27.08.2007

MAFIADer Müll und die Macht

Mit dem Reportageband „Gomorrha“ hat der 28-jährige Roberto Saviano das Krakensystem der Camorra in seiner Heimat beschrieben - und den erbarmungslosen, hochartistischen Realismus in die Literatur zurückgebracht, nicht nur in Italien.
Personenschutz dritten Grades bedeutet, ständig zwei Leibwächter auf der Pelle zu haben, eine Wohnung ohne Adresse und vor der Tür ein gepanzertes Fahrzeug. In Italien leben viele ein Leben im "dritten Grad" - Staatsanwälte, Richter, Kronzeugen. Aber nur ein Schriftsteller.
Er heißt Roberto Saviano und hat bislang 800 000 Bücher in Italien verkauft.
Sein Reportageroman "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra" ist verschlungen worden wie zu anderen Zeiten die Worte eines Propheten*. In Neapel sprühten sie sein Porträt an die Häuserwände und schrieben drunter: "Hört ihm zu". Die Leute lasen das Buch am Strand, im Bett und unter der Schulbank. Sie lasen sich die Geschichten über Morde, über von Shanghai bis Medellín versponnene Untergrundökonomie,
über Korruption gegenseitig vor, und sie sagten: Das kann nicht wahr sein.
Und im nächsten Satz sagten sie: Genauso ist es. "Die Leute haben ihre Welt in dem Buch entdeckt", meint Roberto Saviano, der Autor. "Nichts ist erfunden. Aber niemand hat es ihnen je erzählt."
Und deswegen lebt dieser Roberto Saviano, als Arztsohn aufgewachsen in Casal di Principe bei Neapel und niedergestiegen in die Sümpfe der Camorra, seit knapp einem Jahr an einem geheimen Ort, wie einst Salman Rushdie und wie, zeitweise, der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk.
"Bei Überschwemmungen wird zuerst das Trinkwasser knapp. Absurd, oder? Genauso ist es mit der Mediengesellschaft. In der Flut der Meldungen geht die konsumierbare Information unter. Der Schriftsteller kann die Flut in Trinkwasser verwandeln. Der Schriftsteller ist nicht gefährlich, weil er etwas aufdeckt, sondern weil er es den Leuten erzählt. Deswegen werden Pamuk, Rushdie, Politkowskaja verfolgt."
Das sagt Saviano, irgendwo in Rom, und scheint völlig vergessen zu haben, dass auch er in dieser Märtyrergalerie hängt.
Saviano sieht aus wie jemand, der gern älter wäre. Ein Frühweiser. Nur wenn er lacht, hat man einen 28-Jährigen vor sich. Anfangs habe er Angst gehabt. Jetzt nicht mehr. Die Wörter schützen ihn, seine
Bücher, der Ruhm: "Die Camorra ist intelligent. Sie verschwindet, wenn alle hinschauen. Und noch schauen alle auf mich."
In Spanien steht das Buch auf Platz eins der Bestsellerliste, in den Niederlanden auf Platz drei. Jetzt ist es, in gelungener Übersetzung, auch in Deutschland erschienen.
Die erzählte Wahrheit ist gefährlich, weil sie die Information zur Waffe macht. Das ist Savianos Credo. Wenig von dem, was er erzählt, war gänzlich unbekannt. Nur wusste außerhalb Neapels keiner, dass verstorbene Chinesen tiefgefroren im Container zurück in ihre Heimat verschifft werden. Dass ganze Stadtteile am Fuß des Vesuv vom Kokaindealen leben und Opa, Mama, Tochter abends Portionstütchen kleben. Und dass die jungen Killer der Camorra sich inzwischen wie John Travolta kleiden und ihren Opfern mit flachem Lauf in den Unterleib schießen. Das ist zwar brutal, aber das macht man so in den Filmen von Quentin Tarantino.
"3600 Tote seit ich geboren bin": Die Camorra hat mehr Menschen umgebracht als die sizilianische Mafia, mehr als die albanischen, russischen, kalabrischen Familien, mehr als die Roten Brigaden, die Eta oder die IRA. Sie ist präsent in Berlin, New York, in Kolumbien, auf dem Balkan und in China.
Alles war bekannt, nichts wirklich erzählt - bis "Gomorrha" erschien. "Ich wollte die Wirklichkeit schreiben, als wäre sie ein Roman. Wie es Truman Capote in 'Kaltblütig', Primo Levi über Auschwitz oder Michael Herr über Vietnam gemacht haben. Alles musste stimmen. Die Namen, die Fakten, meine Empfindungen."
Hannah Arendt schrieb, Verstehen heiße, der Wirklichkeit ins Gesicht zu schauen und ihr zu widerstehen. Saviano beruft sich auf die deutsche Philosophin. Er schaut und schreibt und bleibt beim Ich, "die Architektur der Gewalt offenlegen, ohne Metaphern, ohne Umschreibungen, allein mit dem scharfen Instrument der Schrift".
Da ist eine Szene, wie in Neapels Drogenviertel Secondigliano eine Fixerin ihren Freund aus dem Koma erweckt, indem sie sich ihm übers Gesicht setzt und ihn vollpisst: "Ich habe es gesehen."
Da drückt ein Camorra-Pate seinem Architekten eine Videokassette des MafiaFilms "Scarface" in die Hand und will auch so ein Haus gebaut haben: "Ich bin dort gewesen."
Da bricht für einen Sweatshop-Schneider eine Welt zusammen, als er im Fernsehen eine der Gala-Roben wiedererkennt, die er für einen Mittelsmann im Akkord genäht hatte: auf dem Körper von Angelina Jolie bei der Oscar-Zeremonie. "Ich kenne ihn. Er heißt Pasquale."
Manchmal gibt Saviano Geschichten wieder, die ihm nur erzählt wurden. Dennoch hat es keine einzige Gegendarstellung gegeben. Keine Zeile musste in den neueren Auflagen verändert werden. "Ich weiß, und ich habe Beweise", heißt es in "Gomorrha". "Ich kenne das Fundament, auf dem die Wirtschaft ruht, und ich kenne ihren Geruch. Den Geruch von Sieg und Erfolg. Ich weiß, woher das Geld kommt. Ich weiß."
"Gomorrha" ist Tagebuch, Bericht, Essay, Zeugnis, Reportage, Prosagedicht in einem. Saviano schreibt stilsicher, ohne Manierismen und Metaphernsucht, verbindet unmerklich Anschauung und Nachdenken. Eine journalistische Passage über Unfälle auf dem Bau weitet sich plötzlich zu einem vom Meister Pasolini inspiriertes Prosagedicht. Sechs Jahre lang hat Saviano an seinem Buch gearbeitet. Er las Hannah Arendt und Uwe Johnson. Und er fuhr mit seiner Vespa in die Wirklichkeit.
Der Dichter verdingte sich als Hilfsarbeiter. Der studierte Philosoph hörte Polizeifunk, setzte sich in die Gerichtssäle, studierte Ermittlungsakten und fuhr morgens um fünf durch den Hafen, um illegale Kartons zu bunkern. Er will verstehen.
Er heuert an bei Handtaschenschmugglern. Er betastet die Eigenartigkeit von Einschusslöchern einer Kalaschnikow ("fressen sich mit ganzer Wucht in die Panzerscheiben,
höhlen sie aus wie nagende Holzwürmer, die anschließend wieder verschwinden").
Und er erzählt auch von den Gerechten zu Gomorrha. Von Don Peppino, jenem Pfarrer, der in seiner Kirche mit fünf Kugeln ermordet wurde, weil er den Mördern die Sakramente verweigerte.
Um der kalten Megalomanie eines Paten nachzuspüren, ist Saviano in die verlassene Villa des Müll- und Koksbosses Walter Schiavone geschlichen: "Ich sah vor mir die trägen Nachmittage in diesem wüsten Land, das nur Geschäftemacherei und korrupte Politiker kennt."
Dieses Land muss man nicht mit der Seele suchen.
Es genügt, die Autostrada del Sole nördlich von Neapel, beim Abzweig Caserta, zu verlassen. Da liegt Müll, als wäre ein Vulkan in eine Deponie gefahren, in Wällen entlang den Straßen, als hauchdünner Belag über den Melonenfeldern, als noch schwelende Haufen Asche vor den Schulen und den Siedlungen.
Man sieht Matratzen, zerborstene Erntekästen aus Hartplastik, aufgeplatzte Säcke. Nicht sieht man die Schwermetalle, das Cadmium, die Lackrückstände, Rauchgasniederschläge, Gerbereischlämme, die in Jahrzehnten aus Norditalien hierhergeschleppt wurden und in den Boden eingedrungen sind. Einen Boden aus Vulkanerde, so fruchtbar, dass die alten Römer diesen Landstrich "Campania felix" nannten, glückliches Kampanien.
Hier ist Saviano mit seiner Vespa umhergefahren und hat das Land mit allen Sinnen abgetastet. Man atmet Camorra, wenn die wilden Müllhaufen schmoren. Man schmeckt Camorra auf der Zunge, wenn die Dioxinwerte im Büffelmozzarella so hoch sind, als wären die Tiere in Seveso aufgewachsen. Man spürt Camorra unter den Füßen, wenn im Wald, am Strand Müllreste knirschen.
"Der Müll hat den Bauch Süditaliens aufgebläht, geweitet wie den Bauch einer Schwangeren, in dem sich nie ein Fötus entwickeln wird", schreibt Saviano. Es ist eine Verwüstung von Land und Leuten im biblischen Ausmaß.
Es ist ein großer Gesang über "das System", diesen rasenden Kreislauf von Kapitalströmen und Handelsoperationen über alle Grenzen hinweg, von illegalen Absprachen, Korruptionen, Fälschungen, von Erpressung, Mord und Gegenmord und Gegengegenmord. Die Grenzen zwischen Camorra und Parteienstaat und Unternehmertum verschwimmen, lösen sich unter seinen Sätzen auf, dass es einen schwindelt. Auf den 368 Seiten entsteht ein Mahlstrom von Drogen, Blut, Zement und Müll, der sein Zentrum in der "Campania felix" hat und den Landstrich zermartert, Tag für Tag. Saviano weiß und schreibt.
Er sagt: "Nirgendwo sonst in der westlichen Welt lagert mehr illegaler Abfall und Giftmüll als hier. Das entspricht einem 14 600 Meter hohen Berg auf einer Grundfläche von drei Hektar. Es wäre der höchste Berg der Erde."
Die Camorra kauft Brachland für Deponien, kontrolliert die Müllabfuhr, maklert Giftmüll und beseitigt ihn diskret, wie sie Zeugen beseitigt. Die Camorra verdient, wenn sie den Industrien und Städten im Norden den Müll abnimmt, sie verdient am Transport, versenkt ihn im Meer oder stopft ihn in die Erde Kampaniens.
Geht das die Literatur an? "Gomorrha" hat einen neuen Neorealismus in der italienischen Literatur begründet. Die Autoren heißen Maurizio Braucci, Valeria Parrella oder Mario Desiati. Sie schreiben über Saisonarbeit, Zeitjobber oder über die neuen Italiener vom Balkan oder aus Afrika. Allen ist gemein, dass sie sich nicht zu schade sind, Protokolle zu studieren und Leute zu befragen. Und alle kommen aus Süditalien, jener Region, so Saviano, "wo wahr ist, was Geld einbringt, und das eine Lüge, was einen zum Verlierer macht".
In diesem von Gott verfluchten Land sind die Retter längst erschossen, gekauft, oder sie haben "dichtgemacht" - "Schweigen bis zum völligen Verstummen, sich in sich selbst verkriechen, um nicht mehr zu wissen, verstehen, handeln zu müssen".
Die Politik ist tot. Hoffnung geben allein die Wörter. "Der einzige Hoffnungsschimmer in dem Buch ist die Sprache", sagt Saviano. Die neuen Realisten sind die Enkel von Pier Paolo Pasolini: "Ich versuche, seinen Glauben an die Kraft der Worte zu übernehmen. Pasolini hat mir gezeigt, wie man an das literarische Wort glauben kann, als Hoffnung, nicht nur Zeugnis. Besonders, wenn man über Macht schreibt. Ich wollte nicht nur denunzieren, anklagen. Das wäre zu eng gewesen. Es gibt die Hölle, und es gibt die Schönheit, und man muss versuchen, beidem getreu zu bleiben. Wir wollen erzählen und sehen, was passiert. Es muss probiert werden. Paradoxerweise sind in Italien die Einzigen, die nicht an die Macht der literarischen Sprache glauben, die Schriftsteller. Sie wollen nur ein wenig unterhalten."
Seit einem Jahr lebt Saviano durch Leibwächter und Panzerung getrennt von dem, was vorher war. Er macht sich Vorwürfe, seine Familie nicht auf das, was kommen würde, vorbereitet zu haben. Das plötzliche Schweigen ringsum, die Blicke der Nachbarn. Die Taubheit des Bäckers beim Brötchenkauf. Sein Bruder habe Casal di Principe bereits verlassen.
Hat es sich gelohnt? Das Buch habe etwas verändert: "Früher wurde nur über die Mafia berichtet. Heute weiß man, was die Camorra ist. Die Namen der Familien sind bekannt. Wenn ich, wie geplant, nur 5000 Bücher verkauft hätte, müsste ich nicht unter Polizeischutz leben, weil ich keinem weh getan hätte. Jetzt haben sie Angst, weil die Aufmerksamkeit da ist."
Es gab eine Zuschrift, die Saviano in die Knochen gefahren ist. Es war der Brief eines Lesers. Aufgegeben in einem Hochsicherheitsgefängnis, unterzeichnet von dem Boss des La-Torre-Clans, und der Brief endete nicht mit freundlichen Grüßen. Im Gegenteil: "Drohungen", hieß es dort in aller Deutlichkeit, "Drohungen haben kein Verfallsdatum".
Wörter sind Waffen, auch auf der Gegenseite. ALEXANDER SMOLTCZYK
* Roberto Saviano: "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra". Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. Carl Hanser Verlag, München; 368 Seiten; 21,50 Euro.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 35/2007
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