03.09.2007

SOZIALPHILOSOPHIEKampf um Anerkennung

GEISTESGRÖSSEN (VII): Im „Jahr der Geisteswissenschaften“ stellt der SPIEGEL in einer Serie herausragende Wissenschaftler und deren Arbeit vor. Der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth, 58, erinnert an die Ermöglichung eines gelingenden Lebens in modernen Gesellschaften und etabliert die Anerkennung als notwendige Ressource von Gerechtigkeit.
Axel Honneths Büro liegt im ehemaligen Gebäude der IG Farben, Industriedenkmal aus den beginnenden dreißiger Jahren in der Bürgerstadt Frankfurt am Main. Der Campus der Universität atmet souveräne Wohlhabenheit, die hellen Steine der Neuen Sachlichkeit und ihre geschwungenen, offenen Formen erzählen eindrucksvoll von einer deutschen Epoche, in der Ingenieurskompetenz, akademisches Denken und immer noch deutscher Weltgeist sich auf einer historischen Höhe befanden.
Vor 20 Jahren - vor der friedlichen Revolution in der DDR, vor dem Ende des Kalten Krieges und damit vor dem Zeitpunkt, da die US-Verwaltung das Gebäude räumte, das sie 1945 politisch instandbesetzt hatte - lag das Arbeitszimmer des damaligen Assistenten von Jürgen Habermas in einem schon bei Fertigstellung unansehnlichen Betonbau, der auch im Inneren von der Entwertung des Denkens zeugte: dunkle Flure, bekritzelte, wirr mit Zetteln beklebte Wände und billiges Mobiliar schossen atmosphärisch jeden Gedanken schrottreif.
Die Botschaft des Ganzen an jeden Einzelnen war: Auf dich kommt es nicht an. Die philosophische Reaktion, auf dem Sartre-Kongress 1987, in den Seminaren und den studierten Texten lautete: Dieses Ganze muss unwahr sein.
Axel Honneth ist Professor für Sozialphilosophie und außerdem Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, der legendären Frankfurter Schule. Das philosophische Institut wurde 1923 initiiert, zehn Jahre später von den Nazis geschlossen und 1954 von den Protagonisten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno wiederbelebt. Honneth ist nun Nachlassverwalter dieser berühmtesten philosophischen Bewegung der Nachkriegszeit.
Die besondere Arbeitsweise des Instituts, das Philosophie mit empirischer Forschung verknüpfte, führt er heute fort: In Gesprächen mit ausgewählten Gruppen versucht das Institut zum Beispiel zu ergründen, wie Arbeitslosigkeit auf die Selbstachtung wirkt, wie in intimen Beziehungen
Konflikte verhandelt werden, was Menschen spontan unter Gerechtigkeit, Ehre oder fairer Entlohnung verstehen. Die Ergebnisse setzt Honneth in Beziehung zu dem, was der Horizont nicht nur der Frankfurter Schule ist, sondern jeder Sozialphilosophie: Auch ohne Heidegger kann man es "das Eigentliche" nennen.
Es ist der Modus, in dem wir uns bewegen und dessen Ränder wir nicht sehen; wir stoßen uns gelegentlich nur an ihnen wund. Wenn wir in einer Gesellschaft leben, die das Konkurrenzprinzip selbstverständlich als Motor sozialen Geschehens definiert und den Erfolg als Bewegungsmelder versteht, dann spüren wir diese humane Vergesslichkeit zunächst an Orten, die ungemütlich geworden sind, obwohl sie doch das ganz andere repräsentieren sollen: Familie, Freundschaft, die Schule.
Das Lamento über eine achtlose, inzwischen offen fremdenfeindliche Gesellschaft ist aktuell und rührt doch, ohne sie zu gebrauchen, an Brisanzbegriffe der zwanziger und dreißiger Jahre: "Verdinglichung" und "Entfremdung". Damit war jener Prozess gemeint, in dem die Normen der Warengesellschaft, der Arbeitsteilung und der Kapitalisierung jedweden Vermögens schleichend in die Personen hineinregieren - bis sich die Angestellten ohnmächtig, die Arbeiter als Teil ihrer Maschine, die Bürger als Anhängsel der Bürokratie erleben und sich die Liebenden in einem Verheißungssystem verloren, das Leid und Konflikt als Abweichung von der Norm denunziert. "Alle Verdinglichung ist ein Vergessen", heißt es bei Horkheimer & Adorno, und unser Unbehagen ist oft eine nicht begriffene Erinnerung an das, was Gesellschaften sinnvoll und freundlich macht: Solidarität, Anerkennung und die Ermöglichung eines gelingenden Lebens.
Was hat den Modus begründet, in dem wir empfinden und denken? Honneth führt in seinen Texten aus, dass das neuzeitliche Denken über Gesellschaft auf zwei Strängen beruht: Die machiavellistische Beschreibung einer nachständischen Welt, in der das Politische als Sphäre rationalen Kalküls definiert wird und die Einzelnen ausschließlich nach Macht streben, ist von Hobbes zu einer Gesellschaftstheorie ausgebaut worden, in der dem modernen Staat die Aufgabe zukommt, den Kampf aller gegen alle zu disziplinieren.
Dieser Strang - geknüpft in einer vorsichtig atheistischen Welt mechanischer Arbeit, produktiver Naturwissenschaft und der Allgegenwart europäischer Kriege - wird von Hegel beiseitegelegt. Er beginnt seine Theorie des modernen Staats mit der Würdigung des Menschen als Beziehungswesen: Denn lange bevor wir Bürger sind, haben wir schon als Kind, als Mann und Frau erfahren, dass unser Ich aus Erfahrungen von Wechselseitigkeit, von Abhängigkeit und Freiheit besteht. Das Ideal, das daraus folgt, zielt auf eine Gesellschaft, in der das öffentliche Leben, nach Honneth, "nicht als das Resultat einer wechselseitigen Einschränkung von privaten Freiheitsspielräumen, sondern umgekehrt als die Chance einer Erfüllung der Freiheit aller einzelnen Individuen zu gelten hätte".
Der Konjunktiv macht die Musik: Woran messen wir die Humanität unserer Umgebung, woher wissen wir, "was sein sollte"? Jede soziale Theorie beleuchtet die Gesellschaft anders, und jede fußt auf Annahmen über die menschliche Natur.
Honneth ist Linkshegelianer, also kapitalismuskritisch in der Tradition des Instituts. Im "Kampf um Anerkennung" (so der Titel seiner Habilitationsschrift) unterscheidet er die juristische Anerkennung jeder Person - die im Westen durchgesetzt ist - von jenen Sphären der Anerkennung, die zum gelingenden Leben ebenfalls gehören: die Liebe mit ihren Dimensionen von Wohlwollen und Fürsorge und die Wertschätzung der spezifischen Arbeit, die einer leistet.
Die politisch unruhige Oberfläche dieser Phänomene - ob sie sich im Streik der Eisenbahner zeigt, in der Diskussion um Erziehungsgeld und Pflegeversicherung oder um die Fremdenfeindlichkeit - bestätigt seinen Befund, dass eine gerechte Gesellschaft sich nicht damit zufriedengeben darf, egalitäre juristische Strukturen bereitzustellen. Erst wenn Formen von Anerkennung, die mit der Sichtbarkeit sozialer Arbeit, mit der Erfahrung von Würde und Solidarität verbunden sind, einklagbar und politisch beschwerdefähig werden, können wir von einer Gesellschaft sprechen, deren Sinn sich nicht im mechanischen Nebeneinander erschöpft.
Anerkennung wäre dann nicht mehr ein erfreulicher Überschuss in privaten Beziehungen, sondern - neben der gerechten Verteilung ökonomischer Güter und einer verlässlichen Rechtsordnung - ein notwendiges Element von Gerechtigkeit.
Sozialphilosophie setzt, wie jede Geisteswissenschaft, auf langwierige Prozesse. Wenn wir heute bereit sind, die Gewerkschaften - im Prinzip - wie die Sozialversicherung als soziale Kunstwerke zu sehen, in denen nicht nur Verteilungskämpfe, sondern auch das Ringen um Würde aufgehoben sind, dann sind auch das Wirkungen von Begriffen, wie sie Honneth entwickelt hat.
Es mag eine Menge Zeit vergehen, bis Anerkennung als emphatische Kategorie westlichen Gesellschaften selbstverständlich geworden ist. Einstweilen kämpfen sie noch mit den Folgen, die deren Ignoranz so mit sich bringt: Randale der Überflüssigen in der Banlieue, Hetzjagden auf Farbige, Verwahrlosung der Hartz-IV-Empfänger, Aufstände der Unsichtbaren.
Auf dem so schönen Campus der Universität finden Empfänge der Wirtschaft statt, um die Finanzlage zu verbessern. Neulich hatte Porsche geladen; vom Unterrichtsraum aus sah man die neuen Modelle, gleißend im Abendlicht. Die Wirkung war zwiespältig, wie Honneth sich erinnert: Es lag ein Unmuts-Hauch im philosophischen Seminar, "aber manche nahmen die Prospekte mit".
Man kann mit Günther Anders, dem ersten Phänomenologen der Neuen Sachlichkeit, erschaudern vor der Perfektion unserer Warenwelt und der den Menschen überwältigenden Technik. Man kann, mit Adorno, murmeln: "Kein Glück ohne Fetisch". Nichts davon hat sich erledigt; diese Fundamentalkritik am System ist nach wie vor gültig. Doch sie führt nicht mehr in die Lähmung, den inneren Ausstieg. Mit Honneths Philosophie der Anerkennung wird der Modus der Erkenntnis atmosphärisch und methodisch verschoben: von der bitteren Trauer der klassischen Frankfurter Schule über verlorenes Leben zu einem akademischen Diskurs, der auf einsichtige Hoffnung und damit Besserung plädiert. ELKE SCHMITTER

Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 36/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOZIALPHILOSOPHIE:
Kampf um Anerkennung

  • Nordsibirien: Hungernder Eisbär streunt durch Industriestadt
  • Disziplinierte Demonstranten in Honkong: So geht Rettungsgasse!
  • Nach Ladendiebstahl: Polizeiübergriff gegen Familie in Phoenix
  • Sturzflug durch die Alpen: "Jetman" schwebt über den Dolomiten