03.09.2007

SÜDOSTASIENGenozid auf Raten

Die Grenze zwischen Burma und Thailand ist Schauplatz für die älteste Flüchtlingskatastrophe Asiens. Mit ethnischen Säuberungen vertreibt die burmesische Militärjunta die Minderheitenvölker aus ihren Dörfern. Vor allem das Volk der Karen leistet erbitterten, aber vergeblichen Widerstand.
Tha Lei Paw, 32, schweigt. Ob sie in ihr Dorf zurückkehren würde, wenn in Burma einmal Friede herrscht, hatte die Frage gelautet. Doch die junge Bäuerin antwortet nicht. Sie lächelt.
Aus Verlegenheit? Aus Angst? Aus Scham? Lange bleibt sie stumm. Dann sagt sie: "Frieden kenne ich nicht. Mein Leben war eine Katastrophe ohne Ende, war Folter und Hunger. Wir waren nur Sklaven. Verstehen Sie doch: Wir sind verdammt."
Dann lächelt Paw wieder. So, als ob sie nicht gerade einer Hölle entronnen wäre, dem täglichen Terror der Regierungssoldaten, ihrem Alltag im Karen-Staat im Osten Burmas. Seit Jahrzehnten tobt dort ein Krieg, der nicht zu Ende gehen will, den die restliche Welt aber längst vergessen hat.
Bäuerin Paw hat sich über die Grenze in den Nordwesten Thailands gerettet. Dorthin, wo der Dschungel fast menschenleer erscheint, wo die Berge und der Urwald unwirklich schön sind. Nur manchmal kreuzen Arbeitselefanten mit ihren Führern den Weg. Mangos wachsen hier und Orchideen.
Alle paar Kilometer kontrollieren Soldaten der thailändischen Grenztruppen die Ausweise der Reisenden, das M-16- Sturmgewehr im Anschlag. Dann plötzlich, hinter einer Wegbiegung, schieben sich ärmliche Hütten ins Blickfeld. Wie Schwalbennester kleben sie an einer steilen Talwand. Es ist eine riesige Siedlung, die sich bis zum Horizont erstreckt und mit Stacheldraht eingezäunt ist.
Mae La ist das größte Lager für burmesische Flüchtlinge in Thailand. Für 60 000 Menschen war es geplant, jetzt schon sind es viel mehr, und täglich kommen weitere hinzu. Nach Angaben des Thailand-Burma-Grenzkonsortiums, einer Nichtregierungsorganisation, die mit dem Flüchtlingshilfswerk der Uno zusammenarbeitet, leben in Thailand gut 200 000 Burmesen in insgesamt zehn Lagern. Zwei Millionen Burmesen halten sich illegal im südostasiatischen Königreich auf.
Die sich hier hinter den Stacheldraht gerettet haben, erhalten einen Flüchtlingspass und damit eine Art offizielle Anerkennung. Sie haben genug zu essen, ihre Kinder bekommen eine kostenlose Ausbildung, und in einigen Hütten flimmert ein Fernseher. Doch das Lager dürfen sie nur einmal im Jahr verlassen.
Paw kauert apathisch auf einer Strohmatte in der Hütte ihres Schwagers, der schon vor zehn Jahren in Mae La gestrandet ist. Den weinroten Wickelrock und die rosa Bluse, die sie jetzt trägt, haben ihr die Lagerbehörden geschenkt. Als Paw vor wenigen Wochen hier ankam, besaß sie nur das, was sie am Leib trug, von der Flucht zerfetzte Lumpen.
In Burma leben heute etwa 50 Millionen Menschen. Die buddhistischen Burman, die dem Land den Namen gaben, stellen mit rund 70 Prozent der Bevölkerung die Mehrheit. Paw und ihre Familie sind Karen, ein Minderheitenvolk von sieben Millionen, das mehrheitlich christlich ist.
Als die Union of Burma 1948 als reichstes Land Südostasiens von der britischen Kolonialmacht in die Unabhängigkeit entlassen wurde, gestand die Regierung in Rangun den kleinen Völkern wie den Shan, Kachin, Rohanis und Karen einen autonomen Status zu, einigen auch das Recht, die Föderation nach zehn Jahren wieder zu verlassen - ein Versprechen, das rasch vergessen war.
Die demokratischen Institutionen zerfielen, bald regierten kleptomanische Generäle das Land. Sie plünderten die Rohstoffe des Landes - Teakhölzer und Edelsteine, Öl und Gas. Ihre Gegner waren Dutzende kleiner Guerillaarmeen, die schon bald einen verlustreichen Krieg für die Selbstbestimmung ihrer Volksgruppen führten.
Im Nordosten des Landes, im Goldenen Dreieck, gab es etwa die Armee des Shan-Staates unter dem mit internationalem Haftbefehl gesuchten Drogenbaron Khun Sa. Die Wa-Armee ehemaliger Kopfjäger wiederum wurde von zwei Rotgardisten befehligt, den Brüdern Pao, die nach der Kulturrevolution (1966 bis 1976) aus China geflüchtet waren. Und die Rebellen der Karen zogen sich schon ab 1950 in den Dschungel zurück, nachdem es überall im Land zu Massakern an ihrer Volksgruppe gekommen war. Mehr als 600 000 Menschenleben, schätzen Menschenrechtsorganisationen,
haben die ethnischen Konflikte bis heute gefordert.
Die Welt erfuhr davon wenig. Lange Zeit hatte Militärbefehlshaber General Ne Win das Land der goldenen Pagoden vollkommen von der Außenwelt abgeschottet und es auf einen "burmesischen Weg zum Sozialismus" gezwungen. Erst als seine Nachfolger im August 1988 Tausende Demonstranten in den Straßen der damaligen Hauptstadt Rangun niedermetzeln ließen, weil sie es gewagt hatten, Demokratie zu fordern, kam es zu einem Aufschrei internationaler Empörung. Es half der Sache, dass die Demokratiebewegung von Aung San Suu Kyi, der aus Oxford heimgekehrten Tochter des Nationalhelden Aung San, geführt wurde. Sie besaß ausreichend Mut und war darüber hinaus ungemein attraktiv.
Die "Lady", wie ihre Anhänger sie ehrfurchtsvoll nennen, erhielt 1991 den Friedensnobelpreis und muss die meiste Zeit unter Hausarrest verbringen. Im Dschungel aber, an der Grenze zu Thailand, weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, gingen die ethnischen Säuberungen weiter, denen schließlich auch Paw und ihre Familie zum Opfer fielen.
Aufgewachsen war Paw in dem kleinen Dorf Zi Phyu Gon, im Herzen des Karen-Staates. Sie besaß eine windschiefe Hütte, gleich neben ihrem Acker, auf dem sie gemeinsam mit ihrem Mann Gemüse und Reis anbaute. Drei Kindern schenkte sie das Leben, zwei Jungen und einem Mädchen. Ein paar Kochtöpfe und eine mit Silbermünzen bestickte Tracht waren ihr einziger Besitz. Nur Dschungelpfade führten ins Dorf. Auf denen erschienen, ein- bis zweimal im Jahr, Soldaten der Regierung, die das Dorf überfielen und besetzten. Doch regelmäßig mussten sie schon bald wieder abziehen. Denn aus dem Dschungel schlug die Karen-Guerilla zurück, unter deren Schutz das Dorf stand.
Das ging so bis zum Herbst 2005, als offenbar wurde, dass die Soldaten sich eine klare Überlegenheit erkämpft hatten. Die Truppen der Junta waren mit Waffen und Kampfflugzeugen aus China ausgerüstet worden und drangen nun auf breiter Front ins Hochland vor. Im November 2005 richtete das Militär in Zi Phyu Gon einen Stützpunkt ein.
Im Dorf führten sich die Uniformierten fortan als Herren über Leben und Tod auf. Die Kirche hatten sie gleich nach ihrer Ankunft niedergebrannt, später zogen sie grölend über die Dorfstraße und nahmen mit ihren Kalaschnikows die kleine Schule unter Beschuss. "In Panik rannten wir von unseren Feldern, um die Kinder in Sicherheit zu bringen", sagt Paw.
Immer wieder griffen die Soldaten Dorfbewohner auf und führten sie zur Zwangsarbeit ab. Von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht mussten sie Bäume fällen und die Waldwege zu Straßen ausbauen, damit die Militärs ihren Nachschub befördern konnten.
"Wenn ein Mann als Lastenträger geholt wurde", sagt die zierliche Frau, "dann war das wie ein Todesurteil." Aus Furcht, sie könnten die Pläne der Soldaten an die Guerilleros verraten, wurden die Zwangsarbeiter oft irgendwo im Dschungel totgeprügelt, sobald ihr Auftrag erledigt war.
Anfang des Jahres hielt Paws Familie es nicht mehr aus. Es war der Tag, an dem die Soldaten das Haus ihres Onkels überfielen. Fünf Bauern saßen dort zusammen und tranken Tee. Die Schergen der Junta vermuteten ein Widerstandsnest und verschleppten die Männer in ihr Quartier.
Die ganze Nacht lang hallten die Schreie der Gefolterten durch das Dorf. In Panik ergriffen Paw und ihre Familie die Flucht. Nach zwei Wochen, in denen sie auf ihren Dschungelpfaden häufig über die Leichen Ermordeter stolperten, gelangten sie erschöpft in das Lager Mae La.
"Solche Horrorberichte erreichen uns jetzt täglich", sagt Simon Saw, 58. Bevor er vor 17 Jahren nach Thailand kam, war er Professor für evangelische Theologie an der Universität Rangun. Damals hatte er sich an Aung San Suu Kyis Aufstand gegen das Militärregime beteiligt. Nur die Flucht nach Thailand bewahrte ihn vor dem Gefängnis.
Jetzt leitet Saw die Bibelschule des Lagers. Er wählt seine Worte behutsam: "Es sind ethnische Säuberungen von großem Ausmaß, die in den Bergen da drüben stattfinden", sagt er. "In Wahrheit ist das ein burmesisches Darfur."
Mittlerweile sind im Osten Burmas 540 000 Menschen auf der Flucht, haben Uno-Inspektoren festgestellt. Das Flüchtlingshilfswerk bezeichnet sie als "internally displaced people", Flüchtlinge im eigenen Land. Aber es ist ein Genozid auf Raten, der da im Dschungel stattfindet.
Der Krieg hat aus diesem Teil des Landes ein Armenhaus gemacht. Das Gesundheitssystem ist etwa auf das Niveau von Sierra Leone zurückgefallen. "70 Prozent aller Todesfälle sind auf vermeidbare Krankheiten zurückzuführen. Männer werden selten älter als 50", sagt Cynthia Maung, eine Ärztin, die eine private Hilfsklinik
für Flüchtlinge betreibt. "Bei Malaria-Toten, Tbc-Erkrankungen, Aids und Minenopfern ist Burma noch Nummer eins in Asien." Verlässliche Statistiken gibt es allerdings nicht, die Junta hat gerade die Helfer vom Internationalen Roten Kreuz aus dem Land geworfen.
Die wenigen Berichte über den vergessenen Krieg liefert ein ehemaliger GI. David Eubank, 42, hat in der nordthailändischen Stadt Chiang Mai die Organisation Free Burma Rangers gegründet. Die Rangers sind eine Gruppe von Freiwilligen verschiedener Religionen und Ethnien, die tief in den Dschungel einsickern, Verwundeten Hilfe leisten und ihnen dann bei der Flucht helfen. Bewaffnet sind sie wie Guerillakämpfer.
Eubanks Berichte lesen sich wie Depeschen aus einem Bürgerkrieg. Ein Auszug:
* Am 28. April überfiel die burmesische Armee das Dorf Kay Pu und zerstörte es vollständig. Alle 400 Bewohner waren bereits vor den herannahenden Truppen geflohen.
* Am 12. Mai griffen burmesische Soldaten des Infanterieregiments 542 das Dorf Ber Ka Lay Ko an und nahmen eine Frau gefangen, die sie anschließend vergewaltigten und töteten.
* Am 15. Mai überfiel dieselbe Einheit andere Dorfbewohner. Ein taubstummer Bauer, der nicht rechtzeitig flüchten konnte, wurde aus nächster Nähe erschossen.
* Am 2. Juni wurde die Armeeeinheit LIB 540 von Rebellen in der Nähe des Dorfes Ya Kaing Taung überfallen. Die Armee verhaftete sechs Dorfbewohner, warf ihnen Kontakt zu den Rebellen vor und tötete sie sofort.
Jede Woche füllen die Berichte und die Bilder von Getöteten viele Internet-Seiten.
Mar Grie Minn, 21, mochte das Elend nicht länger tatenlos mit ansehen. Sie meldete sich beim Flüchtlingskomitee der Karen als Minenentschärferin. Minn ist eine zierliche junge Frau. Ihre Eltern flüchteten vor zwei Jahrzehnten aus Burma. Sie wurde im Lager Mae La geboren, ist dort aufgewachsen und zur Schule gegangen.
Hilfsorganisationen schätzen, dass im Kampfgebiet bis zu zwei Millionen Minen vergraben sind. Der Nachschub für die Militärs kommt aus China, Russland und Indien. Auch die Rebellen schützen ihre Widerstandsnester mit selbstgebauten Tretminen, die sie häufig in Getränkedosen verstecken. Hunderte Menschen sterben so jedes Jahr oder werden zu Krüppeln.
Schon beim dritten Einsatz, den Minn im Auftrag der Flüchtlingsorganisation unternahm, traf es auch sie. "Man hörte die Detonation kaum", sagt Minn, während sie auf den Stummel unterhalb ihres Knies starrt: "Ich bin auf eine Mine unserer eigenen Leute getreten."
Solche Tragödien sind für Saw Ba Thin Sein, 80, kein Grund, seine Politik zu ändern. Der Mann mit dem schlohweißen Haar, den sie Ba Tae nennen, ist der Vorsitzende der Karen National Union - eine Figur, um die sich viele Legenden ranken. Einst war er ein gefürchteter Guerillaführer, der den Generälen schmerzhafte Niederlagen beibrachte. Jetzt liegt er in einem Liegestuhl, aus dem er sich nicht mehr mit eigener Kraft erheben kann. Seine Uniform hat er gegen ein verwaschenes weißes Unterhemd und einen braunen Longyi, den traditionellen Wickelrock für Männer, eingetauscht. Er sagt: "Wir haben unsere Menschenrechte, unseren Wohlstand, unsere Kultur, wir haben einfach alles verloren."
10 000 bewaffnete Guerillakämpfer könnte er noch befehligen, behauptet er. Nachdem die Junta sein Dschungelhauptquartier im Norden des Karen-Staats mit Hilfe chinesischer Jagdflugzeuge dem Erdboden gleichgemacht hat, leitet er den Widerstand aus einem armseligen Häuschen am Stadtrand von Mae Sot. Von Friedensgesprächen mit der Junta will er nichts wissen: "Solange in Burma keine Demokratie herrscht, sind wir vogelfrei."
Von Mae Sot, wo viele illegale Flüchtlinge leben und in rasch wachsenden Gewerbegebieten schlechtbezahlte Arbeit finden, sind es weniger als 50 Kilometer bis zur Front. Der Marktflecken Mae Sam Laeb duckt sich in die Uferdünen des Flusses Mae Nam Moi, der hier die Grenze bildet. Thai-Truppen haben sich mit Schnellfeuergewehren hinter Sandsäcken verschanzt; hinter einer gegenüberliegenden Hügelkette lauern die Männer der Befreiungsfront. Mehr als 3000 Flüchtlinge hausen hier in einem engen Tal, das sich zum Fluss hin öffnet. Doch der Weg ins sichere Thailand auf der anderen Flussseite ist versperrt, weil die Grenze dichtgemacht worden ist. Nun sitzen die Karen in der Falle.
Die Flüchtlinge haben windschiefe Bambushütten in die Talwand gezimmert, die zumindest gegen den Regen schützen sollen. Gegen die Malaria, die zuerst die Kinder hinwegrafft, dann die Alten, gibt es keinen Schutz.
Einer der Flüchtlinge ist Starlight. Der Mann mit dem poetischen Namen ist 44 Jahre alt und verzweifelt. Einst, das ist noch gar nicht lange her, war er zufrieden: Auf seinem kleinen Acker im Karen-Staat wuchsen Süßkartoffeln, Reis und Betelnüsse. Seine Frau und vier Kinder lebten in der Hütte gleich neben dem Feld. Doch im Sommer 2004 rückten Soldaten in das Dorf ein und brannten alles nieder.
Starlights Familie flüchtete erst in den Wald hinter dem Dorf. Seine Frau starb bald an Entkräftung, dann einer der Jungen. Als die Soldaten anfingen, Granaten dorthin zu schießen, wo die Rauchsäulen von den Kochstellen der Dorfbewohner aufstiegen, brachen alle auf, um sich nach Thailand zu retten.
Anfangs waren sie noch 58 Flüchtlinge. Zehn verloren ihr Leben, als sie ein Minenfeld durchquerten. Von Starlights sechsköpfiger Familie haben nur er und sein siebenjähriger Sohn überlebt. Wenn sie es nicht bis über die Grenze schaffen, werden auch sie sterben, entweder an Malaria oder durch die Schüsse von Soldaten. Was sie jetzt brauchen, ist viel Glück.
Doch das scheint die Karen schon vor langer Zeit verlassen zu haben.
JÜRGEN KREMB
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 36/2007
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