03.09.2007

„Ein Leben in der Kriegszone“

Die Autorin Aliza Olmert über ihren autobiografischen Roman „Ein Stück vom Meer“, ihr Leben in Deutschland und Israel, ihre Sympathien für die Friedensbewegung und gelegentliche Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Mann, dem israelischen Premierminister Ehud Olmert
SPIEGEL: Frau Olmert, am Anfang Ihres Buches schreiben Sie, Ihr Roman basiere auf Ihrer eigenen Geschichte, aber die Personen, um die es geht, seien erfunden*. Trotzdem wird sich jeder Leser fragen: Ist das Mädchen, das uns die Geschichte erzählt, mit der jungen Aliza identisch?
Olmert: Es ist eine Art Biografie - aus meiner inneren Welt. Ich habe mich entschieden, die Geschichte auf ihren Kern zu verdichten, auf nur drei Personen, Mutter, Vater und Kind. In Wirklichkeit war die Familie größer, meine Eltern hatten Geschwister, aber die Beziehungen zu ihnen waren sehr kompliziert. Es war ein wenig so wie in den Witzen, die über jüdisch-polnische Familien erzählt werden. Sehr chaotisch.
SPIEGEL: Ihre Eltern kamen nach dem Krieg aus Polen nach Deutschland, in ein Lager für "displaced persons".
Olmert: Meine Mutter stammt aus Polen, mein Vater aus Litauen, aber sie kamen aus Usbekistan. Meine Mutter wurde in Lodz geboren, in einer bourgeoisen Familie, später wurde sie, wie viele Juden jener Zeit, Kommunistin. Als der Krieg ausbrach, floh sie in die Sowjetunion. Sie dachte, als Kommunistin wäre sie dort sicher. Aber kaum war sie über die Grenze, wurde sie festgenommen und in ein Arbeitslager in Sibirien gebracht. Nach drei Jahren gelang es ihr irgendwie, nach Usbekistan zu entkommen. Dort lernte sie meinen Vater kennen, der sich auch in den Kaukasus gerettet hatte. Nach dem Krieg gingen sie zurück nach Polen, um zu sehen, was übriggeblieben war. Da war nichts, also zogen sie weiter, nach Deutschland, wo es schon sehr viele "displaced persons" gab.
SPIEGEL: Sie wurden gleich nach dem Krieg, 1946, in Eschwege geboren ...
Olmert: ... ja, und als ich ein Jahr war, zogen meine Eltern für zwei Jahre in ein Lager in München. Mein Vater wurde der Vertreter des Keren Kajemet, eines Fonds, der Geld für die Wiederaufforstung Palästinas sammelte. Wenn Sie heute mit dem Auto von Tel Aviv nach Jerusalem fahren - das ist sein Wald.
SPIEGEL: Und 1949 kamen Sie dann mit Ihren Eltern in das soeben gegründete Israel.
Olmert: Ja, aber meine Mutter nannte es immer noch "Palästina". Das war so üblich in Polen.
SPIEGEL: Sie weigerte sich offenbar auch, Hebräisch zu lernen.
Olmert: Sie weigerte sich, dazuzugehören. Sie war nur physisch eingewandert. Mit 81 ist sie als eine polnische Dame gestorben. Sie blieb bis zu ihrem Tod diese Mixtur aus Kommunistin und Bourgeoise.
SPIEGEL: Haben Ihre Eltern daran gedacht, woanders hinzugehen, nach Amerika?
Olmert: Meine Mutter sprach darüber, aber mein Vater wollte nichts davon hören. Sie sagte, sie wollte in einem "entwickelten Land" leben. Und als sie hier ankamen, gab es nichts, das ihren Erwartungen entsprochen hätte. Auch nach der schrecklichen Zeit in einem sibirischen Lager war sie in ihrem Herzen eine Bourgeoise geblieben, die keine Kompromisse eingehen wollte. Dabei war sie sehr klug und sehr geschickt, und sie hat die "polnische Gemeinde" in Ramat Gan um sich versammelt. Sie hat in unserer Wohnung eine polnische Bücherei eröffnet ...
SPIEGEL: ... das ist jetzt eine wahre Geschichte?
Olmert: ... ja, sie hat gesagt, wenn ich schon hier sein muss, will ich meine eigene Kultur um mich haben. So wurde sie die "Botschafterin" der polnischen Literatur in
Ramat Gan. Und in diesem Umfeld fühlte sich dann mein Vater wie im Exil.
SPIEGEL: Sie lassen Ihre Mutter an einer Stelle des Buches sagen, das ganze Leben sei eine einzige Katastrophe.
Olmert: Davon war sie fest überzeugt, das war ihre persönliche Philosophie. Sie hat immer mit dem Schlimmsten gerechnet. Sie sagte auch oft, ganz Palästina sei eine große Verwirrung.
SPIEGEL: Heißt das, sie hat gelitten?
Olmert: Es war nicht ihr Land, nicht ihre Kultur. Sie hat nicht dazugehört. Aber das Nichtdazugehören hatte auch seine Vorteile. Sie bewahrte sich ihre Identität, sie war etwas Besonderes, dabei und nicht dabei zur selben Zeit. Für sie war es auch eine Art Spiel.
SPIEGEL: Ihr Vater war kein Kommunist, aber immerhin ein Sozialist. Am Anfang des Buches ist er noch sehr optimistisch, er will beim Aufbau einer neuen Welt helfen, am Ende ist er enttäuscht und frustriert.
Olmert: Mein Vater starb mit 56, buchstäblich an gebrochenem Herzen. Obwohl er es beruflich weit gebracht hatte. Er arbeitete in einem landwirtschaftlichen Forschungsinstitut und war sehr angesehen. Er hatte gehofft, das Land würde wie eine große Familie funktionieren, wo jeder jedem hilft. Aber als er hier ankam, stand keiner mit offenen Armen da, um ihn zu begrüßen. Das war der Traum und die Erfahrung vieler Juden, die herkamen.
SPIEGEL: Warum hat es nicht funktioniert?
Olmert: Weil Menschen nur Menschen sind, sogar Juden (lacht). Mein Vater war ein Idealist, der das Leben danach beurteilte, was es sein könnte, und nicht danach, was es war. Und das ist immer ein Rezept für Enttäuschungen.
SPIEGEL: Ihr Vater konnte es nicht verstehen, so schreiben Sie, dass in einem Land, in dem nur Juden lebten, die Wohnungstüren abgeschlossen werden mussten.
Olmert: Ja, als man ihm die Schlüssel zu unserer ersten Wohnung gab, fragte er: Wozu brauch ich die? Warum soll ich mich einschließen? Es war unvermeidlich, dass er enttäuscht wurde, denn die Wirklichkeit ist stärker als jeder Traum, besonders die Wirklichkeit der Flüchtlinge, die nach einer Katastrophe versuchen, sich wieder im Leben einzurichten.
SPIEGEL: Die Geschichte mit den Gürtelschnallen, die Ihr Vater ins Land mitgebracht hat und die er zu verkaufen versucht, ist die wahr?
Olmert: Ja, nur etwas auf die Spitze getrieben. Wir kamen hier mit einer großen Ladung von Gürtelschnallen an, es sollte das Startkapital sein. Er dachte, er könnte sie an die Armee verkaufen, aber er hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, so was hatte er nie gelernt. Und er war überzeugt, für die Armee seien ordentliche Gürtelschnallen das Wichtigste.
SPIEGEL: Ihre Mutter hatte viele Angehörige im Holocaust verloren. War das der Grund für ihre Depressionen?
Olmert: Heute würde man es Depression nennen, damals hieß es rheumatische Schmerzen. Sie blieb manchmal tagelang im Bett, konnte nicht aufstehen. Deswegen habe ich sehr früh damit angefangen, mich um meine
Eltern zu kümmern. Er war ein Träumer, sie war eine Außenseiterin. Im Gegensatz zu ihnen lebte ich in der Wirklichkeit. Ich konnte praktische Entscheidungen treffen. Ich war Vater und Mutter für meine Eltern.
SPIEGEL: Gab es in Ihrem Leben einen Moment, in dem Sie bedauert haben, dass Ihre Eltern nach Israel gekommen waren?
Olmert: Nein, das war für mich so selbstverständlich, dass sich diese Frage nie gestellt hat.
SPIEGEL: Sie hätten in einer "zivilisierten Gesellschaft", wie es Ihre Mutter sagte, ein einfacheres, bequemeres Leben gehabt.
Olmert: Sogar heute wäre mein Leben in einer "zivilisierten Gesellschaft" einfacher und bequemer. Das Leben in Israel war immer eine sehr komplizierte Sache. Nichts hier ist alltäglich und einfach. Es gibt keine Routine.
SPIEGEL: Das kann damit zu tun haben, dass Sie die Frau des Ministerpräsidenten sind.
Olmert: Das war schon immer so. Es fängt am Morgen mit der Zeitungslektüre an, weil Sie wissen wollen, was in der Nacht passiert ist und was am Tage passieren könnte. Es ist ein ständiger Kampf ums Überleben. Ich habe fast 60 Jahre meines Lebens in einer Kriegszone gelebt. Es gab Pausen, in denen das Leben normal schien, es gab die Hoffnung auf Frieden, aber wir mussten uns immer mit wirklichen Problemen auseinandersetzen, mit Fragen von Leben und Tod, von Leben und Überleben, von Israel hier und Diaspora dort.
SPIEGEL: Was wäre Ihnen lieber?
Olmert: Meine Vorstellung vom Alltag ist sehr einfach. Sie stehen morgens auf, gehen zur Arbeit, kommen abends zurück, essen mit der Familie, gehen mit Ihrem Mann oder Ihrer Frau ins Café oder ins Kino, treffen Freunde und reden mit ihnen über Alltäglichkeiten: Was kauft man ein, wohin fährt man in den Ferien. Das geht nicht in Israel. Sie sind nie frei von einem Gefühl der Bedrohung, die über Ihnen schwebt.
SPIEGEL: Aber auf den ersten Blick sieht es anders aus. Wenn man nach Tel Aviv fährt und die Menschen am Strand sieht ...
Olmert: Das ist die Oberfläche, ein bewusster Eskapismus. Das ist die Botschaft von Tel Aviv: "Ich will es nicht wissen, verschont mich mit schlechten Nachrichten. Ich will mein Leben genießen ..." Aber wenn irgendwo eine Bombe explodiert, kommt die Wirklichkeit sofort zurück.
SPIEGEL: Findet nicht doch ein Rückzug ins Private in Israel statt? Es gab Zeiten, da haben die Busfahrer zu jeder vollen Stunde das Radio aufgedreht, damit niemand die
Nachrichten verpasst. Das machen sie heute nicht mehr.
Olmert: Selbst wenn sie es nicht tun, ist ihnen bewusst, warum sie es nicht tun. Sie entscheiden sich für das Nichtwissen, weil sie wissen, was es ist, dem sie aus dem Weg gehen wollen. Meine Tochter hat einen Fernseher zu Hause, aber nur, um sich mit ihrer Familie Filme auf DVD anzuschauen. Sie schaut und hört keine Nachrichten, aber sie kann der Wirklichkeit nicht entkommen. Ihr Mann hat seinen Vater im Jom-Kippur-Krieg verloren, der Großvater starb im Unabhängigkeitskrieg. Man kann sich aus dem Tagesgeschehen verabschieden, aber nicht aus der Geschichte.
SPIEGEL: Teilt Ihr Mann Ihre Einstellung zu diesen Fragen?
Olmert: Er hat eine ganz andere emotionale Infrastruktur. Er ist nicht so ängstlich, dafür viel eher bereit, sich den Problemen zu stellen, etwas zu unternehmen. Er kommt aus einer revisionistischen Familie, seine Vorfahren sind in das Land gekommen, um gegen die Briten und die Araber zu kämpfen, weil sie überzeugt waren, dass das Land den Juden gehört. Ich bin zögerlich, er ist ein Mann der Tat.
SPIEGEL: Vielleicht repräsentieren Sie beide die zwei Gesichter Israels. Und vielleicht ist es einfacher, mit der Situation zurecht- zukommen, wenn man sich auf die Seite der Starken stellt.
Olmert: Ja, auf meiner Seite ist es mühsamer, da hat man es mit mehr Nuancen zu tun. Wir sprechen jeden Tag darüber. Ich sehe die Gefahren, er sieht die Gelegenheiten.
SPIEGEL: Wie war es während des letzten Libanon-Krieges? Hat es Diskussionen zwischen Ihnen und Ihrem Mann gegeben?
Olmert: Ich würde es nicht Diskussionen nennen. Ein Krieg ist eine schreckliche Situation, etwas, das man nicht akzeptieren sollte. In den meisten Fällen kaum zu rechtfertigen. Man muss alles unternehmen, um einen Krieg zu vermeiden. Aber in der konkreten Situation im letzten Sommer hatten wir ein Problem: Wie reagieren wir auf die Raketenangriffe der Hisbollah? Es war ganz klar, etwas musste geschehen.
SPIEGEL: Sind Sie eine Pazifistin?
Olmert: Ich bin eine Pazifistin in meinen Ansichten, in meiner Einstellung. Aber es ist in unserer Situation sehr schwierig, ein praktizierender Pazifist zu sein. Wir werden ständig angegriffen, wir sind in dieser Gegend noch immer nicht willkommen. Existieren bedeutet, sich verteidigen müssen. Wenn es eine Alternative zum Kämpfen gäbe, würde ich mich dafür entscheiden.
SPIEGEL: Genau das sagt Ihr Mann auch.
Olmert: Ja, nur dass er wirklich Politik macht und auf Situationen reagieren muss. Ich weiß nicht, was ich in seiner Lage tun würde. Meine theoretische Haltung zum Krieg wird irrelevant, wenn in einer konkreten Lage eine Entscheidung getroffen werden muss.
SPIEGEL: Es gibt oder gab eine Friedensbewegung in Israel, an der Sie beteiligt waren ...
Olmert: ... ich war immer auf der linken Seite der politischen Landkarte, und ich weiß, dass die Linke zum Wunschdenken neigt. Wir haben uns alle, die Linken und die Rechten, zur Mitte hin bewegt, das ganze Land. Was links und was rechts in Israel war, hing von der Einstellung zu den besetzten Gebieten ab. Und ich hatte schon sehr früh das Gefühl, dass unsere Besiedlung der besetzten Gebiete Fakten schafft, die einer politischen Lösung im Wege stehen. Ehud dachte zu dieser Zeit, dass dies der einzige Weg sei, um zu demonstrieren, dass wir hier sind und hier bleiben werden. Heute denkt er darüber anders, er will über einen Rückzug verhandeln.
SPIEGEL: Ihre Familie, so schreiben Sie in Ihrem Buch, zog in ein Haus in der Nähe von Jaffa, in dem früher eine palästinensische Familie gelebt hatte. Ist das ein Symbol für die historische Situation, aus der Israel entstanden ist?
Olmert: Genau. Meine Eltern kamen aus einer Kriegszone in eine andere. Sie waren zugleich Sieger und Verlierer. Und hier war der Pfad zwischen den Opfern und Angreifern auch sehr schmal. Auf Jiddisch sagt man: Schimschon, der nebechdige. Das bedeutet: Samson, der schwache Riese. Sind wir die Aggressoren? Sind wir die Opfer einer Aggression? Das hängt davon ab, wo Sie mit der Geschichte anfangen. Wir wissen, mit welchen Augen uns die Europäer ansehen: Wir sind die Bösen, die Palästinenser sind die Guten. Aber das stimmt nicht. Wir sind eine Minderheit, die hier bleiben möchte. Inmitten einer arabischen Welt, die uns gegenüber nicht freundlich eingestellt ist. Der einzige Ausweg wäre ein Dialog mit gegenseitigem Verständnis füreinander. Wir haben sehr viel Mitgefühl für unsere Leiden, aber nicht für die Leiden der Palästinenser. Und umgekehrt ist es genauso.
SPIEGEL: Glauben Sie, es würde Israel helfen, wenn es den vertriebenen arabischen Familien Entschädigung anbieten würde?
Olmert: Die Frage ist, ob sich Israel so etwas leisten kann. Wir bewegen uns schon in diese Richtung. Und es kommen positive Signale von der anderen Seite. Zum ersten Mal reden Mahmud Abbas und Ehud regelmäßig miteinander.
SPIEGEL: Die Verbesserung der Beziehungen zwischen Ihrem Mann und dem palästinensischen Präsidenten hängt vor allem mit den Angriffen der Hamas zusammen.
Olmert: Damit bestimmt auch. Aber es hängt mit vielem zusammen, vor allem damit, dass beide eingesehen haben, dass es so nicht weitergeht.
SPIEGEL: Was halten Sie von der in Europa weitverbreiteten Auffassung, die Palästinenser seien die Opfer der Opfer?
Olmert: Das mag stimmen. Es stimmt aber auch, dass die Palästinenser alles getan haben, um den Status des Opfers nicht aufzugeben. Sie haben sich politisch benutzen lassen, um Druck auf Israel auszuüben. Das Opfersein wurde zu ihrer Trumpfkarte. Dabei war auch ganz Israel ein Flüchtlingslager, voll mit Opfern, die nichts hatten und bei null anfangen mussten. Der Unterschied liegt darin, dass wir diese Opferhaltung überwunden haben, während sich die Palästinenser darin eingerichtet haben.
SPIEGEL: Sie leben hier in der Residenz des Premierministers in einer Art von Festung. Sie können nicht allein ins Café oder zum Einkaufen. Vermissen Sie nicht solche kleinen Freiheiten?
Olmert: Das stimmt. Ehuds Job hat mir einige Freiheiten genommen. Auf der anderen Seite habe ich die Möglichkeit bekommen, etwas zu unternehmen, das ich schon lange machen wollte: eine Initiative für missbrauchte, misshandelte und vernachlässigte Kinder. Das macht vieles wett.
SPIEGEL: Freuen Sie sich schon auf die Zeit, wenn Ihr Mann wieder als Rechtsanwalt arbeiten wird?
Olmert: Das kann noch eine Weile dauern.
SPIEGEL: Zu dem sozialen Wandel, den Israel erlebt, gehört auch, dass Tausende Israelis Pässe der Staaten beantragen, aus denen sie gekommen sind, Polen und Ungarn zum Beispiel. Wie finden Sie das?
Olmert: Das hat vor allem praktische Gründe. Mit einem EU-Pass kann man leichter durch die Welt reisen, man bekommt eher einen Studienplatz in Europa. Ich will aber nicht bestreiten, dass es für einige auch eine Maßnahme für den Notfall sein kann, eine Versicherungspolice für die Zukunft. Es ist ein Symptom für die Mühsal des Lebens in Israel. Ich kann es Menschen nicht übelnehmen, die es sich leichter machen wollen.
SPIEGEL: Sie erinnern sich noch an das alte Israel vor 40 Jahren?
Olmert: Sehr gut sogar.
SPIEGEL: Wie, glauben Sie, wird Israel in 40 Jahren aussehen?
Olmert: Ich habe keine Visionen. Ich habe nur eine Wunschvorstellung. Dass wir uns mit den Palästinensern verständigen, dass es zwei Staaten nebeneinander gibt, die voneinander profitieren, dass Israel eine Hightech-Gesellschaft wird, dass unsere Kinder und die Kinder der Palästinenser in Frieden und Wohlstand leben können.
SPIEGEL: Haben Sie Pläne für weitere Bücher?
Olmert: Ich schreibe ein Tagebuch über meine Zeit in diesem Haus. Ich erlebe hier täglich so viele aufregende Dinge. Das Buch wird "Meine Tage im beigefarbenen Haus" heißen.
SPIEGEL: Werden Sie unseren Besuch erwähnen?
Olmert: Ich werde schreiben: Es war ein Tag, der mein Leben verändert hat.
SPIEGEL: Frau Olmert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Aliza Olmert
wurde 1946 in einem Lager für "displaced persons" in Eschwege geboren und lebt seit 1949 in Israel. Sie hat sich als Künstlerin und aktives Mitglied der Friedensbewegung einen Namen gemacht und steht damit politisch in Opposition zu ihrem Ehemann, dem Ministerpräsidenten Ehud Olmert. Das Paar hat vier Kinder, einer der beiden Söhne verweigerte den Militärdienst in den besetzten Gebieten. Olmerts Roman "Ein Stück vom Meer" wurde 2001 zu einem großen Erfolg in Israel und ist nun im Berliner Aufbau-Verlag erschienen.
* Aliza Olmert: "Ein Stück vom Meer". Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler und Eldad Stobezki. Aufbau-Verlag, Berlin; 368 Seiten; 19,95 Euro.
Das Gespräch führten die Redakteure Henryk M. Broder und Martin Doerry.
* Oben: 1948 nahe dem ehemaligen KZ Bergen-Belsen, vor der Ausreise nach Palästina; unten: am 3. Mai in Tel Aviv, nach Veröffentlichung eines kritischen Berichts über die Rolle Olmerts im Libanon-Krieg.
Von Henryk M. Broder und Martin Doerry

DER SPIEGEL 36/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ein Leben in der Kriegszone“

  • Überteuertes Insulin: "Wir sollten nicht unser Leben riskieren müssen, um zu überleben"
  • Popocatépetl in Mexiko: Er spuckt wieder
  • Gay-Pride Brasilien: Hunderttausende demonstrieren in São Paulo
  • Schildkröten-Prothese: Pedro läuft jetzt auf Rädern