27.08.2007

ZEITGESCHICHTEDie Geliebte des Schakals

Magdalena Kopp, Ex-Frau von „Carlos“, beschreibt in einem neuen Buch, wie sie in den internationalen Terrorismus abrutschte.
Gerd Albartus ahnte nichts Böses, als er Ende Dezember 1987 von Amsterdam nach Damaskus flog, um seinen einstigen Kampfgenossen "Carlos" zu besuchen. Er fand auch nichts dabei, dass der damals meistgesuchte Terrorist der Welt ihm einen Ausflug in den Libanon vorschlug, zum Schießtraining.
Doch dort konfrontierten Carlos und drei Mitkämpfer den Deutschen, der zur Gründergeneration der "Revolutionären Zellen" (RZ) gehörte und inzwischen für die Grünen im Europaparlament arbeitete, mit einem schwerwiegenden Vorwurf: Er sei Agent der Stasi und wolle die Carlos-Gruppe ausforschen. Als Albartus die Verdächtigung zurückwies, schossen sie ihm ins Knie. Anschließend folterten sie den einstigen Genossen zu Tode, warfen die Leiche in ein Erdloch und verbrannten sie.
Wie kaum ein anderes Schicksal steht Albartus' Tod für den Irrweg einer kleinen Gruppe westdeutscher Linksradikaler. Einblick in diese düstere Welt des internationalen Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre gewährt jetzt Magdalena Kopp, einst Ehefrau von Carlos und wie Albartus früheres Mitglied der RZ. In ihrer Autobiografie "Die Terrorjahre" schildert sie den Weg eines Mädchens aus der süddeutschen Provinz an die Seite des skrupellosesten Terroristen seiner Zeit*.
Kopp, 59, als Tochter eines Postbeamten und einer Kellnerin in Ulm geboren, floh in den sechziger Jahren aus der spießigen Enge Schwabens über West-Berlin nach Frankfurt. Dort lernte sie im Verlag "Roter Stern", in dessen Umfeld sich auch der spätere Vizekanzler Joschka Fischer bewegte, linksradikale Genossen kennen. Die wollten nicht nur von der Revolution reden, sondern sie auch durch illegale Aktionen vorantreiben. Wilfried Böse war darunter, der 1976 bei einer Flugzeugentführung in Entebbe starb, oder Johannes Weinrich, der später zum Adjutanten von Carlos aufstieg und heute in einem Berliner Gefängnis sein Dasein fristet.
Wie so oft bei terroristischen Karrieren fing es auch bei der gelernten Fotografin Kopp mit kleinen Jobs an. Sie fälschte spanische Führerscheine, die sie von der baskischen Separatistentruppe ETA bekommen hatte. In London richtete sie ein Fotolabor für eine Zelle der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP) ein. Dort traf sie auch einen dicklichen Marxisten aus Venezuela mit dem Decknamen "Johnny", dessen plumpe Avancen in der Dunkelkammer sie spontan zurückwies.
Mit wem sie es da zu tun gehabt hatte, wurde Kopp im Juni 1975 klar, nachdem der französische Geheimdienst in Paris einen libanesischen PFLP-Mann geschnappt hatte. Der Verhaftete führte drei Agenten zu Johnnys Wohnung. Dieser bat das Quartett freundlich herein, entschuldigte sich für einen Moment auf die Toilette und kam mit einer Pistole zurück. Später brüstete er sich, vier Männer innerhalb von vier Sekunden niedergestreckt zu haben. Nur ein Geheimdienstmann überlebte schwer verletzt. Der Mythos von Carlos oder dem "Schakal", wie Johnny alsbald in der Weltpresse genannt wurde, war geboren.
Carlos hieß mit bürgerlichem Namen Ilich Ramírez Sánchez, war als Sohn eines venezolanischen Anwalts in London aufgewachsen, hatte in Moskau studiert und sprach Spanisch, Englisch, Französisch, Russisch und Arabisch. Als Kopp von der Schießerei in Paris hörte, dachte sie sich: "Mit einem so brutalen Menschen will ich nichts zu tun haben." Gleichwohl reiste sie ein knappes Jahr später mit mehreren anderen RZ-Mitgliedern in den Südjemen in ein Lager der PFLP. Ihr Ausbilder war Carlos.
Ende 1978 flog Kopp über Prag nach Bagdad, wo Carlos als Protegé des irakischen Geheimdienstes residierte. Diesmal wies sie die Avancen des Schakals nicht mehr zurück. "Er versteht es meisterhaft, Menschen zu verführen und zu manipulieren", sagt sie. "Er hat ein Janusgesicht." Bald zog das Paar nach Budapest und verfügte über arabische Diplomatenpässe.
Nachdem Kopp 1982 mit einem Schweizer Genossen bei der Vorbereitung eines Anschlags in Paris festgenommen wurde, startete Carlos einen beispiellosen Privatkrieg. Er wollte seine Geliebte wiederhaben, um jeden Preis. Bei acht Anschlägen in Frankreich, Beirut und West-Berlin starben 20 Menschen, vorwiegend Franzosen. Die Regierung in Paris gab nicht nach.
Nach ihrer Entlassung kehrte Magdalena Kopp 1985 zwar zu Carlos zurück, aus Angst, wie sie heute sagt: "Sonst hätte ich keine ruhige Minute mehr gehabt." Aus den Aktivitäten der Terrorgruppe stieg sie allerdings aus. Sie heiratete Carlos und bekam eine Tochter von ihm.
Ihr Mann hatte sich inzwischen auf das Verschieben gestohlener Mercedes-Limousinen verlegt und von einer reichen syrischen Familie sieben Millionen US-Dollar erpresst. Die osteuropäischen Geheimdienste hatten ihn fallenlassen, ebenso die Araber. Das Paar wurde aus Syrien ausgewiesen.
Im Juni 1992 flüchtete Kopp mit ihrer Tochter zur Familie ihres Mannes nach Venezuela. Carlos wurde 1994 im Sudan verhaftet und nach Frankreich ausgeliefert, wo er eine lebenslange Haftstrafe absitzt.
Kopp fragt sich heute, wie sie dem Mörder so bedingungslos verfallen konnte. Die Antwort gibt ihr Buch: Im Gegensatz zu anderen Gruppenmitgliedern war sie nie ideologisch verblendet, aber mit einer großen Portion Naivität ausgestattet.
Seit 1995 lebt Magdalena Kopp wieder in ihrer schwäbischen Heimatstadt Ulm, wo es spießig-konservativ wie eh und je zugeht.
Sie arbeitet dort mit schulschwachen Migrantenkindern. Ihre Tochter ist gerade 21 Jahre alt geworden. Zum Geburtstag hat ihr Carlos eine Glückwunschkarte aus dem Knast geschickt. MICHAEL SONTHEIMER
* Magdalena Kopp: "Die Terrorjahre. Mein Leben an der Seite von Carlos". DVA; 320 Seiten; 19,95 Euro.
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 35/2007
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