03.09.2007

AUTOREN„Sehr befremdlich“

Der chinesische Schriftsteller Yan Lianke, 49, über deutsche Literatur, seinen neuen Roman „Dem Volke dienen“ und die Zensur
SPIEGEL: Ihr Buch "Dem Volke dienen" ist gerade in Deutschland erschienen. Gleichzeitig ist die Bundesrepublik Gastland auf der Pekinger Buchmesse. Ist deutsche Literatur in China populär?
Yan: Ihr Einfluss ist außerordentlich groß. Goethe, Schiller, Hesse, Thomas Mann werden gern gelesen. Auch Grass und zum Beispiel Patrick Süskinds Roman "Das Parfum".
SPIEGEL: In China ist Ihr neues Buch verboten. Warum?
Yan: In einem offiziellen Dokument heißt es, dass die hehren Ideale der Partei verunglimpft werden.
SPIEGEL: Die Frau eines Armeekommandeurs hat eine Affäre mit einem einfachen Soldaten und empfindet Lust beim Zerstören von Mao-Devotionalien ...
Yan: ... dass es die Chinesen nicht lesen dürfen, finde ich sehr befremdlich. Was ich beschreibe, ist in der Armee so ungewöhnlich nicht. Die Reform- und Öffnungspolitik begann vor fast 30 Jahren. Die wirtschaftliche Entwicklung marschiert schnell voran, die geistig-ideologische hinkt hinterher.
SPIEGEL: Kennen Sie Ihre Zensoren?
Yan: Nein, sie bleiben anonym. Die Lage hat sich in den letzten zehn Jahren verändert. Als 1994 ein Buch von mir verboten wurde, musste ich noch etliche Selbstkritiken schreiben. Inzwischen ist die Verantwortung vom Autor auf den Verlag übertragen worden. Der kann das Buch drucken, trägt aber die Kosten, wenn er es zurückziehen muss. Wenn der Verlag dann auch noch zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wird, kann so etwas ein Unternehmen empfindlich schwächen. Der Anfang vom "Dem Volke dienen" wurde in einer Zeitschrift veröffentlicht, dann aber war Schluss.
SPIEGEL: Werden Sie Ihren Roman in Deutschland persönlich vorstellen?
Yan: Das ist eine komplizierte Angelegenheit. Es ist schon gewagt, das Buch zu veröffentlichen. Wenn ich zu viel darüber rede, kann das ungute Folgen haben.
SPIEGEL: Wird es eines Tages auch in China zu kaufen sein?
Yan: Ausgeschlossen. Dennoch bin ich optimistisch, was die Entwicklung Chinas betrifft. Die Reformen werden eines Tages auch in der Literatur und im Verlagswesen greifen und Buchverbote immer seltener werden.

DER SPIEGEL 36/2007
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