20.08.2007

SLOWENIENAufklärung verhindert

Bislang galt das Massaker im bosnischen Srebrenica als das größte Kriegsverbrechen nach 1945 in Europa. Diese Einschätzung ist wohl überholt: Weit über 100 000 Tote liegen in 540 Massengräbern, die in Slowenien entdeckt wurden. Das enthüllt jetzt Joze Dezman, Leiter einer Regierungskommission, die die wahren Ausmaße der nur wenig bekannten Massaker erkunden soll. Die Opfer waren überwiegend Kroaten, die im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaboriert hatten, dazu mindestens 15 000 Slowenen und einige tausend Volksdeutsche. Sie alle waren erst nach Kriegsende von Titos Kommunisten liquidiert worden. Bereits 1999 waren in einem ehemaligen Panzerabwehrgraben in Tezno bei Maribor 1179 Skelette ausgegraben worden. Weitere Exhumierungen stehen nun an. Insgesamt würden allein in diesem Grab deutlich mehr als 15 000 Opfer erwartet, sagt Ausgrabungsleiter Mitja Ferenc. Dazu zählen auch Angehörige der deutschen Minderheit in Slowenien, ebenso jene Volksdeutschen, die versucht hatten, aus dem Banat über Slowenien nach Deutschland zu fliehen, sowie deutsche Soldaten. Lange Zeit glaubte man, die meisten der in slowenischen Lagern internierten Deutschen seien dort an Tuberkulose und anderen Krankheiten gestorben. Doch slowenische Politiker hatten bereits nach der Unabhängigkeit des Landes 1991 der Bundesregierung mitgeteilt, dass die Deutschen ermordet worden seien. Wenig später kam es zu einer ersten Exhumierung von 430 Deutschen in einem Massengrab bei Slovenska Bistrica. Die Massengräber in Slowenien, sagt Joze Dezman jetzt, zählten zu den bestgehüteten Tabuthemen in Europa. Über 40 Jahre habe die politische Polizei der zwei Millionen Einwohner zählenden Republik die Aufdeckung verhindert.

DER SPIEGEL 34/2007
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SLOWENIEN:
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