03.09.2007

GUATEMALAEine Frau, ein Pferd, eine Waffe

Ein Land im Griff des organisierten Verbrechens: Mörder, Drogenhändler und Schmuggler sollen unter den Kandidaten sein, die an diesem Sonntag zur Wahl antreten.
Die Wahlhelfer nennen ihren Kandidaten nur Manolo. Sie tragen Cowboyhüte und weiße Arztkittel. In den Armenvierteln von Jutiapa, einem Städtchen nahe der Grenze zu El Salvador, verteilen sie Medikamente und behandeln Kranke. Sie tun Gutes, und so werde es auch der Kongressabgeordnete Manuel Castillo halten, sagen sie. Dafür sollen ihn die Leute zum Bürgermeister wählen.
Der Kandidat selbst ist sehr vorsichtig, und er hat auch Grund dazu. "Er schläft jeden Tag woanders", sagt ein Helfer. Besucher werden gebeten, ihre Telefonnummer zu hinterlassen: "Manolo ruft Sie zurück."
Der feiste Manolo gilt als Chef des Kartells von Jutiapa, einer Bande von Kokain- und Autoschiebern. Die amerikanische Drogenbehörde Dea hat seit Jahren ein Auge auf ihn, das Visum zur Einreise in die USA ist ihm entzogen worden. Und vor zwei Jahren hat ihn die Une, eine der größten Parteien Guatemalas, wegen seiner mutmaßlichen Verbindungen zur Drogenmafia ausgeschlossen. Das macht ihm nichts, er kandidiert jetzt als Unabhängiger.
Kapitalverbrechen haben in Guatemala kaum je politische Karrieren behindert. Unter den Kandidaten für die Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen am kommenden Sonntag sind Politiker, denen Mord, Drogenhandel, Autodiebstahl und Waffenschmuggel nachgesagt werden. Auch der wegen Völkermord angeklagte Ex-Diktator und Sektenprediger Efraín Ríos Montt, 81, fürs Niedermetzeln zehntausender Maya-Indianer in den achtziger Jahren verantwortlich, hat gute Chancen auf einen Sitz im Kongress.
Wer Bürgermeister, Gemeinderat oder Abgeordneter ist, genießt weitgehenden Schutz vor Strafverfolgung. Wenn doch mal ein Volksvertreter vor Gericht steht, bleibt dem Richter meist nur die Wahl zwischen "Plata o plomo": Geld oder Blei. "Guatemala ist ein ideales Land für Mörder", sagt der Uno-Sonderbeauftragte Philip Alston resigniert.
Mehr als 40 politische Aktivisten sind bislang im Wahlkampf ermordet worden, insgesamt starben im vergangenen Jahr fast 6000 Guatemalteken eines gewaltsamen Todes. Beinahe elf Jahre nach Ende des Bürgerkriegs, der über 200 000 Menschen das Leben gekostet hatte, versinkt das kleine Land erneut in einer Orgie der Gewalt. Das Friedensabkommen, das die Verringerung des Militärs und die Demobilisierung der Guerilla vorsah, wurde nie vollständig umgesetzt.
Selbst für das mordreiche Mittelamerika ist Guatemala ein Alptraum.
Viele ehemalige Offiziere haben Wachfirmen gegründet. 120 000 Privatpolizisten gibt es im Land, an fast jeder Straßenecke steht ein Typ mit Pumpgun. Sie schließen sich zu Todesschwadronen zusammen und machen Jagd auf Straßenkinder oder kriminelle Jugendliche. Andere stehen im Dienst der Drogenmafia.
Guatemala ist der wichtigste Brückenkopf für Rauschgift auf der Route nach Mexiko und in die USA. Bis zu 90 Prozent des kolumbianischen Kokains passieren das Land, schätzen Experten. Die Mafia hält die Grenzgebiete unter Kontrolle. "Der Staat ist vom organisierten Verbrechen unterwandert", sagt Juan Carlos Marroquín.
Marroquín, 36, war Journalist und ist jetzt Chefberater des Sozialdemokraten Álvaro Colom, der in den Umfragen für die Präsidentschaftswahl führt. Zwei Leibwächter sichern ihn. Im vergangenen Jahr beschossen einige Männer sein Auto und sein Haus nachts aus Maschinenpistolen. Marroquín hatte Colom bedrängt, Gangster aus seiner Partei auszuschließen. "Mit dem Attentat wollten sie sich rächen."
Marroquín sollte eigentlich unter Colom Innenminister werden. Seine Chancen schwinden, da die Angst vor der Gewalt jetzt der Rechten Auftrieb gibt. Mit einer Kampagne der "harten Hand" schließt General Otto Pérez Molina in Umfragen allmählich zu Colom auf. Als erste Amtshandlung will er den Ausnahmezustand ausrufen und die Polizei aufrüsten. "Jeder Mann braucht eine Frau, ein Pferd und eine Waffe", werben seine Helfer.
"Pérez Molina schürt die Gewalt, um sich anschließend als Retter der Nation zu präsentieren", sagt die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú, die auch Präsidentin werden möchte. Im Maya-Gewand steht sie im strömendem Regen auf der Pritsche eines Lastwagens auf dem Markt von Jutiapa; nur eine Handvoll Getreuer hat sich eingefunden. Ein plärrender Lautsprecherwagen des Narco-Kandidaten Manolo fährt vorbei, aber die kleine, rundliche Frau lässt sich nicht beirren.
Als Indianerin hat sie diesmal zwar keine Chance, aber sie denkt weiter. Ihr Vorbild ist der Indio-Präsident Evo Morales in Bolivien, der auch erst nach mehreren Anläufen gewann. "Die Mayas sind erwacht", sagt sie. "Wir sind nicht länger das Stimmvieh der Oligarchie."
Kandidat Castillo dagegen macht sich momentan rar. Wenn er überhaupt im Wahlkampf auftritt, dann unangekündigt. Er ist vorsichtig, er soll in den Mord an drei Abgeordneten aus Salvador und deren Fahrer verwickelt sein, sie wurden vor fünf Monaten nahe Guatemala City erschossen und verbrannt. Der Auftraggeber der Mörder soll Castillo an diesem Tag mehrmals auf dem Handy angerufen haben. Dann wurden die Mörder ihrerseits getötet, vermutlich von Auftragskillern. JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 36/2007
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