03.09.2007

CSURempeln und raufen

Der Intrigantenstadl geht weiter: Noch ehe der neue Ministerpräsident Günther Beckstein im Amt ist, bringen sich seine möglichen Nachfolger in Position.
CSU-Generalsekretär Markus Söder lobt gern andere, um sich selbst zu loben. Das wirkt elegant und verschafft gleich doppelt Freude: den Gelobten und Söder selbst.
Am vergangenen Mittwoch gab es für Söder wieder viel Grund zum Lob. In der Parteizentrale schritt er eine Reihe von Fotoporträts der bisherigen Generalsekretäre ab. Einige wurden Ministerpräsidenten wie Franz Josef Strauß, Max Streibl oder Edmund Stoiber. Sie alle hätten "hervorragende Eigenschaften, die sie zu Höherem befähigen", gezeigt, sagte Söder.
Das schmeichelhafte Urteil galt natürlich auch dem Mann auf Bild 13. Es zeigt den strahlenden gegenwärtigen Amtsinhaber, Söder selbst. Er fühlt sich zu Höherem befähigt. Welche Aufgabe ihn reizen würde, ist auch bekannt: das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten.
Erst einmal ist allerdings Innenminister Günther Beckstein am Zug. Anfang Oktober soll er Edmund Stoiber ablösen. Doch die Spitzenpolitiker der CSU beginnen schon jetzt damit, um die beste Startposition für die Zeit nach Beckstein zu rangeln.
Die Partei, die in den vergangenen 40 Jahren mit nur drei Vorsitzenden und vier Ministerpräsidenten ein Muster an personeller Beständigkeit war, ist von der Lust am Machtkampf gepackt. Nach den Jahren der Alleinherrschaft Stoibers agieren die Führungsfiguren der CSU so, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich ungehemmt rempeln und raufen zu können.
Beckstein ist daran nicht unschuldig. Im Januar, kurz nach dem Sturz Stoibers, sprach er in einem Interview ganz offen über seine Zukunft. Er verkörpere keinen Generationswechsel, sagte er. Wenn man ihn als Mann des Übergangs bezeichne, "dann sage ich: Jawohl", fügte er hinzu.
Die Mächtigen in der CSU sind entschlossen, ihn beim Wort zu nehmen. In Gesprächen wird gern darauf hingewiesen, dass der 63-jährige Beckstein vor zwei Jahren einen Hörsturz erlitten habe und seither unter Tinnitus leide. "Er sieht zurzeit nicht so gut aus", ist ein häufig gehörter Satz, meist in sorgenvollem Ton vorgetragen.
Während Söder, 40, seine Ambitionen mit für ihn ungewohnter Zurückhaltung nur andeutet, bekämpfen sich Kultusminister Siegfried Schneider, 51, und Fraktionschef Joachim Herrmann, 50, ganz offen. Herrmann galt lange als möglicher Nachfolger Stoibers. Dessen jäher Sturz hat seine Karrierepläne über den Haufen geworfen. Er will nicht noch eine Gelegenheit verstreichen lassen, an die Spitze vorzurücken.
Schneider war der Mann, den Stoiber vor seinem Sturz zum Nachfolger aufbauen wollte. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Vor zwei Monaten aber wurde er zum Chef des mächtigsten CSU-Bezirks Oberbayern gewählt. Er gilt als Herrmanns schärfster Konkurrent.
Anfang August ließ der Bildungsminister Sympathien für ein bundeseinheitliches Zentralabitur erkennen. Herrmann nahm die Vorlage dankbar auf. Es müsse Schluss sein mit "diesem zentralistischen Einheitsgeschrei", forderte er. Das war selbst für CSU-Verhältnisse deftig.
Eine Woche später kam die Gelegenheit zur Revanche: Herrmann verlangte eine Verkürzung der bayerischen Sommerferien um zwei Wochen, um die hohe Unterrichtsbelastung der Schüler zu vermindern. Schneider fertigte ihn kühl ab. Er sehe keinen Bedarf, erklärte er und sprach von einer "unnötigen Debatte". Damit war das Thema erledigt.
In der Parteispitze ist man überrascht darüber, wie ruppig die beiden jetzt schon zur Sache gehen. "Dass sie Konkurrenten sind, ist klar, aber ich hätte etwas mehr Zurückhaltung erwartet", sagt ein CSU-Spitzenpolitiker. Zumal sich Herrmann und Schneider bei einem Treffen im Juli versprochen hatten, keine Auseinandersetzung um Posten zu führen. Darüber solle erst nach dem CSU-Parteitag Ende September geredet werden.
Doch die Sorge, der andere könne vorbeiziehen, ist stärker als die guten Vorsätze. Herrmann will Fraktionschef bleiben, Schneider werden Ambitionen auf denselben Posten nachgesagt. Der Fraktionschef spielt bei der Wahl des Ministerpräsidenten eine wichtige Rolle.
Söder versucht, nicht ganz uneigennützig, den Führungsstreit herunterzuspielen. Obwohl Beckstein sich bislang nur darauf festgelegt hat, bei der kommenden Landtagswahl 2008 ins Rennen zu gehen, sagt der Generalsekretär: "Ich glaube, dass Beckstein auch bei der Landtagswahl im Jahr 2013 wieder antritt." Aus seiner Sicht wäre das die beste Lösung.
Der oft lärmig auftretende Parteimanager benötigt noch Zeit, um ein ernsthafter Anwärter auf den Posten des seriösen Landesvaters zu werden. Er will, dass sein eigener Stern hell strahlt. Erst dann darf Beckstein stürzen. RALF NEUKIRCH,
CONNY NEUMANN
Von Ralf Neukirch und Conny Neumann

DER SPIEGEL 36/2007
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