03.09.2007

PARTEIENReine Lehre

Die Linke in Hessen hat einen bekennenden Kommunisten zu ihrem Spitzenkandidaten gewählt - zum Ärger von Oskar Lafontaine, zur Freude von Roland Koch.
In Marburg, spottete der Frankfurter Autor Matthias Altenburg schon vor zehn Jahren, gebe es noch Birkenstockschuhe mit Biologiestudentinnen dran, die "Emma" lesen - "und richtige Kommunisten".
Letzteres stimmt bis heute. Im Hinterzimmer einer Marburger Altstadtkneipe sitzt Peter Metz, genannt Pit. Er trägt eine runde Brille mit einem Metallgestell, wie es in den achtziger Jahren modern war, neben ihm liegt seine 31 Jahre alte, abgewetzte Leder-Aktentasche mit vielen politischen Papieren drin. Er war von 1976 bis 1996 Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), und kürzlich diktierte er Journalisten in die Blöcke, dass er sich "immer noch als Kommunisten" betrachte. Seit einer Woche ist er Spitzenkandidat der Linken für die Landtagswahl in Hessen.
Metz, 54, nippt am Bierglas, lehnt sich zurück. Am Mittwochabend, drei Tage nach dem Landesparteitag in Frankfurt am Main, will er sein Kommunismus-Bekenntnis "eigentlich nicht weiter vertiefen". Er sagt, dass ihn "der ganze Wirbel" überrascht habe, den seine Wahl und seine Äußerungen auslösten. Und seine Partei will nun sichergehen, dass solche Überraschungen sich nicht wiederholen: Für das Gespräch mit dem SPIEGEL hat die Frankfurter Linken-Zentrale extra den Landesvorsitzenden Ulrich Wilken zu Metz in die mittelhessische Universitätsstadt geschickt.
Man kann das als Beleg werten, wie unglücklich die Parteiführungen in Hessen und in Berlin mit ihrem neuen Spitzenmann sind. Schließlich war Lafontaine eigens auf dem Frankfurter Parteitag erschienen, um die Basis auf große Aufgaben vorzubereiten - eine Regierungsbeteiligung in einem westdeutschen Flächenland: "Die Linke will keine Mandate der Mandate wegen, sondern einen Politikwechsel", rief der Parteichef und nannte Ziele wie den Atomausstieg und die Rücknahme der Studiengebühren, die auch Hessens SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti unterschreiben könnte.
Zum Spitzenkandidaten für die Wahl im Januar hatten die führenden Genossen in Frankfurt und Berlin eigentlich den einstigen DGB-Landesvorsitzenden Dieter Hooge, 63, auserkoren. An dem ehemaligen SPD-Mann würden die Vorwürfe abprallen, die Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), alarmiert durch eine rot-rotgrüne Umfrage-Mehrheit bei der Sonntagsfrage, derzeit bei jeder Gelegenheit gegen die Linken abschießt: Diese Melange aus ehemaligen SED-Leuten und Marburger Altlinken sei mitverantwortlich für Mauerbau und Schießbefehl.
Dann aber kam Pit Metz. Er ist ein freundlicher Mann mit angenehm tiefer Stimme - und ein scharfzüngiger Redner. Im Marburger Stadtparlament, wo er Chef der fünfköpfigen Linken-Fraktion ist, wird der als Betriebsrat freigestellte Pädagoge vom Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer häufig gerügt, weil ihm allzu derbe Ausdrücke für politische Gegner durchrutschen. Seit Metz die Linksfraktion führe, sagt der SPD-Mann Löwer, sei es schwieriger geworden, fraktionsübergreifende Absprachen und Kompromisse zu treffen. Metz beharre oft auf der "reinen Lehre" und liebe "rein symbolische Aktionen" wie Solidaritätsbekundungen.
Auch in Frankfurt gab Metz den Fundi-Sozialisten: In den Landtag sollten die Linken nur "als Opposition gehen", widersprach er Lafontaine. Zum Thema Schießbefehl fiel ihm die Bundeswehr in Afghanistan ein, nicht die Berliner Mauer. Der Applaus kam von vielen Linken aus ländlichen Regionen, denen die Kandidaten-Vorschlagsliste des Parteivorstands viel zu Frankfurt-lastig war. Bei der Abstimmung siegte Metz dann klar über Hooge - und die Provinz über die Metropole.
Kurz darauf frohlockten Roland Kochs CDU-Leute intern über den nun noch viel besser angreifbaren Gegner. Auch der potentielle Koalitionspartner ging auf größte Distanz: Die Metz-Wahl zeige, dass sich "die alte DKP nur ein neues Türschild montieren lassen hat", schimpfte die SPD. Und die Berliner Parteizentrale der Linken, besorgt um den schon greifbar geglaubten Einzug in den Wiesbadener Landtag, rang sich gequälte Erklärungen ab wie: Das sei doch nur "eine Personal- und keine Richtungsentscheidung" gewesen.
Metz hat inzwischen begriffen, dass der Spitzenkandidat einer Landespartei nicht so reden kann wie ein Kommunalpolitiker in Marburg: "Es wird alles verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen", klagt er. Dabei sei er "weder Stalinist noch Gesetzesbrecher", er habe "nicht einmal eine Hauswand beschmiert".
Aus der DKP sei er 1996 "aus Überzeugung" ausgetreten, sagt Metz, "das war ein bewusster Bruch in meiner Biografie". Parteichef Wilken, der neben ihm sitzt, greift erleichtert zum Bier. Einen Tag zuvor hat er mit Metz schon eine Erklärung herausgegeben, in der der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze als "eklatanter Verstoß gegen Humanität und Menschenwürde" gegeißelt wird. "Es gibt keine Rechtfertigung dafür, dass Menschen auf Menschen schießen", sagt Metz. Er sei schließlich Wehrdienstverweigerer.
Dieser Spitzenkandidat werde die Chancen seiner Partei bei der Wahl nicht mindern, behauptet Wilken tapfer. Dahinter steht wohl die Hoffnung, den Mann aus der Provinz noch auf Linie zu bringen.
So beharrt Pit Metz zwar auf seiner Meinung, dass man als Opposition oft "mehr erreichen" könne als in der Regierung, aber gegen Verhandlungen mit anderen Fraktionen habe er nichts. Und ob die Linke nach einem Einzug ins Parlament für eine Regierung zur Verfügung stehe oder nicht, betont Wilken, entscheide nicht der Spitzenkandidat, sondern ein Parteitag.
Die Metropole hat sich noch nicht geschlagen gegeben. MATTHIAS BARTSCH
Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 36/2007
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