03.09.2007

ARBEITSPLÄTZESchweine bis zum Horizont

Die Menschen gehen, die Tiere kommen: Ostdeutschland wird leerer, niederländische Fleischproduzenten investieren in gigantische Mastanlagen. In Haßleben treffen zwei Weltsichten aufeinander: Was zählt mehr, der Job oder das Tier? Von Barbara Supp
Weirauch sagt, dass nicht alles schlecht gewesen sein könne, damals zur DDR-Zeit, er sagt: "Wir hatten hohe Fruchtbarkeit. Nicht nur bei den Sauen, sondern auch bei den Frauen." Die Frauen kichern, verschämt, vergnügt.
Weirauch sagt, er sei dabei gewesen seit dem ersten Schwein, er kenne die Haßlebener Schweinemastanlage, und er kenne die Schweine, und Harrys Plan sei ein guter Plan.
Sylke Skomrock sagt, dass Harry ein guter Mensch sei, gut zu Angestellten und Tieren und überhaupt.
Ein dämmriges Wohnzimmer in der Uckermark, die Initiative "Pro Schwein" sitzt dicht an dicht bei Skomrocks auf Sofa und Sesseln und macht sich Sorgen. Sie dürfen nicht aufhören, sie sind noch nicht am Ziel. Sie haben noch nicht gewonnen gegen die Großstädter, die "Fluchtberliner", die Harry van Gennip nicht verstehen und deswegen alles tun, damit sein Plan misslingt.
85 000 Schweine für Haßleben, das ist der Plan.
Die bei Skomrocks auf dem Sofa sind auf unterschiedliche Weise dafür.
"Muss doch riechen auf dem Land", sagt Günter Weirauch, um die siebzig, schüttere Haare, großer Zorn.
"Wird doch viel besser als früher", sagt Sylke Skomrock, kurze Haare, Overall.
"Gemacht wird, was das Gesetz erlaubt", sagt Frank Skomrock, ihr Mann, der nach Behörde aussieht, was auch stimmt. Skomrock ist der Sprecher von "Pro Schwein", besonnener als Weirauch, Gemeindeangestellter im Boitzenburger Land. Dazu gehört das Dorf Haßleben, das vor der Wende rund 1000 Einwohner zählte und jetzt noch 564, es gibt Platz.
Es ist leer geworden in der Uckermark, noch leerer als früher. Die Menschen gehen, die Schweine kommen, das ist der Plan.
Für die einen ist er leuchtende Zukunft. Für die anderen finstere Reaktion.
Der Wind bläst durch leere Betonfluchten, es bröckelt, es sieht nach Ende aus in der Halbruine am Ortsrand, wo früher 150 000 Schweine quietschten und 800 Menschen Arbeit hatten, Sylke Skomrock, Zootechnikerin, war einer davon. Sie führt durch das tote Werk, das jetzt dem Holländer Harry van Gennip gehört, von Harry spricht sie wie von einem Freund. Arbeit für 50 Menschen hat Harry zugesagt, Sylke Skomrock ist eine von denen, die er jetzt schon bezahlt, zum Aufräumen, und zwischendurch hatte er auch mal ein paar Schweine hier stehen. Aber die sind längst wieder weg.
Futterhaus, Kadaverhaus, Module I bis IV, Zucht, Mast, Läuferproduktion, es roch nicht gut, aber sie waren daran gewöhnt.
Fast alles haben sie früher selbst gemacht, mit der Hand die Ferkel aus der Sau geholt, wenn die sich schwer tat. Kastrieren, Besamen. In einem übriggebliebenen Büro liegt noch so eine Spritze herum, unterarmlang, daumendick, Sylke Skomrock spielt mit dieser Spritze. "Wenn die Sau rauschig ist", sagt sie, "dann geht das ganz leicht. Da zieht sie sich das Zeug dann so rein."
Seltsam eigentlich, dass Sylke Skomrock, faktisch, pragmatisch, jener handfeste Typ Frau, der das Arbeiten gewohnt und ohne Arbeit verloren ist, dass gerade sie ins Zentrum einer Kontroverse geraten ist, wo es um große Fragen und ethische Normen geht, darum, was der Mensch dem Tier und Boden, Luft und Wasser zumuten darf. Und ob alles richtig ist, was ein Gesetz erlaubt.
Haßleben beschäftigt Behörden, Anwälte, Sachverständige; das hat im Herbst 2005
zu elf Erörterungstagen im "immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren" geführt, mit 1200 Einwendungen von 350 Einwendern, es war das zweitgrößte derartige Verfahren, nach dem zum Flughafenausbau Berlin-Schönefeld. Und noch immer ist nicht entschieden. Noch immer verspricht das Landesumweltamt Brandenburg, das dafür zuständig ist, einen baldigen Beschluss. Jetzt im Herbst soll es wirklich so weit sein.
Die Menschen gehen, die Schweine kommen. Der Name Haßleben ist berühmt dafür, aber nicht der einzige, der für diesen Umbruch steht.
In Vetschau, Brandenburg, gibt es 60 000 Schweine. In Sandbeiendorf, Sachsen-Anhalt, 65 000. In Nordhausen, Thüringen, 60 000. Medow, Klein Wanzleben, lauter Orte mit wenig Menschen und umso mehr Schweinen, und die Investoren kommen wie Harry van Gennip aus Holland, meistens jedenfalls.
Es gab zu viel Gülle und zu wenig Boden in den Niederlanden, deshalb hat der Staat seine Vorschriften verschärft. Wer Schweine halten will, muss Güllerechte erwerben. Wer Ställe schließt, kann diese Rechte verkaufen und das Geld im Ausland investieren.
Ostdeutschland ist ein weites, leeres Land, dankbar für Arbeitsplätze, das war die Hoffnung der Investoren. Haßleben war "das Schweinedorf" der DDR, 13 Jahre lang. Kurz vor der Wende feierte die SZM, die "VEB Schweinezucht- und Mastanstalt Haßleben", noch das millionste Schlachtschwein, mit Erinnerungsfoto und Schärpe fürs Schwein, dann kam der Westen, und 1991 war Schluss.
Nun sollte Haßleben sich freudig dareinfügen, wieder Schweinedorf zu sein. Stattdessen wurde es zum Modellfall für den Riss, der durch das Dorf geht, durch das Land, durch die Republik.
So kam es, dass Haßleben, bewohnt von 564 Einwohnern, nun zwei Bürgerinitiativen besitzt.
"Pro Schwein" heißt die eine. "Kontra Industrieschwein", so hat sich die andere benannt.
Die "Kontras" waren schneller. Tier- und Umweltschützer hatten von den Absichten erfahren, vor vier Jahren war das, und beriefen eine Versammlung ein, viele von auswärts waren dabei.
"Pro Schwein" gründete sich dagegen, auch aus Trotz, weil Frank Skomrock fand, jetzt sei Freiheit, und Freiheit heiße auch: Protest. Sie taten sich zusammen, sozusagen als Widerstandsgruppe gegen den Widerstand. Die meisten waren früher schon in der Anlage beschäftigt gewesen,
man warb für Harry und die versprochenen Arbeitsplätze, man debattierte im Ort und ließ im Internet Websites aufeinander los, und es hörte sich an, als ob sie auf vertrackte Weise neu gestellt sei, die alte Frage: Erst das Fressen? Erst die Moral?
Für das Fressen jedenfalls war die Mastanlage da, seit 1979, und Peter Hartlich von den Kontras hat schon so lange wie Günter Weirauch von "Pro Schwein" damit zu tun, nur auf andere Art.
Vom Sofa der Skomrocks aus betrachtet, gilt Hartlich als "Fluchtberliner", und das ist er ja wohl auch. Zwar lebt er schon seit 1969 am Wochenende hier draußen in Haßleben-Karolinenhof und seit 1982 ganz, aber das reicht nicht, in der Uckermark. Uckermärker ist er deswegen noch lange nicht.
Man findet Hartlich an einem Zeichentisch in einem teilrenovierten Bauernhaus mit Blick auf den Kuhzer See. Der Architekt Hartlich ist einer der Letzten von denen, die in den siebziger, achtziger Jahren hierherzogen und das andere Leben suchten, kommuneartig, mit Rotweintrinken und Nacktbaden im See und Beobachtern im Gebüsch, die manchmal neugierige Uckermärker waren und manchmal nicht.
Eine subversive Gegend, Eva-Maria Hagen hatte in der Nähe ihr Wochenendhaus, Biermann war oft da. Irgendwann baute die Stasi sich dort Bungalows, um ein Dach über dem Kopf zu haben beim Überwachen, und dass die Leute in Karolinenhof gegen die Schweinemastanlage waren, die nun in Haßleben zu sehen, zu hören und zu riechen war, passte der Stasi gut ins Bild.
Hartlich und seine Freunde berichteten regelmäßig, dass braune Brühe in den Kuhzer See lief, aus den drainierten, hügeligen Feldern ringsum. Sie hatten "ministerielle Kontakte", so sagt Hartlich leise grinsend, siebzig ist er inzwischen und sieht manches jetzt mit milder Ironie. "Dass schon das DDR-Wasserwirtschaftsamt gesagt hatte, diese Gegend sei nicht geeignet, das wussten wir damals nicht."
Jetzt wissen sie mehr, und als der Holländer van Gennip mit seinen Plänen kam und versprochen wurde, es werde nicht stinken, dem Wasser werde nicht geschadet, die Gülle werde wunderbar verteilt, da sagte sich Hartlich: "Kenne ich das nicht irgendwoher?"
Vom Sofa der Skomrocks aus betrachtet, ist er eigennützig, weil er denen, die dringend Arbeit brauchen, diese verwehren will. Hartlich ist nicht angewiesen auf einen Arbeitsplatz in der Schweinemast, das stimmt, auch die anderen Kontras im Ort nicht, der Tierarzt im Ruhestand, der Waldspezialist, die Malerin, der Rentner, der früher mal in der Schweinemastanstalt Elektriker war.
Hartlich wiederum bezweifelt, dass 50 Jobs ausreichen, von Gemeinwohl zu sprechen, zumal die Gegenrechnung sagt: Im Tourismus geht Geld verloren. Haßleben liegt zwischen Seen und Wäldern, und wer will noch Urlaub buchen im Gülleland, in der Abluft von 85 000 Schweinen?
Dem Schweinemäster wollten sie es nicht einfach machen, das war ihr Plan. Und so viel ist schon mal geglückt.
Vier Tage waren für die Erörterung angesetzt, nun saßen sich Pro und Kontra überregional gegenüber, und erst am elften Tag war alles gesagt. Beinahe jedenfalls.
Grundwasser. Artenschutz. Ammoniak. Waldschäden. Alleenschutz. Abluft. Lärm. Gülle. Gestank. Kadaverentsorgung im Seuchenfall. Tierschutz. Brandschutz. Tier-, Futter-, Gülletransporte. Altlasten. Abfall. Staub. Asbest. Rund tausend Seiten umfasst das Erörterungsprotokoll.
Sie suchten Lücken, Fehler, Widersprüche in den Plänen van Gennips und wurden erstaunlich oft fündig dabei. Der Brandschutz zum Beispiel: viel zu lange Fluchtwege. Viel zu große Brandabschnitte. Nur eine Freiwillige Feuerwehr in Haßleben, die nächsten Profis 50 Kilometer weit weg in Schwedt. Und wie kriegt man die 30 000 Schweine, panische Schweine, oder auch nur 5000 aus einem Brandabschnitt aus dem Stall, bevor sie erstickt oder zertrampelt worden sind?
Naturschutz, ein endloses Thema, der "Halbtrocken- und Sandtrockenrasen subkontinentaler Prägung" und seine Leiden, die stickstoffbelasteten Böden mit ihren Drainagen aus der DDR-Zeit, überall in der Uckermark durchziehen sie die Böden und führen eben nicht nur Wasser, sondern auch Gülle in uckermärkische Seen.
Neuntöter, Grauammer, Braunkehlchen, alles gefährdete Vögel von der Roten Liste, die bisher gebrütet haben, wo nun die Biogasanlage stehen soll, wie vertragen die den Lärm, das Ammoniak? Der Kuhzer See, ein Schutzgebiet nach der strengen europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, wie verkraftet der die Folgen von 85 000 Schweinen, die so viel Fäkalien produzieren wie eine 190 000-Menschen-Stadt?
Die Investoren hatten ihre Gutachten. Die Einwender bezweifelten sie.
Strohlos, auf perforierten Böden, so lebt ein modernes Massenschwein. So plant auch van Gennip seine Haßlebener Ställe, für 23 280 Ferkel, 2028 Jungsauen, 52 800 Mastschweine, 7120 Sauen. Eine Jungsau hat 1,08 Quadratmeter Platz. Eine frisch gedeckte Sau im Kastenstand hat 1,55 Quadratmeter. Ein Mastplatz hat 0,8. "Ferkelschutzbox" heißt das, was vier Wochen lang das Leben einer Muttersau bestimmt, mit zwei Bügeln, in denen sie sich seitlich nicht bewegen kann, nur ein bisschen vor und zurück.
Merkwürdige Wörter, dürre Zahlen und dann ein Gutachter, der für die Kontras sprach und beschrieb, wie oft man Schweine zwischen solchen Bügeln mit herabhängendem Kopf auf den Hinterschenkeln sitzen sehe. "Das sogenannte Trauern", so nenne man das. Und der auf das Beispiel der Schweiz verwies: Dort dürfen Muttersauen
sich in den Boxen frei bewegen. Und mehr tote Ferkel, so wurde versichert, gebe es trotzdem nicht.
Harry van Gennip ließ seine Anwälte, Berater und Gutachter sprechen und schwieg meistens, ein massiger, durchaus freundlicher Herr mit angegrautem Schopf, damals 50-jährig, der sich auf Deutsch zu verständigen vermag, allerdings nicht immer sicher sein kann, dass man ihn genau versteht.
Um Verluste ging es, um die Frage, wie viele tote Tiere es wohl geben werde, seine Gegner kamen auf 11 500 pro Jahr. Da sprach er dann doch. "Mein Betrieb", gab er zu Protokoll, "sollte zu den besten zehn Prozent gehören. Wir sind besser. Sonst wäre ich kein Investor in diesem Bereich."
Es wurden Nachforderungen gestellt, das Umweltamt verlangte noch mehr Akten, Gutachten, Unterlagen von den Investoren. Es ist eine Entscheidung, mit der die Behörde sich quält, schon weil so gut wie sicher ist, dass die unterlegene Seite klagen wird.
"Ja, ja", sagt Günter Weirauch, im Wohnzimmer der Skomrocks, "Mitleid mit Tieren, das ist ein gutes Geschäft."
"Die Produktionsmittel", sagt Frank Skomrock, "entwickeln sich fort", so sei das nun mal, und Harry van Gennip werde doch alles tun, was das Gesetz verlangt.
"Und wenn es was gibt, was besser wäre für seine Schweinchen", sagt Sylke Skomrock, "der würde das sofort machen. Das ist ein Schweineverrückter. Das sagt er ganz offen selbst." Man könne das überprüfen. Seit 1994 betreibt Harry van Gennip die 65 000-Schweine-Anlage in Sandbeiendorf. Sie waren dort. Es hat sie überzeugt.
Van Gennip mag nicht über seine Schweine reden, er lässt lieber "Pro Schwein" für sich sprechen oder schickt seinen Berater vor. Helmut Rehhahn war früher SPD-Landwirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt und noch früher Leiter einer Bullenprüfstation in der DDR. Jetzt ist er derjenige, der im Osten den Kontakt mit den Holländern macht.
Helmut Rehhahn, schmaler Typ in schnellem Wagen, steuert über Landstraßen in der Altmark Richtung Sandbeiendorf und sagt: "10 000 Mastschweine. Alles
andere ist Spielerei." Bisschen kleiner als Haßleben, und Haßleben wird noch moderner. Haßleben, sagt er, das kommt. Das kriegen wir hin.
In Rumänien und Polen haben sich Amerikaner eingekauft, planen Riesenbetriebe oder betreiben sie schon. In Tschechien, in der Ukraine ist Ähnliches vorgesehen. In der Nähe von St. Petersburg soll bald eine 220 000-Schweine-Anlage entstehen, in Sibirien sogar eine mit 450 000; was sagt van Gennips Berater dazu? Ist das nicht klar - dieses Wettrennen wird man verlieren?
"Wird man nicht." Polen, sagt Rehhahn, "Polen können Sie abhaken. Alte Ställe, das Personal, na ja, und willkommen sind Sie nicht. Ukraine, ja, da gibt's große Aufgeschlossenheit. Aber wohnen müssen Sie dann dort auch."
Im Büro von Sandbeiendorf wartet van Gennips Betriebsleiter, ebenfalls Holländer, er ist informiert worden, dass Rehhahn in fremder Begleitung erscheint, bereitwillig gibt er Auskunft über Abläufe, über Zahlen, 65 000 Schweine, 50 Arbeitsplätze, mehr als die Hälfte der Belegschaft besteht aus Frauen. Dann wird er unruhig. In den Stall? Sie wollen in den Stall? Rehhahn, der war schon öfter drin, aber die Fremde? Das geht nicht.
Der Betriebsleiter ruft van Gennip an, Harry soll selbst entscheiden, knauzend, unwillig hört man ihn am Telefon, und dann geht es schließlich doch.
Es muss geduscht werden, die Haare müssen gewaschen werden, in einer Schleuse; Seuchen, Schweinepest, das sind die Schreckenswörter im Massenstall. Es muss ein roter Overall angezogen werden mit gelben Gummistiefeln dazu. Ein unübersichtlicher Stallkomplex, ab und zu kreuzt ein Mensch im roten Overall; jeder trägt hier Rot, damit sofort zu erkennen ist: Alles in Ordnung, der gehört hierher, in den Zuchtbereich, der darf hier sein. Es stinkt, aber nicht sehr. Stallabteile, die nichts mit Schweinekoben von früher gemein haben; strohlos, perforiert und übersichtlich der Boden; in die Ecke gedrückt ein Wurf aufgeregter Ferkel, gestern wurden sie geboren.
In der Mitte der Bucht ist ein Stahlgestell montiert, zwei Bügel, so ähnlich wie moderne Fahrradständer, dazwischen, fast komplett füllt sie den Platz aus, die Muttersau. Sie liegt, dann will sie aufstehen, bequem zur Seite wälzen kann sie sich nicht. Sie schlägt gegen rasselnden Stahl, dann steht sie, dann sitzt sie eine Weile auf den Hinterbacken, dann legt sie sich wieder hin.
Immer wieder schlägt Schwein gegen Stahl in diesem Stalltrakt, überall drängen sich ein, zwei Tage alte Ferkel unter Wärmelampen, zum Wühlen gibt es nichts.
In der Ferkelproduktion sind die Stiefel rosa und die Overalls grün. Rosa Rüssel, dicht an dicht, Schwanz an Schnauze,
Schwein an Schwein. 30 Tage alt sind sie, seit einer Woche von der Mutter weg; sie schnüffeln auf kahlem Boden, eines kaut auf fremdem Ohr herum. Zur Beschäftigung gibt es in jedem Koben eine feingliedrige Kette, daran können sie schlotzen und ziehen.
Im Pausenraum Frauen vor ihrem Feierabend, lachend, Kaffee trinkend, handfeste Frauen wie Sylke Skomrock, ein guter Job, natürlich ist es ein guter Job. Man darf nicht sentimental sein. Schwein ist Schwein. Doch ja, kann schon vorkommen, dass man eines besonders mag. Neulich haben sie eines ein Weilchen versteckt und nicht mit auf den Transport gehen lassen, Hasimausi, es hatte so nette Flecken, aber inzwischen ist es auch schon tot.
Sandbeiendorf hält die Schweine, wie es das Gesetz erlaubt. So soll es auch in Haßleben sein; ein kleines bisschen mehr Platz für die Mastschweine; ein kleines bisschen mehr Bewegung für die Muttersauen zwischen zwei Würfen. Das Prinzip aber bleibt.
Das Prinzip heißt: Kosten drücken. Das Prinzip heißt: billiges Fleisch.
Rehhahn verweist darauf, er habe es ja versucht als Berater, habe einen Investor unterstützt, der Schweine auf Stroh züchten wollte, aber das habe sich nicht gerechnet, die paar Pfennig mehr pro Kilo: "Die Leute sind - in Anführungsstrichen - zu blöd, tatsächlich dieses haben zu wollen, dieses anzunehmen, dieses tatsächlich als besseres Fleisch zu kaufen."
Bei Skomrocks auf dem Sofa sagen sie, man habe kein Recht, den kleinen Leuten vorzuschreiben, sie sollten weniger Fleisch essen, so etwas höre man ja von den Kontras. "Einmal Fleisch pro Woche", sagt eine der Frauen, "da stellt mir meine Familie den Stuhl vor die Tür."
Es sei ja nicht verboten, was Harry mit seinen Schweinen macht, und das, finden sie, müsse genügen.
Es ist normal, es ist legal. Es gibt einen Tierschutzparagrafen, der verbietet, die "artgemäße Bewegung" des Tieres "so einzuschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden". Man könnte die Klauenverletzungen auf glattem Boden anführen, den Bewegungsmangel der Muttersauen.
Aber damit auf diese Weise gegen eine Anlage etwas unternommen werden kann, muss diese erst mal existieren. Und dann braucht es einen Staatsanwalt, der einer Strafanzeige tatsächlich nachgeht.
Und so einen habe es bisher in Deutschland nicht gegeben, sagt Peter Kremer, der Kontra-Anwalt, der im Auftrag von Tier- und Naturschützern gegen Harry van Gennips Pläne kämpft. Kremer ist in einem Berliner Altbau zu finden, in einer mit Akten zugewucherten Praxisgemeinschaft, er hat einen gewissen grinsenden Optimismus bewahrt. Kremer sagt: "Jetzt muss man mal sehen, vor wem das Landesumweltamt mehr Respekt hat, vor dem Schweinemäster oder vor uns."
Es gibt Gründe für die Behörde, Respekt zu haben. Bekommt nämlich der Investor seine Genehmigung erst mal nicht und dann doch noch, weil ein Gericht die Behörde dazu verpflichtet, dann kann er klagen auf den entgangenen Gewinn. Bekommt er sie aber, und ein Gericht hebt sie auf, dann hat er wieder Grund, eine Entschädigungsklage zu formulieren.
Kremer braucht gute Gründe, sehr gute sogar. Mit Tierschutz kann er nicht kommen. Beim Brandschutz wird der Investor nachlegen müssen, das wird die Anlage teurer machen, aber offenbar noch nicht teuer genug.
Harry, sagt Frank Skomrock von "Pro Schwein", habe fast schon mal den Mut verloren, als wieder so ein Termin ohne Entscheidung verstrich. Aber der werde dranbleiben, "der ist ein Schweineverrückter, der hat sich in das Ding verliebt". Skomrocks rechnen fest damit, dass der Tag kommen wird, an dem man den Sekt aufmachen kann.
In seinem Anwaltsbüro in Berlin lehnt sich Peter Kremer behaglich an seinem Schreibtisch zurück und hat noch einen Trumpf. "Naturschutz", sagt er, "da ist Musik drin."
Kremer ist der Mann, der die Dresdner Waldschlösschenbrücke zu Fall brachte, vorläufig jedenfalls, weil so eine Brücke die Kleine Hufeisennase möglicherweise stört.
Bei Haßleben gibt es den Kuhzer See, der vom EU-Recht genauso geschützt wird wie das Dresdner Elbtal. Am Kuhzer See gibt es die Rohrdommel, den Neuntöter, die Rotbauchunke. Kommt die Genehmigung, dann können die Naturschutzverbände wieder klagen.
Durchaus möglich, dass die Rotbauchunke diesmal den Part der Hufeisennase übernimmt.
Wenn die Rotbauchunke morgen noch melancholisch durch die Nacht tutet, ist das gut fürs Gemeinwohl der Menschheit?
Oder Eigennutz derer, die sich für Unken interessieren?
Es wird Pro und Kontra geben in Haßleben, lange noch.
* Oben: bei einer Demonstration in Medow, Mecklenburg-Vorpommern, im Februar; unten: in Haßleben.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 36/2007
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