03.09.2007

König des Rasens

Global Village: Für den Platzwart von Wimbledon beginnt das Turnier des nächsten Jahres in diesen Tagen.
Eddie Seaward sitzt auf Platz 27, siebte Reihe, auf der Osttribüne des Court Number One von Wimbledon und blickt so zufrieden, als hätte er nach einer zweistündigen Massage einen Scheck über eine Million Pfund überreicht bekommen. "Aaahhh", sagt Seaward, "keiner macht das wie er."
Er, das ist der Mensch mit roter Schirmmütze und grünen Shorts, der einen Rasenmäher schiebt. Seaward nennt ihn Rick. "Er ist der Top-Rasenmann. Seit zwölf Jahren mäht er das Gras jeden Morgen während des Turniers im Centre Court und Court Number One um einen Millimeter." Wenn nicht gespielt wird, wie jetzt, kürzt er alle zwei Tage zwei Millimeter weg.
Seaward, graues Haar, ein Blau in den Augen wie Kirk Douglas, ist der "Head Groundsman" von Wimbledon, aber auf der Insel besser bekannt als "King of the Courts", als "König des Rasens". Eigentlich müsste man ihn aber den Sisyphos des globalen Tennis nennen.
Jedes Jahr kommt für zwei Wochen die Elite der Welt auf seinen makellosen Rasen und zerstört ihn. Die Besten ihres Fachs stampfen an der Grundlinie das Grün zu Brei, verbrennen mit Aufschlägen von über 200 Stundenkilometern die Halme, schleudern schlecht gelaunt Schläger auf die Erde, bevor sie weiterziehen auf Plätze in Amerika oder später Australien, Anlagen, die besser gewappnet sind gegen ihre Attacken als Seawards empfindsames Kunstwerk. Während sie in Übersee wüten, fängt Seaward wieder an, seine Halme aufzupäppeln. Alles geht von vorn los - elf Monate Pflege bis zum nächsten großen Überfall.
Seaward steht auf und geht hinunter zu seinem frisch gemähten Rasen, in der Hand hält er ein stählernes Klappmesser. "Es wäre sehr bedauerlich, wenn sich um diese Jahreszeit Unkraut hier einschleichen könnte", sagt er und lässt seinen Röntgenblick über die frisch manikürten Halme gleiten. "Unkraut, Pilzinfektionen - man muss immer auf der Hut sein, es kommt manchmal aus der Luft." Er schnuppert in den grauen Londoner Himmel. Es ist ein Krieg, den der sanfte Mann das ganze Jahr führt, um seinen Rasen zu verteidigen, zu verwöhnen. Ein Krieg, der mit einer Großoffensive der Gegenseite endet.
Er ist jetzt wieder bei der Vorbereitung, sozusagen. Er stählt seine Halme, die in der Mythologie viel mehr sind als nur ein Stück Rasen. Saftig müssen sie aussehen und tiefgrün, robust und makellos rasiert; ein Teppich mit einem Ebenmaß von acht Millimetern: der Höhepunkt von fast tausend Jahren englischer Gartenkultur, imitiert, bewundert, beneidet auf der ganzen Welt seit Jahrhunderten, sogar von Franzosen. Im Jahr 1709 schrieb der Pariser Joseph Dezallier d'Argenville: "Diese Teppiche von grünem Samt, sie sorgen für einen bewundernswerten Anblick. Vergeblich haben die Menschen hier in Frankreich versucht sie nachzuahmen. Der Rasen, welcher in Frankreich wächst, ist nicht fein."
Seaward kniet jetzt auf seinem Rasen, streichelt ihn. "Er erholt sich recht annehmbar", sagt er und berührt mit seinem Handrücken leicht die Halme. "Und er ist wirklich außerordentlich eben. Es hat ihm gutgetan, zwei Millimeter wegzunehmen."
Millimeter und solche Dinge können entscheidend sein, wenn es darum geht, wer in Wimbledon gewinnt und wie dort Tennis gespielt wird. Als in den neunziger Jahren die Aufschläge immer schneller wurden und das Spiel zu einer Art Biathlon mit Filzbällen zu verkommen drohte, gab es einige Menschen, die anfingen über den "Tod des Tennis" zu räsonieren. Seaward gehörte nicht dazu. Er tat etwas: änderte die Rasenmischung und ließ das Gras wachsen. Zwei Millimeter, das reichte. Die Bälle sprangen höher weg. "Ein Aufschlag kam nicht mehr unten bei den Knöcheln des Gegners an, sondern in Hüfthöhe", sagt Seaward.
Es gab Spieler, die wurden sehr böse deshalb. Männer wie der gerade zurücktretende britische Hoffnungsträger Tim Henman, der nach Fred Perrys Titelgewinnen von 1934 bis 1936 als derjenige galt, der den Pokal mal wieder für das Vereinigte Königreich hätte gewinnen können. Ausgeschieden im Halbfinale, viermal. "Es gibt Bemühungen, das Spiel langsamer zu machen, und ich frage mich, ob das hier mit dem Gras nicht zu weit geht", schimpfte Henman. Seaward ließ sich nicht irritieren. "Weidelgras, acht Millimeter", wiederholte er stoisch. Er tat es nicht nur dem Spiel zuliebe, sondern auch seinem Gras. "Mit zwei Millimetern mehr können die Halme ein Drittel mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Wenn die Sonne draufknallt, sind sie nicht so gestresst", sagt Seaward.
48 Jahre lang hört Seaward das Gras schon wachsen, 16 davon in Wimbledon. Tennis hat er nie gespielt, dazu war sein Vater, ein Straßenbauarbeiter, zu arm. Sein Sport ist der Rasen, und darin ist er World Champion, gewissermaßen. Auch zu Hause, wo er sich von seinem "King of the Courts"-Job ausgerechnet mit Gartenarbeit entspannt.
"Auch Weidelgras, acht Millimeter?"
"Nein, Normalrasen, 20 Millimeter", sagt Seaward und stapft mit sanften Schritten Richtung Centre Court. Seine Frau wollte immer 30 Millimeter, aber er gebe nicht nach, auch nicht nach 29 Jahren. "Es ist der einzige Punkt, an dem wir eine Meinungsverschiedenheit haben", sagt Seaward. Sonst sei ihre Zweisamkeit so sanft und so stark wie frisch gewässertes Grün an einem Morgen im Frühsommer. THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 36/2007
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