13.08.2007

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich bin ein renitenter Typ“

Der Maler Georg Baselitz über seinen Ruf als Wüterich, die Vorteile eines knallharten Wettbewerbs und das Eigenleben seiner Erinnerungen
Baselitz, der in der DDR aufwuchs, ist der große Wilde der deutschen Malerei. Seine Bilder gehören zu den teuersten Werken der internationalen Gegenwartskunst. Auf seinen 70. Geburtstag im kommenden Januar bereitet sich die Kunstwelt mit opulenten Ausstellungen vor, unter anderem in London und Hamburg.
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SPIEGEL: Herr Baselitz, am 22. September beginnt Ihre Schau in der Royal Academy in London. Sie sind der erste lebende deutsche Künstler, der dort mit einer Retrospektive gewürdigt wird. Sie gelten als enorm selbstbewusst. Ist die Ehrung für Sie eine Selbstverständlichkeit?
Baselitz: Überhaupt nicht. Ich habe Lampenfieber. Ich war zwar in der Royal Academy in Gruppenausstellungen vertreten - aber eine Retrospektive! Ein Überblick über so viele Jahre, das ist ein Wagnis.
SPIEGEL: Warum denn das?
Baselitz: Ich stelle am liebsten meine neuesten Bilder aus, denn von denen bin ich vollständig überzeugt. Das ist wohl biologisch bedingt, dass man das Neue am ehesten akzeptiert. Bei meinen alten Bildern bin ich unsicher. Ich ahne zwar, dass die gut sind, aber die haben nicht mehr so viel mit mir zu tun. Ich weiß kaum noch, in welcher Verfassung ich mich befand, als ich sie gemacht habe. Denken Sie an "Die große Nacht im Eimer" ...
SPIEGEL: ... das dunkelfarbene Bild eines kleinen onanierenden Jungen ...
Baselitz: ... das muss ja ein furchtbarer Zustand gewesen sein in mir.
SPIEGEL: Dieser Zustand hat Ihnen zu Ruhm verholfen. Damals, 1963, wurden gleich zwei Bilder von Ihnen beschlagnahmt, lösten sogar einen derartigen Skandal aus, dass Sie im Nu bekannt waren und es Ihnen bald überhaupt nicht mehr furchtbar ging.
Baselitz: Und wie furchtbar es mir ging! Die Leute dachten, ich sei jetzt reich, weil sich nun angeblich alles von mir verkaufen lasse - gar nichts war verkauft. Ständig war in der "Bild"-Zeitung und in der "B.Z." von mir die Rede, es war eine scheußliche Hexenjagd. In der seriösen Kunstszene wurde ich geschnitten, als Pornograf waren Sie da nicht angesagt. Das ist heute anders.
SPIEGEL: Sie waren gerade Mitte zwanzig und ein paar Jahre vorher vom Osten in den Westen gegangen. Für viele im Westen muss es schon eine Provokation gewesen sein, dass Sie nicht abstrakt malten, das war damals ein Gruppenzwang.
Baselitz: Ich wollte nie die offenen Türen einrennen. Das kann jeder.
SPIEGEL: Ein paar Jahre später stellten Sie auch noch Ihre Motive auf den Kopf, diese Verdrehung wurde Ihr Markenzeichen. Ihren Ruf als Berserker haben Sie bis heute beibehalten, obwohl Ihre jüngeren Gemälde lichter und farbenfroher wirken als Ihre älteren. Sind Sie überrascht, dass Sie trotzdem noch als Wüterich gelten?
Baselitz: Baselitz, der Brutalinski. Nein, da bin ich selber schuld, das liegt an meinem schlechten Charakter.
SPIEGEL: Was ist so schlecht an Ihnen?
Baselitz: Ich bin ein renitenter Typ. Doch diese Renitenz hat mich vor Schlimmem bewahrt.
SPIEGEL: Das müssen Sie erst recht erklären.
Baselitz: Ich bin überall rausgeflogen, passte nicht dazu. Wäre es anders gekommen, hätte ich die DDR nicht verlassen, wäre ich da vielleicht noch Malminister geworden.
SPIEGEL: Im Westen haben Sie es aber auch geschafft, sich Feinde zu machen.
Baselitz: Ich konnte wohl nicht anders. Als junger Mann wollte ich mit Mist, mit Schlamm, mit Unfarben, mit Schwarz-Weiß wirklich schlechte Bilder machen, die auffallen. Dieses Durchsetzenmüssen ist eine ganz wichtige Sache, wenn man als Maler antritt. Das heißt, eigentlich fängt man ja als Maler an, indem man die Bilder, die man kennt, liebt. Das sind die Bilder der anderen. Und was wollen Sie denn als Maler nun damit machen? Ein verliebter Maler ist etwas Schreckliches. Also müssen Sie gegen Ihre Liebe, gegen die schönen Dinge etwas setzen. Das können Sie eigentlich nur vehement, mit Aggression und mit heftigem Widerspruch. Also mit allen schlechten Sachen.
SPIEGEL: Und auch damit, die Motive auf den Kopf zu stellen?
Baselitz: Genau.
SPIEGEL: Die Vehemenz, das Ungestüme, das für all Ihre Werke charakteristisch ist, wird oft als typisch deutsch bezeichnet. Sind Sie gern typisch deutsch?
Baselitz: Aber ja. Die deutsche Kunst hat sich immer unterschieden. Durch Expressivität, Wildheit, Barbarentum, Gläubigkeit, Romantik, Linientreue, ob sie wollte oder nicht. Manchmal wollte sie das nicht, und manchmal hat sie es regelrecht provoziert, wie die Leute von der Dresdner Künstlervereinigung Die Brücke. Auch ich habe es provoziert. Wenn ich jetzt, wie Sie sagen, lichter male, bleiben meine Bilder deutsch. Das ist in Ordnung so. Denn als das Multikulturelle angesagt war, als die Jazzer in den Orient fuhren, merkwürdige Flöten von dort mitbrachten und zum Islam konvertierten, fand eine Verwässerung statt. Die Jazzer brachen damit ein. Wenn man als Maler plötzlich meint, hier komme man nicht mehr zurecht, man müsse den deutschen Scheiß hinter sich lassen und nach Amerika auswandern, dann verliert man seine Sprache und malt amerikanische Bilder. Wir hatten hier zum Beispiel in den Endfünfzigern keine Konsumgesellschaft, die Pop-Art provoziert hätte, so herrliche Bilder von Warhol und Lichtenstein. Meine, unsere Situation war die Isolation der Verlierer.
SPIEGEL: Der Markt ist international. Die jungen Maler von der Leipziger Schule - Neo Rauch etwa oder Tim Eitel - malen vor allem für ein amerikanisches Publikum. Sollen die sich etwa in Leipzig und Berlin einkapseln?
Baselitz: Ohne New York geht nichts. Da müssen Sie es schaffen. Das ist wahr. Aber man muss ja als Künstler nicht gleich hinziehen. Ich freue mich über die jungen Leipziger, weil sie sehr anders sind als die alten Leipziger Maler, die in der DDR so wichtig waren ...
SPIEGEL: ... und die Sie nach der Wende in Bausch und Bogen als Archlöcher beschimpft haben.
Baselitz: Jedenfalls mag ich die Jüngeren. Ich sehe oft Dinge von mir bei denen auftauchen. Ich sehe in ihren Bildern
auch Zitate von Sigmar Polke, von Gerhard Richter. Diese jungen Künstler haben ein sehr gutes Verhältnis zu unserer Generation.
SPIEGEL: Früher mussten junge Künstler gegen die alten rebellieren. Schreckt es Sie nicht, wenn Sie von Jüngeren arglos zitiert werden?
Baselitz: Offensichtlich sind wir keine Gefahr mehr - sonst würden sie uns wahrscheinlich nicht so mögen. Weil die mich überhaupt erst auf den Gedanken gebracht haben, dass ich möglicherweise aus dem Rennen sein könnte, wollte ich mich noch mal testen und habe 2005 angefangen, meine so programmatischen guten Bilder noch mal zu malen, darunter "Die große Nacht im Eimer", "Helden" und "Die großen Freunde", die in den sechziger Jahren entstanden sind.
SPIEGEL: Sie nannten die Serie "Remix" - klingt nach DJ-Vokabular. Der onanierende Junge erhielt ein Hitler-Bärtchen, ansonsten wirken die Gemälde poppiger als die Ursprungsbilder.
Baselitz: Finden Sie? Ich war jedenfalls begeistert, als ich sah, dass es funktioniert.
SPIEGEL: Aber die Remix-Bilder sind doch eine Auseinandersetzung mit Ihnen selbst und nicht mit der nachwachsenden Malergeneration.
Baselitz: Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte, wenn es nicht die Jungen gäbe.
SPIEGEL: Ihre Freude über die jungen Maler teilen nicht viele Maler der älteren Generation. Den meisten geht das alles zu schnell, die Berühmtheit, die exorbitant hohen Preise, die selbst Anfänger erzielen. Sie gehören zu den wenigen Malern, die sich positiv über den Kunstmarkt äußern, über die explodierenden Preise, die ganze Überhitzung und Kapitalisierung. Liegt es auch daran, dass Sie selbst so gefragt sind, dass Ihre beiden Söhne Galeristen sind? Wie kommen Sie zu dieser Sonderrolle?
Baselitz: Was ist so furchtbar daran, Erfolg haben zu wollen? Alle Künstler wollen das. Als ich jung war, haben ich und mein - ebenso junger - Galerist unentwegt Überlegungen über Strategien angestellt, wie wir es schaffen könnten.
SPIEGEL: Es gehört zum guten Ton, als Künstler gegen den Markt eingestellt zu sein.
Baselitz: Vielleicht bin ich einfach anders. Ich bin einer der wenigen, der nicht links ist. Es gibt diese Attribute, die zu Intellektuellen und Künstlern gehören. Kritisch zur Riege von Bush zu sein, kritisch zu Amerika zu sein, links zu sein und gegen den Markt. Das ist wie eine Krankheit, die linke Marotte. Wie Fußpilz.
SPIEGEL: Ein guter Künstler ist, wer am Markt durchstartet?
Baselitz: Der Markt befreit Künstler von Subventionen, lüftet durch. Die Subventionsabhängigkeit der Musik und des Theaters hält ja die Musiker und Dichter versteckt.
SPIEGEL: Versteckt? Wie meinen Sie das?
Baselitz: Es gibt doch eine unübersehbare Diskrepanz zwischen den Malern und Bildhauern, die am Markt ihr Glück machen, und den Künstlern, denen das abgenommen wird, also den Musikern und Theaterleuten. Für sie existiert kein Markt, leider, nur die kompromittierende Subvention. Der Komponist Wolfgang Rihm zum Beispiel ist etwas jünger als ich. Großartig, was der macht. Aber wer kennt den, wer hört den? Deshalb ist der Markt so wichtig, er bietet auch eine Chance. Wir haben junge malende Künstler, die sich beweisen müssen und denen das gelingt. Weil sie auch viel verdienen, gibt es dann gratis den Neid dazu, klar.
SPIEGEL: Nicht alles, was am Markt gut ankommt, ist avantgardeverdächtig. Nicht jeder, der ein guter Künstler ist, hat auch die Begabung, sich am Markt zu positionieren. Ist das Vermarkten, das Auffallen um jeden Preis, wichtiger als das Malen?
Baselitz: In Amerika stellen sich solche Fragen nicht. Robert Rauschenberg und Andy Warhol waren als Studenten sehr fleißig, sehr wissbegierig. Talent und Fleiß sind die Grundlage für alles, das ist dort eine Selbstverständlichkeit. In Deutschland scheint es für viele Künstler wichtiger zu sein, die richtige Ideologie zu haben.
SPIEGEL: Wie lebt es sich als Künstler, der eben nicht links ist und nicht am Kunstmarkt mit seinem Turbokapitalismus zweifelt? Die Zahl Ihrer Freunde innerhalb der Kunstwelt dürfte begrenzt sein.
Baselitz: Alle anderen scheinen etwas zu haben, woran sie glauben, eine Ideologie, eine Religion, ein festes Weltbild. Das macht Freundschaften so schwierig. Jörg Immendorff, der gerade gestorben ist, war ein Freund. Doch selbst bei ihm wusste ich nie, worüber ich mich mit ihm unterhalten sollte. Er war als junger Mann geprägt von Ideologien, vom Maoismus und anderer Besserwisserei. Aber bei ihm waren das immerhin echte Träume. Ich habe auch Träume, aber schlechte Träume aus Vergangenheiten.
SPIEGEL: Also halten Sie sich statt an eine Ideologie an die eigene Biografie?
Baselitz: Ja, und das bedeutet für Deutsche vor allem Unangenehmes und Gemeines. Ich bin mit meiner Frau mehr als fünfzig Jahre verheiratet, wir sprechen immer noch dauernd über die Vergangenheit.
SPIEGEL: Eine Ausstellung, die Mitte November in den Hamburger Deichtorhallen startet und die schon die Würdigungen zu Ihrem 70. Geburtstag im Januar einleitet, heißt "Russenbilder". Sie haben sich in den vergangenen Jahren auch mit dem Sozialistischen Realismus beschäftigt, dem Sie als Jugendlicher gar nicht entfliehen konnten. Sie leben gut von Ihrer Geschichte.
Baselitz: Aber sehr hermetisch. Ich befinde mich nur selten in irgendeiner Aktualität.
SPIEGEL: Haben Sie, der sozusagen in den Krieg hineingeboren wurde, bereits als Kind genug, vielleicht zu viel erlebt?
Baselitz: Ich weiß es nicht. Als die Russen im April 1945 bei uns in Sachsen ankamen, war ich sieben Jahre alt. Der Krieg zuvor war gar nicht so schrecklich für mich. Jedenfalls nicht nur. Das ist es vielleicht, was man ein Leben lang nicht kapiert. Dass es beides war, schrecklich und abenteuerlich. Wir haben Waffen und Granatsplitter gesammelt. Als Kind findet man so etwas aufregend.
SPIEGEL: Die DDR wurde gegründet, und Sie als aufrechter Nachwuchskommunist übten sich an der Hochschule für bildende Künste in Ost-Berlin im Sozialistischen Realismus. Es ist weithin bekannt, dass Sie nach einem Jahr wegen "gesellschaftlicher Unreife" von der Schule flogen. Aber was genau haben Sie angestellt?
Baselitz: Ich war da 19 Jahre alt und hatte den Kommunismus immer noch nicht kapiert, geschweige denn den Sozialismus. Der direkte Anlass war ganz simpel. Die Hochschule fuhr als geschlossenes Kollektiv zum Einsatz in das Kombinat Rostock, Hafenbau. Ich wollte gemeinsam mit einem Freund an der Hochschule bleiben, arbeiten, malen. Es wurde vom Parteisekretär genehmigt, wir gingen jeden Tag in die leere Schule, und ich habe mich mit Picassos Armeleutebildern auseinandergesetzt, die Bilder, die er im Krieg in Paris gemalt hat. Ich habe Brotbüchsen gemalt, einen abgenagten Hering, verbogenes Besteck, einen leeren Teller und so. Mit Armeleutefarben, in kubistischer Manier. Innerhalb von einem Monat war die Klasse vollgehängt. Als die anderen zurückkamen, präsentierten wir voller Stolz unsere Sachen, und es gab ein Riesenentsetzen. Picasso, dachte ich immer, ist der große Kommunist. So wurde der von unseren Parteigenossen aber gar nicht mehr gesehen. Für die war er ein dekadenter westlicher Maler, ein auslaufendes Modell. Wegen Picasso flog ich aus der Schule raus.
SPIEGEL: Sie wurden dann an der West-Berliner Hochschule angenommen, zogen schließlich ganz in den Westen. Waren Sie erleichtert, dort gelandet zu sein?
Baselitz: Ach was, ich bin mit großer Aggression nach West-Berlin gegangen, auch mit Neugier, doch ich hasste die Stadt, die man hätte lieben können. Ich habe nicht begriffen, wieso man im Winter grünen Salat und Erdbeeren isst in einem beheizten Straßencafé. Das ging nicht in meinen Kopf. Ich habe nicht verstanden, dass Deutschland sich in einer solchen Situation überhaupt befinden durfte. So kurz nach dem Krieg. Als ich meine Frau traf, wurde vieles anders. Aber dieses Isolationsgefühl blieb haften. Ich habe mich nie wieder irgendwo zu Hause gefühlt.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich damals von Hans-Georg Kern in Georg Baselitz umbenannt, nach Ihrem Heimatort? Wollten Sie so Ihre Wurzeln symbolisch mitnehmen?
Baselitz: Als Hans-Georg Kern habe ich schlechte Erfahrungen gemacht, meine Rausschmisse erlebt. Außerdem wollte ich unbedingt berühmt werden, und wenn ich im Westen erst einmal berühmt geworden bin, so dachte ich, ist es für meine Familie in der DDR einfacher, nicht denselben Namen zu tragen.
SPIEGEL: Ihre Aggression gegen westliche Dekadenz hat sich schnell gelegt. Mitte der siebziger Jahre kauften Sie sich ein Schloss im niedersächsischen Derneburg.
Baselitz: Man kann es als große Angeberei sehen, in so etwas einzuziehen, als kleiner Maler ohne Geld. Es war ein Riesenschwachsinn und ein Riesenspaß. Alle haben das verstanden. Vorher, als wir 1966 von Berlin nach Worms gegangen sind, genauer: nach Osthofen, da haben die Leute gesagt, jetzt ist es wohl aus. Über Derneburg hat das niemand mehr gesagt. Wahrscheinlich weil ein Schloss ein ziemlicher Anspruch ist. Sie setzen sich damit selber eine Krone auf.
SPIEGEL: Vor kurzem haben Sie Ihr Anwesen an einen britisch-amerikanischen Unternehmer und Sammler verkauft, sind mit Frau und Privatsekretär nach Bayern gezogen. In der letzten Phase in Ihrem
Schloss haben Sie ausgerechnet den Sozialistischen Realismus neu entdeckt. Hat plötzlich der Kommunist tief in Ihnen gegen den Schlossherrn gesiegt - oder war es umgekehrt, wollten Sie auch dieses Kapitel endgültig abschließen?
Baselitz: Den Kommunisten in mir gibt es schon lange nicht mehr. Die Wende war aber ein Auslöser, mich mit meiner Biografie auseinanderzusetzen. Ich ließ mir das Familienalbum schicken, die Fotos aus Kriegs- und Vorkriegszeiten wurden meine Vorlagen. Das sind auch Wiedergutmachungsbilder.
SPIEGEL: Inwiefern?
Baselitz: Ich habe meine Familie lange für überspannt gehalten, weil die sich in der DDR bespitzelt fühlte. War aber alles wahr, wie sich herausstellte. Als Nächstes nahm ich mir meine Kinderzeichnungen vor, die habe ich dann tausendmal variiert. Danach kam das Schulprogramm dran, also das, was ich in der Schule malen musste, den Sozialistischen Realismus eben. Ich habe mir ein entsprechendes Buch gekauft und habe mich erinnert. Die sozialistisch-realistischen Bilder sind so banal gemalt wie die Trinkerbilder, die hier in den Kneipen hängen - wie der Mönch mit dem Weinglas. Also war mir klar, dass ich etwas ganz anderes damit machen muss.
SPIEGEL: Sie haben die Motive wie üblich auf den Kopf gedreht und einige pointilliert. Wie sind Sie darauf gekommen, den sowjetischen Sozialistischen Realismus und französischen Pointillismus zusammenzubringen?
Baselitz: Impressionismus war hoch verpönt im Sozialistischen Realismus. Sobald einer anfing zu pointillieren, etwas impressiv zu machen, die Farben zu schönen, ja dann wurde er kritisiert, dann musste er es noch mal machen. Es war zu subjektiv, nicht realistisch genug. Gründe genug für mich, es heute einmal zu versuchen.
SPIEGEL: Außerhalb der Kunst wagen Sie einen Neuanfang, haben mit knapp siebzig den Wohnort gewechselt, wohnen übergangsweise in München, lassen sich ein sehr modernes Haus am See errichten. Warum musste es die Münchner Umgebung sein? Warum nicht Sachsen?
Baselitz: Über Dresden haben wir nachgedacht, meine Frau kommt ja daher. Aber München passt besser. München ist auch eine Rückkehr in die Geschichte. Hier fand, aus kommerzieller Sicht, mein Durchbruch statt. Das heißt, meine frühen Bilder sind alle hier irgendwo in München und Umgebung, teilweise in Museen, teilweise in großen Privatsammlungen. Und ich habe sogar Freunde hier.
SPIEGEL: Und einen Sohn.
Baselitz: Ja, und drei selbstbewusste Enkelkinder. Also unendlich viele Gründe, hier zu sein. Der andere Enkel lebt in Amerika.
SPIEGEL: Herr Baselitz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteurinnen Ulrike Knöfel und Susanne Beyer.
Von Ulrike Knöfel und Susanne Beyer

DER SPIEGEL 33/2007
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