03.09.2007

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTENach dem Tor ist vor dem Tor

Wie in Ghana der Fußball neu erfunden wurde
Nicht unterkriegen lassen, so viel zum Motto des Francis Ainu. Moped kaputt, Job weg, das Taxi seines Vaters, mit dem Francis immer irgendwie fürs Abendessen hatte sorgen können, war verreckt, und auch seine süße, geliebte Antoinette hatte ihren Job im Frisiersalon verloren, nun saß sie verdrießlich daheim, passte aufs Kind auf, wartete, dass ihr Mann Geld nach Hause brachte - und er gab sich ja auch Mühe. Francis Ainu, 33 Jahre alt, aus der Stadt Sekondi-Takoradi, Ghana, Westafrika, Klempner, Nachtwächter, Gärtner, Elektronikfachverkäufer, Taxifahrer, er verließ morgens um sechs die Wohnung, klapperte die Gegend ab, zu Fuß, auf der Suche nach Arbeit, meist vergebens. Eine Mahlzeit am Tag, Reis, Gemüse.
Sechs Tage in der Woche ging es für Francis Ainu ums Überleben, doch die Sonntage waren Schönheit und Hoffnung. Sonntags ging Francis zuerst in die Kirche, sang und betete, dann, am Nachmittag, erfrischt, seelisch gereinigt, war er bereit.
Bereit für das Spiel.
Francis einen Fußball-Fan zu nennen wäre untertrieben, er ist diesem Spiel ergeben: ein Ball, 90 Minuten, darin alle Leidenschaft der Welt, mögen die Besten gewinnen, die Helden im Leben des Francis Ainu, die Spieler von seinem Heimatteam in Sekondi, außerdem vom Nania FC und natürlich Abedi Pele, den die Ghanaer so lieben wie die Brasilianer den anderen Pelé.
Nach seinem Ausstieg aus dem aktiven Profigeschäft war Abedi Pele zurückgekehrt nach Ghana. Er war Ende 30, reich, ein Star. Pele hatte mit Olympique Marseille die Meisterschaft gewonnen, für Turin, Lyon, 1860 München gespielt, und nun kaufte er sich seinen eigenen, afrikanischen Club: Nania FC, damals noch ein Drittligist. Pele setzte sich selbst als Präsident ein und befahl den Aufstieg. In die erste Liga. Wo Geld verdient wird.
An jenem denkwürdigen Tag ist dieses Ziel zum Greifen nahe für die Nania-Spieler. Das Entscheidungsspiel findet statt: Sie spielen gegen Okwawu United, in Sekondi, in Francis' Heimatstadt, denn in Ghana werden die Spiele auf neutralem Boden ausgetragen.
Die Nania-Spieler müssen nicht nur siegen, sie müssen auch ein besseres Torverhältnis abliefern als ihre Rivalen, die punktgleich stehen, die Great Mariners. Die Mariners spielen zur selben Zeit, gegen die Tudu Mighty Jets, in Cape Coast, zwei Autostunden entfernt.
Von der Kirche geht Francis zu seinem alten Vater, der ein Radio besitzt. Francis verzieht sich damit in die Küche. Die ersten zehn Minuten sind so aufregend, dass er seinem Vater eine Entschuldigung zuruft und losrennt. Kommt atemlos im Stadion an. Die erste Halbzeit läuft noch. Sein Freund am Kartenhäuschen, der ihn oft umsonst einlässt, ist nicht da, schweren Herzens zahlt Francis 10 000 Cedis, knapp einen Euro. Doch die Ausgabe lohnt sich - welch ein Spiel! Zur Halbzeit führt Nania mit 1:0.
Durchsage des Stadionsprechers: Die Mariners in Cape Coast führen auch knapp. Wer aufsteigt, ist also noch offen. Anpfiff der zweiten Halbzeit. Die Okwawus sind gut, zehn Minuten lang.
Aber dann, schlagartig - hört Okwawu auf. Sie hören einfach auf.
Die Okwawu-Spieler traben mal hierhin, sie schlurfen dorthin, aber eine Gruppe von Affenbrotbäumen ist beweglicher. Wie verzaubert tapsen sie herum, grinsend, linkisch, elf Schlafwandler müsst ihr sein, während die Spieler von Nania FC mal eben fünf, sechs Tore schießen. Sieben. Damit ist alles entschieden, so scheint es.
Die Zuschauer begreifen. Stoßen sich an, murren, buhen, brüllen. Francis, auf der Tribüne, buht mit: Abedi Pele, der Star, hat für sein Team den Aufstieg gekauft. Was können die Mariners dagegen schon machen? Doch dann die Durchsage des Stadionsprechers: Die Mariners führen 8:0.
Was?
Die auch? Offenbar, so begreift Francis, hat jemand aus der Führungsetage der Mariners ähnlich viel Geld lockergemacht, den Gegner bestochen, das Ergebnis gekauft - jetzt, so der Stadionsprecher, führen die Mariners sogar 9:0. 10:0!
Die Nanias legen nach. Stürmen. Ihre Gegner helfen, wo sie können, der Okwawu-Trainer nimmt vier Spieler vom Platz, Anstoß, Tor, Anstoß, Tor, im Minutentakt; die Nanias in Sekondi und die Mariners in Cape Coast, so begreift Francis, haben durch ihren doppelten Betrug den Betrug neutralisiert. Jetzt müssen sie Quantität bringen, es ist wie beim Wettrüsten.
Am traurigsten ist Francis über das Okwawu-Team. Die Spieler, die sich haben unterkriegen lassen.
Der Nania FC gewann mit 31:0, während die Mariners nur mit 29:0 siegten. Aber eigentlich siegte keiner, eine Disziplinarkommission des ghanaischen Fußballverbands erklärte die Ergebnisse für ungültig, verbannte alle vier Teams in die dritte Liga, verhängte Strafen gegen Trainer, Spieler, Präsidenten. Pele, der Mann aus dem Hintergrund, ging in Berufung, das Verfahren dauert und dauert, der Fall ist so ungeheuerlich, dass er sich bis in die neue Saison zieht, die Eröffnung der Spielzeit in Ghana ist deshalb seit vier Wochen überfällig, und für Francis Ainu heißt das, dass ihm ein paar Helden fehlen im Leben. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 36/2007
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Nach dem Tor ist vor dem Tor

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