27.08.2007

Heute mal keinen Mist bauen

Nahaufnahme: Das Modegeschäft Kitson und Paris Hilton sorgen in Beverly Hills dafür, dass jeder aussehen kann wie ein Star.
Scott Enyeart ist Footballtrainer aus Santa Ana bei Los Angeles, er ist massig, 120, 130 Kilo vielleicht, und kann sicher einiges aushalten. Doch inzwischen steht er seit siebeneinhalb Stunden in einer immer größer werdenden Menschentraube vor der Boutique Kitson in Beverly Hills. Schweiß dringt unter Scotts Schirmmütze hervor, läuft über die Stirn bis hinunter auf das Doppelkinn. So gegen neun Uhr kam die Sonne raus, das war vor bald fünf Stunden, seitdem brät Scott hier, die Temperatur ist auf über 30 Grad gestiegen, aber er kann seine Stellung unmöglich verlassen. "This is nuts", sagt er. Das ist Wahnsinn. Warum tut er sich das bloß an?
Um sich dessen zu versichern, muss er sich nur umdrehen. Hinter ihm, kaum noch sichtbar vor lauter mit Handy-Kameras wedelnden Menschen und brüllenden mexikanischen Sicherheitskräften, ist auf der Schaufensterscheibe ein Schriftzug zu lesen: "Paris Hilton - the world's most talked about celebrity for the world's most talked about shop."
Wahrscheinlich ist diese Behauptung noch nicht einmal übertrieben. Tatsächlich lässt sich sagen, dass die momentan sagenhafteste Frau der Welt in diesen Minuten im momentan sagenhaftesten Geschäft der Welt erwartet wird. Paris Hilton war vergangenes Jahr die am häufigsten gegoogelte Person des Planeten, und das Geschäft Kitson in Beverly Hills ist deswegen so spektakulär, weil es wie kein anderes das "Star-Cloning" zum Prinzip erhoben hat. Hier - das ist nicht nur wöchentlich in den Illustrierten, sondern auch auf Fotos im Laden dokumentiert - kaufen tatsächlich die vier berüchtigsten jungen Mädchen der Welt ein: Lindsay Lohan, Nicole Richie, Britney Spears und Paris Hilton.
Wer aussehen möchte wie sie, wer gern die gleichen viel zu großen weißen Plastiksonnenbrillen tragen will, die gleichen viel zu kleinen goldenen Bikinis, die gleichen Röhrenjeans - der bekommt sie hier. Kitson ist das Geschäft einer Zeit, in der das Leben von Berühmtheiten nicht nur komplett nachgelesen, sondern auch nachgestellt werden kann.
Die Billigmodekette H&M hatte voriges Jahr damit begonnen, das Aussehen von Pop-Ikonen für die Massen zugänglich zu machen. Es gab den Trainingsanzug von Madonna und die Badekollektion von Kylie Minogue. Kate Moss ließ ihre Kleidung von der britischen Modekette Topshop kopieren - das Aussehen der Stars sollte billig und damit demokratisiert werden.
Dass nun Paris Hilton für Kitson ein paar sehr gewöhnlichen Kleidern, T-Shirts und Jeans ihren Namen geliehen hat, treibt diese Demokratisierung auf die Spitze. Wer in den vergangenen Wochen bei Kitson einen Gutschein für 100 Dollar gekauft hat, besitzt nun das Recht, in dieser Schlange zu stehen und später, wenn Paris angekommen ist, vielleicht hineinzukommen in den Laden und - ganz im Ernst! - eine persönliche Stilberatung durch Paris zu erfahren.
Deswegen hat sich der Footballtrainer Scott schon um sechs Uhr morgens vor dem Geschäft angestellt, und in den vergangenen knapp acht Stunden ist lediglich Folgendes passiert: Ein roter Teppich wurde ausgerollt, sieben Polizeiwagen sind angekommen, zwei Dutzend Kamerateams und ein Helikopter. Die Polizei hat die Straße gesperrt, und inzwischen windet sich die Menschenschlange bis zum nächsten Häuserblock. Für ein Uhr wurde Paris angekündigt, das war vor fast einer Stunde. Sie schlafe eben gern aus, sagt Scott.
Außerdem behauptet Scott, er könne für jeden Tag der vergangenen zwei Wochen benennen, was Paris wann und wo gemacht hat. Die letzten beiden Tage hat er vor Paris' Haus in West Hollywood verbracht - "1467 Kings Road", kommt die Adresse wie aus der Pistole geschossen -, und einmal, vorgestern Abend, habe er sie auf der Veranda lachen hören.
Vor einigen Jahren noch hätte man jemanden wie Scott wohl als Stalker verurteilt, als jemanden, der anderen Menschen nachstellt. Einige Prominente führten Prozesse gegen ihre Verfolger, doch diese neue Generation von Stars tut das Gegenteil: Paris, Lindsay, Britney und Nicole gründen ihre Berühmtheit darauf, dass sie einfach nur da sind und Leute wie Scott an ihrem Leben teilhaben lassen.
Natürlich müssen die Mädchen, damit es Scott und den Millionen anderen nicht langweilig wird, ständig Unfug machen: betrunken Auto fahren (Paris, Lindsay), Auto verschrotten (Lindsay), die Scham entblößen (Paris, Britney, Lindsay), mager- oder drogensüchtig werden (Nicole, Lindsay), ins Gefängnis kommen (Paris, Nicole). Hilton ist die Anführerin dieser Gruppe; doch Lindsay Lohan hole stark auf, sagt Kathleen, eine Angestellte von Kitson. "She is messing up more", sie baue eben mehr Mist.
Paris Hilton hat sich entschieden, an diesem Tag in Beverly Hills keinen Mist zu bauen (ein paar Tage vorher allerdings war ihr bei Surfversuchen mal wieder der Bikini verrutscht. Scott hat Fotos dabei). Mit einstündiger Verspätung steigt sie aus einem schwarzen Jeep. Sie trägt ein goldenes Paillettenkleid aus ihrer Kitson-Kollektion, ihre Hand knickt beim Winken schlaff nach hinten, dazu das Pekinesenlächeln.
Scott, der Footballer, schafft es als einer der Ersten, sich hinter Paris ins Geschäft hineinzurammen. Plötzlich steht er ihr gegenüber. Der Star scheint kurz verwirrt, dann umarmt Paris den massigen, schwitzenden Koloss. Sie sagt: "In meiner Kollektion gibt es nur Mädchenkleider, die passen dir nicht." Scott überlegt. Dann fragt er nach einem T-Shirt für seine Mutter. PHILIPP OEHMKE
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 35/2007
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