13.08.2007

Torte mit Schleudersitz

Global Village: Wie ein serbischer Bäcker seinen größten Triumph verarbeitet
Der Teigfladen wirbelt in die Höhe, kreist in der Luft und wird von flinken Händen wieder aufgefangen. Bäcker Zoltan Dani beherrscht sein Handwerk. Aus einer weißgefliesten kleinen Backstube im Hinterhof seines Elternhauses in Kovin, etwa 35 Kilometer östlich von Belgrad, beliefert er seine Kunden. In dem kleinen Städtchen mit den blitzsauberen Straßen und schnurgeraden Kastanienalleen wird fast nur Ungarisch gesprochen. Hier gehören neun von zehn Einwohnern der ungarischen Minderheit an, auch Bäcker Dani.
Marija, die Gehilfin, hat am Telefon eine Sonderbestellung angenommen. "Eine F-117A-Torte bis Samstag", ruft sie dem Chef zu. "Da feiert wohl mal wieder ein General seinen Geburtstag", lacht Dani und packt sich einen Mehlsack auf die Schulter, "schließlich bin ich Spezialist für Jagdbomber vom Typ F-117A."
Das stimmt, aber dass der ehemalige Kommandeur einer Luftabwehrbatterie der serbischen Armee sich eines Tages seinen Lebensunterhalt damit verdient, dass er den geheimnisumwitterten "Stealth"-Jet der U. S. Air Force als Torte nachbackt und mit Schokoladenguss überzieht, hätte Dani sich nicht in seinen schlimmsten Alpträumen vorstellen können.
Damals, bei Belgrads Luftabwehr, galt er als ausgefuchster Tüftler am Computer und war gut in seinem Job. Am 27. März 1999, während der Bombardierung Jugoslawiens durch die Nato, hat er dann bewiesen, dass die angeblich von keinem Radar zu erfassenden unsichtbaren "Stealthbomber" eben doch verwundbar waren und sogar abgeschossen werden konnten. Das war die Sternstunde im Leben von Zoltan Dani, und die Erinnerung daran genießt er noch heute.
"Es war der dritte Kriegstag. Für diese Nacht war eigentlich kein Angriff absehbar. Ich ließ dennoch kurz den Radarschirm anschalten - obwohl das dem Feind unsere Stellung verraten konnte. Plötzlich erschien eine dünne Linie auf dem Monitor, etwa 40 Kilometer entfernt, in rund acht Kilometer Höhe. Ich habe geahnt, dass es die F-117A sein musste."
Schon seit Monaten hatte Dani darüber nachgegrübelt, wie er diesen Supervogel sichtbar machen könnte. Schließlich glaubte er, einen Trick gefunden zu haben: "Es war eigentlich ganz leicht." Dani informierte die Armeeführung in Belgrad, dass nur eine kleine technische Änderung ihres Luftabwehrnetzes nötig sei, doch seine Vorgesetzten lehnten ab: Zu teuer, zu ungewiss das Ergebnis, hieß es.
Das hat ihn damals mächtig gewurmt, und kurz vor Ausbruch des Kriegs ließ Dani das Abwehrsystem seiner Einheit eigenmächtig umrüsten. Nun, Ende März, war es so weit. Die F-117A müsste in zwei Minuten über ihnen sein - beladen mit ihren lasergesteuerten 1000-Kilogramm-Bomben.
Vier Minuten dauert es normalerweise, bis die beiden Raketen des Luftabwehrsystems vom Typ S-125 startbereit sind. Er schaffte es in zwei Minuten, gab den Zündbefehl, und 18 Sekunden später trafen die beiden Raketen ihr Ziel. Um 20.43 Uhr zerbarst die "Stealth"-Maschine und stürzte auf einen Acker, 45 Kilometer nordwestlich von Belgrad. Der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten. Habe man sie erst einmal entdeckt, sagt Dani heute, sei die F-117A leichter zu treffen als andere Militärflugzeuge. Sie fliegt im Unterschallbereich und ist weniger wendig als schnellere Maschinen.
In dieser Nacht wagten sich serbische Truppen nicht bis zur Absturzstelle vor. Sie fürchteten einen Bombenhagel der Amerikaner, die bemüht sein müssten, auch die Trümmer des Fliegers restlos zu zerstören, um dessen geheime Technologie zu schützen. Doch ein Angriff der US-Luftwaffe blieb aus.
Erst sieben Stunden später, im tiefsten Dunkel der Nacht, näherte sich ein Rettungstrupp der Amerikaner in Hubschraubern. Mit einem Seil konnten sie den Piloten an Bord hieven.
Russen und Chinesen boten alsbald dem Belgrader Despoten Slobodan Milosevic Unsummen an für die Auswertung des Bordcomputers und der Tarnkappentechnik der F-117A. Auf welches Angebot der eingegangen ist, will Dani nicht preisgeben. Er erzählt lieber andere Döntjes vom Einsammeln der Wrackteile. So musste er einen Roma zur Herausgabe eines kompletten Flügels der F-117A überreden, der ihn als Abdeckung für seinen Schweinestall benutzte und sich von dem Himmelsgeschenk nicht trennen mochte.
Für ein paar Tage wurde Luftabwehroffizier Dani als Held der Nation gefeiert. Danach geriet seine Karriere ins Schlingern.
Nichts sei schlimmer als der Neid der Armeehierarchie, sagt Dani und versucht, seine Verbitterung zu überspielen. "Ich wurde zum Oberst befördert, aber gleichzeitig als Kommandeur abgesetzt und in den Ausbildungsbereich verbannt." Er habe sich so gefühlt, als sei er in einen Brunnen geworfen worden, und hin und wieder habe jemand nachgesehen, ob er noch schwimme. Er solle froh sein, dass er nicht bestraft werde, hätten seine Vorgesetzten ihn abgefertigt, schließlich habe er das Abwehrsystem seiner Einheit eigenmächtig verändert.
"Ich fühlte mich sehr krank", sagt Dani über die folgenden Wochen und Monate. Ein Psychiater gab ihm schließlich den Rat, Frührente zu beantragen und sich künftig mehr um Frau Irene und die drei Kinder zu kümmern.
2004 hängte er seine Uniform in den Schrank und zog den Bäckerkittel über. Und wie ist es ihm nun gelungen, das angeblich unsichtbare Flugzeug sichtbar zu machen? Dani hat sich entschlossen, den Trick niemals zu verraten.
"Das letzte Angebot, das ich erhalten habe, lag bei zehn Millionen Euro", sagt er. Aber er fürchtet auch, dass sein Leben und das seiner Familie nicht mehr sicher wäre, wenn er das Geheimnis verriete.
Deshalb backt Dani heute lieber kleine Brötchen - und Schokoladenflieger als Torte. RENATE FLOTTAU
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 33/2007
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