03.09.2007

KUBAChronik eines ausbleibenden Todes

Mario Armando Lavandeira nennt sich "König der Medien". Auf seiner Web-Seite perezhilton.com verbreitet er Klatsch und Tratsch aus aller Welt. Am 24. August um 14.55 Uhr meldete er den Tod von Fidel Castro. Eine Stunde später fuhren Übertragungswagen lokaler Fernsehstationen vor dem Restaurant Versalles an der Calle Ocho in Miami auf, dem Nervenzentrum der Exilkubaner, die sich hier treffen, Domino spielen, Kaffee trinken und über Kuba plaudern.
Um 15.54 Uhr meldete perezhilton.com, dass sich die offizielle Bestätigung des Todes verzögere: Die Polizei von Miami wolle die Rushhour abwarten, wegen der zu erwartenden Staus und Straßenpartys. Im Versalles knallten die Sektkorken.
Mehr als ein Jahr lang ist Fidel Castro schon krank, und sein Bruder Raúl vertritt ihn. Seit dem 5. Juni, als das kubanische Fernsehen ein Interview mit dem angeblich genesenden Máximo Líder ausstrahlte, hat es keine Fotos oder Videos mit ihm gegeben, nur jede Menge Zeitungsartikel, von ihm gezeichnet. Wer aber weiß schon, ob er sie selbst geschrieben hat - und wann.
Venezuelas Präsident Hugo Chávez ist der Einzige, der sich mehrmals an Castros Krankenbett filmen ließ. Am Sonnabend, als in Miami schon gefeiert wurde, trat er vor eine Parteiversammlung in Caracas. Er werde die Gerüchte über Fidels Ableben nicht länger kommentieren. "Jetzt hat mich mein Informationsminister gebeten, zu dementieren, dass ich am Montag zu Fidels Beerdigung fliege", entrüstete sich Chavez: "Fidel wird nie sterben. Sei gegrüßt, Kamerad, Comandante, Vater, Bruder und Lehrer!"
Am Sonntag veröffentlichte die Zeitung "Juventud Rebelde" in Havanna einen Aufsatz über die kubanische Geschichte, diesmal hat Castro nicht nur unterschrieben, sondern auch die Uhrzeit vermerkt. Am Montag schaltete sich Washington ein. Castro streue die Gerüchte über seinen Tod möglicherweise selbst, sagt ein Sprecher des Außenministeriums. Es gebe "keinen Grund zu glauben, dass Castro tot ist". Am Dienstag veröffentlichte das Parteiblatt "Granma" in Havanna "Reflexionen des Oberkommandanten": Castro lästert über die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten und erinnert sich, wie er einst mit Ché Guevara Golf spielte: "Der hat als Caddie gejobbt, um sich etwas zu verdienen." Unterzeichnet: Fidel Castro Ruz, 27. August 2007. 16.56h.
Am Donnerstag meldete die italienische Zeitung "Corriere della Sera", dass Fidels Bruder Raúl in der Toscana auf einem Golfplatz gesichtet worden sei. Er sei mit einem Hubschrauber an Loch 11 des Argentario Golf Resort von Porto Ercole gelandet.
Schon vor Jahren hat Fidel Castro das Nötige über seinen Tod gesagt. Er sei "kein ernstzunehmender" Leichnam, spottete er damals: "Wenn ich wirklich einmal sterbe, glaubt mir das keiner."

DER SPIEGEL 36/2007
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