10.09.2007

FILM„Man will sich nicht verlieben“

Der Regisseur Christian Petzold über seinen neuen Film „Yella“, den Erfolg der „Berliner Schule“ und die Frage, ob das Mainstream-Kino von Bernd Eichinger noch als Feindbild taugt
SPIEGEL: Herr Petzold, Ihr Film "Die innere Sicherheit" war einer der meistdiskutierten deutschen Filme der letzten Jahre, aber er fand nur etwas mehr als 100 000 Zuschauer. Wann ist ein Film für Sie erfolgreich?
Petzold: Die Zahlen sagen wenig aus. Es gibt eine Diskrepanz zwischen den Filmen, die Produktionskosten von mehreren Millionen haben und deswegen zum Event werden, und den Filmen, die ich mache. Ich merke doch, ob ein Film Spuren hinterlässt oder ob er in der zweiten Woche schon so gut wie tot ist.
SPIEGEL: Haben Sie gern möglichst viele Zuschauer? Oder sagen Sie: besser ein kleines, dafür ein reflektierendes Publikum?
Petzold: Ich habe gern möglichst viele Zuschauer, ist doch klar. Aber es ist nicht so, dass ich beim Produzieren eines Films an den Markt denke. Ich mache keine Previews, auch keine Testvorführungen. Man merkt es einem Film an, wenn er sich an sein Publikum ranschmeißt. Und ich kann es nicht ertragen, im Film an die Hand genommen zu werden.
SPIEGEL: Für Ihren neuen Film "Yella", der von einer jungen Frau handelt, die ihre Heimatstadt Wittenberge verlässt und sich in Hannover in einen Private-Equity-Manager verliebt, haben Sie sich ein anspruchsvolles, schwer zu packendes Thema ausgesucht: den modernen Kapitalismus.
Petzold: Den Kapitalismus abzubilden, das geht ja eigentlich nicht. Ich hab mich also mit meinem Co-Autor Harun Farocki, der den Dokumentarfilm "Nicht ohne Risiko" gedreht hat, zusammengesetzt, und wir merkten, dass da immer noch die klischeehaften Bilder vom Kapitalisten in den Köpfen sind - also Zigarre, Schmerbauch, nackte Sekretärin kniet unterm Schreibtisch, eine Jekyll-und-Hyde-Existenz, Familie zu Hause, Geliebte in St. Tropez, furchtbar, fünfziger Jahre, diese ganze Willi-Heinrich-Welt.
SPIEGEL: Wie sieht der moderne Kapitalist denn Ihrer Meinung nach aus?
Petzold: Der ist vielleicht Buddhist, hört Mozart und sitzt im Intercity, während der gemeine Proll noch die Autobahn runterbohrt. Vor etwa 15 Jahren fing das an, dass der Kapitalist plötzlich einen Körper, eine Sinnlichkeit bekam und sexy wurde, was mit seiner Kaufkraft zu tun hat, die für die Werbung interessant ist.
SPIEGEL: Wann ist Ihnen der moderne Kapitalismus zuletzt im wirklichen Leben begegnet?
Petzold: Ich bin mit der "Yella"-Darstellerin Nina Hoss zu Dreharbeiten nach Hannover gefahren, wir saßen in der 1. Klasse. Dort sind die Schaffner angehalten, Dienstleistungen zu erbringen, Kaffee und so. Die Geschichte der Bundesbahn ist die, dass alle Angestellten, vom Schaffner bis zum Lokführer, handwerkliche Berufe ausüben. Jetzt kommt da so ein Mann, 50 Jahre alt, seit 30 Jahren bei der Bahn, und fragt als Kellner in Schaffneruniform, ob wir einen Kaffee wollen. Wie er das sagt, man merkt, das ist nicht seine Sprache.
SPIEGEL: Wenn Sie sich für "Yella" einen Werbeslogan ausdenken müssten, wie würde der lauten?
Petzold: Das hat mich der Verleih auch gefragt, und ich habe völlig versagt bei der Suche nach diesem Satz. Jetzt gibt es den folgenden Trailer - man sieht Sequenzen aus dem Film, dann kommt eine Frage auf zwei Schrifttafeln: "Wie gefährlich ist es zu träumen ... in den Zeiten des Risikokapitals."
SPIEGEL: Ihr neuer Film spielt in der ostdeutschen Kleinstadt Wittenberge und auf dem Expo-Gelände von Hannover, einer gläsernen, unwirtlichen Gegend. Liegt der kommerzielle Misserfolg Ihrer Filme nicht auch darin begründet, dass Sie Ihren Figuren ein Zuhause verweigern?
Petzold: Aber wo liegt dieses Zuhause? Es gibt doch keinen Ort, an dem man sich so fremd fühlt wie zu Hause. Bob Dylan, "Wanted Man", die gesamte amerikanische Coun-
trymusik erzählt vom Nachhausekommen - aber als Prozess und nicht als Gefühl, das man abrufen kann. Der amerikanische Western, der Film noir, die Melville-Filme aus Frankreich, alle erzählen sie nur von der unerfüllten Sehnsucht nach dem Ort, an dem man sich endlich hinlegen kann.
SPIEGEL: In "Yella" verabschiedet die Heldin ihren Vater vor einer Holzwand am Müllcontainer.
Petzold: Das war keine Tristesse - ich hasse Filme, in denen eine Sozialtristesse gefeiert wird. Der Mann arbeitet einfach am Müllcontainer. Yella verlässt ihre Stadt, weil diese Stadt sie weder ökonomisch noch emotional ernähren kann. Und dann ist die Elbe zu sehen, und darauf kommt es an. In Wittenberge ist die Elbe der Park.
SPIEGEL: Wollen Sie ein bewusst anderes Deutschland-Bild vermitteln?
Petzold: Mich interessiert kein dänischer Film, der so tut, als ob er ein amerikanischer wäre. Mich interessiert ein dänischer Film, der in Dänemark spielt. Der deutsche Film hat Kraft, wenn er sich nicht schämt, in Deutschland zu spielen - oder sich so schämt, dass er seine Scham zum Thema macht.
SPIEGEL: Einkaufspassagen und Supermärkte sind für Sie "verwunschene Orte". Welche Magie entdecken Sie da?
Petzold: Aufgewachsen bin ich an solchen Orten, in Haan, deutsche Kleinstadt, Nordrhein-Westfalen. Diese zersiedelte Bundesrepublik mit 13-Jährigen, die dort irgendwie zwischen den Hochhäusern an den Stromkästen herumvegetieren, das war für mich eine Erziehungsanstalt. Man kann ja jeden Mist mit Emotionen aufladen, auch einen Stromkasten, der da einsam steht. Noch in der letzten, aus Steuermitteln finanzierten Mall irgendwo im Osten, wo außer einem Schlecker-Markt und einer Poststation gar nichts ist, kann man eine Liebesgeschichte erzählen. Nur darf diese Geschichte nicht so tun, als ob sie im XVI. Arrondissement in Paris spielte.
SPIEGEL: Ganz grundsätzlich, haben Sie Angst vor Liebesszenen?
Petzold: Meinen Sie Liebe oder Sex?
SPIEGEL: Eine Liebesszene.
Petzold: Davor habe ich keine Angst, die finde ich interessant. Ich möchte die Herstellung von Liebe filmen, den Widerstand, nicht den Zustand. Ich kann Liebesszenen nicht leiden, die heißen: Ey, die sind verliebt. Es tut ja jeder so, als sei die Liebe das Schönste auf Erden. Dabei hat man den Widerstand in sich, man will sich ja eben nicht verlieben, weil man weiß, welche Probleme, welche Unsicherheit das mit sich bringt. Und diese Zerrissenheit zu filmen, das finde ich interessant.
SPIEGEL: Wie alle Ihre Filme ist auch "Yella" letztlich sehr düster, das Ende ist ein regelrechter Schlag in die Magengrube des Zuschauers. Einfach gefragt: Darf es keinen glücklichen Petzold-Film geben?
Petzold: Ich finde ja, dass es viele glückliche Momente in "Yella" gibt. Vielleicht liegt es auch daran, was man für Musik hört: Ist das nicht alles traurig? Unter den 1000 Filmen, die ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde, sind viele Komödien, aber es gibt doch nichts Traurigeres als eine Komödie.
SPIEGEL: Müsste der deutsche Film härter und böser sein?
Petzold: Oder komplizierter. Wenn ich mir einen Film wie "Unter den Brücken" von Helmut Käutner anschaue, im Krieg entstanden, wie kompliziert diese Ménage-à- trois ist. Wie Freunde dieselbe Frau begehren, sich aneinander reiben und dabei ihre Freundschaft aufs Spiel setzen. Die Struktur des Films muss schlicht sein, um diese Kompliziertheit erzählen zu können - das finde ich ganz selten im deutschen Film. Ich habe das zuletzt bei Valeska Grisebachs "Sehnsucht" gesehen - das finde ich Gefühlskino.
SPIEGEL: Seit einiger Zeit ist das deutsche Kino wieder sehr erfolgreich - vergangenes Jahr mit einem Marktanteil von 26 Prozent. Freut Sie das?
Petzold: Doch, schon. Als "Die innere Sicherheit" rauskam, war das nicht schön. Tom Tykwers "Der Krieger und die Kaiserin" wurde kurz zuvor mit einem enormen Aufwand gestartet, ansonsten war man rechts und links allein, und das ist heute vollkommen anders. Man macht ja Filme deshalb, weil es andere Filme gibt.
SPIEGEL: So einsam kann es heute wirklich nicht mehr um Sie sein. Einer Bewegung junger deutscher Filmemacher, die unter dem Namen "Berliner Schule" firmiert und vor allem im Ausland genau beobachtet wird, gelten Sie heute als Aushängeschild. Was hat es damit auf sich?
Petzold: Der Begriff "Schule" meint einen losen Zusammenhang von Filmemachern. Wir haben alle mal an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studiert, dann die aus Hamburg und München kennengelernt. In Zeiten, in denen wir dachten, dass es in Deutschland eigentlich gar kein Kino mehr gibt, haben wir über Film gesprochen.
SPIEGEL: In Frankreich spricht man auch von der "Nouvelle Vague Allemande". Ist der Vergleich mit dem französischen Autorenkino der sechziger und siebziger Jahre berechtigt?
Petzold: Finde ich gar nicht so falsch: Der Vorwurf, den man der Berliner Schule ja immer macht, ist der, dass es keine ökonomischen, keine messbaren Erfolge gibt. Dabei haben abgesehen von "Außer Atem" auch wenige Filme der Nouvelle Vague wirklich Geld eingespielt.
SPIEGEL: Die alte Kluft zwischen Autorenfilm und Mainstream-Kino, gibt es die noch? Tom Tykwer hat inzwischen mit Bernd Eichinger gedreht.
Petzold: Diesen Gegensatz fand ich sowieso immer Schwachsinn. Eichinger ist doch auch Autor. Der kommt aus der Münchner Filmhochschule, hat die Filme von Wenders gesehen und selber versucht, solche Filme zu machen.
SPIEGEL: Den "vernebelten Blick von Schweiger, Dörrie und Eichinger scharf stellen" - das war einmal Ihre Losung. Taugt das Mainstream-Kino nicht mehr als Feindbild?
Petzold: Nein. Man muss sich an denen nicht mehr abarbeiten. Ich finde es natürlich immer noch furchtbar, wenn die großen Produktionen das ganze Geld auf sich vereinigen, wenn sich das Fernsehen für seine Zweiteiler auf brutalste Art der Filmförderung bedient. Dadurch bekommen kleine Filme wie "Sehnsucht" für die nächsten anderthalb Jahre kein Geld, weil die Töpfe leer sind. Als Truffaut und Godard in den sechziger Jahren richtig loslegten, galt die Politik: Für das Geld eines MainstreamFilms machen wir zehn Filme, und die mäandern herum, ziehen Kreise, sind reicher und komplexer. Das gilt noch heute.
SPIEGEL: Seit drei Jahren vergibt die neugegründete Filmakademie die deutschen Filmpreise. Wie stehen Sie dazu?
Petzold: Ich bin strikt dagegen. Die Mitglieder der Akademie kriegen DVDs der
nominierten Filme zugeschickt, schauen sie dann zu Hause an und stimmen ab. Das hat nichts mit Kino zu tun. Kino ist ein Ort, zu dem man aufbricht, in dem man sich in einem Halbtraumzustand bewegt. Nach dem Film geht man in eine Bar, an den Fluss oder ans Meer, und man spricht. Heiner Müller sagte: "Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche." Das gilt auch für die Akademie.
SPIEGEL: Ist die zu provinziell?
Petzold: Provinziell, aber wie in Deutschland immer, wenn es provinziell wird, gibt's Riesenteppiche, Stretchlimos, Dekolletés bis zu den Kniekehlen.
SPIEGEL: Bernd Eichinger war bei der Gründung der Akademie federführend. Können Sie mit ihm ein künstlerisches Gespräch führen?
Petzold: Klar, Eichinger hat ja noch die Leidenschaft, ein Tycoon zu sein. Der ist ja noch der Gatsby des deutschen Films. Der will was stemmen, will Technicolor in die Fußgängerzonen bringen. Ich bewundere jeden, der einen Rest Enthusiasmus hat - nur umgibt er sich halt mit einer Entourage, der das natürlich fehlt.
SPIEGEL: Ein Regisseur wie Tom Tykwer hat sich durch seine Zusammenarbeit mit Eichinger für die Großproduktion "Das Parfum" von der Kritik emanzipiert, er ist unangreifbar geworden. Steht bei Ihnen diese Emanzipation noch aus?
Petzold: Die etwas langweilige Politik, Bestseller zu verfilmen, interessiert mich nicht. Wenn Hitchcock sagt, man kann nur schlechte Bücher verfilmen, dann gebe ich ihm recht.
SPIEGEL: Muss sich der Filmemacher Petzold vom Intellektuellen Petzold befreien, um wirklich großes Kino zu machen?
Petzold: Nein. Ich finde grundsätzlich richtig, was Diedrich Diederichsen einmal über Mark E. Smith, den Sänger von The Fall, gesagt hat: Der Mann hatte eine brillante Idee im Leben, das reicht. Man muss sein Thema vertiefen, sich dem immer wieder aus anderen Perspektiven nähern. Jeder Filmemacher, der sagt, er sei kein Intellektueller, hat einen an der Waffel. Wie willst du denn anders Filme machen? Du musst dich ja andauernd formulieren. Das fängt bei der Suche nach dem Geld an.
SPIEGEL: Die Kritik wird ungeduldig: Wann kommt er endlich - der große Rums, der große Petzold-Film? Haben Sie den Film, den Sie eigentlich machen wollen, denn schon gemacht?
Petzold: Der Film, den Martin Scorsese immer machen wollte, war "Gangs of New York", und den fand ich leider überhaupt nicht gut. Ich glaube seitdem, dass man den Film, den man eigentlich machen will, besser nicht macht. Der große Rums heißt ja immer: Ich baue mir ein Mausoleum. Ich penetriere die Welt, und dann kann ich abtreten.
INTERVIEW: LARS-OLAV BEIER, MORITZ VON USLAR

Christian Petzold
gilt als Regiehoffnung des deutschen Films, seit er 2001 mit "Die innere Sicherheit" den Deutschen Filmpreis gewann. In dem psychologischen Drama spielten Barbara Auer und Richy Müller zwei Ex-Terroristen, die mit ihrer Tochter seit vielen Jahren auf der Flucht durch Europa sind. Seiner Vorliebe für einen kühl-analytischen Erzählstil folgte Petzold, 46, auch in seinen nachfolgenden Filmen "Wolfsburg" und "Gespenster". Er wurde so zur zentralen Figur der sogenannten Berliner Schule. Diese Gruppe junger Filmemacher, zu der unter anderen Thomas Arslan, Christoph Hochhäusler und Angela Schanelec gehören, verschaffte dem deutschen Kino mit alltagsnahen Geschichten und spröden Hauptfiguren vor allem in Frankreich großes Renommee. "Yella", Petzolds neuer Film, der jetzt in die Kinos kommt, erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen einer jungen Frau aus Wittenberge und einem Vertreter des modernen Kapitalismus. "Yella"-Hauptdarstellerin Nina Hoss wurde auf der Berlinale bereits mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.
* Mit "Yella"-Hauptdarstellerin Nina Hoss bei der diesjährigen Berlinale.
Von Lars-Olav Beier und Moritz von Uslar

DER SPIEGEL 37/2007
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