13.08.2007

Das Lob der anderen

Ortstermin: In Grimma wird der Schauspieler Ulrich Mühe mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet - posthum.
Berger steht auf der Bühne und strafft sich kurz. Vor ihm, auf dem Marktplatz, sitzen die Bürger in Reihen auf Holzbänken. "Wir haben ja überlegt, wie wir damit umgehen", sagt Berger schließlich. "Wir wollten bewusst keine Trauerfeier machen. Wir zeigen jetzt sechs Minuten lang einen Film, und ich möchte Sie bitten, den in absoluter Ruhe, in Stille zu genießen."
Auf einer Leinwand erscheint der Schauspieler Ulrich Mühe. Ulrich Mühe in Grimma. Berger verschwindet kurz von der Bühne. Als er wiederkommt, hat er eine Urkunde in der Hand, und Anna Maria Mühe und Andreas Mühe stehen neben ihm. Ulrich Mühes Kinder. Berger liest den Inhalt der Urkunde vor, die ihren Vater zum Ehrenbürger von Grimma erklärt. Vermutlich ist es die letzte Ehrung, und Matthias Berger, der Bürgermeister von Grimma, 20 000 Einwohner, gelegen zwischen Leipzig und Dresden, ist jetzt so etwas wie der letzte Laudator.
Eigentlich sollte es die Ehrung für einen Lebenden werden. So war es gedacht.
Vor ein paar Wochen, am 19. Juli, tagte der Stadtrat, um endgültig über die Ehrenbürgerschaft zu entscheiden. Mühe ist in Grimma geboren, er ging hier zur Schule, wurde Baufacharbeiter mit Abitur und verließ die Stadt, als er zur NVA musste. Im Stadtrat gab es noch eine kurze Diskussion, jemand brachte die Sache mit Jenny Gröllmann auf den Tisch. Mühe hatte der Schauspielerin, seiner Ex-Frau, vorgeworfen, ihn für die Stasi bespitzelt zu haben. Gröllmann war todkrank, sie kämpfte um ihre Unschuld, Mühe für seine Wahrheit. Ein, zwei Stadträte, sagt Berger, enthielten sich der Stimme. Ansonsten war es eine klare Wahl.
Am nächsten Tag, dem 20. Juli, ging eine Pressemitteilung über die Verleihung der Ehrenbürgerschaft hinaus in die Welt. Zwei Tage später, am 22. Juli, starb Ulrich Mühe. Berger ließ die Fahne am Rathaus auf halbmast setzen und beschloss, die Ehrenbürgerschaft posthum zu verleihen.
Berger ist 39 Jahre alt und seit sechs Jahren Bürgermeister. Während der Flut 2002 wurde er ein bisschen berühmt, Berger wäre damals fast ertrunken, als er versuchte, Leute aus ihren Wohnungen zu retten. Man könnte sagen, Berger ist Grimmas kleiner Held. Und Ulrich Mühe der große.
Besucht man Berger in seinem Büro, dann zeigt er auf ein Plakat mit Mühe an seiner Tür. Es stammt aus einer Werbekampagne, in der es darum geht, dass Grimma Kreisstadt bleibt. Berger lobt Mühe, er mochte ihn, und natürlich nutzte er seinen Namen. "Uli Mühe war für uns Gold wert. Er identifizierte sich sehr mit seiner Stadt", sagt Berger.
Mühe wird der fünfte Ehrenbürger von Grimma. "Wir sind eher restriktiv in dieser Frage", sagt Berger. Es gibt Otto von Bismarck, den Fotografen Pippig, den Herrn Schwabe, jemanden, dessen Name Berger gerade nicht einfällt, und Ulrich Mühe. "Zwei Lebende und zwei Tote", sagt Berger.
An der Ehrenbürgerschaft hängt ansonsten nichts, es gibt keine Vergünstigung, kein Geld. "Nur die Ehre eben", sagt Berger. "Wenn ich könnte, würde ich so was machen wie freie U-Bahn-Fahrten zum Beispiel. Aber wir haben ja keine U-Bahn."
Berger lernte Mühe in einer Fernsehtalkshow kennen, 2002, sie waren beide eingeladen. Der junge Bürgermeister, dessen Stadt gerade in der Flut versunken war, und Ulrich Mühe, der berühmteste Grimmaer. Sie verstanden sich, sagt Berger. Mühe wurde Schirmherr des Festivals Liederflut, er ließ sich einspannen, wenn Grimma seine Prominenz brauchte. Die T-Shirt-Sache war allerdings Zufall, sagt Berger. Zumindest von seiner Seite.
Im vergangenen August war Mühe in der Stadt, er ging mit Berger essen, anschließend schenkte Berger ihm ein T-Shirt mit der Aufschrift "Grimma - Sachsen". Bei der Oscar-Verleihung tauchte das T-Shirt wieder auf. "Grimma - Sachsen" stand auf Mühes Brust in Hollywood. Vielleicht wollte er zeigen, wie weit man es schaffen kann. Aus der sächsischen Provinz bis nach L. A. Vielleicht war das T-Shirt ein Glücksbringer. Berger jedenfalls schickte eine SMS nach Kalifornien auf Mühes Handy. Anschließend ließ er die Kreisstadt-Werbeplakate mit Ulrich Mühe um einen Aufdruck in goldener Schrift ergänzen: Wir sind Oscar.
"Er hatte ja auch Grimma-Socken", sagt Berger. "Und die Grimma-Uhr."
Die Nummer 001 der Grimma-Uhr für Männer, limitierte Ausgabe, schenkte Berger Ulrich Mühe. Die Nummer 001 der Frauenuhr Carmen Nebel, der Fernsehmoderatorin, auch geboren in Grimma.
Nebel könnte Mühes Rolle übernehmen, als Botschafter. Vielleicht springt aber auch Anna Maria Mühe ein. Mühes Tochter, eine Schauspielerin.
Jetzt, am Tag der Ehrung, steht Anna Maria Mühe neben Berger am Mikrofon. Sie sagt, ihr Vater habe von der Verleihung der Ehrenbürgerschaft noch erfahren. Und es habe ihn sehr gefreut.
Dann verschwinden alle von der Bühne.
Im Lichtspielhaus Grimma laufen an diesem Abend noch drei Filme mit Ulrich Mühe, natürlich auch "Das Leben der Anderen", der Oscar-Film.
Berger, der Bürgermeister und letzte Laudator, hat den Film nie gesehen.
Im vergangenen Jahr rief Ulrich Mühe bei Berger an, sie redeten über irgendwas, am Ende sagte Mühe, dass da bald ein guter Film in die Kinos kommt, da soll Berger mal reingehen, wenn er Zeit hat.
Worum geht's?, fragte Berger.
Stasi, sagte Mühe.
Ach Stasi. Den Quark will doch keiner mehr sehen, sagte Berger.
JOCHEN-MARTIN GUTSCH
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 33/2007
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