03.09.2007

„Ich warne vor Hochmut“

Nahaufnahme: Nach den „Tagesthemen“ bereitet Anne Will ihre neue Talkshow vor. Über den Versuch, mit ihr Schritt zu halten.
Anne Will kriegt Beine", hatte die "Berliner Morgenpost" doch damals geschrieben. Im Februar, als klar war, dass Anne Will die neue Sabine Christiansen werden würde.
Lustig, dachte man damals. Dass der Witz in Wirklichkeit ganz schlecht ist, weiß man erst, wenn man neben Will durch das Berliner Regierungsviertel joggt. Es versucht.
Anne Wills Beine sind schlanke, gebräunte, 24 Jahre lang gestählte Werkzeuge, auf denen sie stundenlang über den Asphalt von Berlin-Mitte laufen kann.
"Fein" ist das Attribut, das am besten zu ihr passt. Nicht nur, weil sie es selber gern sagt.
Sie muss nicht schwitzen, schnauben oder keuchen. Sie bläst nur hin und wieder sanft in ein kariertes Stofftaschentuch: "Wie schön es ist, mal draußen zu sein!"
Sie trägt Dunkelblau, Trainingsjacke, knielange Sporthose, Joggingschuhe und drüber eine Tarnkappe. Jedenfalls schimmert in keinem der vielen entgegenströmenden Gesichter, Spaziergänger, Jogger, Hundespazierenführer, der Funke der Neugier. Oder Erkenntnis. Obwohl Anne Will beim Joggen ganz genauso aussieht wie Anne Will mit Pferdeschwanz beim Joggen.
Und obwohl sie ihnen allen seit über sechs Jahren im Fernsehen die Bundesrepublik und den Rest der Welt erläutert.
Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass die Menschen sie mit Beinen nicht erkennen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Anne Will es, nun ja, gerade nicht möchte.
Das Schicksal, die Genetik, der Produzent der ganz großen Fernsehshow da oben; irgendeine zuständige Instanz muss am 18. März vor 41 Jahren etwas beschlossen haben: Die Nächste, die geboren wird - wo, in Köln? -, okay. Bei der legen wir einfach mal unverhältnismäßig drauf. Die soll kriegen, was alle wollen, und mehr davon. Ihre Eltern und Lehrer sollen sie lieben. Sie soll Algebra und Geschichtszahlen beherrschen. Ihr Haar soll glatt anliegen, sich nur unten ein bisschen anmutig kringeln.
Männer und Frauen, Journalisten und Nichtjournalisten, alle sollen sie sympathisch finden. Backenknochen? Sollen höher sitzen als bei einer amerikanischen Comic-Heldin. Einzige Bedingung: Sie muss ins Fernsehen.
Nach einem Geschichtsstudium machte Anne Will eine Hörfunk-Ausbildung beim SFB. Sie wollte eigentlich nie ins Fernsehen, aber andere, ihre Entdecker, wollten das, und sie war eben so gut darin. Ab dem 16. September moderiert sie nun jeden Sonntagabend nach dem "Tatort" in der ARD ihre Talkshow "Anne Will". Auf einem der wichtigsten Sendeplätze im deutschen Fernsehen. Und wahrscheinlich einem der sichersten. Andererseits: Der Zuschauer an diesem Abend ist anspruchsvoll. Man kann sich nicht irgendwie seitlich in das Flöz seiner Sonntagspsyche bohren. Man muss ihn schon analysieren, ihn kapieren, ihm seine Wünsche erfüllen.
Er will zum Beispiel, dass auch mal heftig durcheinander diskutiert wird. Aber am Ende will er alles verstanden haben. Er will nicht, dass die Leute im Fernsehen stehen. Das ist ihm "zu ungemütlich". Er will prominente Gesichter sehen. Aber nicht 24-mal Müntefering, 29-mal Lafontaine und zwischendurch immer wieder Gysi. "Ich warne vor Hochmut", sagt Will und meint wohl auch sich selbst. Das prominente Expertenpersonal in Deutschland sei eben begrenzt.
Am Mittwoch ist große Pressekonferenz im Studio in Berlin-Adlershof. Gerade wird noch an irgendwelchen Stuhlhöhen gefeilt, auf keinen Fall will Anne Will über den Gästen thronen. Die orangebraune Studio-Deko wird ihr schmeicheln, sie hat ihre Beinstellung geprobt und den eleganten Haltungswinkel. Und sofort blendet die innere Regie ein Bild von Sabine Christiansen ein: den Kopf schräg gelegt wie ein besonders vornehmer Vogel, die bestrumpfte, in Chanel mündende Wade dem Zuschauer entgegengereckt.
Auf die Art elegant? Nein.
"Ich werde Hosenanzüge tragen. Im Sitzen sind Röcke schwierig."
In diesen Tagen ist Will diejenige, die Interviews gibt. Der "SZ", der "FAZ", Reinhold Beckmann. Sie wirkt nicht, als stünde sie vor der Aufgabe, knapp vier Millionen Leute an den Bildschirm zu bannen. Eher souverän, leicht belustigt. "Langweile ich Sie schon?", fragt sie irgendwo an der Spree.
Es gibt Journalisten, die hinter ihre Ausgeglichenheit sehen wollen, ist ja schließlich ihr Job. Weil es auch Wills Job ist, ist man tatsächlich versucht, sie nach den sogenannten Kanten der Anne Will zu fragen. Die Pointe mit den Beinen ist schon weg, die Witze mit dem Nachnamen sind durch, ein neuer Titel wäre nun behilflich beim Porträtschreiben: Anne Will, die Zicke. Die Domina. Das liebe Ding.
Da kommt dann aber nichts. Da wird man abgehängt. Sie habe Markenzeichen immer peinlichst vermieden. Die gelenkige linke Augenbraue sei erfunden. Von anderen. "Denn je weniger der Zuschauer über den Moderator nachdenkt, desto mehr Inhalt wird transportiert."
Sich zurückzunehmen, von sich wegzuleiten, dafür will sie eine Fernsehshow, die ihren Namen trägt, also benutzen.
Das ist mal ein kühner Plan.
Zu Hause angekommen zeigt sich nicht das kleinste Rinnsal auf Anne Wills Stirn. "Haben Sie gesehen?", sagt sie. "Niemand hat mich erkannt."
Zufriedener kann man nicht klingen.
REBECCA CASATI
Von Rebecca Casati

DER SPIEGEL 36/2007
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