27.08.2007

GERMANENKleiner Wolf

Wie redeten die Goten? Ein Prachtbuch, 1500 Jahre alt und geschrieben mit Silbertinte, bringt neue Einsichten in die Sprache der Urahnen.
Mit einem Spezialschlüssel entsichert die Kuratorin im Historischen Museum von Speyer die Alarmanlage. Kalte Luft entströmt der Vitrine, in der ein purpurgefärbtes Pergament liegt. Es ist mit silberner und goldener Tinte beschrieben. Merkwürdige Zeichen prangen darauf.
Das lose Blatt gehört zu einem Prachtband, dessen Entstehung in die dunklen Wirren der Völkerwanderung zurückreicht. Edelsteine und Perlen zierten einst den Einband, dessen Seiten aus den Häuten von Zicklein bestehen. Verfasst ist der Codex Argenteus ("Silberbibel") in Gotisch.
"Atta unsar thu in himinam, weihnai namo thein", beginnt dort das Vaterunser. Fünf heißt "fimf", schlafen "slepan". Der Codex gehört zu den ältesten germanischen Texten überhaupt.
Etwa um Christi Geburt waren die Goten von Südschweden aus zu ihrem märchenhaften Wanderzug aufgebrochen, der sie bis nach Rom und Toledo führte. Antiken Quellen zufolge striegelten sie ihr Haar mit ranziger Butter und frönten der Sauflust. Bei Asterix tragen sie Pickelhauben und sprechen Fraktur.
In Wahrheit weiß keiner, was damals wirklich geschah. Fest steht nur, dass die gotischen Reiche komplett ausradiert wurden.
Entsprechend stolz ist das Museum auf das neue Exponat. Über 30 Jahre lang lag die Buchseite abgeschirmt im Tresor des Bischofs von Speyer. Nun strömen Experten herbei, um das mit Pflanzensaft rötlich eingefärbte Blatt zu prüfen. "Gotische Schriften sind höchst selten", erklärt Guy Tops, ein Professor aus Antwerpen. Kaum zehn Manuskripte sind erhalten, die meisten nur als Fetzen.
Auch die Silberbibel wurde gefleddert. Das Blatt in Speyer ist die Schlussseite mit dem Ende des Markusevangeliums. Weitere 187 Bögen liegen heute in der Universitätsbibliothek von Uppsala. Die restlichen 148 sind spurlos verschwunden.
Aus diesen wenigen dünnen Tierhäuten versuchen die Wissenschaftler nun neuerdings, die tote Sprache zu rekonstruieren, die einst im Nordischen gesprochen wurde. Gleich mehrere Projekte sind angelaufen:
* In Uppsala soll die Silberbibel Blatt für Blatt mit Spezialkameras abgelichtet und digitalisiert werden. Bislang gibt es nur
eine Faksimileausgabe mit Schwarzweißfotos von 1927.
* Die Universität von Antwerpen arbeitet an einem Wörterbuch, einer Art Duden in gotischer Sprache.
Aber auch die Archäologen liefern neue Spuren. Sicher ist mittlerweile, dass die Goten zuerst über die Ostsee nach Pommern vorrückten. Von dort breiteten sie sich entlang der Weichsel Richtung Schwarzes Meer aus. Am Ende des 5. Jahrhunderts kam auch das schwächelnde Rom unter die Räder: Jäh brach der Ostgote Theoderich der Große in das zerfallene Imperium ein und spielte den neuen Cäsar. Die Westgoten zogen bis nach Spanien und gründeten dort ein glanzvolles Königreich. All das zerfiel zu nichts. Der Wiener Historiker Herwig Wolfram spricht vom "totalen Scheitern" der gotischen Mission.
Dabei waren gerade diese Germanen so hoffnungsvoll gestartet. Bereits um 370 nach Christus gelang ihrem Stammesführer Wulfila ("kleiner Wolf") eine kulturelle Großtat. Geboren als "Barbar" irgendwo nördlich der Donau, stieg er bis zum Bischof auf und übersetzte die Bibel aus dem Griechischen in seine Heimatsprache.
Weil seine Landsleute nur ungelenke Runen kannten, erfand der Ur-Luther eine eigene Schrift. Sie ist eine Mischung aus Runen, lateinischen sowie griechischen Lettern. 3640 verschiedene Goten-Worte haben die Experten mittlerweile aus den alten Manuskripten entziffert. Brotlaib hieß "hlaifs", Tag schlicht "dags". Den Ausdruck Evangelium verschliff Wulfila zu "aiwaggeljo".
Nur zu gern würden die Experten mehr Textproben besitzen, doch die meisten sind längst vergammelt. Von der Silberbibel ist bekannt, dass sie um 520 nach Christus in Norditalien hergestellt wurde. Im Mittelalter geriet sie ins Kloster Werden an der Ruhr.
Die Benediktinermönche gingen mit dem einzigartigen Sprachdenkmal allerdings wenig pfleglich um. Aus Geldnot rissen sie immer wieder einzelne Bögen heraus und verkauften sie. Schließlich erwarb der deutsche Kaiser Rudolf II. die übriggebliebenen 187 Seiten und brachte sie auf seine Burg nach Prag.
Lang währte die Freude nicht. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges standen schwedische Soldaten vor der Schlosstür und verschleppten das germanische Edel-Testament Richtung Norden. So gelangte es nach Uppsala.
Nur wo sind die restlichen Seiten geblieben? Von Mainz bis nach Italien haben die Forscher Abteien und Kirchenverliese durchsucht. Zutage kam aber nur das eine dürre Blättchen, das jetzt in Speyer liegt. Man fand es im Dom der Stadt versteckt in einer Holzkiste unter dem Fußboden eines Altars.
Dieses farbige Pergament wird nun im Museum in einem Schaukasten gezeigt - allerdings nur als Kopie. Wer das echte Blatt sehen will (das in einer Schublade im Unterbau der Vitrine liegt), muss triftige Gründe nennen.
MATTHIAS SCHULZ
* Buchillustration aus dem 18. Jahrhundert.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 35/2007
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