24.09.2007

PRESSERatz"FAZ“

Die „Frankfurter Allgemeine“ wagt den Traditionsbruch. Ab Oktober wird das Bilderverbot für die Titelseite aufgehoben, die Frakturschrift über den Kommentaren abgeschafft. Doch die eigentlichen Probleme des Blattes liegen nicht in der Optik.
Die Leser der "Frankfurter Allgemeinen" ("FAZ") müssen bald sehr stark sein. Denn in knapp zwei Wochen wird etwas geschehen, was sie gar nicht mögen: Veränderung.
Jahrzehntelang konnte passieren, was wollte, auf eines war immer Verlass: die schier unveränderliche erste Seite der "FAZ". Fast nie wurde dort ein Foto gedruckt - in 58 Jahren nur 33-mal, zuletzt 2005 bei der Wahl von Benedikt XVI. zum Papst. Und immer thronte die eigentümliche Frakturüberschrift über den Kommentaren.
Die Titelseite der "Frankfurter Allgemeinen" war das ernste Gesicht des Kon-
servativismus. Zwar gab es Versuche der Aufheiterung. Doch die Leser verteidigten die schwarze Bleiwüste wie eine Bastion gegen Angriffe der bunten Moderne. Selbst geringste Veränderungen lösten größte Verärgerung aus. "Boulevardisierung", schrieben sich die Leser dann in Rage, "Anbiederung an den Zeitgeist", "der 'FAZ' unwürdig", "Schnickschnack". Das Blatt begebe sich "auf das Niveau der Springer-Presse".
Als die Redaktion einen 1,9 mal 5,5 Zentimeter kleinen Kasten in roter Farbe auf der Titelseite einführte, erkannten die Leser darin "reißerische Verschnörkelungen" und "wildes Farbenspiel".
Ein Leser stöhnte: "Wieder ein Stück Heimat auf dem Altar des Fortschritts geopfert." So war die Zeitung. So ist ihre Leserschaft. Man mag sich kaum vorstellen, welche Schockwellen durch die Leserbriefspalten gehen werden, wenn sich das Blatt am 5. Oktober zum ersten Mal in einem tatsächlich komplett neuen Layout zeigen wird. Denn diesmal wird nicht nur ein wenig an der Schrift herumpoliert, auf dass es keiner merke. Diesmal wagt die Zeitung den Traditionsbruch. Ratz"FAZ" in die Neuzeit.
Das neue Layout hat nicht nur ein Foto auf Seite eins, sondern sogar ein farbiges. Es verzichtet auf die heilige Frakturschrift über den Kommentaren. Es verabschiedet die Linien zwischen den Spalten. Es verpasst den Überschriften eine neue, sehr elegante Schrifttype. Es ist heller, freundlicher, weißer. Und das alles wurde nicht mal von irgendeinem international renommierten Design-Guru entwickelt, hinter dem man sich hätte verstecken können, sondern im eigenen Haus.
Doch kann die neue Optik allein die Probleme der bisher eher designlosen "FAZ" lösen? Lässt sich durch Zeitungskosmetik die stetige Auflagenerosion stoppen, der schleichende Bedeutungsabbau bremsen?
Die verkaufte Auflage schrumpfte in den vergangenen neun Jahren um mehr als 40 000 Stück zusammen. In der gleichen Zeit gewann der Hauptkonkurrent, die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ"), knapp 19 000 Exemplare dazu.
Das Blatt aus München ist den Frankfurtern enteilt, seit es die Zeitungskrise Anfang des Jahrhunderts überwunden hat. Die "FAZ" kann schon lange nicht mehr so tun, als wäre sie die einzige "Zeitung für Deutschland", auch wenn man auf die Münchner noch immer gern als hochgejazztes Regionalblatt runterschauen möchte, das den allergrößten Teil seiner Auflage nun einmal in Bayern verkauft.
Es ist dieser ungeheure Selbstanspruch, eigentlich eine bundesrepublikanische Institution in Fast-Verfassungsrang zu sein, der die "FAZ" und ihre Macher mittlerweile selbst anstrengt. Hinter der selbstsicheren Fassade herrscht Verwirrung.
Vor allem jungen Redakteuren geht das Mausoleumshafte ihres Blattes schwer auf die Nerven. Sie wollen lieber hinein ins Getümmel der Wirklichkeit, als die Gralshüter der wahren CDU-Werte zu spielen. Nicht mehr der Leitartikel ist für sie das Maß aller Dinge. Sie würden gern mehr Reportagen im Blatt haben. So, wie andere es auch machen.
Doch die "FAZ" hat noch nie etwas gemacht wie andere Zeitungen, und sie war immer stolz darauf. Erstaunlich nur, dass das Seite-eins-Heiligtum auch von seinen Hohepriestern in jüngster Vergangenheit nicht mehr allzu heftig verehrt wurde.
Werner D'Inka, Vorsitzender des Herausgebergremiums (das Blatt kennt ja auch nach wie vor keinen Chefredakteur), scheint wie befreit von einer Last: "Das alte Layout wirkte wie schwere Arbeit", sagt er. "Und die Fraktur kann man wirklich nicht mehr sehen."
D'Inka und seine vier Kollegen haben sich bei ihrer Entscheidung, das Blatt zu erneuern, nicht allein auf die eigene Meinung verlassen. Es gab Leserbefragungen und Tests. Drei Layout-Varianten bekamen die Leser vorgelegt. Gewählt wurde die mittlere, sozusagen gemäßigt-radikale. Sowohl eine noch weitergehende Modernisierung mit mehr Bildern auf dem Titel lehnten die Leser ab als auch eine kleinkarierte Variante mit winzigen Bildchen in der oberen Hälfte. Auch die "FAZ" rückt in die Mitte.
Eigenartig ist allerdings, dass die Zeitung das Kunststück fertigbringt, das Layout zu ändern und die Zeitung ansonsten komplett so zu belassen, wie sie ist. Keine einzige neue inhaltliche Idee ist mit der Reform verbunden.
D'Inka spricht von einer "hohen Einstiegshürde in die Zeitung" und dem "Zugänglichmachen". Es klingt, als wolle er sagen, was Politiker sagen, wenn ihre Botschaft nicht ankommt: alles nur ein Vermittlungsproblem. Die Inhalte stimmen.
Doch tatsächlich befindet sich die "Frankfurter Allgemeine" gerade dort im Rückzugsgefecht. Die politische Kommentierung verharrt in oft marottenhaftem Konservativismus. Die Debattenathletik, die das Feuilleton einst groß machte, hat sich erschöpft.
Was fehlt, sind Reportagen und Leichtigkeit. Etwas Witz. Der Griff ins pralle Leben. Alles das, was die "SZ" ziemlich elegant hinbekommt. "Da schmunzelt man bei der Lektüre jeden Tag drei-, viermal", sagt ein Redakteur. Und bei der "FAZ"? Der Redakteur schweigt, lächelt still.
Andere werden deutlicher: "Die ,FAZ' ist leserunfreundlich", sagt Zeitungsforscher Horst Röper vom Formatt-Institut. Es fehle das Bemühen, schwierige Sachverhalte so zu übersetzen, dass sie auch der Nichtfachmann versteht. "Das Blatt ist langweilig."
Für Zungenschnalzen sorgt ab und an nur Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Er räumte vor Jahren das Feuilleton frei, um einen Teil des menschlichen Genoms in einer schier endlosen Folge der vier Buchstaben C, G, A und T abzudrucken. Auch schob er die letzte Grass-SS-Debatte durch ein Interview mit dem Schriftsteller an. "FAZ"-Kollegen vor allem aus dem Politikressort ist Schirrmachers Selbstdarstellungshandwerk eher unheimlich. Sie halten sich lieber im Hintergrund.
Georg Paul Hefty ist einer der profiliertesten Kommentatoren des Blattes. Er steht
für alles, was linke "FAZ"-Hasser an der Zeitung hassen. Ihren Konservativismus. Ihre Nähe zur CDU. Ihr Verteidigen von Helmut Kohl. "Wenn er schreibt, wird die 'FAZ' zur 'Prawda'", schrieb die "taz" über ihn.
Für Hefty ist das Gleichbleibende positiv besetzt. "Ich habe mich nie geändert", sagt er, "nur die Welt um mich herum." Ein bisschen erwartet er das auch von seiner Zeitung.
Neulich schrieb Hefty über ein Neokonservativismus-Papier von Markus Söder und Freunden. Darin stand ein Satz, der beinahe als Selbstbeschreibung der Probleme der "FAZ" gelten könnte: "Sie haben der Vermutung Nahrung gegeben, dass selbst innerhalb der Union das Konservative keine eigenständige Kraft, sondern eine Reihung von ohnehin mehr oder weniger anerkannten Floskeln ist."
So ritualhaft wirkt auch die "Frankfurter Allgemeine" oft. Und es ist meist nicht besser, wenn sie, um die eigene Unsicherheit zu übertünchen, zwischendurch mit schwerer Keule allem den Kampf ansagt, was sie als Modernismus empfindet.
Am deutlichsten wird das zurzeit beim "familienpolitischen Wettrüsten" ausgetragen, das das Blatt ausgemacht hat und an dem es sich bei seiner Stammklientel zu profilieren sucht. Die Kinderkrippe wird zur Wurzel fast allen Übels: "Sie züchtet, was man zu bekämpfen vorgibt." So ein Satz wird auch in einem neuen Layout nicht schöner.
Links und rechts, konservativ oder nicht, das sind die verbeulten Raster, über die die "FAZ" täglich stolpert.
Hefty glaubt, dass die Mehrheit in Deutschland eher links ist, zumindest linksliberal. "Das macht auch den Erfolg der ,SZ' aus", meint er. "Die politischen Gewichte der Bundesrepublik kommen ihr zugute."
Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass das, was die "FAZ" am liebsten macht - als Institution über andere Institutionen zu schreiben -, irgendwie von gestern ist. Da hilft kein Bild auf Seite eins.
Doch interessanter noch als die Frage, wie die "FAZ" demnächst aussieht, ist die Frage, wie sie selbst gern aussehen möchte, welches Bild sie von sich vermitteln will. Und da ist die Werbekampagne, die die Zeitung zur Reform startet, durchaus aufschlussreich.
Sie wirbt nicht mehr mit Helmut Kohl, fotografiert auf einem riesigen Containerschiff. Das war konservativ, staatsmännisch und irgendwie klobig. Nun lockt sie neue Leser unter anderem mit Ursula von der Leyen, ausgerechnet.
Die ist auch konservativ, aber irgendwie netter. Ein Effekt, der noch einmal verstärkt wird, weil sie sich vor einem Feld voller weißer Kaninchen fotografieren ließ.
Die "FAZ" scheint es ernst zu meinen.
MARKUS BRAUCK
* Günther Nonnenmacher, Berthold Kohler, Frank Schirrmacher und Holger Steltzner.
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 39/2007
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