03.09.2007

LITERATUREnthüllungen über Harry

In ihrem neuen Roman „Böse Schafe“ erzählt Katja Lange-Müller eine Liebesgeschichte voll unheimlicher Spannung und Dynamik, ein psychologisches Meisterporträt. Von Ingo Schulze
Schulze, 44, gebürtiger Dresdner, lebt als Schriftsteller in Berlin und wurde vor allem durch seinen Bestseller "Simple Storys" bekannt; zuletzt erschien sein Erzählband "Handy".
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Der neue Roman von Katja Lange-Müller, "Böse Schafe", ist eine jener großen Liebesgeschichten, wie sie in der Literatur aller Zeiten rar waren und sind*.
"Wir liegen auf den beiden Matratzen, nicht Seite an Seite, dennoch Kopf an Kopf. Die Arterie über deinem Schläfenbein pulst gegen meine Wange ... Ich habe nicht das Bedürfnis nach Distanz, aber auch keine Lust, dich zu umarmen. Ich bin frei ... und trotzdem nicht einsam."
Das Erzählen beginnt in jenem Zwischenreich von Traum und Wachheit, ohne das es kein Erinnern und auch keine Literatur gäbe. Den Sequenzen und Bildern, den Gerüchen und Empfindungen nachzusinnen, die ihr Vorstellungsvermögen erzeugt, löst in Soja, der Erzählerin, eine Freiheit verheißende Bedürfnislosigkeit aus, die sie Glück nennt, "ein betörend undramatisches Glück, das zu mir zurückkehrt, mit jeder Erinnerung daran".
Die Geschichte von Soja und Harry beginnt im April 1987 am Nollendorfplatz in West-Berlin. Soja, die bis zu ihrem 39. Jahr in Ost-Berlin lebte, ist noch keine zwölf Monate auf der anderen Seite der Mauer. Auf dem Weg zur Wohnung eines bayerischen Sozialarbeiters, dessen Badewanne sie benutzen darf, sprechen sie zwei Männer an. "Na, Mausepuppe, wohin geht's?", fragt Harry, in dessen Atem sie etwas riecht, das ihr Appetit auf Kakao macht. Als könnte Harry ihre Gedanken lesen, lädt er sie ein, mit ihnen Kakao zu trinken.
Fast von Beginn an beschleicht Soja das Gefühl, Harry sei "ungefähr das, was ich auch geworden wäre, wenn es dem Schicksal gefallen hätte, mich als Knaben zur Welt kommen zu lassen", und dies im "feindlichen politischen System".
Soja lädt beide für Sonntag zu sich nach Moabit ein. Am nächsten Morgen ist nur noch Harry da, und der bleibt, vorerst. Denn: "Bitte, Mausepuppe, mein Schicksal liegt in deinen Händen."
Harry ist Junkie. Nach zehn Jahren im Knast wegen schweren Raubes ist er von einer "Therapie-statt-Strafe-Maßnahme" abgehauen. Die Begegnung mit ihm reißt Soja aus ihrem lethargischen Alltag und ihrer Vereinsamung. Mit ihm fällt ihr eine Aufgabe zu, so dass sie "endlich mal wieder kämpfen konnte, wie ich es bislang immer gekonnt hatte, nicht gegen etwas, sondern um jemanden ..."
Soja erzählt sich und Harry ihre Geschichte, sie stellt Fragen, auf die sie schon damals keine Antworten bekam, und gesteht ihrerseits, was sie ihm verschwieg. Sie sucht nach Vergleichen zu dem, was ihm widerfahren ist. Doch so ratlos sich die Erzählerin fragt, warum dieser Mann sie anzieht, so nachvollziehbar erscheint es dem Leser.
Zu den auffälligsten Passagen dieses Romans zählen die Beschreibungen von Begehren und Sex. Auffällig deshalb, weil so selbstverständlich darüber gesprochen wird. Diesen Szenen sind dieselbe Offenheit und Rückhaltlosigkeit eigen, ihnen wird dieselbe Behutsamkeit zuteil wie allen anderen auch, und gerade das macht sie so ungewöhnlich.
Zu einer Art Zwiegespräch wird Sojas Sich-Erinnern, weil Harry eine Art Tagebuch hinterlassen hat mit 98 Sätzen. Keiner davon spricht von ihr.
Lapidare Nebensätze und knappe Episoden aus dem "Vorleben" der beiden in Berlin Geborenen lassen bei allen Unterschieden erahnen, warum Soja und Harry zu bösen Schafen wurden; durch die Nebenfiguren des Romans weitet sich der Blick zu einem West-Berliner Panorama der späten achtziger Jahre.
Lange-Müller führt ihren Lesern immer wieder vor Augen, wie sehr Erinnerung auch ein Ringen um Sprache ist - "Ich weiß kein Wort dafür; alle, die ich kenne, sind stumpf und blind, abgenutzte Suppenlöffel" - und um eine Stimme.
"Die Angst vor und die Liebe zu dir attackierten einander pausenlos." An dem Morgen, an dem Harry, der rückfällig geworden war, bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert wird, "begann der Abschied von dir".
Am Ende des Romans setzt eine Szene das Verhältnis von Ost und West auf nahezu groteske Weise ins Bild. Harry bricht zum ersten Mal vor Soja in Tränen aus. Zur ihrer größten Irritation geschieht dies bei den Fernsehbildern, die Erich Honecker in Handschellen zeigen.
Soja selbst begreift erst allmählich und beinah wider Willen, dass sie mit Harry ihrer großen Liebe begegnet ist. Sie bezahlt diese Liebe mit einer Unbedingtheit, die ihr Leben dem seinen ähnlich macht, nur dass ihre Droge die Erinnerung ist. Dadurch aber klingen die Sätze so eindringlich, als wären sie geträumt.
In "Böse Schafe" hört man eine Stimme, die jede Zeile besiegelt. Man spürt eine Erfahrung, die das Erzählen notwendig macht. Auch wenn solche Notwendigkeit nur außerhalb literarischer Ambition entsteht, zur Sprache kommt sie paradoxerweise allein durch Literatur. Erfahrung und Stil müssen sich finden.
Obwohl auch diese Liebesgeschichte traurig endet, bleibt man nicht traurig zurück, eher etwas benommen, als hätte man neben Soja auf einer der Matratzen gelegen, Kopf an Kopf mit Harry.
Das Glück, denkt man vielleicht, das ist jemand wie Soja. Bis es einem irgendwann aufgeht: Dieses Buch selbst ist ein Glück, "das zu mir zurückkehrt, mit jeder Erinnerung daran".
* Katja Lange-Müller: "Böse Schafe". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 208 Seiten; 16,90 Euro.
Von Ingo Schulze

DER SPIEGEL 36/2007
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