03.09.2007

KAMPFSPIELEMännlich, aber korrekt

Im WM-Gastgeberland Frankreich hat sich Rugby als beliebteste Sportart nach Fußball etabliert. Das knüppelharte Spiel gilt als Schule für das Leben. Besonders intensiv zelebriert wird Rugby im traditionell eigensinnigen Südwesten.
Der Mann mit dem kantigen Schädel und der Nickelbrille ist eine Art Franz Beckenbauer Frankreichs, eine Marke, ein Botschafter der Warenwelt. Er wirbt für Mobilfunkanbieter, Schinken, Champagner, die Post, eine Bäckereikette, einen Sportartikelkonzern und Rasierapparate, und wenn im Fernsehen abends die Hauptnachrichten laufen, ist Bernard Laporte fast so häufig im Bild wie sein Freund, der Staatspräsident Nicolas Sarkozy.
Laporte, 43, ist Cheftrainer der französischen Rugby-Nationalmannschaft. In acht Jahren hat er ein Team geformt, das bei der am Freitag beginnenden Weltmeisterschaft im eigenen Land zu den Favoriten zählt. Die "XV de France", wie Frankreichs Rugby-Auswahl sich mit elitärem Stolz nennt, ist auf dem besten Weg, eine nationale Institution zu werden, und Laporte ist ihr Anführer. Ein moderner Napoleon.
Seine Beliebtheit verdankt Laporte seiner Biografie. Es ist die Geschichte eines Mannes, der aus einfachen Verhältnissen im ländlichen Südwesten stammt, der Vater Elektriker, die Mutter Hausfrau, und der es bis in höchste Regierungskreise geschafft hat - unmittelbar nach dem WM-Finale wird Laporte sein Amt als französischer Staatssekretär für Jugend und Sport antreten.
Laporte hat ein Buch über seinen gesellschaftlichen Aufstieg geschrieben. Es verkauft sich gut in Frankreich, und es trägt einen programmatischen Titel: "Le rugby m'a fait homme" - Rugby hat mich zum Mann gemacht.
Für einen Deutschen mag das lächerlich klingen. Für einen Franzosen nicht. Denn anders als in Deutschland, wo hauptsächlich in Universitätsstädten wie Heidelberg, Frankfurt, Hannover oder Berlin ein paar versprengte Liebhaber dem Spiel huldigen, hat sich Rugby in Frankreich als populärste Sportart hinter dem Fußball etabliert.
Bei der Weltmeisterschaft werden mehr als zwei Millionen Menschen in die größten
Stadien des Landes strömen. 4000 Journalisten sind akkreditiert, rund drei Milliarden Menschen werden weltweit die TV-Übertragungen verfolgen. Die Deutschen werden von dem Spektakel so viel mitbekommen wie von einer regionalen Meisterschaft der Sumo-Ringer in Japan. Beim Rugby bleibt der Rhein ein Kulturgraben.
Wie beinahe überall, wo Rugby sich durchgesetzt hat - in Südafrika, Australien, Neuseeland, Ozeanien, Argentinien -, waren es Briten, die vor der Wende zum 20. Jahrhundert das Spiel nach Frankreich brachten. In die Hafenstädte am Ärmelkanal.
Zum identitätsstiftenden Sport wurde Rugby jedoch für den französischen Südwesten, speziell für das Baskenland, eine eigensinnige Region, wo die Menschen danach trachteten, sich von der Hauptstadt abzugrenzen. In Paris hatte sich der Fußball als beliebtester Ballsport durchgesetzt - nach Überzeugung vieler Rugby-Verfechter ein Vergnügen für Memmen und Komödianten.
Denn anders als beim Fußball gibt es beim Rugby so gut wie keine erschummelten Siege. Spieler, die durch Betrug oder Provokation einen Vorteil für ihre Mannschaft herausschinden wollen, werden nicht nur vom Publikum, sondern auch von den eigenen Teamkameraden geächtet.
Beim Rugby zählt nicht nur das Resultat, sondern auch die Haltung. Es geht um die Beantwortung einer uralten Frage: Wer ist der Stärkere? Es geht um den kollektiven Kampf nach klar formulierten Regeln, die zu respektieren sind. Und es geht darum, dem Gegner nach dem Kräftemessen in die Augen zu schauen und ihm die Hand zu reichen.
Dahinter steckt ein Selbstverständnis, wie es den Menschen im Südwesten Frankreichs seit Jahrhunderten entspricht. Man verteidigt sein Dorf, seine Stadt, man demonstriert seinen "esprit de clocher", die Verbundenheit zum eigenen Kirchturm, man setzt sich für seine Nebenleute bis zur Selbstaufgabe ein. "Man kann verlieren", sagt Philippe Guillard, der auf höchstem Niveau Rugby gespielt und ein hochgelobtes Buch über dieses Milieu geschrieben hat, "aber wenn man verliert, dann erhobenen Hauptes."
Guillard, ein Mann mit dunklem Teint und Dreitagebart, sitzt in einem urigen Fischrestaurant am Atlantik, draußen tost das Meer. Er zählt Tugenden auf, die das Kampfspiel seiner Meinung nach erfordert: "Bescheidenheit, Mut, Gemeinsinn". Dann fügt er hinzu: "Und Leidensfähigkeit".
Im Rugby müssen die Akteure Schmerzen ertragen und überwinden wie in kaum einer anderen Mannschaftssportart. Es liegt in der Logik des Spiels. Der Ballführende ist in der Opferrolle. Er rennt, bis er von seinen Verfolgern zu Boden gestreckt wird oder an einem Wall aus Körpern abprallt, der sich ihm entgegenwirft. Dann passt er das Ei zurück zu seinen Kompagnons - und schafft so, begraben unter einem Berg von Leibern, den nötigen Raum für seine Mannschaft, die den Angriff verlagern und weiter nach vorn in Richtung Mallinie rücken kann.
Wie gezeichnet die Körper von den ständigen Belastungen sind, belegen die Nahaufnahmen, die einige Spieler der französischen Nationalmannschaft kurz vor der WM für die Zeitschrift "Rugby Mag" von sich machen ließen.
So präsentiert Sylvain Marconnet seinen linken Unterschenkel, der übersät ist von Operationsnarben, als hätte er einen schlimmen Autounfall überlebt; Pierre Mignoni hält seine Hände vor die Kamera, ein Finger seiner Linken, der offensichtlich gebrochen war, ist am mittleren Gelenk schief zusammengewachsen; Lionel Nallet zeigt seinen Kopf. An seiner Ohrmuschel wuchert das Gewebe.
Bernard Marie, ein braungebrannter, breitschultriger Mann von 89 Jahren, hat alle Sorten von Verletzungen gesehen, die Rugbyspieler haben können: eingerissene Hodensäcke, lädierte Augäpfel, herausgeschlagene Zähne, zertrümmerte Unterkiefer. Der Vater der französischen Innenministerin Michèle Alliot-Marie, der selbst zehn Jahre lang Abgeordneter in der Pariser Nationalversammlung war, hat als Schiedsrichter mehr als tausend Rugby-Spiele geleitet.
Für ihn ist Rugby ein "Sport für Schurken, gespielt von Gentlemen". Amüsiert erinnert er sich, dass ein gebrochenes Nasenbein in der Regel kein Grund zum Aufhören war: "Man hat den Knochen mit Daumen und Zeigefinger provisorisch gerichtet, das Krankenhaus konnte warten."
Zuweilen kommt es, ohne dass der Schiedsrichter es sieht, zu wüsten Szenen wie Tritten in den Unterleib und Würgegriffen an die Kehle. Wohl am berüchtigtsten ist im Schutz des Getümmels "la fourchette", die Gabel, wobei ein Übeltäter mit gespreizten Fingern in die Augen des Gegners fährt.
Ungesühnt bleiben derartige Regelverletzungen jedoch nicht. Nach unfairen Attacken gegen einen Mannschaftskameraden greifen Rugbyspieler zu kollektiver Selbstjustiz. Sie passen den nächstbesten Moment ab und sorgen mit chirurgischer Präzision für Gerechtigkeit. Man ist wieder quitt.
Doch mit dem Schlusspfiff endet die Gewalt. Die Spieler treffen sich nach dem Match, um gemeinsam zu essen und zu trinken, Profis gern auch im Smoking. Und die Zuschauer feiern die berühmte "troisième mi-temps", die dritte Halbzeit. Sie trinken und singen, bis sie ermatten.
Wie berauschend diese Atmosphäre ist, hat zuletzt auch ein deutscher Spieler erfahren: Robert
Mohr, der Kapitän des Zweitligisten Stade Rochelais. Der 29-jährige Rugby-Profi aus Hannover kämpfte mit seiner Mannschaft Ende Mai gegen das Team aus Dax um den Aufstieg in die erste Liga, es war ein Entscheidungsspiel auf neutralem Terrain in Bordeaux.
La Rochelle verlor 16:22, doch die Niederlage gehört für Mohr schon jetzt zu den eindrücklichsten Momenten seiner Karriere. Denn 23 000 Menschen im Stadion bejubelten die Verlierer genauso inbrünstig wie die Sieger, die Spieler aus Dax spendeten ihren geschlagenen Rivalen anerkennenden Applaus. "Es war phänomenal", sagt Mohr, "wie in einer besseren Welt."
Offensichtlich hat die unmittelbare Wucht des Spiels eine kathartische Wirkung, auf Akteure wie auf Zuschauer. Anders als beim Fußball bleibt niemals das Gefühl zurück, benachteiligt oder betrogen worden zu sein. "Die Gewalt findet auf dem Spielfeld statt", sagt Jacques Verdier, "wenn das Match vorbei ist, sind alle Rechnungen beglichen."
Der Publizist und Literat aus Toulouse ist so etwas wie der Chef-Ideologe des Rugby in Frankreich. In seiner Heimatstadt ist Rugby die wichtigste Sportart - auch wenn der örtliche Fußballclub kürzlich erst im letzten Moment in der Qualifikation für die Champions League scheiterte.
Einmal in der Woche moderiert Verdier eine Radiosendung, die landesweit ausgestrahlt wird und die nur ein Thema hat: Rugby. Sie heißt "Viril, mais correct", angelehnt an einen Klassiker aus dem Zitatenschatz des Rugby, den der ehemalige französische Nationalspieler Walter Spanghero einst auf die Frage nach seiner Spielweise prägte: männlich, aber korrekt.
Verdier sitzt in seinem schlichten Büro am Stadtrand, wo er die Zeitung "Midi Olympique" aufgebaut hat. Für Kenner ist sie die "Bibel des Rugby". Das Blatt, das zweimal in der Woche erscheint, hat eine Auflage von 80 000 Exemplaren, und mittlerweile gilt es sogar in Paris als chic, die zitronengelbe Zeitung in der Metro zu lesen. Auch Sarkozy schaut regelmäßig hinein.
Dass Rugby in der französischen Hauptstadt angekommen ist, hängt auch mit dem Unternehmer Max Guazzini zusammen. 1993 ist der Patriarch bei dem Club Stade Français eingestiegen. Er engagierte den damals noch unbekannten Bernard Laporte als Trainer und begann eine der besten Mannschaften Frankreichs aufzubauen. Der Club wurde ein großstädtisches Gegenmodell zu den Rugby-Bastionen im Baskenland.
Guazzini hält seinen Verein auch mit Marketing-Gags im Gespräch, die man im bürgerlich-konservativen Milieu des Südwestens bislang nicht kannte. So lassen sich die Spieler von Stade Français, unverhüllt und bisweilen nur mit Rugby-Ei vor dem Gemächt, für einen Kalender ablichten, der sich im ganzen Land blendend verkauft - und in Frankreichs Schwulen-Szene längst Kultobjekt ist.
Ganz ohne Nebenwirkungen bleibt die Kommerzialisierung des Rugby indes nicht. Zum einen fördert das explosionsartig gestiegene Interesse der Medien einen Starkult, wie er sich für den kollektiven Kampfsport bislang verbat. Jüngstes Beispiel: der Hype um Nationalspieler Sébastien Chabal.
Der langmähnige Hüne ist bei Trainer Laporte nur Ergänzungsspieler. Seiner Inszenierung als "Caveman" tut die Nebenrolle jedoch keinen Abbruch. Chabal bedient perfekt das Klischee des rabiaten Höhlenmenschen - er sieht aus, als könnte er an einem schlechten Tag eine ganze Kleinstadt auslöschen.
Zum anderen verändert sich die Atmosphäre in den Stadien. Es sind nicht mehr nur Kenner, die singend die Spiele verfolgen. Auf den Tribünen sitzt jetzt auch ein Event-Publikum, das völlig losgelöst ist von der Rugby-Tradition. Beim Vorbereitungsspiel in Marseille gegen Weltmeister England war der Stimmungsumschwung neulich zu spüren. Als der englische Kapitän Phil Vickery, anscheinend schwer verletzt, vom Platz getragen wurde, pfiff ihn das Publikum erst aus, dann stimmten die Zuschauer die "Marseillaise" an.
Wenig Sinn für Fairness zeigten Frankreichs Anhänger auch vor einem Länderspiel im Pariser Stade de France. Sie buhten die neuseeländischen Profis beim Haka aus, dem traditionellen Kriegstanz der Maori, mit dem sich die Spieler Mut machen. "Mir wird schlecht bei dem Gedanken", schimpft der frühere Profi Guillard, "auf so viel Ignoranz müsste Stadionverbot stehen."
Bedenken, dass das Spiel an Noblesse einbüßen könnte, halten Rugby-Kenner indes für unbegründet. Für den früheren Schiedsrichter Marie wird der Südwesten auch in Zukunft die Keimzelle seiner Sportart bleiben - erdige Dörfer und Städtchen wie Bayonne, wo die Fans aus voller Kehle schmettern: "Allez, allez, les bleus et blancs de l'Aviron Bayonnais" - vorwärts, vorwärts, ihr Blau-Weißen von Aviron Bayonnais.
Doch original baskisch ist auch dieses Liedgut nicht mehr. Gesungen wird zu einer Melodie von Udo Jürgens - komponiert für seinen Schlager "Griechischer Wein". MICHAEL WULZINGER
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 36/2007
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