03.09.2007

LEGENDENTigerin mit weißen Handschuhen

Vor 25 Jahren verunglückte Gracia Patricia, die Fürstin der Herzen.
Davor möchte man noch heute in die Knie sinken. Vor diesem irisierenden Spiel aus Eleganz und lüsternem Geheimnis, aus Schönheit und verruchter Leidenschaft. Aus ihren Rollen blickt sie wie aus einem erotischen Rätsel herüber, eisblau, aber der Mund ist leicht geöffnet, und die Augen, sie mustern ihre Beute.
Und natürlich leuchtete sie immer golden und schön und unberührt. Dabei war sie alles andere. Sie war noch nicht mal eine echte Blondine, und sie kam damit durch.
Sie nahm sich - anstrengungslos! - Erfolg und Ruhm und dann genau die Männer, die sie wollte. Mit Vorliebe Kollegen. Reihenweise brachte sie die Filmpartner um den Verstand - und beendete die Affären, wenn die Dreharbeiten endeten. Mit Gary Cooper machte sie es so. Mit Clark Gable, Ray Milland und Bing Crosby. William Holden beging aus Liebeskummer beinahe Selbstmord.
Mit diesem Flirren liegt sie hoch über dem Randale-Zirkus unserer Tage. Sie ist die ganz andere Liga. Die Erinnerung an Grace Kelly zeigt wieder, wie unraffiniert, wie trottelhaft und vulgär unsere Lindsay Lohans und Paris Hiltons mit ihren pornografieverdächtigen Auftritten sind.
Ihre Männergeschichten machte Grace nie zur öffentlichen Angelegenheit. Sie erlegte ihre Beute im Stillen - und zog sich dann die weißen Handschuhe über. Die waren ihr Markenzeichen damals.
Mit der Kindfrau Audrey Hepburn ist die Welt längst fertig, mit der Sexbombe Marilyn Monroe sowieso. Bei Lady Di ist nun alles ausgeleuchtet, Liebhaber, Bulimie, tragisches Ende.
Bei Grace Kelly sind wir dabei, einiges nachzuholen, wenn nun anlässlich ihres 25. Todestages eine Reihe neuer Bücher erscheinen (beispielsweise der ganz glänzende Bildband "Grace" ihres Lieblingsfotografen Howell Conant), Dokumentationen und Ausstellungen gezeigt werden und Modehäuser wie Prada, Calvin Klein oder Louis Vuitton in den neuen Kollektionen ihren Stil zitieren.
"Ich habe sehr schnell Erfolg gehabt. Vielleicht zu schnell, um seine Bedeutung ermessen zu können", sagte Grace Kelly. Ihr Publikum hatte dasselbe Problem.
Was für eine funkelnde Raserei, diese Karriere: Von ihrem Durchbruch 1952 mit dem legendären Western "High Noon" bis zu ihrem letzten Film, der Gesellschaftskomödie "High Society", vergingen nur vier Jahre. Sie wurde zweimal für den Oscar nominiert und gewann ihn 1955 für ihre Hauptrolle in "Ein Mädchen vom Lande". Alfred Hitchcock war ihr verfallen und besetzte sie gleich in drei Filmen ("Bei Anruf Mord", "Das Fenster zum Hof", "Über den Dächern von Nizza"). Sie war die "Eisfee, die zur Lawine werden konnte", sie war der amerikanische Traum - und dann ein europäischer.
Kein Hollywood-Studio hätte ihr diese Rolle bieten können. Am 18. April 1956 heiratete die 26-jährige Grace den monegassischen Fürsten Rainier III. Sie gab sich den Namen Gracia Patricia und kommentierte ihre Wahl recht klug so: "Ich war immer
der Meinung, dass ein Mann, der eine berühmte Frau heiratet, damit seine Identität verliert. Ich wollte aber keinen zukünftigen Mr. Kelly."
Grace wollte Familie, eine eigene, eine liebevollere als jene, der sie selber entsprang. Ihr Vater John, überehrgeiziger Selfmade-Mann und sportbesessener Schleifer, sponserte den damals klammen Fürsten mit zwei Millionen Dollar für die Traumhochzeit. Er war mit dem Fürstentum, dieser "verdammten Reißzwecke am Mittelmeer" trotzdem nicht einverstanden.
Tatsächlich: Es war ja Grace Kelly, die das ehemalige Piratennest Monaco überglänzte und aufwertete mit ihrer Hollywood-Noblesse und nicht umgekehrt. Kitschig und rührend spielte sie die Landesmutter. Sie streichelte Babys, besuchte Pfadfindertreffen, setzte drei Kinder in die Welt und langweilte sich zu Tode.
Und dann, das weiß man erst heute, brach sie aus, immer wieder, in die Arme von Liebhabern wie David Niven und Cary Grant und dem viel jüngeren österreichischen Regisseur Robert Dornhelm.
Gleichzeitig löste sie 1962 - wie lachhaft ist das eigentlich! - eine mittlere monegassische Staatskrise aus, als sie erwog, für Hitchcock als "Marnie" vor die Kamera
zurückzukehren - würde sie den Hauptdarsteller Sean Connery küssen müssen?, fragten die Blätter bang.
Es waren Grace Kellys dunkelsten Jahre. Aus den Fotografien dieser Zeit schaute sie nur noch müde und gleichgültig. Sie suchte jetzt Trost in Martinis und einem Hobby, das wie ein stiller Vorwurf wirkte - dem Blumenpressen.
Am 13. September 1982 wird sie mit ihrem braunen Rover aus der Kurve einer südfranzösischen Küstenstraße geschleudert. Mit im Wagen ihre damals 17-jährige Tochter Stéphanie - die Gerüchte wollen nicht verstummen, dass es Stéphanie war, die am Steuer saß.
Die Frauen stürzen 40 Meter tief in den Garten eines Blumenhändlers. Am Tag darauf stirbt Grace an den Folgen einer schweren Hirnverletzung. Sie ist die erste Unfalltote eines Krankenhauses, das sie selbst gestiftet und eingeweiht hatte. Es trägt ihren Namen: Princesse Grace.
Königinnen der Herzen sterben diese gewalttätigen Tode. Was bleibt, ist für alle Zeiten dieses Gesicht, das so verwirrend ambivalent ist. Man wird es sich nie erklären, nicht dieses Gesicht, nicht diese Frau.
Sie ist die Meisterin der Zurückhaltung, die Tigerin mit den weißen Handschuhen - das ist die Spannung, die bleibt. VERENA ARAGHI
* Prinzessin Caroline, Prinzessin Stéphanie, Fürst Rainier, Prinz Albert, um 1970.
Von Verena Araghi

DER SPIEGEL 36/2007
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