03.09.2007

MANAGERWatsche aus Washington

Ein Schiedsspruch der Weltbank bringt die Frankfurter Flughafenführung in Bedrängnis. Haben die Deutschen bei einem Terminalprojekt in Manila unsauber getrickst?
Bis vor kurzem sah es so aus, als hätte Fraport-Chef Wilhelm Bender, 63, bei allem, was er anpackt, mächtig Glück. Sein Unternehmen, der größte deutsche Verkehrsflughafen in Frankfurt am Main, schreibt ordentliche Gewinne, trotz drangvoller Enge und starker Konkurrenten.
Geht alles nach Plan, kann Bender als dienstältester Airport-Chef der Republik sogar noch den Bau der heftig umstrittenen vierten Landebahn miterleben, bevor er im August 2009 die Altersgrenze erreicht.
Auch privat läuft für ihn zurzeit alles bestens. Vor einigen Tagen schenkte ihm seine junge Lebensgefährtin eine Tochter. "Ich bin froh und stolz, in meinem Alter noch mal Vater zu werden", gestand er einem Gesellschaftsblatt.
Doch ausgerechnet zum Ende seiner Berufslaufbahn holt den leutseligen Juristen nun eine Altlast aus der Vergangenheit ein. Auslöser ist ein 224 Seiten starkes Konvolut, das am 17. August in der Firmenzentrale einging und dessen Inhalt die Fraport-Führung am liebsten totschweigen würde. Verfasst wurde es von Schiedsrichtern der Weltbank in Washington, die Bender und seine Kollegen 2003 angerufen hatten, um längst abgeschriebene Kosten von rund 330 Millionen Euro für ein dubioses Terminalprojekt im philippinischen Manila einzuklagen.
Dort hatte der Konzern ab 1999 zusammen mit einheimischen Partnern nach heftigem Streit im Fraport-Aufsichtsrat einen Flughafen-Erweiterungsbau finanziert und errichtet, den die dortige Regierung aufgrund von Korruptionsvorwürfen später konfiszierte (SPIEGEL 48/2003).
In ihrer Entscheidung vom 16. August weisen die Weltbankschlichter Entschädigungsansprüche der Frankfurter zurück. Die Juristen hätten sich für "unzuständig erklärt", teilte die Fraport-Spitze dazu tags darauf kurz und knapp mit.
Warum die unabhängigen Schlichter die Deutschen abblitzen ließen, wird in der Aktionärsinformation nicht erwähnt - aus gutem Grund, wie Insider spekulieren. Denn der Hilferuf an die Weltbank könnte sich für Bender und andere amtierende oder frühere Fraport-Manager und Kontrolleure noch als gewaltiger Bumerang entpuppen.
In ihrer Fleißarbeit zeichnen die Verfasser penibel nach, wie sich die Fraport-Oberen in einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Wachstumseuphorie über eindringliche Warnungen hinwegsetzten und dem Unternehmen einen gewaltigen Vermögensschaden bescherten.
Dreh- und Angelpunkt der Weltbankkritik sind geheime Zusatzabkommen, mit denen sich die frühere Fraport-Führung unter Bender die unternehmerische Kontrolle über Bau und Betrieb des Terminal-Vorhabens sichern wollte. Nach Ansicht der Weltbankprüfer verstießen die Deutschen damit gegen philippinische Gesetze. "Fraport hat bewusst und vorsätzlich geltendes Recht umgangen", rügen die obersten Handelsrichter. Daher könnten sich die Hessen auch nicht auf ein zwischen beiden Staaten abgeschlossenes Investitionsschutzabkommen berufen und die Weltbank als Vermittler einschalten.
Ähnlich deutlich kritisieren die neutralen Zensoren, dass Fraport die obskuren Zusatzverträge erst auf ihr "Bitten und Drängen" herausrückte. So heftig hat selten zuvor eine internationale Organisation die Führung eines börsennotierten deutschen Unternehmens abgewatscht.
Ein Fraport-Sprecher weist die Kritik zurück: "Wir hatten keine unternehmerische Kontrolle und haben sie auch nicht angestrebt", beteuert er. Dies habe ein Mitglied des Schiedsgerichts in einem abweichenden Votum auch bestätigt. Wie am Freitag vergangener Woche bekannt wurde, erwägt der Konzern, die Annullierung des Schiedsspruchs zu beantragen.
Wie er mit den neugewonnenen Vorwürfen umgeht, muss nun der Fraport-Aufsichtsrat klären, in dem prominente Top-Manager wie Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber oder Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff sitzen.
Zudem müssen die Kontrolleure prüfen, ob sie gegen Bender und frühere oder noch amtierende Kontrolleure wie den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch oder Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth Schadensersatzansprüche geltend machen. "Nach einschlägigen Urteilen zu ähnlichen Fällen", meint ein Fraport-Aufseher, "sind wir dazu sogar verpflichtet."
Auch Aktionärsschützer analysieren den Fall bereits und wollen demnächst entscheiden, ob sie Klage erheben. "Meiner Ansicht nach haben sich Vorstand und Aufsichtsrat strafbar gemacht, weil sie grob fahrlässig handelten", meint der Münchner Kapitalmarktexperte Klaus Rotter nach Durchsicht des Dokuments.
Fraglich ist auch, ob die Fraport-Spitze die Anteilseigner am 17. August ausführlich genug über die Hintergründe der Weltbankentscheidung informiert hat. Der Konzern selbst versichert, die Ad-hoc-Mitteilung sei korrekt gewesen, da man die Urteilsbegründung erst später detailliert lesen und auswerten konnte.
Sollten die Fraport-Aufseher zu dem Schluss kommen, dass die ehemalige Führung tatsächlich ihre Sorgfaltspflichten verletzt hat, könnte es für Bender eng werden - und das Abenteuer in Manila doch noch seinen vorzeitigen Abgang einleiten. DINAH DECKSTEIN
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 36/2007
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