03.09.2007

„Unser Fichte hieß Sartre“

Der Schriftsteller Rüdiger Safranski, 62, über die Romantiker, die 68er und die Politik der Erregung
SPIEGEL: Herr Safranski, was hatten die Erregungszustände von Heiligendamm, was die protestierenden Nackten auf dem Alpengletscher jetzt mit Romantik zu tun?
Safranski: Die grüne Thematik, die derzeit die Protestkultur beherrscht, das ist ein romantisches Motivgeflecht.
SPIEGEL: Ihr Romantik-Buch beginnt mit einer Seereise von Herder 1769. Warum ist es romantisch, in See zu stechen?
Safranski: Von Nietzsche stammt der Aufruf: "Auf die Schiffe, ihr Philosophen!" Man löst sich vom Bekannten, und Herder, der eine Karriere als Prediger in Riga an den Nagel hängt, notiert in sein Reisejournal die alleraufregendsten Gedanken. Im Übrigen ist es auch einfach schön, auf die Frage nach dem Anfang der Romantik antworten zu können: "Ganz genau im Mai 1769, als Herder in See stach".
SPIEGEL: Nach dem Epochenbruch der Französischen Revolution tanzen Hegel, Hölderlin, Schelling um den Freiheitsbaum. Doch dann die anfängliche Napoleon-Begeisterung - warum wird ein militärischer Eroberer für die Romantiker zur Kultfigur?
Safranski: Er ist die erste große Ich-AG. Ein charismatisches Super-Ich, das die Welt verändert. Wenn Fichte später die Himmelfahrt des Ich betreiben kann, dann auf dem Hintergrund dieser Erfahrung.
SPIEGEL: Warum ist dann eigentlich die Romantik nicht in Frankreich zu Hause, sondern in Deutschland?
Safranski: Tatsächlich ist der Begriff von den Romantikern selber erfunden worden, zum Beispiel wollte Friedrich Schlegel die Welt als "Roman" ausbreiten, als eine Art "Universalpoesie". Das Romantische wird später auch Frankreich und Russland erfassen, auch in den USA gibt es mit den Transzendentalisten, mit Emerson und Thoreau, eine romantische Bewegung. Auch in England gab es Vorspiele. Aber richtig los geht das Ganze dann erst in Deutschland.
SPIEGEL: Warum?
Safranski: Madame de Staël fand, das ging nur in Deutschland.
SPIEGEL: Madame de Staëls Buch "Über Deutschland" gilt bis heute als Schlüssel zur deutschen Seele.
Safranski: Sie hat den Unterschied so gesehen: In Frankreich gibt es dieses sehr kultivierte gesellschaftliche Netz, das alle ähnlich und ein wenig glatt und konformistisch macht. Die Deutschen dagegen haben keinen geselligen Mittelpunkt, sie hängen in ihren Nischen und Winkeln, und in diesem unübersichtlichen Gelände gibt es viele wunderliche und originelle Figuren.
SPIEGEL: Sicher gehört eine besondere Kraftanstrengung dazu, aus dieser politischen Zersplitterung die Einheit als Kulturnation zu formen. Vielleicht wirkte das Nationale bei uns deshalb so lange angestrengt.
Safranski: Diese ewige Rede über die deutsche Verspätung als Nationalstaat hat sich so eingeschliffen. Man sollte sich mal über die Vorteile einer solchen Verspätung Gedanken machen. Geistige Innovationen hatten Zeit, sich zu entfalten, noch ehe sie vom politischen Machtdenken instrumentalisiert und banalisiert wurden.
SPIEGEL: Gibt es Romantiker, die eine Vergleichsgröße wären aus Ihren Studententagen?
Safranski: Fichte hatte wahrscheinlich die gleiche Wirkung auf seine jugendlichen Hörer wie Sartre auf uns. Dessen Begriffe von "Entwurf" und "Existenz" hatten durchaus den genialischen Fichteschen Glanz. Und beide bildeten Schulen.
SPIEGEL: Das Leben wird durch die Literatur der Romantiker verdichtet und zugespitzt. Eine unglaubliche Lesewut bricht aus. Auch das hat Parallelen zu den 68ern. Wenn man sich die Kommune 1 anschaut, dann gab es auch dort literarische Rollenvorgaben. Fritz Teufel hatte sich immer stark mit Aaron Wassertrum aus Meyrinks "Golem" identifiziert. Rainer Langhans wollte Popstar sein. Und Dieter Kunzelmann hat mit Baudrillard unter Seine-Brücken genächtigt. Romantisches Personal?
Safranski: Absolut. Die "Django"-Filme zum Beispiel haben die Rolle des einsamen Rächers vorgegeben. Die Romantiker wollten Literatur in Leben verwandeln, wir haben dann Filme in Leben verwandelt ...
SPIEGEL: Die Technik des "Romantisierens", wie Novalis sie beschrieb, klingt danach: "Dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn geben und dem Endlichen einen unendlichen Schein".
Safranski: Da steckt ja schon das ganze Raffinement der Romantiker drin. Sie sagen ja nicht, dass es das große Geheimnis oder Gott gibt. Nein, die sind schon durch die Aufklärung gegangen. Die sagen jetzt: Mal sehen, ob wir den Zauber, den uns die Aufklärung genommen hat, nicht mit Bordmitteln wieder zurückholen können, mit der Goldgrube der Subjektivität. Es gibt diesen Trotz, die langweilige und eng gewordene Wirklichkeit neu zu verzaubern. Die brauchen Gott nicht aus ethischen Gründen, sondern aus ästhetischen. Es ist ein Gott gegen die Langeweile.
SPIEGEL: Ein zentraler Topos romantischer Literatur ist die Geheime Bruderschaft, die konspirative Vereinigung. Auch die dialektischen Materialisten kommen ohne Verschwörungstheorie nicht weiter.
Safranski: Allerdings. Es gibt ja diese Verschwörungstheorien auch bei Marx, also auf hochkulturellem Niveau. Man will der Geschichte auf die Schliche kommen, ihrer inneren Logik. Die marxistische Geschichtsphilosophie, wie sie dem "Kapital" zugrunde liegt, zeigt die unsichtbaren, die wahren Bewegungsgesetze, sie ist also eine großangelegte Entlarvung und damit etwas sehr Romantisches. Auch für Marx galt Eichendorffs "Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort". Die Zauberworte für Marx waren: Kapital, Proletariat ...
SPIEGEL: Manche Theorien der Romantiker kapiert man einfach nicht. Manche kapieren sie selber nicht. Schlegel seufzt einmal, dass er seine Notate gern Fichte zeigen würde, aber wahrscheinlich würde der sie doch nicht verstehen.
Safranski: Nicht verstanden zu werden gehört zum Berufsrisiko des ironischen Romantikers. Das hat ihnen nie viel ausgemacht.
SPIEGEL: Warum neigten die Romantiker eher Goethe zu als Schiller?
Safranski: Goethe war in allem frivoler als Schiller, und das gefiel den Romantikern.
SPIEGEL: Irgendwann werden auch die Romantiker müde. Sie legen die Ohren an, werden staatstragend.
Safranski: Nach ihren Aufbrüchen suchen sie nach Verankerungen, lebensgeschichtlich, aber auch geistig. Schlegel, der Protestant, tritt zum Katholizismus über, Brentano ist es sowieso schon, er sitzt dann am Bett einer stigmatisierten Frau und zeichnet ihre Delirien auf. Es ist aber bezeichnenderweise die katholische Kirche, die sie aufsuchen. Die protestantische ist da viel zu langweilig.
SPIEGEL: Anregungen sind wichtig. E. T. A. Hoffmann hat der Schlacht bei Dresden mit einem Weinglas in der Hand zugeschaut.
Safranski: Ernst Jünger hat immer wieder darauf verwiesen. Er kämpft nicht, er schaut zu. Ein Schlachtentourist, aus dem Gefühl heraus, dass die Geschichte ein unendlich absurdes Theater ist. Das ist schon ein Schopenhauerscher Blick auf Geschichte.
SPIEGEL: Die Romantik kommt in Wellenbewegungen. Zunächst die philosophisch spekulative Welle, dann die nationale Begeisterung in den Befreiungskriegen, und schließlich der Ironiker Heine. Die 68er in Deutschland können begrifflich wenig mit der Romantik anfangen?
Safranski: Das ist deren Crux: man investiert die Romantik ins Ziel der Befreiung, aber die wirkliche Romantik, die Poesie, ist auf dem Weg dahin eher hinderlich. Sozialromantik anstelle von poetischer Romantik.
SPIEGEL: Waren Sie damals Romantiker?
Safranski: Gewiss. Romantisch war das Lebensgefühl, die dionysische Musik der "Doors", die erotischen Lockerungen, die Devise "Phantasie an die Macht". Dann aber kamen die Mühen der Ebene. Wir imitierten die alte Arbeiterbewegung, eine Komödie, eine Farce. Das war dann unfreiwillige Romantik vom Gröbsten. Wir haben zu spät darüber gelacht.
SPIEGEL: Die K-Gruppen waren beinhart, wenn es um kleinbürgerliche Abweichungen ging
Safranski: Es gab 1968 die Kampagne "Tod der Literatur", und sie ist im Kern mit den gleichen Argumenten betrieben worden, die Börne gegen den Romantiker Heine vorbrachte, nämlich: Wenn Napalm auf Kinder fällt, darf es eigentlich nur noch Reportage und Dokumentarliteratur geben, aber keine Gedichte und romantischen Träumereien. Die Revolutionsmänner machen die Nachtigallen arbeitslos, klagte schon Heine.
SPIEGEL: Hat der deutsche Hang zum Irrationalismus in den Nationalsozialismus geführt?
Safranski: Ich halte diese Interpretation für töricht. Das Leben selbst ist irrational, das macht seinen Bedeutungsreichtum aus, das hat nichts mit Verbrechern zu tun. War der Nationalsozialismus romantisch? Man kann sagen, der Nationalsozialismus war eher eine brutalisierte und banalisierte Form pseudonaturwissenschaftlichen Denkens - Biologismus, Rassismus; also eher pervertierte Rationalität als verwilderte Romantik. Allerdings: Dass sich ein erheblicher Teil des Volkes für ein so krudes und monströses Projekt wie das der Nazis rekrutieren lässt, dazu gehört schon eine Menge von Weltfremdheit.
SPIEGEL: Also doch eine deutsche Anfälligkeit?
Safranski: Offenbar sind wir sehr begabt dafür, das ganz Große und das ganz Nahe wahrzunehmen. Das Kosmische und das Tiefe, das liegt uns. Nur in der mittleren Distanz, da, wo es um politische Klugheit geht, da haben wir oft versagt.
SPIEGEL: In der Berliner Republik kann man vor Trippelschritten und Pragmatismus kaum noch Bewegung feststellen. Das Romantische, das Visionäre, hat sich fast vollständig in die deutsche Kunst zurückgezogen.
Safranski: Schön, wenn es so wäre. Aber die Ausnüchterung, also der Geist der ökonomischen und politischen Nützlichkeit greift auch auf die Kunst über. Was soll aus ihr werden im Zeitalter des allgemeinen Rauchverbotes? Für mich jedenfalls gilt: Ohne Romantik wäre das Leben ein Irrtum. INTERVIEW: MATTHIAS MATUSSEK
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 36/2007
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