27.08.2007

„Angst vor dem Erwachen“

Autor Saviano über die Mafia-Morde von Duisburg
Deutschland war schon immer ein lohnendes Investitionsziel - für die Mafia. Kaum ein italienischer Mafia-Boss, der sein Geld nicht in Deutschland angelegt hätte, in Textilien, Drogenhandel, Bau, Tourismus, Transportwesen.
Dass jetzt nicht nur investiert, sondern getötet wird, ist neu.
Die Mörder von Duisburg dürften dabei weder den Bossen der 'Ndrangheta noch der Camorra gefallen haben. Es war ein Massaker, das von einer einzigen Familie beschlossen wurde. Womöglich kämpften Strangios gegen Strangios, eine innere Angelegenheit von San Luca.
Mittlerweile ist Deutschland zu einem Territorium geworden. Wenn ein Gebiet zum Territorium wird, hat das für jemanden, der in bestimmten Teilen Italiens geboren wurde, eine ganz präzise Bedeutung.
Territorium ist nicht nur ein Gebiet, ein Land, eine Stadt, ein Staat, in denen man Geschäfte macht, sondern es ist ein Ort, der kontrolliert wird, in dem man Wurzeln schlägt. Das geschieht nun in Deutschland. Das Verbrechen betrachtet ein Territorium als das eigene, als gehörte es schon den Vätern, den alten Allianzen.
Betrachtet man das Blutbad von Süditalien aus, wird es zur vorhersagbaren Tragödie. Die deutsche Entrüstung darüber ist ein wenig blauäugig und ein wenig verlogen - denn Hinweise gab es reichlich.
Die Mafia ist längst in Deutschland. Es investieren die Clanmitglieder, die sogenannten 'Ndrine der Locride, es investieren die Clans von Secondigliano, es investieren die Männer der Casalesi. Dass Deutschland erst jetzt anfängt, dies zu begreifen, ist schwer zu erklären. Dutzende flüchtige Straftäter wurden bereits auf deutschem Boden festgenommen.
Deutschland war Aktionsgebiet eines Mannes wie Giuseppe R., in seinem Dorf als Peppe o'Padrino bekannt, der am 9. September 2003 verhaftet wurde. Dieser Mann, dessen Operationsgebiet zwischen Salzburg und München lag, war in der Lage, Dutzende Bauunternehmen zu leiten. Er war verwickelt in die ehrgeizigsten Projekte der Camorra-Clans in Deutschland. Alessandro N. zum Beispiel, ein Mann des Mafia-Bosses Francesco Schiavone, genannt Sandokan, wurde erst im November letzten Jahres in Frankfurt verhaftet.
Mittlerweile fließt das Kokain nicht mehr von Italien nach Deutschland, sondern umgekehrt. Mittels Autokurieren, die das Kokain nach seiner Ankunft von den deutschen, holländischen und spanischen Häfen abholen. Der deutsche Kokainmarkt befindet sich in starker Expansion.
Während das Heroin einstmals von den Sizilianern der Cosa Nostra sowie von Türken und Pakistanern geliefert wurde, ist Kokain nun kalabrisch oder neapolitanisch. Die Allianz zwischen den beiden Mafia-Organisationen existiert bereits: Es genügt zu wissen, dass der Hafen von Salerno in Kampanien dank der Camorra auch der 'Ndrangheta zur Verfügung steht. In Deutschland hat sich diese Zusammenarbeit in unerhörter Weise verfestigt. Und es ist in Deutschland, wo die beiden am wenigsten bekannten, doch gleichwohl mächtigsten Mafia-Organisationen eine Allianz geschlossen haben.
Europol erklärt, dass nach dem Massaker von Duisburg die Beziehungen zwischen den Neapolitanern und den Kalabriern Risse bekommen könnten, denn den neapolitanischen Bossen gefällt diese plötzliche Aufmerksamkeit überhaupt nicht. Neapolitaner und Kalabrier haben sich in Leipzig in der Nähe der Thomaskirche, der Kirche, in der einst Johann Sebastian Bach wirkte, zu Beratungen getroffen.
Die Landkarte der Clans ist sehr einfach zu rekonstruieren. Die Camorra rühmt sich einer bereits mehr als 20jährigen Präsenz. Sie ist in München tätig, in Düsseldorf, in Dortmund und in Freiburg.
Die ganze Situation hat ein Ausmaß erreicht, das nur noch schwer einzudämmen ist. In Wirklichkeit hat Deutschland eine panische Angst davor, aufzuwachen und zu erkennen, wie sehr es schon Italien ist.
Was tun? Die Deutschen italienischer Herkunft und die neuen italienischen Einwanderer in Deutschland sind in Wirklichkeit die einzige echte Kraft gegen die Mafia. Gerade weil sie die Mechanismen der Mafia kennen, können sie sie aufspüren und anzeigen. Die Tragödie besteht darin, dass das Massaker von Duisburg trotz seiner Abscheulichkeit bis heute eine harmlosere Tat der Mafia in Deutschland ist. Es ist eine blutige Auseinandersetzung innerhalb einer Familie, das ist alles. Weit gefährlicher ist die Art, mit der die Mafia bereits den deutschen Markt durchsetzt hat, zum Beispiel, wenn es um die Vergabe öffentlicher Aufträge geht.
Die Mafia hat keine Farbe. Sie ist nie in der Opposition. Nur ab und zu lassen sich Verbindungen zwischen der Politik und den kriminellen Organisationen erkennen, zum Beispiel als ein CDU-Politiker von einem Pizzabäcker in Stuttgart, einem Mann der 'Ndrangheta, unterstützt worden war.
Der deutschen Regierung kommt heute im Rahmen der europäischen Gemeinschaft die Verantwortung zu, das Problem der Mafia als eine europäische und nicht nur italienische Priorität anzuerkennen. Was Italien nicht gelang, muss und wird nun Deutschland tun. Die Macht der italienischen kriminellen Organisationen hat ihre Territorien überall, in Madrid und Mailand, in London und Berlin. Ihr Territorium ist der Globus - da ist keiner ausgeschlossen.
© 2007 by Roberto Saviano
Von Roberto Saviano

DER SPIEGEL 35/2007
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