20.08.2007

Das doppelte Dorf

Ortstermin: Warum Bernried am Starnberger See moderner sein will als die Republik
Er sieht aus wie ein Mann der Vergangenheit, er trägt einen schwarzen Schlapphut mit goldenem Quast, eine samtrote Weste mit silbernen Knöpfen, die schimmern wie Münzen, einen grünen Mantel, eine dunkle Lederhose und sandfarbene Kniestrümpfe. Josef Steigenberger eilt mit wehendem Mantel durch den Innenhof des Klosters Bernried, vorbei an schwarzen, schattenhaften Benediktinerinnen und Frauen, die unter Otterfellmützen schwitzen. Dann tritt er ans Pult, blickt zu Horst Seehofer herüber und sagt: "Ich will nicht jammern. Aber wir leiden enorm darunter, dass wir im Dorf kein DSL haben."
"A Hund isser scho", sagt Seehofer.
Es ist Dienstagmorgen, ein Tag, der entscheidend sein kann für Bernried, und Steigenberger verschwendet keine Zeit.
Der Bürgermeister weiß nicht, welche Worte sich hinter den Buchstaben DSL verbergen, aber er weiß, dass sie für Geschwindigkeit stehen. Er weiß, dass eine "Digital Subscriber Line" die Zukunft in sein Dorf transportiert, und vielleicht, denkt er, kann Seehofer die Verbindung herstellen.
"Unser Dorf hat Zukunft", so heißt der Wettbewerb, der den Landwirtschaftsminister nach Bernried am Starnberger See bringt, jetzt steht er im Klosterhof mit den Mitgliedern der Kommission, die später entscheiden wird, welches Dorf in Deutschland mehr Zukunft hat als die anderen.
Der Wettbewerb hieß einmal "Unser Dorf soll schöner werden", lange Zeit passte der Titel, die Zukunft schien ein Selbstgänger zu sein. Dann passierten in der Welt jenseits von Bernried ein paar Dinge, die die Zukunft zerbrechlich erschienen ließen. Schönheit allein versprach keine Zukunft mehr, und das Ministerium änderte den Namen.
Steigenberger ist der Bürgermeister eines ehemaligen Fischerdorfs. Das ist Vergangenheit, doch die Bewohner tragen an Tagen wie diesem dieselben Trachten wie ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert, und für einen Moment wirkt Steigenberger moderner als Seehofer in seinem Planstellen-Anzug.
Als Gerhard Schröder damit begann, den Sozialstaat umzubauen, nannte er sein Konzept für das Deutschland der Zukunft "Agenda 2010". Den Bewohnern von Bernried war das zu kurz gedacht, sie entwickelten ihre eigene Vision und nannten sie "Zukunftsbild Bernried 2020".
Sie wollten ein Dorf der zwei Geschwindigkeiten, sie wollten die neue Welt nach Bernried holen, ohne die alte zu beschädigen. Sie wollten zwei Bernrieds in einem.
Fast hundert Bewohner begannen damals, sich mit Adjektiven zu beschäftigen, mit der Zukunft, mit ihrem Dorf. Maßvoll sollte das Wachstum sein, sanft der Tourismus, nachhaltig die Energie. Jetzt tragen sie weiße Schilder mit ihrem Namen, "Zukunftsbild" steht darunter.
Der Bürgermeister führt die Kommission zu einem Luftbild von Bernried, er tippt mit dem Zeigefinger auf sein Dorf. Er zeigt auf den Ort, an dem bald nach Erdwärme gebohrt wird, um ein Kraftwerk zu bauen, das 3000 Haushalte mit Energie versorgt. Er spricht vom Kampf gegen den Siedlungsdruck, den München auf Bernried ausübt.
Steigenberger passt zu Bernried, er bricht Klischees. Er war Bankkaufmann, bevor er vor fünf Jahren zum Bürgermeister gewählt wurde, und jetzt wacht er darüber, dass sein Dorf nicht verkauft wird. Er könnte ein moderner Vertreter der CSU sein, ein progressiver Bewahrer, doch er gehört zu einer freien Wählergemeinschaft, die Bernried seit vielen Jahren regiert.
Seehofer stört das nicht. Er steht auf einer ungemähten Wiese und blickt zu Boden. Er betrachtet die Kleeblätter und den Löwenzahn, er mag keine gemähten Wiesen. "An manchen Orten", sagt er dann mit entferntem Blick, "fühlt man sich im Zeitalter der Globalisierung an Spitzweg erinnert."
Steigenberger sucht Seehofers Nähe, er weiß, dass Politik aus Gelegenheiten besteht, aus Momenten, in denen man den Druck erhöhen muss, wenn man Hilfe braucht.
"Manchmal", sagt der Bürgermeister, "muss man einfach lauter schreien als die anderen." Vielleicht hat er das von Seehofer gelernt.
Er weiß, dass der Minister eine besondere Verbindung zu Bernried hat. In der Klinik Höhenried lag Seehofer, als sein Herz so entzündet war, dass es beinahe stehenblieb. Dort erlebte Seehofer, dass es ohne Technik keine Zukunft gibt.
Steigenberger geht atemlos durch sein Dorf, er zieht von einem Zukunftsprojekt zum nächsten, und am Ende führt er die Kommission in ein dunkles, kühles Gewölbe. Es ist ein alter Bierkeller, auf dem gerade das neue Rathaus gebaut wird, ein modernes Gebäude mit einer reduzierten, strengen Architektur, die nicht allen im Dorf gefällt. "Das wird noch weicher", verspricht Steigenberger.
Er ist erschöpft, er schwitzt in seiner Tracht. Er zieht den Mantel aus und geht an sein Handy. Es ist schwarz und glatt, und wenn jemand ihn anruft, spielt es Mozart.
Manchmal ist es nicht leicht, für die Zukunft verantwortlich zu sein.
Im Moment steht zwischen Bernried und der Zukunft die Telekom, sie will die Verbindung nicht herstellen. Sie sagt, DSL lohne sich nicht für ein Dorf. MARIO KAISER
Von Mario Kaiser

DER SPIEGEL 34/2007
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