03.09.2007

Sauerei mit System

Wie in Ostwestfalen aus normalen Mastschweinen im großen Stil Bioprodukte wurden
Wäre dieser Streit ums Geld nicht gewesen, liefe vielleicht alles weiter wie bisher. Dann wäre Ulrich F. noch Bioland-Bauer, würde weiter Ferkel züchten und Schweine mästen, sie zum Schlachthof fahren und "Bio"-Schweine bezahlt bekommen. Ulrich F., der vertrauensvolle Bioland-Experte für ökologisch saubere Tierhaltung.
Wäre der Streit ums Geld nicht gewesen, hätte Anton G. weiter den Mund gehalten. Vielleicht hätte dann niemand etwas gemerkt vom Schweine-Schwindel in Ostwestfalen.
Doch weil sich G. irgendwann von seinem Geschäftspartner F. wegen angeblich unbezahlter Rechnungen für gelieferte Schweine "so richtig verarscht" fühlte, reifte der Streit zur schmutzigen Fehde. Im November 2006 griff G. dann zum Telefon und alarmierte die Geschäftsstelle der Naturland Marktgesellschaft in Bonn.
Kern seiner Skandal-Beichte: Er habe Ulrich F. in den Jahren 2005 und 2006 mehrere hundert konventionelle Schweine verkauft, die dieser dann als "Bio"-Schweine weitervermarktet habe.
G. nennt sich selbst gern einen "dummen Bauern". Aber er weiß Bescheid: über stinknormale Sauen, die angeblich in Bioställe getrieben wurden, von Ohrenmarken, die ausgetauscht worden seien, und von einer Ladung Schweine, die direkt von seinem konventionellen Hof als Bioschweine zu einem Schlachtbetrieb in Unna geliefert worden seien.
Welche dieser Vorwürfe gegen Ulrich F., dessen Frau, zwei Töchter sowie einen befreundeten Nachbarn zutreffen, muss sich nun herausstellen. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittelt wegen Betrugs. Naturland-Chef Steffen Reese spricht bereits vom "schlimmsten Verdachtsfall in der Geschichte der Verbände".
Neben dem zuständigen nordrheinwestfälischen Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz hat auch der Verband Bioland Strafanzeige erstattet. Es bestehe der Verdacht, heißt es im Text der Anzeige, dass F. "'konventionelle Schweine' als 'Öko-Schweine' veräußert und damit seine Abnehmer getäuscht hat".
G.s Geschichte ist in diesem Verfahren nur ein kleines Steinchen in einem immer größer werdenden Mosaik. Denn F. soll zu mindestens zehn Viehhändlern Kontakt gehabt haben, von denen er konventionelle Tiere dazugekauft haben könnte.
Schlimmer noch: Es sieht so aus, als seien nicht einmal die Schweine, die tatsächlich von den verschiedenen zertifizierten Biohöfen der Familie F. stammten, wirklich "bio" gewesen: Auf den Höfen wie auch in zahlreichen dazugepachteten Ställen im weiten Umkreis wurden sowohl unerlaubte Betriebsmittel und Medikamente gefunden als auch Hinweise, dass F. in großem Umfang normales Viehfutter gekauft und verfüttert haben könnte.
Mehrere tausend konventionell gemästete Schweine und Ferkel sollen so als Bioschweine in den Handel gekommen sein. Mindestens 250 000 Euro Preisvorteil könnten sich die Beschuldigten erschlichen haben, schätzt die Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen beschränken sich dabei bislang auf die Jahre 2005 und 2006; Bioland-Mitglied war F. bereits seit 2000.
Die zuständigen Zertifizierungsstellen suchen nun nach Erklärungen. Bei den jährlichen Kontrollen waren keine Abweichungen von der EU-Öko-Verordnung festgestellt worden. Bei der Naturland-Kontrollstelle IMO heißt es, die Jahreshauptprüfung 2006 sei auf dem betreffenden Betrieb zweimal ausgefallen - so etwas passiere schon mal.
Ulrich F. bestreitet alle Vorwürfe. Sein Hof liegt am Rande eines kleinen Städtchens in Ostwestfalen. Vom Münsterländer Gutshaus-Chic ziemlich weit entfernt, bröckelt hier grauer Putz von der Fassade. Nebenan die Tischlerwerkstatt, die F. mal betrieben hat, dahinter, zwischen den Resten einer Maschinenhalle, ein paar Schweine auf Mist und Stroh.
F. ist kein Bio-Überzeugungstäter. "110 Mark gab es damals pro Ferkel - das war uns Anreiz genug", sagt er. Im Jahr 2000, als er wegen seiner Rückenprobleme die Tischlerei verpachtete und zum Vollzeitlandwirt wurde, seien die konventionellen Fleischpreise gerade im Keller gewesen. Deshalb wurde er Bioland-Mitglied.
"Ökos waren wir nie, so sind wir nicht", erklärt seine Frau. Auch die 21-jährige Tochter, die den Eltern beim Ferkel-Kastrieren hilft, hat trotz Ausbildung auf einem Biobetrieb keine Leidenschaft für die Öko-Nische entwickeln können: "Das Misten ist zu viel Arbeit, und die Verbote nerven: Darfst nicht spritzen, darfst dies nicht, darfst das nicht." Sie selbst habe
deshalb eine konventionelle Mast aufbauen wollen.
Diese Tochter war es, an die konventionelle Tiere und Futtermittel geliefert wurden, behauptet auch Ulrich F. Die Ermittlungsbehörden vermuten jedoch, dass ihr Betrieb als Schleuse in das familiäre Netzwerk aus Biobetrieben gedient haben könnte.
Hinweisgeber G. präsentiert Durchschläge von Quittungen: "Schweine wie bestellt" ist darauf vermerkt. Unter Lieferanschrift habe er den Namen der Tochter eintragen sollen. Die Geschäfte seien jedoch zwischen ihm und Ulrich F. abgewickelt worden: "Er kam meist selbst, um die Tiere abzuholen und zu bezahlen."
Gleich nach Beladen des Sportpferde-Transporters habe sich F. an die Verwandlung der Schweine gemacht: Mit einer Kneifzange habe er die Ohrenmarken ausgetauscht und den Tieren mit einem Schlageisen die Nummer seines Betriebs aufgebrannt.
Einige Male, so G., habe er auch selbst bestellte Tiere auf den Bioland-Hof von Ulrich F. geliefert: "Er gab mir Anweisung, die Schweine dort in den Gang des Biostalls laufen zu lassen."
An einem Sonntagabend im Januar 2006 habe er selbst einen Transport direkt von seinem Hof zur Schlachterei FVV Jedowski in Unna begleitet, an einem Abend, an dem dort nur Bioschweine zur Schlachtung am nächsten Morgen abgeliefert wurden.
Der Geschäftsführer der Bioland-Kontrollstelle Abcert, Friedrich Lettenmeier, gibt sich angesichts des schon jetzt bekannten Ausmaßes des Skandals zerknirscht: "Einiges hätte einen misstrauisch machen müssen. Das war keine Ruhmestat." JULIA BONSTEIN
Von Julia Bonstein

DER SPIEGEL 36/2007
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