die Schüler schließlich doch noch in den Probenraum bewegen lassen, wird es nicht besser: Hussein boykottiert, äfft nach, macht nichts von dem, was er soll. Als Conny Törber ihn schließlich wütend rausschmeißt, grinst er noch immer. Einige arabische Worte wirft er ihr über die Schulter zu. Dann verlässt er den Raum - Karl Moor, die männliche Hauptrolle, verschwindet durch die Hintertür, keiner weiß sicher, ob er rechtzeitig zur Premiere in acht Tagen wiederkommt. Aber er kommt.
"Die führen ein Doppelleben", sagt Conny Törber. Die Jungs wachsen mit der islamischen Kultur auf, aber müssen sich hier sozialisieren, sagt sie, "zu Hause kuschen sie, auf der Straße machen sie den großen Macker." In ihrem Elternhaus habe nur der Mann das Sagen, in der Schule sollen sie auf eine Lehrerin hören. Halil muss, obwohl er in Deutschland geboren ist, alle sechs Monate zum Amt laufen und seinen Aufenthaltsstatus verlängern, einen deutschen Pass bekommt er nicht, warum soll er sich dann integrieren?
Hussein ist in einer Hildesheimer Hochhaussiedlung, auf 80 Quadratmeter Deutschland, nach muslimischen Maßstäben großgeworden. Mitte der achtziger Jahre kamen die Awads aus dem Libanon nach Deutschland, als Flüchtlinge des Bürgerkriegs.
Der Vater, ein Autohändler, sitzt als Familienoberhaupt auf einer glänzenden Ledercouch. Neben ihm der älteste Sohn, eine Tochter und Hussein, der Mittlere. Die Mutter, mit einem Glitzertuch verschleiert, macht sich ganz klein auf dem Sofa, braucht nur eine winzige Ecke. Sie sagt nichts, während die Männer reden, manchmal lächelt sie in ihre Hand.
"Wir leben fast wie im Orient hier zu Hause", sagt Vater Awad in gebrochenem Deutsch und lächelt entschuldigend.
Der Bildschirmschoner des Familiencomputers zeigt Mekka: Die Kaaba aus der Vogelperspektive, darum kreisen Tausende Pilger. An der Wand hängt ein Porträtfoto von Rafik al-Hariri, dem ermordeten libanesischen Ex-Ministerpräsidenten.
"Nichts ist mir wichtiger als der Respekt gegenüber meinem Vater", sagt Hussein später. Der habe ihn gut erzogen, ihm aus dem Libanon den Glauben mitgebracht, die Werte - und das wolle er auch an seine eigenen Kinder weitergeben. Darauf sei er stolz. "Libanon ist mein Land", sagt er. Wo er denn zu Hause sei? "Na, in Hildesheim natürlich, hier bin ich ja geboren."
Die Eltern ahnen nicht, wie ihr Sohn ist, sobald er ihre orientalische Oase verlässt. Er sei so ruhig, verkrieche sich in seinem Zimmer, sagen sie, "guter Junge". Es würde den Vater beleidigen, wenn der wüsste, wie er draußen sei, glaubt Hussein.
Draußen, das ist die Straße. Hier trifft er sich mit Halil, mit Tolga, mit all den anderen, die sind wie er.
Bis vor kurzem fuhren sie nach der Schule nach Drispenstedt, um Zeit zu verbrennen. Hier sind sie aufgewachsen, ein Stadtteil, in dem die Eckkneipe "Istanbul" heißt und nur auf jedem 20. Klingelschild der grünen Mietskasernen ein deutscher Namen steht. Ein Kiosk, ein Solarium, ein Internet-Café, hier haben sie Langeweile geschoben, Blödsinn gemacht.
Seit dem Theaterspiel hat Hussein keine Zeit mehr: Fünfmal die Woche fährt er nach Hannover, zu den Proben für "Romeo und Julia", einem Stück mit jugendlichen Schauspielern. Er hat bei einem Casting mitgemacht, konnte sich vor einer professionellen Jury sogar gegen Gymnasiasten behaupten. Jetzt spielt er den Pater Lorenzo, auch wenn er manchmal lieber zum Fußball ginge als zu den Proben. Geld bekommt er nicht.
Marc Prätsch, der Regisseur, ist stolz darauf, dass er so professionell mit Hussein zusammenarbeiten kann, das sei vor den "Räubern" undenkbar gewesen.
Am Anfang sei er geschockt gewesen, "wie heftig die drauf waren, die Schüler". Julia hätte von Anfang an gut mitgemacht, sei regelrecht aufgeblüht, sagt er. Natürlich gab es zwischendurch mal Zickereien und Geheule, mal ist sie abgehauen. Aber mit den Jungs, sagt er, das sei noch mal etwas ganz anderes gewesen.
Marc Prätsch ist ein schmächtiger Mann, 35 Jahre alt, mit schütterem Haar und Lachfältchen um den Augen. Wenn Hussein, Halil und Tolga neben ihm stehen, möchte man ihn in Schutz nehmen. "In der ersten Woche", sagt Prätsch, "da ließen sie mir keine Chance." Sie haben sich komplett verweigert. Sie haben, während er sprach, telefoniert, laut ihre Musik abgespielt, ihn ignoriert.
Prätsch erinnert sich, wie er Hussein kriegte, wie er ihn gewann, weil er ihm das geben konnte, was ihm in der Schule fehlte. "Und als ich ihn hatte", sagt Prätsch, "da hatte ich sie alle." Man müsse etwas von sich preisgeben, dürfe sich auf keinen Fall über sie stellen, sonst glauben sie, man nähme sie nicht ernst. "Und dann waren sie plötzlich wie Schwämme", sagt er und macht greifende Bewegungen mit den Händen. Die Schüler hatten ein Bedürfnis nach Anerkennung - und ein enormes Potential. "Intuitive Spielintelligenz", nennt es der Regisseur. Er schwärmt von Authentizität und Instinkt, wenn er beschreiben will, was für ihn den Reiz ausmacht an der Arbeit mit diesen Jugendlichen. Da sei etwas Unberechenbares in ihrem Spiel, das mache ihnen kaum ein professioneller Schauspieler nach. Er habe Gänsehaut gehabt bei mancher Szene, sagt er und fährt sich über seine dünnen Arme.
Die Premiere der "Räuber" in der Hildesheimer Kulturfabrik Löseke war ein Erfolg. Auch die 600 Plätze im Hildesheimer Stadttheater waren ausverkauft, als die Schüler eine weitere Vorstellung gaben. Eltern kamen, manche von ihnen waren zum ersten Mal in einem Theater, und sahen ihre Kinder, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatten.
Aber kann Theaterarbeit aus gewalttätigen Jugendlichen tatsächlich bessere Menschen machen? Kann der Erfolg sie vor dem gesellschaftlichen Absturz bewahren?
Da solle man sich nichts vormachen, sagt Prätsch, das Projekt sei für die meisten Schüler eine kurzweilige Sache. Die brauchten dauerhafte Förderung, das könne ein einzelnes Theaterstück nicht leisten.
Hussein hofft weiter auf einen Hauptschulabschluss. Sein Freund Halil hat sich für eine weitere Berufsfachschule beworben, er will Koch lernen oder Maler. Tolga hat es in den Hauptschulkurs geschafft, er bekommt eine Lehrstelle beim Friseur. Julia geht gern arbeiten, sie will es bald noch mal mit einem Abschluss versuchen.
Inzwischen trafen sich die Schulleiter der Hildesheimer Berufsvorbereitungsschulen mit den Verantwortlichen des Stadttheaters. Conny Törber, die Lehrerin, erzählte ihnen von den "Räubern" und von der Entwicklung, die die Schüler der Walter-Gropius-Schule seit der Theaterarbeit gemacht haben. Man wolle ein Konzept finden, das mehr Kontinuität bringt.
Für manche der Schüler war der Augenblick, als das Licht der Aufmerksamkeit zum ersten Mal nur auf sie gerichtet war, der wichtigste in ihrem Leben. Julia beschreibt diese Erfahrung so poetisch, als zitiere sie aus einem Theaterstück: "Vor dem Theater war ich auch schon da, aber ich weiß nicht, ob man mich gesehen hat."
Und Hussein, der kommt nun auf ganz neue Gedanken, der ist kürzlich, an einem Nachmittag, mit Halil nach Ochtersum gefahren, in eine Neubausiedlung. Er wollte ihm etwas zeigen. Eigentlich gibt es hier nichts, nur kleine, bürgerliche Häuser, einige in Form gemähte Vorgärten, Baustellen, Wiesen drum herum. Mit breiten Schritten stapfen sie über matschige Baugrundstücke, schauen abwechselnd nach links und nach rechts, bestaunen die Häuser, so als wären sie Touristen auf einer italienischen Piazza. Dann, plötzlich, bleibt Hussein stehen, er stößt Halil in die Seite und streckt seinen Arm in Richtung Einfamilienhaus. Es ist nicht einmal das größte, ein Auto steht davor, wenn es fertig ist, wird es einen Garten haben. "Das da ist mein Traum", sagt er. Beide lachen, Hussein aber scheint es ernst zu meinen.
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 31/2007
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