03.09.2007

BUNDESWEHRDie Nacht von Kandahar

Wurde der Bremer Murat Kurnaz in Afghanistan von deutschen Elitesoldaten misshandelt? Neue Aussagen amerikanischer Militärs stützen Kurnaz' Angaben - und belasten die KSK-Kämpfer.
Die Zeltplanen flatterten im eisigen Wind von Kandahar, das Wasser gefror, und die Gefangenen waren, notdürftig verhüllt mit dünnen Decken, dem afghanischen Winter ausgeliefert. Es waren die Wochen nach Beginn des amerikanischen Feldzugs am Hindukusch. Die Taliban schienen im Januar 2002 geschlagen, und die US-Armee hatte in Südafghanistan ein provisorisches Lager eingerichtet, in dem Gefangene untergebracht werden sollten.
Die hygienischen Zustände, erinnert sich Major Matthew W. Donald, dessen 108. Militärpolizeikompanie seit Anfang Januar 2002 in Kandahar Dienst tat, seien anfänglich desolat gewesen: Warmes Wasser habe es nur selten gegeben, Häftlinge wie Soldaten hätten ihre Notdurft in einer Latrine verrichten müssen. Von dort trugen die Gefangenen die Exkremente in Eimern zu Ölfässern. "Die Fäkalien wurde mit einem Lastwagen abgeholt", sagt Donald. "Die Fahrer kamen durch das Haupttor auf das Gefangenengelände bis zum Abholpunkt." Dort, so Donald, seien die Fässer verladen und ihr Inhalt draußen vor dem Lager verbrannt worden. "Shitburning" nennen Soldaten diese Prozedur, die in Kriegsgebieten häufig zum Einsatz kommt.
Die Erinnerungen des Majors, der heute Militärgeschichte an der Universität von Ohio lehrt, könnten demnächst eine zentrale Rolle in einem der heikelsten Ermittlungsverfahren der deutschen Justiz spielen. Seit vergangenem Herbst versucht die Staatsanwaltschaft Tübingen zu klären, ob Elitekämpfer des Kommandos Spezialkräfte (KSK) den damaligen Häftling Murat Kurnaz in Kandahar misshandelten, bevor er nach Guantanamo ausgeflogen wurde. Im Bundestag geht ein Untersuchungsausschuss der Frage nach, ob sich deutsche Soldaten beim politisch umstrittenen Kampf gegen den Terror schuldig gemacht haben.
Donalds Aussage, die von mehreren vom SPIEGEL befragten Zeugen bestätigt wird, nährt den Verdacht der Staatsanwälte, dass die 2002 in Kandahar eingesetzten KSKler bislang nicht die Wahrheit gesagt haben - und sich womöglich vor ihren Vernehmungen abgesprochen haben. Denn der "zentrale Punkt" (Leitender Oberstaatsanwalt Walter Vollmer), um den die Ermittlungen kreisen, ist die Frage, ob es
im Lager tatsächlich jene Laster gegeben hat, hinter denen Kurnaz nach eigenen Angaben malträtiert wurde. KSKler hatten fast unisono behauptet, sie hätten im Lager keine Lkw gesehen. Sollte sich herausstellen, dass sie die Unwahrheit gesagt haben, drohen den möglichen Tätern nicht nur Anklagen wegen schwerer Körperverletzung im Amt, sondern auch Ermittlungen wegen Verdachts der Strafvereitelung.
Als Kurnaz im Januar, nach gut vier Jahren Haft in Guantanamo, vor Abgeordneten über sein Martyrium berichtete, war manchem Volksvertreter die Betroffenheit ins Gesicht geschrieben. Mit brüchiger Stimme hatte der gelernte Schiffsbauer nicht nur von Guantanamo erzählt, sondern auch eine angebliche Misshandlung durch deutsche Militärs beschrieben.
Detailliert gab Kurnaz zu Protokoll, wie ihn die Amerikaner eines Abends an einen Wachzaun gerufen hätten, zu zwei Soldaten aus Deutschland. Einer der beiden habe ihm zugerufen: "Du hast dir wohl die falsche Seite ausgesucht." Kurz darauf sei er gefesselt hinter einen Lastwagen geführt und auf die Erde gelegt worden. Die beiden Deutschen hätten ihn schon erwartet, "sie trugen Camouflage-Uniformen".
Einer der beiden, behauptet Kurnaz, habe seinen Kopf an den Haaren hochgezogen und ihm ins Gesicht gesagt: "Weißt du, wer wir sind? Wir sind die deutsche Kraft, KSK." Und weiter: "Er schlug dann meinen Kopf mit dem Gesicht auf den
trockenen Wüstenboden." Einen Fußtritt seitlich in den Oberkörper hätten ihm die Deutschen noch verpasst. Die Soldaten hätten gelacht, so Kurnaz: "Sie fanden das lustig."
Die Ermittler halten Kurnaz' Schilderung für "glaubwürdig". Der Ex-Gefangene habe, so Oberstaatsanwalt Michael Pfohl, "differenziert" und ohne "besonderen Belastungseifer" ausgesagt. Diverse Details, etwa zu den Uniformen, stimmen ebenso wie das von Kurnaz beschriebene Interesse der amerikanischen GIs an den G-36-Gewehren der Deutschen. Selbst die Begegnung am Zaun und den Satz "Du hast dir wohl die falsche Seite ausgesucht" bestätigten einige KSKler. Zweifel, so Pfohl, gebe es indes bei der Schlüsselfrage des Verfahrens: der Existenz des Lastwagens, der laut Kurnaz einen Tank zum "Entleeren der Toiletten" hatte und hinter dem es zur Gewalttat gekommen sein soll.
In ihren Aussagen haben fast alle der 21 befragten deutschen Elitesoldaten die Anwesenheit eines solchen Lkw im Gefangenenlager vehement bestritten. Er habe zu "keiner Zeit" einen Tanklastwagen gesehen, sagt etwa Hauptfeldwebel G., Kurnaz' Behauptung sei "abwegig".
Ein anderer Hauptfeldwebel erinnert sich zwar an "Ölfässer mit den Fäkalien", die hätten die Amerikaner aber außerhalb des Gefangenenlagers gerollt. Dort sei der Inhalt verbrannt worden, ein Latrinenfahrzeug, so der Feldwebel, mache deshalb "keinen Sinn". Mehrere der Elitesoldaten gehen noch weiter: Es sei gar nicht möglich gewesen, Fahrzeuge durch das Haupttor zu fahren. Kurnaz' Aussage, resümierte ein KSK-Mann, sei schlicht und ergreifend an den Haaren herbeigezogen.
Zwar äußerten die Tübinger Ermittler ihre "Bedenken" gegen den kollektiv vorgetragenen Widerspruch. Andererseits klangen die Aussagen so übereinstimmend und eindeutig, dass die Staatsanwälte ihre Ermittlungen zwischenzeitlich frustriert einstellen mussten: kein Lastwagen, keine Misshandlung.
Mittlerweile haben die Strafverfolger das Verfahren freilich wieder aufgenommen - weil es eine Vielzahl neuer Zeugenaussagen gibt, die ausnahmslos Kurnaz' Darstellung bestätigen. Seit Anfang August stehen die Staatsanwälte in Kontakt mit drei ehemaligen Häftlingen von Kandahar, den Briten Asif Iqbal und Ruhal Ahmed sowie dem Bahrainer Abdullah al-Noami. Noami sagt, er habe persönlich "Kübel voll mit Fäkalien zu einem Lkw im Lager" getragen. Auch die beiden Briten bestätigen die Existenz von Fäkalienwagen im Lager.
Weitaus schwerer wiegen allerdings die Angaben mehrerer amerikanischer Soldaten, die in Kandahar stationiert waren, Männer wie Major Donald oder Oberstleutnant Keith Warman, der "am 9. oder 10. Januar" vor Ort eintraf und der das 519. Bataillon der Militärpolizei befehligte. "Die Fäkalien wurden aus dem Lager rausgeschafft und verbrannt", sagt Warman dem SPIEGEL, "und zwar mit einem zweieinhalb Tonnen schweren Militärtruck." Der Wagen sei durch das Haupttor ins Lager gefahren. Warman erinnert sich genau daran, weil er Anfang 2002 für die Lagerleitung zuständig war: "Männer von meinem Bataillon haben den Wagen gefahren."
Einmal, berichtet der Übersetzer Athar Zulfiqar, 27, habe ein Truck nachts Decken gebracht, damit die Gefangenen nicht erfrieren. "Laster", sagt der New Yorker, "waren dort täglich und ganz normal." Belegt werden die Berichte aus den USA auch durch private Fotos von GIs.
Die neuen Zeugen bestätigten den "Eindruck, dass die Angaben der Kommando-Soldaten unglaubwürdig waren", sagt der Verteidigungsexperte der Linken, Paul Schäfer und glaubt: "Es gab bei den Soldaten eine allgemeine Vernebelungsabsicht." Von "wirklich neuen Erkenntnissen" spricht der Grüne Winfried Nachtweih.
Womöglich wird demnächst auch jener KSK-Hauptfeldwebel erneut vorgeladen, den Kurnaz in der Lichtbildmappe auf dem Foto Nr. 10 als angeblichen Täter identifiziert haben will - und der den Staatsanwälten bei seiner Vernehmung auffiel. Als die Beamten nach einem deutschen Gefangenen gefragt hätten, notierten die Ermittler in einem Vermerk, sei der 32-Jährige "zunehmend nervöser" geworden. Als die Staatsanwälte zu Kurnaz nachgehakt hätten, habe er einen roten Kopf bekommen. JOHN GOETZ, HOLGER STARK
* Vor dem BND-Untersuchungsausschuss am 18. Januar in Berlin.
Von John Goetz und Holger Stark

DER SPIEGEL 36/2007
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