30.07.2007

KUNST„Ein Geschenk für die Kaczynskis“

Die polnische Kunsthistorikerin Nawojka Cieslinska-Lobkowicz, 53, über die schwierigen deutsch-polnischen Beutekunst-Verhandlungen
SPIEGEL: In Krakau befinden sich Hunderttausende Handschriften aus der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek Berlin, darunter Hoffmann von Fallerslebens "Lied der Deutschen". Warum werden diese Beutegüter nicht zurückgegeben?
Cieslinska: Ich mag dieses Wort "Beutegüter" nicht. Es macht uns Polen wütend, denn die Polen haben, anders als Stalins Rote Armee, keine Kunstwerke geraubt. Polnische Bibliothekare haben damals nach NS-Raubgut gefahndet, dabei die von den Deutschen nach Niederschlesien verlagerten Bestände gefunden und nach Krakau gebracht.
SPIEGEL: Ist Polen nicht ebenso wie Deutschland zur Rückgabe von völkerrechtswidrig geraubten Kunstwerken verpflichtet?
Cieslinska: Natürlich gibt es die Haager Konvention. Doch letztlich ist das keine juristische, sondern eine politische Entscheidung, und da gab es schon Probleme, bevor sich die deutsch-polnischen Beziehungen in den letzten Jahren verschlechterten.
SPIEGEL: Der polnische Beute-Experte Wlodzimierz Kalicki hat die in Krakau liegenden Manuskripte von Mozart und Bach als "Geiseln" bezeichnet.
Cieslinska: Ich teile Kalickis Meinung nicht. Aber auch die Äußerungen des deutschen Verhandlungsführers Tono Eitel sind ein Geschenk für die Kaczy'nskis. Eitel sagt, es gebe keine polnischen Raubgüter in öffentlichen Sammlungen in Deutschland. Das stimmt nicht. Die Universität Heidelberg etwa besitzt ein Bild von Guardi, das während des Warschauer Aufstands aus dem dortigen Nationalmuseum gestohlen wurde. Die deutsche Seite sollte alle aus Polen geraubten Kunstobjekte zurückgegeben und sie nicht als Paket in einem Kuhhandel betrachten.
SPIEGEL: Deutschland hat bereits zahlreiche Kunstwerke zurückgegeben: den Posener Goldschatz, den Ferber-Altar.
Cieslinska: Die Rückgabe des Posener Schatzes, einige alte Ringe und Münzen, war ein taktischer Schachzug der Deutschen. Die Rückgabe aller polnischen Kunstwerke ohne Bedingungen, das wäre eine symbolische Geste an die polnische Öffentlichkeit. Kulturgüter haben eine große symbolische Bedeutung. Da darf man nicht kleinkariert feilschen.

DER SPIEGEL 31/2007
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