27.08.2007

SYSTEMTHEORIEOperieren im Dunkeln

GEISTESGRÖSSEN (VI): Im „Jahr der Geisteswissenschaften“ stellt der SPIEGEL in einer Serie herausragende Wissenschaftler und deren Arbeit vor. Der Soziologe Dirk Baecker, 52, versucht mit den Methoden des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Niklas Luhmann (1927 bis 1998), die Rätsel der Kommunikation zu erklären. Dabei nähert er sich den Ideen der Romantik.
Die Reise zum Verstehen der Systemtheorie ist beschwerlich, doch sie ist unerlässlich, weil sie uns hilft, die Struktur der Welt zu begreifen. Ihr Schöpfer, der vor neun Jahren verstorbene Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann, wurde zu Recht mit der Jahrhundertfigur Max Weber verglichen. Er hat eine fundamentale Erkenntnis geliefert: Ob es die Liebe ist, die Wirtschaft, die Kunst, das Recht, die Wissenschaft, die Politik oder ob es die Medien sind - die Subsysteme, aus denen die Welt besteht, haben ihre eigene Logik, ihre eigenen Reaktionsweisen und Geschwindigkeiten.
Die Einheit der Gesellschaft, so beschrieb es Luhmann, ist eine Illusion. Die Subsysteme haben eine systemeigene Ignoranz gegen die äußeren Zumutungen von Moral, Ethik und Gutmenschentum. Luhmann war Skeptiker. Wer die Welt verstehen will, sollte ihn ebenso kennen wie der, der sie verändern möchte.
Bis kurz vor seinem Tod hat Luhmann so rastlos viel publiziert, dass seine Schüler noch immer mit dem Verstehen, Durchdringen und Präzisieren seiner Theorien beschäftigt sind.
Der Soziologe Dirk Baecker, 52, ist einer der interessantesten und fruchtbarsten Weiterdenker der Systemtheorie. In "Form und Formen der Kommunikation" gewährt er eine Gnade, die Theoretiker nicht überreichlich gewähren. "Ein Beispiel kann deutlich machen, was gemeint ist", heißt es bei ihm. Baecker erklärt am Tourismus, wie unerbittlich eigensinnig ein soziales System funktioniert. Es geht nur um das Funktionieren, nicht um ontologische Beschreibung. Was Tourismus eigentlich ist, will die Systemtheorie nicht beantworten.
Der Luhmann-Schüler führt sein Argument am Phänomen "Mallorca" vor. Er interessiert sich dabei für Beaches, Bäuche und Ballermann nur unter einem einzigen Aspekt: wie darüber kommuniziert wird. Man redet, schwärmt, staunt, spinnt und entscheidet als Tourist nach einem festgelegten kommunikativen Muster. Man kommuniziert nicht wie ein Eroberer, analysierender politischer Gutachter oder Einwanderungskandidat.
Man argumentiert als Tourist. So erkennt einen auch die Umwelt, das Gastland.
Das System grenzt an Kommunikationswelten, die nicht touristisch sind und die sich durch noch so große Binnendifferenzierung nicht für den Tourismus ausnutzen lassen. Ausflüge auf Bauernhöfe, in Töpferwerkstätten und auf Schönheitsfarmen sind durchaus touristisch erschlossen, während man in Schulen, Gefängnissen und Vorstandsetagen keinen Urlaub machen kann, weil dort auf touristische Erwartungen nicht geantwortet wird.
Innerhalb seiner Grenzen reagiert das System Tourismus komplex und äußerst kreativ, wie Baecker zeigt. Gäste erwarten Hotels, Gastländer bauen Hotels, und zwar solche, von denen sie meinen, dass sie von den Touristen erwartet werden. Die Touristen erkennen, dass im Gastland Hotels gebaut wurden, die ihren ersten Erwartungen entsprechen, und bilden angesichts dieser erfüllten Erwartungen neue Erwartungen.
Kulturell unersättliche Urlauber wollen nun in Hotels hausen, die den alten touristischen Erwartungen bewusst widersprechen. Oder sie sind - angesichts zugebauter Flächen - die Hotels überhaupt leid, favorisieren Finca, Zelt oder Wohnwagen oder fliegen abends gleich wieder zurück.
Traditionelle Bettenburgbürger, ästhetisch anspruchsvollere Hotelliebhaber und Hotelverweigerer - das Kommunikationssystem hat die Erwartungen der Urlaubergruppen eigentätig differenziert. Es hat auf Erwartungen reagiert und dadurch immer neue Erwartungen erzeugt. So erfindet Kommunikation modernes Leben.
Sogar die Kritik am Tourismus wird zum Bestandteil des Tourismus, die Systemtheorie kann das erkennen. Wer als kritischmoralischer Mensch angesichts der Umweltzerstörung durch Fremdenverkehr verzweifelt, kann seine Klage ziemlich folgenlos herausschreien. Das Kommunikationssystem Tourismus, zeigt Baecker, lenkt den Weltschmerz auf seine spezifische Weise um und empfiehlt statt Verzweiflung eine andere kreative Unterkunft. In Nischen beispielsweise, auf ökologisch einwandfreien Inseln der Harmonie mit der Natur.
Die Systemtheoretiker gleichen Luftschiffern. Sie entdecken, wie sich Elemente zu Kommunikationssystemen organisieren und dann ein Eigenleben beginnen.
Was nützen solche feinsinnigen Glasperlenspiele? Sie lehren, dass die Welt komplizierter ist, als es sich die ersten Kybernetiker vorstellten, die nach dem Zweiten Weltkrieg über "Signaltheorie" nachdachten. Einer Rakete ihr Ziel durch Abstandsmessung und Flugkorrektur zu erklären ist primitive Höhlenmalerei im Vergleich zu dem, was passiert, wenn ein Bewusstsein mit einem anderen Bewusstsein komplex kommuniziert.
Kommunikation ist mehr als eindeutige Übertragung von Signalen. Wer etwas sagt, vermittelt einem anderen neben seiner Aussage auch einen bestimmten Selektionsaspekt, auf den der Empfänger reagiert. Das sind Komplexionsebenen, die die Hirnphysiologie kaum erfasst - da sind Kommunikationstheoretiker wie Baecker gefragt.
Als moderne Erbin der Romantik weiß die Systemtheorie, dass Verstehen ein Operieren im Dunkel der Geheimnisse ist. Der Mensch ist sich und füreinander ein Rätsel, mit dem die Wissenschaft umgehen muss. Luhmann analysierte bereits, paradoxieverliebt, die Liebe als "Kommunikation des Nicht-Kommunizierbaren", für Baecker ist die romantische Formel von "einem Unbestimmten, aber Bestimmbaren" (Baecker) der Kompass. Anders als der naturwissenschaftlich geprägte Positivismus geht die geisteswissenschaftlich inspirierte Systemtheorie das Problem des Verstehens von seinem Scheitern her an.
Die Systemtheorie hatte zunächst bei vielen keinen guten Ruf. Luhmann galt zuzeiten als Zyniker und Verkünder einer kalten Moderne. Für Ethik und Moral gab es bei ihm keine Verwendung. Eine ethische Ökonomie kam ihm lächerlich vor. In der Wirtschaft heißt es Zahlen oder Nichtzahlen, sonst nichts. Und der Mensch? Er schien bei Luhmann zum (störenden) Umfeld des Systems zu werden, lästige Bremse, wenn ein System mit sich selber verkehrt.
Das Verdienst von Baecker, der als Soziologieprofessor an der Universität Witten/Herdecke lehrt, ist es, den Menschen samt seinen Abgründen wieder in die Theorie integriert zu haben. Auch dies eine romantische Revitalisierung des Luhmann-Denkens. An Personen können Erwartungen adressiert werden, aber an ihnen auch scheitern, an den Abgründen der Menschen.
Baecker hat die Formen der Kommunikation in eine Liste von mathematischen Gleichungen gebracht und rühmt sich, auf diese Weise eine umfassende Theorie aufgestellt zu haben. Er durchlebte den typischen Bildungsroman seiner Generation. In der Schule hatten ihn Texte von Adorno fasziniert, "weniger wegen des Inhalts, sondern der Denkkraft". Nach dem Abitur wollte der Düsseldorfer dorthin, wo man sich mit solchen Texten beschäftigen würde.
Aber erst mal studierte Baecker auf Anraten des Vaters ganz ordentlich Soziologie in Köln, ging für ein Jahr nach Paris und ließ sich dort begeistert auf den Strukturalismus der Franzosen ein. Dann verlangte es Baecker nach deutscher Ordnung.
Die fand er in Bielefeld bei Luhmann. Baecker erinnert sich an dessen kommunikative Sprödigkeit. Es muss ein Gesetz geben, dass die Erforscher der Kommunikation zu Gesprächsstörungen neigen. Baecker, der Rheinländer, litt und leidet an dieser Krankheit nicht, knüpfte den Kontakt zum Großmandarin, und es entstand ein gemeinsames Suhrkamp-Buch zur Theorie der Marktwirtschaft.
Baecker, der gerade einen Ruf auf den Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse an der Zeppelin University in Friedrichshafen angenommen hat und nebenbei auch an einer systemischen Managementlehre arbeitet, lässt sich in weiteren Forschungsprojekten von einer Spekulation Luhmanns leiten, wonach die Einführung des Computers eine ähnliche mediale Revolution auslösen werde, wie es der Buchdruck tat.
Er will erforschen: Was wird im Computerzeitalter aus der Autorität der Quelle? Was passiert, wenn der Rechner zur zentralen Waffe des Militärs wird? Was wird aus dem Arztberuf, wenn gutgefütterte Diagnosecomputer am Krankenbett stehen?
Baecker: "Wir reden, um immer mehr von dem zu verstehen, von dem wir gleichzeitig immer weniger verstehen. Wir reden, um einen Teppich auszubreiten, über den wir dann laufen können und unter dem wir die Welt vermuten. Wir reden nicht, um etwas herauszufinden, sondern um etwas auszuprobieren. Zu hören, wie es klingt, am Klang zu erkennen, was wir eventuell noch meinen, und am Gegenüber zu erleben, wie weit das reicht."
Die Romantik mit ihrer Vermutung vom Lied hinter allen Dingen hätte es kaum schöner ausdrücken können.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 35/2007
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