03.09.2007

UMWELTMeer am Tropf

Das Tote Meer schrumpft rasant, seine Küsten bröckeln, das Wasser versalzt. Nun wollen Israel und Jordanien einen riesigen Kanal bauen, der Wasser aus dem Roten Meer abzweigt.
Shimon Chocron rannte nicht weg an jenem Montag im April vor neun Jahren, als die Erde unter dem Campingplatz von En Gedi plötzlich aufbrach und eine junge Frau verschluckte. Alle anderen flüchteten in Panik in den Kibbuz weiter oben auf dem Hügel, möglichst weit weg von der Küste des Toten Meeres.
"Das war mein Haus", sagt der Strandwart und deutet auf einen Bretterhaufen. Chocron ist ein wettergegerbter Mann mit Dreitagebart, er sieht jünger aus als 59. Er lebt jetzt in einem Bungalow am Rande des zerstörten Campingplatzes.
Jederzeit könnte der Boden unter seinen Füßen aufreißen und ihn oder sein Zuhause in die Tiefe stürzen lassen. "Ich weiß, dass es gefährlich ist", sagt er und lacht heiser. "Aber ich mag diesen Ort immer noch, er ist meine Heimat."
Der einstige Campingplatz ist weiträumig abgesperrt. Herrenlose Campingwagen stehen zwischen den knorrigen Überresten von Bäumen, die irgendwann verdurstet und umgestürzt sind. Kreisförmige, mehrere Meter tiefe Krater klaffen im Boden. In einer dieser Gruben liegt ein verbeultes Auto. Am Fuß der Klippe, sehr weit hinten, schimmern dunkelblau die Überreste des Toten Meeres.
Als Chocron vor bald 40 Jahren nach En Gedi kam, lag das Tote Meer praktisch vor seiner Haustür. Seither zieht es sich zurück. Es schwindet, weil die Menschen das Wasser des Jordanflusses aufbrauchen, weil sie am Südbecken des Salzsees Fabriken gebaut haben, die in riesigen Verdunstungsbecken Mineralstoffe gewinnen. Und hier, in En Gedi, rächt sich die Natur an den Menschen.
Politiker, Wissenschaftler und Umweltschützer im Land streiten seit Jahren darüber, wie der kränkelnde Salzsee gerettet werden kann. Manche glauben, die einzige Lösung wäre ein Kanal, der Wasser vom Roten ins Tote Meer schleust.
Denn der Wasserstand geht jährlich um über einen Meter zurück - zurzeit liegt er rund 420 Meter unter dem Meeresspiegel.
1930 strömten noch jährlich 1300 Millionen Kubikmeter Wasser in das tiefstgelegene Gewässer der Welt, heute sind es weniger als 400 Millionen. Aus dem Toten Meer selbst verdunsten aber pro Jahr etwa 1050 Millionen Tonnen. Erst wenn der Wasserspiegel um weitere 100 Meter gesunken ist, wird die Oberfläche so klein sein, dass sich Verdunstung und Zufluss ungefähr die Waage halten. Dann bleibt vom Toten Meer allerdings nur noch eine kümmerliche Pfütze.
Schon jetzt ist der Wasserstand tiefer als der Grundwasserspiegel, das salzarme Grundwasser aus der Umgebung strömt hinab in Richtung Salzsee. Es löst unter der Erde verborgene Salzschichten, darüberliegendes Gestein kollabiert. Die Küsten werden brüchig, in Sekundenschnelle können die gefürchteten Dolinen aufreißen - wo, lässt sich nicht voraussagen. Am israelischen Ufer des Toten Meeres wurden schon über tausend solcher Krater gezählt.
Den Plan, das Tote Meer an den Tropf zu legen, gibt es schon lange. Der Kanalbau ins Rote Meer ist Teil des Friedensvertrags zwischen Jordanien und Israel, der Mitte der neunziger Jahre geschlossen wurde. Doch die Unruhen in der Region verzögerten bislang die Umsetzung. Nun nehmen die Regierungen der Anrainerstaaten einen neuen Anlauf. Die Weltbank finanziert eine Machbarkeitsstudie, die im kommenden Dezember starten soll.
Der Kanal soll rund 180 Kilometer lang sein, vom Golf von Akaba hinab zum Toten Meer. Jährlich bis zu 1900 Millionen Kubikmeter Wasser würde er in den Salzsee leiten. Um eine Hügelkette zu überwinden, müsste das Wasser zunächst auf 220 Meter Höhe gepumpt werden. Danach würde es durch das Arava-Tal mehr als 600 Meter abwärtsströmen, bis es das Tote Meer erreicht.
Das Gefälle soll zur Stromerzeugung genutzt werden. Ein großer Teil würde für die Pumpstationen benötigt, die restliche Energie könnte für eine große Meerwasserentsalzungsanlage genutzt werden, die bis zu 850 Millionen Kubikmeter Trinkwasser produzieren würde für die Jordanier, die Israelis und die Palästinenser im Westjordanland.
Als "Friedenskanal" in einer von politischen Unruhen zerrütteten Region wird das Projekt beworben. Nach derzeitigem Stand würde der Bau mindestens fünf Milliarden Dollar kosten und etwa neun Jahre dauern.
Es ist ein schöner Plan, ein kühnes Projekt, bei dem scheinbar alle gewinnen: Statt sich immer nur zu bekämpfen, erschaffen Israelis und Araber etwas Gemeinsames; die Bevölkerung bekommt Trinkwasser, ein knappes Gut in dieser kargen Wüstenregion. Und dann wird auch noch das Tote Meer gerettet.
Dass die Realität nicht ganz so rosig aussieht, zeigt sich bei einer öffentlichen Anhörung, welche die Weltbank in einem Hotel nahe Jerusalem veranstaltet. Zahlreiche Zuhörer finden keinen Sitzplatz mehr in dem überfüllten Konferenzraum. Rasch entbrennt eine hitzige Debatte, Umweltschützer, Wissenschaftler, Vertreter der Industrie und der Tourismusbranche sowie betroffene Anwohner tragen lautstark ihre Bedenken vor - aber leider ereifern sich die meisten auf Hebräisch, und die eigens aus Washington angereisten Repräsentanten der Weltbank hören geduldig zu und verstehen kein Wort.
Tatsächlich gibt es einige Risiken: Das Arava-Tal ist eine Fortsetzung des Ostafrikanischen Grabens, mithin ein tektonisch aktives Gebiet - käme es dort zu einem Erdbeben, könnte der Kanal beschädigt werden, das austretende Salzwasser würde das Grundwasser verderben.
Experimente eines Forschungsteams des Geological Survey of Israel haben zudem gezeigt, dass die Mischung von Wasser aus den beiden Meeren zu Algenblüten und Gipsausfällung führen kann. Das Mischwasser würde sich rötlich verfärben.
Eine andere Befürchtung ist, dass sich das salzärmere Wasser des Roten Meeres wegen der geringeren Dichte nicht vollständig mit dem des Toten Meeres vermischt - es käme möglicherweise mit der Zeit zu einer Schichtung, das Tote Meer verlöre seinen einzigartigen Charakter. Folglich würden viele der derzeit alljährlich rund eine Million Touristen fernbleiben, die heute kommen, um Hautkrankheiten zu lindern oder einfach nur zu erleben, wie man in dem hochkonzentrierten Salzsee schweben und Zeitung lesen kann.
Die naheliegendste Kritik am Megaprojekt äußert jedoch Gidon Bromberg, Direktor der israelisch-palästinensisch-jordanischen Umweltorganisation Friends of the Earth Middle East. "Wieso spricht niemand über Alternativen zum Kanal?", fragt er mit erhobener Stimme. "Wieso denken unsere Regierungen und die Weltbank nicht einmal daran, das Problem an der Wurzel zu bekämpfen und wieder mehr Wasser durch den Jordan fließen zu lassen?"
Bromberg redet sich in Fahrt: "Das hier soll ein Friedensprojekt sein. Aber Israel und Jordanien haben schon lange Frieden geschlossen. Es wäre eine weitaus größere Leistung für den Frieden, das Problem am Jordan nicht nur gemeinsam mit Jordanien, sondern auch mit Syrien zu lösen!"
Der ehemalige israelische Wasserkommissar Dan Zaslavsky eilt dem Umweltschützer zu Hilfe: Für etwa 800 Millionen Dollar ließen sich am Mittelmeer Meerwasserentsalzungsanlagen bauen, mit denen Israel jährlich 400 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Jordan ersetzen könnte, rechnet er vor. Noch mehr Wasser ließe sich sparen, wenn die industrielle Verdunstung am Toten Meer reduziert würde. "Der Kanal", sagt er, "ist die schlechteste aller Lösungen." Das Publikum johlt und klatscht. Vier Stunden lang geht es so weiter, am Ende wirkt die Weltbank-Delegation ziemlich erschöpft, die Fronten bleiben verhärtet.
Wenn jemand eine fundierte Meinung dazu haben kann, ob dieser Kanal eine gute Idee ist oder nicht, dann ist das Michael Beyth. Er sitzt in seinem engen, mit Büchern und Ordnern vollgestopften Büro des Geological Survey of Israel in Jerusalem, ein bedächtiger Mann mit Glatze und randloser Brille. Er ist jetzt 67 und seit zwei Jahren offiziell im Ruhestand, aber die 35 Jahre davor hat er sich mit dem Toten Meer befasst, zunächst als wissenschaftlicher Berater der Industrie, später als Chefwissenschaftler des Ministeriums für Infrastruktur. Er hält Vorträge über das Kanalprojekt, sein jüngster Artikel zum Thema erschien vor einigen Wochen in einer Fachzeitschrift.
Beyth faltet die Hände und schweigt lange. Endlich murmelt er: "Wenn ich das so genau wüsste. Es ist ein sehr großes, kompliziertes Projekt." Das Tote Meer einfach weiter schrumpfen zu lassen, wäre unverantwortlich: "Das führt zu ökologischen Problemen, die wir heute noch nicht einmal abschätzen können." Es sei auch richtig, dass der Jordan wieder mehr Wasser führen müsse. "Aber das ist nur sehr begrenzt möglich. Es ist politisch völlig unrealistisch, dass dies die Lösung der Probleme am Toten Meer sein könnte."
Beyth seufzt schwer. "Ich denke, es gibt keine andere Lösung als den Kanal."
SAMIHA SHAFY
Von Samiha Shafy

DER SPIEGEL 36/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UMWELT:
Meer am Tropf

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt