01.10.2007

RAF-Serie (IV): Im Untergrund„Wir wollen an die Front!“

Nach der Ausbildung bei Palästinensern versuchten die Gründer der RAF, ihr „Konzept Stadtguerilla“ umzusetzen. Im Mai 1972 starteten sie eine Serie von Anschlägen - doch schon kurz darauf saßen sie vollzählig hinter Gittern. Von Michael Sontheimer
Am 8. Juni 1970 machte sich in West-Berlin eine Reisegesellschaft der besonderen Art auf den Weg. Der Anführer der Gruppe war der Rechtsanwalt Horst Mahler, der wegen der Befreiung Andreas Baaders von der Polizei gesucht wurde. Mit ihm fuhren je zwei junge Männer und Frauen zum Ost-Berliner Flughafen Schönefeld. Sie sollten sich bald als "anarchistische Gewalttäter" auf den Fahndungsplakaten der Polizei wiederfinden.
Das Quintett mit dem vergleichsweise exotischen Reiseziel Damaskus war die Vorhut jener Truppe, die sieben Jahre später die Bundesrepublik an den Rand des Staatsnotstands bringen sollte: der RAF.
Ihre Gründer verstanden sich als Revolutionäre, sie begriffen sich als Avantgarde der Arbeiterklasse. Vor allem aber sahen sie sich in einer antiimperialistischen Front mit den Vietcong in Vietnam, den Tupamaros in Uruguay oder den Black Panthers in den USA.
Sie meinten es ernst. "Die Baader-Befreiungs-Aktion", hatte Ulrike Meinhof geschrieben, "war auch kein Deckchensticken." Wohl wahr. Das Befreiungskommando hatte in Berlin einen Mann angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Auf allen fünf Beteiligten lastete deshalb der Vorwurf des versuchten Mordes; Meinhofs Steckbrief prangte an den West-Berliner Litfaßsäulen. Die Reise in den Nahen Osten war eine Flucht aus Berlin.
Nach einem ungeplanten Zwischenstopp in Beirut brachten Palästinenser die Vorausabteilung aus Berlin in die jordanische Hauptstadt Amman. Die Vertreter der Fatah, des bewaffneten Arms von Jassir Arafats PLO, organisierten für ihre Gäste ein Polit-Touristen-Programm. Die aber erklärten nach den obligatorischen Besuchen in Flüchtlingslagern und Waisenhäusern: "Das ist ja alles sehr interessant, aber wir wollen eine Ausbildung. Wir wollen Waffen. Wir wollen an die Front!"
Wunschgemäß brachten die Palästinenser sie in ein Fatah-Lager unweit von Amman, in dem sich bald auch der Rest der Berliner einfand. Nun standen für die 14 Lehrlinge der Weltrevolution Dauerlauf, Schießübungen und Nahkampf auf dem Ausbildungsprogramm. "Horst Mahler war so eifrig dabei", erinnert sich ein Teilnehmer, "als ob er schon immer Soldat werden wollte." Andreas Baader habe, wie üblich, gleich angefangen zu motzen. Er fand es für angehende Stadtguerilleros sinnlos, Nahkampf mit dem Bajonett zu üben.
Die Führung der Gruppe bestand aus zwei Männern und zwei Frauen: dem Bohemien Andreas Baader und dem Anwalt Horst Mahler, der Doktorandin Gudrun Ensslin und der Journalistin Ulrike Meinhof. Der Ex-Freund Meinhofs, Peter Homann, begann bald, gegen Baader und sein Chefgehabe zu opponieren. Nach einer
Schlägerei zwischen den beiden wurde der Dissident von den Palästinensern nach Hause geschickt.
Jürgen Bäcker, der einstige Geschäftsführer des Republikanischen Clubs in Berlin und von RAF-Leuten später als Verräter verdächtigt (siehe seite 78), wurde in der Heimat noch nicht von der Polizei gesucht. Er reiste deshalb nach dem Ende der knapp achtwöchigen Ausbildung als Erster zurück. Er sollte herausfinden, ob die Route sicher ist. Doch auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld wurde er festgenommen und an die Staatssicherheit übergeben. "Damit Sie uns keinen Unsinn erzählen", empfing ihn ein Stasi-Vernehmer, "geben ich Ihnen mal ein Beispiel, was wir über Ihre Truppe wissen." Er nannte Bäcker den Decknamen, den dieser gerade erst im Fatah-Lager bekommen hatte.
"Harp" alias Bäcker klärte daraufhin die Vernehmer der Stasi ausführlich auf. Was die Gruppe damals plante, geht aus dem bislang unbekannten Vernehmungsprotokoll hervor. Die RAF beabsichtigte, "einen Anschlag gegen das Hauptquartier der US-Besatzungstruppen in der Clayallee, und zwar Sprengstoffanschläge gegen dort stationierte Panzer, zu unternehmen". Man sei im Fatah-Lager "in der selbständigen Herstellung von Spreng- und Brandsätzen unterrichtet worden".
Ein Brandsatz solle im Büro der US-Fluggesellschaft Pan Am gelegt werden, da sich dort ein "getarntes Büro der CIA befindet". Es sei zudem geplant, die Gruppe
auf "50 bis 100 Personen zu verstärken", Polizei und Justiz "zu demoralisieren" und das Volk "durch Schockwirkungen aufzurütteln".
Kaum gegründet, hatte sich die RAF schon in der Schattenwelt der Geheimdienste verstrickt, aus der sie sich nie mehr völlig befreien sollte.
Besonders die Stasi, die exzellente Verbindungen zu arabischen Geheimdiensten und den Palästinensern hatte, war über lange Phasen bestens über die Gruppe informiert. Mielkes Männer wussten oft, wo sich die RAF-Kader versteckten, während die bundesdeutschen Terrorfahnder im Dunkeln tappten.
Nachdem die Stasi-Offiziere Bäcker 24 Stunden lang verhört hatten, brachten sie ihn zum Bahnhof Friedrichstraße und schoben ihn durch eine Geheimtür auf einen Bahnsteig, der nur von West-Berlin aus zu erreichen war. Zu seinem Ärger hatten die Stasi-Männer ihm die Pistole, die er in Amman gekauft hatte, und 25 Schuss Munition nicht zurückgegeben.
Die RAF-Gründer hatten fast alle spanische "Llama Especial"-Pistolen des Kalibers 9 mm erworben und von den Fatah-Genossen passende Munition geschenkt bekommen. Sie zerlegten die Waffen in ihre Einzelteile und schmuggelten sie über die DDR nach West-Berlin.
Nur einen Monat aktiv, hatte die RAF schon ihre wichtigste strategische Allianz geschlossen: die mit palästinensischen Terrorgruppen. In den folgenden Jahren konnten RAF-Kader immer wieder im Nahen Osten untertauchen und trainieren. Ohne diese Unterstützung hätte die RAF nicht so lange existieren können.
Als die Gründer sich im August 1970 wieder in West-Berlin gesammelt hatten, musste endlich ein Name für die Gruppe her. Horst Mahler plädierte für "Des Geyers schwarzer Haufen" - in Anlehnung an Florian Geyer, einen Führer in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts. Das fanden die meisten absurd. Da sie sich als Kommunisten in der Tradition Lenins verstanden, wurde schließlich Ensslins und Meinhofs Vorschlag angenommen: "Rote Armee".
Den Zusatz "Fraktion" wählten die Rotarmisten, um klarzumachen, dass die Gruppe der bewaffnete Arm einer noch nicht existierenden, machtvollen kommunistischen Partei sei.
Dass die Abkürzung RAF die meisten älteren Deutschen an die Royal Air Force und an die Zerstörung von Dresden und den Bombenkrieg der Briten erinnerte, daran dachte niemand.
Als Vorbilder dienten den RAF-Gründern weniger die Palästinenser, sondern Guerilla-Gruppen aus Südamerika, die dort einen Kleinkrieg gegen korrupte Diktaturen aufgenommen hatten. Besonders imponierte ihnen der brasilianische Revolutionär Carlos Marighella. "Das Minihandbuch des Stadtguerillero von Marighella war die Bibel der RAF", so ein Gründungsmitglied, "und ihr Laienprediger war Andreas Baader."
In der Anleitung heißt es: "Die Logistik des Stadtguerilleros, der bei null anfängt und zunächst über keine Stütze verfügt, kann mit der Formel ,M G W M S' beschrieben
werden: Motorisierung, Geld, Waffen, Munition, Sprengstoff."
Für Motorisierung sorgten die RAF-Gründer auf zweierlei Weise. Zum einen mietete eine vormalige Rechtsreferendarin in Nordrhein-Westfalen unter falschem Namen acht Autos. Die Wagen wurden nach Berlin gebracht und mit gefälschten Nummernschildern ausgerüstet, vorzugsweise mit Doubletten von Autos gleichen Typs. Zum anderen wurden Wagen gestohlen, wobei zunächst Mercedes-Limousinen der Typen 220 oder 230 besonders beliebt waren.
"Baader war ein Kind seiner Zeit", sagt Astrid Proll. "Er liebte schnelle Autos." Nicht nur Proll, sondern auch andere RAF-Leute bauten häufig Unfälle. Baader, der zeitlebens keinen Führerschein hatte, kam einmal mit 160 Stundenkilometern in einem Porsche von der Autobahn ab und überschlug sich.
Außer den Autos hatte die RAF vier konspirative Wohnungen in den West-Berliner Bezirken Wilmersdorf und Schöneberg, die unter falschem Namen gemietet worden waren. Um die Miete zu bezahlen und das kostenträchtige Leben in der Illegalität zu finanzieren, griff die Gruppe zu dem Mittel, das Marighella in seinem Handbuch als "Vorexamen, in dem die Technik der Revolution erlernt wird", charakterisierte: dem Bankraub.
Ende September 1970 trat die RAF in West-Berlin zu einer kollektiven Prüfung an: Innerhalb von zehn Minuten registrierte die Polizei Überfälle auf drei verschiedene Bankfilialen.
In Anklageschriften und Urteilen hieß es später, dass die RAF die drei Überfälle zu verantworten habe. In Wahrheit gingen nur zwei auf das Konto der RAF, einen erledigte die anarchistische "Bewegung 2. Juni". Der angebliche "Dreierschlag" der RAF ist einer von etlichen Justizirrtümern, er wurde aber von den meisten RAF-Chronisten als historische Wahrheit übernommen.
Die Beute der RAF, über 209 000 Mark, nahm Gudrun Ensslin als Kassenverwalterin in Verwahrung. Die Gruppenmitglieder hatten - Ordnung musste sein - bei ihr Listen mit ihren Ausgaben einzureichen. Ulrike Meinhof regte sich immer wieder auf, wenn "Revolutionsgeld" verschwendet wurde.
Welch hohes Risiko die selbsternannten Guerilleros eingingen, darüber dachten sie nicht nach. Sie waren jung, das Durchschnittsalter lag bei 27 Jahren. "Dass wir uns bis zu 20 Jahre Knast einhandeln konnten", sagt eine von ihnen heute, "das haben wir verdrängt." Dass sie unter Umständen den bewaffneten Kampf mit ihrem Leben bezahlen würden, darüber sprachen sie nicht miteinander.
Am 8. Oktober 1970, nur neun Tage nach den Banküberfällen, erlitt die Gruppe ihren ersten herben Rückschlag: Ein anonymer Anrufer hatte einem Beamten der Politischen Polizei berichtet, dass Andreas Baader sich in einer Wohnung in der Knesebeckstraße 89, im gutbürgerlichen Charlottenburg, aufhalte. Nach kurzer Observation brachen Kripobeamte in die Wohnung ein und fanden auf dem Balkon eine junge Frau, bewaffnet mit einer Pistole, die in ihrem Hosenbund steckte. Sie wurde als die Medizinstudentin Ingrid Schubert identifiziert. Sieben Jahre später, im November 1977, erhängte sie sich in der Münchner Haftanstalt Stadelheim.
Nur 20 Minuten nach Schubert ging den Polizisten in der konspirativen Wohnung ein Mann ins Netz: Die Kripobeamten zogen Horst Mahler eine durchgeladene Pistole aus der Gesäßtasche und eine Perücke vom Kopf. "Kompliment, meine Herren", sagte der Anwalt, der in der Gruppe den Decknamen "James" trug.
Es dauerte nicht lange, bis noch drei weitere Frauen in die Falle liefen. Irene Goergens, die von Ulrike Meinhof aus einem Mädchenheim geholt worden war, erklärte einem Polizisten: "Ihr Pigs könnt zufrieden sein, dass ich nicht zum Schießen gekommen bin."
Nach nicht mal fünf Monaten des bewaffneten Kampfes hatte die RAF mit einem Schlag mehr als ein Viertel ihrer Mitglieder verloren, darunter den Strategen und eigentlichen Gründer der Gruppe, Horst Mahler. Noch am selben Tag entdeckte die Polizei das Hauptquartier in Berlin-Schöneberg. Die Fenster des Unterschlupfs waren mit Alufolie zugeklebt, an den Wänden hingen Landkarten.
Da der Boden in West-Berlin zu heiß geworden war, verlagerte die RAF ihr Aktionsgebiet nach Westdeutschland. Ulrike Meinhof, die aus ihrer Zeit als Journalistin über zahlreiche Kontakte in der ganzen Republik verfügte, oblag die Quartierbeschaffung. Sie und andere RAF-Genossen stiegen bei dem Psychologieprofessor Peter Brückner in Hannover ab, bei einem WDR-Redakteur in Köln, einer Psychologin in Frankfurt und einem Pfarrer bei Oldenburg.
Noch gab es alte Freunde, die - wenn auch oft widerwillig - Unterschlupf gewährten. Unter den Linksliberalen in Hamburg, die Ulrike Meinhof seit langem kannten, wurde auf Partys mit wohligem Schaudern darüber spekuliert, was man tun würde, wenn sie eines Nachts vor der Tür stünde.
Der Anspruch, ein Kollektiv gleichberechtigter Mitglieder zu sein, erwies sich schnell als irreal. Baader, Meinhof und Ensslin bildeten die Führungsgruppe. Der Unternehmersohn und Soziologe Jan-Carl Raspe sowie der Kameraassistent Holger Meins waren Baaders Adjutanten. Vornehmlich Frauen machten die zweite Reihe aus. Dem überwiegend männlichen Fußvolk wurden technische und logistische Hilfsarbeiten aufgetragen.
"Die RAF", sagt Ex-Mitglied Jürgen Bäcker, "das waren Bürgerkinder mit einer karitativen Macke." Die meisten Hilfskräfte hingegen kamen aus der Arbeiterklasse. Bei den wenigen der ersten Generation, die später aussagten und in den Augen der RAF zu Verrätern wurden, handelte es sich meist um sie.
Als ertragreiches Rekrutierungsfeld erwies sich das "Sozialistische Patientenkollektiv"
(SPK), eine antikapitalistische Psychosekte in Heidelberg. Ihr Slogan lautete: "Das System hat uns krank gemacht, geben wir dem kranken System den Todesstoß." Im Rahmen ihrer Gruppentherapie war auch ein "Arbeitskreis Sprengtechnik" gegründet worden.
Zum SPK gehörte auch die Psychologiestudentin Margrit Schiller. Immer wieder quartierten sich Baader, Ensslin, Meinhof und andere in ihrer Heidelberger Wohnung ein. "Sie studierten technische Pläne und Stadtpläne", beschrieb Schiller diese Besuche später, "reinigten ihre Waffen oder wollten einfach nur entspannen, ausruhen und Musik hören." Außerdem fiel ihr auf: "Alle liebten Donald-Duck-Hefte, lasen sie gemeinsam und lachten dabei wie Kinder."
Die Guerilleros tranken selten Alkohol, sie zogen Haschisch vor. Doch die Jahre des wilden Kommunelebens waren vorbei. Die RAF-Gründer sahen sich als Berufsrevolutionäre. Als der Verleger Klaus Wagenbach einmal mit Meinhof telefonierte und ihr sagte, dass er die nächsten drei Wochen mit seiner Familie Urlaub mache, erwiderte seine einstige Autorin: "Der Vietcong macht auch keinen Urlaub." Margrit Schiller fühlte sich von der "absoluten Ernsthaftigkeit" der RAF-Leute angezogen. "Sie lebten, was sie sagten, sie spielten nicht."
In Schillers Wohnung in Heidelberg schrieb Ulrike Meinhof am ersten größeren Text der RAF. Sie rauchte Kette, trank literweise Kaffee und arbeitete die Nächte durch.
Sie versuchte zu begründen, warum das "Primat der Praxis" das Gebot der Stunde sei. Garniert mit Zitaten von Lenin, Mao Zedong und dem Black-Panthers-Aktivisten Eldridge Cleaver erklärte sie, dass die Linken genug theoretisiert hätten. "Stadtguerilla", so definierte sie, "heißt trotz der Schwäche der revolutionären Kräfte in der Bundesrepublik und West-Berlin hier und jetzt revolutionär intervenieren!" Das "Konzept Stadtguerilla" schloss mit der Parole: "Sieg im Volkskrieg!"
In den Weihnachtstagen des Jahres 1970 traf sich der größte Teil der Gruppe in Stuttgart. Meinhof wollte die Gelegenheit
nutzen, um einmal in Ruhe über die Erfahrungen der letzten Monate zu sprechen. Sie war es leid, nachts Autos zu klauen und tagsüber neue Autos und Banken "auszuchecken"; sie war es müde, von einer Stadt in die nächste zu hetzen. Meinhof zweifelte an der Praxis der RAF. Baader aber blockte ab und machte für die ständigen Standortwechsel Einzelne verantwortlich, die die Sicherheit der Gruppe gefährdet hätten. Als Meinhof nicht lockerließ, brüllte Baader: "Ihr Fotzen, eure Emanzipation besteht darin, dass ihr eure Typen anschreit!" Das war selbst Gudrun Ensslin zu viel. Sie sagte zu ihrem Geliebten: "Baby, das kannst du gar nicht wissen."
Eine Frau erklärte geschockt: "Ich halte viel aus, aber das mache ich nicht mit." Baader hielt daraufhin einen Vortrag, dass "Stadtguerilla ein harter Job" sei. Unter dem Druck der Illegalität würden sich die Aggressionen in der Gruppe nach innen wenden. "Und das musst du aushalten", sagte er, "sonst hast du bei uns nichts zu suchen." Die Frau trennte sich von der RAF und wurde bald verhaftet.
Die Aussteigerin hatte zuvor noch ein einschneidendes Erlebnis mit Baader. Als er in einer konspirativen Wohnung in Frankfurt mit seiner Pistole herumhantierte, löste sich versehentlich ein Schuss; das Projektil streifte ihre Hüfte. Als ihre Freundin eine legale Genossin anrief, die einen Arzt besorgte, machte Baader ihr eine Szene, wie sie denn die Gruppe so leichtsinnig gefährden könne.
Nicht nur Ulrike Meinhof beschlichen Zweifel. Manfred Grashof, der Fälscher der RAF, wurde im Januar 1971 für einen Bankraub von West-Berlin nach Kassel beordert. "Da stand ich plötzlich in einer Stadt, in der ich nicht einmal den Weg zum Bahnhof kannte", erinnert er sich. Das habe nichts mehr mit der Devise Mao Zedongs zu tun gehabt, fand er, nach der sich "die Revolutionäre im Volk wie Fische im Wasser" bewegten.
Grashof musste bald einen schweren Schlag hinnehmen. Er hatte seine Freundin Petra Schelm zur RAF gebracht. Sie war 20 Jahre alt, hatte Friseurin gelernt und war für die Tarnung der Gruppe mit gefärbten Haaren oder Perücken zuständig. Als sie am 15. Juli 1971 mit einem anderen RAF-Mann in Hamburg in einem BMW 2002 ti unterwegs war, wussten die beiden nicht, dass die Polizei in ganz Norddeutschland unter dem Decknamen "Kora" die bislang größte Fahndungsaktion gestartet hatte.
Als das RAF-Duo an eine Straßensperre der Polizei kam, gab Schelm Gas. Nach einer wilden Verfolgungsjagd und Schießerei tötete ein Polizist die RAF-Frau mit einem Kopfschuss aus seiner MP. Auf die Frage, warum der Beamte nicht versucht habe, Schelm kampfunfähig zu schießen, antwortete der Hamburger Polizeisprecher: "Waren Sie eigentlich schon mal im Krieg?"
Petra Schelm war das erste von insgesamt 21 Mitgliedern der RAF, die bis zum Jahr 1999 den bewaffneten Kampf mit ihrem Leben bezahlen sollten.
Zur Wirkung von Schelms Tod auf die Gruppe sagte die RAF-Frau Irmgard Möller später: "Der Zusammenhalt wurde dadurch auch enger." Gleichzeitig setzte die Dynamik der Rache ein. Schelms Freund wollte spontan in das Polizeirevier einmarschieren, aus dem der Todesschütze kam, und dort ein Blutbad anrichten. Auch wenn die übrigen Gruppenmitglieder der Gruppe ihm das ausredeten, Polizei und Justiz wurden zu Hauptfeinden der RAF.
Gut drei Monate nach dem Tod Petra Schelms kam es in Hamburg am 22. Oktober 1971 zu einem weiteren fatalen Zusammentreffen. Nachdem sich rund zehn RAF-Leute in einer konspirativen Wohnung versammelt hatten, musste Ulrike Meinhof noch einmal raus, um zu telefonieren. Zu ihrer Absicherung nahm sie Margrit Schiller und Gerhard Müller mit, die beide vom SPK zur RAF gestoßen waren. Zwei Polizisten in Zivil, die Streife fuhren, erschien Meinhof verdächtig. Die Beamten wollten sie kontrollieren, doch da rannte sie los. Müller lief hinterher.
Als der Zivilfahnder Norbert Schmid und sein Kollege das verdächtige Paar fast erreicht hatten, drehte Müller sich um und schoss sechsmal. Im Krankenhaus konnte nur noch Schmids Tod festgestellt werden. Der zweifache Vater war der erste von insgesamt 33 Menschen, die von der RAF ermordet wurden.
Gerhard Müller distanzierte sich vier Jahre später von der RAF und sagte detailliert aus. Für den Polizistenmord wurde er nicht bestraft. Er bekam eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren, wurde nach knapp sieben Jahren entlassen. Ein Teil von Müllers Aussage - wahrscheinlich der, in dem er den Mord gesteht - wurde vom Bundesjustizministerium "zum Wohle der Bundesrepublik" gesperrt und liegt bis heute bei der Bundesanwaltschaft unter Verschluss.
Polizei und Justiz standen der RAF zunächst ziemlich hilflos gegenüber. Straftäter, die derartig entschlossen, organisiert und intelligent vorgingen, waren ein Novum in der Bundesrepublik.
Im Juni 1971 beschloss das Kabinett Willy Brandts, den Nürnberger Polizeipräsidenten Horst Herold zum Präsidenten des Bundeskriminalamts (BKA) zu ernennen.
Vier Monate später ordnete Herold an, dass die BKA-Sicherungsgruppe Bad Godesberg eine "SoKo Baader-Meinhof" bilden solle. Als Visionär des Computerzeitalters sorgte er auch dafür, dass das aufwendige Inpol-System schnell aufgebaut wurde.
Herold brachte bald nicht nur bei Großfahndungen die Befehlsgewalt für die Polizei aller Bundesländer an sich, sondern sicherte sich auch Agenten vom Auslandsgeheimdienst BND für Observationen.
Die RAF war für das BKA ein gewaltiges Arbeitsbeschaffungsprogramm. Die Zahl der Mitarbeiter sollte in den nächsten zehn Jahren von 1113 auf über 3000, das Budget von 55 auf 290 Millionen Mark im Jahr steigen.
Politiker aller Parteien nannten die RAF - um sie nicht als politisch oder gar idealistisch motivierte Gruppe anzuerkennen - stets "Baader-Meinhof-Gruppe". Konservative und die Springer-Blätter zogen "Baader-Meinhof-Bande" vor. Verhindert wurde eine Diskussion darüber, warum intelligente junge Menschen aus der Mitte der Gesellschaft den Staat mit Waffengewalt zerstören wollten. Horst Herold allerdings war sich sicher: "Der Terrorismus reflektiert lediglich die Probleme, die objektiv bestehen."
Brigitte Mohnhaupt sagte später aus, die RAF habe Anfang 1972 über acht Gruppen in sechs Städten verfügt. Sie seien in das "Logistiksystem integriert" gewesen und hätten Aktionen gemeinsam diskutiert, "aber waren autonom in ihrer Entscheidung über die operative Durchführung". Das hört sich wohlorganisiert an, doch in Wahrheit musste die Gruppe ständig improvisieren und war politisch isoliert.
Den Linksradikalen, aus deren Szene die RAF-Mitglieder kamen, waren sie als "Leninisten mit Knarre" von Anfang an suspekt. Nach den großspurigen Erklärungen des Jahres 1971 war von den RAF-Leuten nur mehr zu hören, dass sie Banken überfielen und schnelle Autos fuhren. Um nicht die letzten Sympathisanten zu verlieren, mussten endlich politische Aktionen her.
Anfang des Jahres 1972 bezog die Führungsriege - Baader, Ensslin, Meins und Raspe - in Frankfurt eine Wohnung in einem anonymen Neubaukomplex. Meins kontaktierte einen Bekannten, einen freischaffenden Metallbildner. Der bekam den Decknamen "Pfirsich" und schweißte - angeblich für Filmaufnahmen - Bombenhülsen zusammen.
Als Anleitung für die Produktion des Sprengstoffs diente das "Anarchist Cookbook" aus den USA, das Bastelanleitungen für Bomben enthielt. Verschiedene Komponenten des Sprengstoffs wie Ammoniumnitrat und Kaliumnitrat mussten zu feinem Pulver gemahlen werden. Tagelang saßen die RAF-Kader vor kleinen elektrischen Kaffeemühlen, von denen an die zehn heiß liefen und den Dienst versagten.
Nach der Aussage des inoffiziellen Kronzeugen Gerhard Müller, der den Großteil der Chemikalien für den Sprengstoff besorgt hatte, leitete die Gruppe ihre lange vorbereitete Offensive spontan ein. Nachdem US-Präsident Richard Nixon angeordnet hatte, nordvietnamesische Häfen zu verminen, fuhren laut Müllers Aussagen Raspe und Ensslin am 11. Mai 1972 in Frankfurt zum Hauptquartier des V. US-Korps und erkundeten die Lage. Nur wenige Stunden später explodierten zwei Bomben am Eingang des einstigen Sitzes der I.G. Farben. Der Oberstleutnant Paul A. Bloomquist wurde durch Metallsplitter getötet, 13 weitere Personen wurden schwer verletzt.
In der Erklärung des "Kommandos Petra Schelm" - die RAF wählte für ihre Einsatzgruppen nach palästinensischem Vorbild Namen getöteter Kampfgenossen - hieß es: "Für die Ausrottungsstrategen von Vietnam sollen Westdeutschland und West-Berlin kein sicheres Hinterland mehr sein."
Einen Tag später gingen in der Polizeidirektion Augsburg zwei Bomben hoch, eine detonierte auf dem Parkplatz des Landeskriminalamtes in München. Es wurden 17 Menschen verletzt. Weitere drei Tage später explodierte in Karlsruhe ein Sprengsatz, der unter dem VW des Bundesrichters Wolfgang Buddenberg angebracht war, als dessen Frau den Wagen startete. Der für die Haftbedingungen der RAF-Gefangenen verantwortliche Richter fuhr ausnahmsweise nicht mit, seine Frau wurde schwer verletzt.
Die meisten Verletzten der "Mai-Offensive" forderte ein Anschlag auf die Zentrale des Axel Springer Verlags in Hamburg. Zwei Bomben explodierten in dem Hochhaus, drei zündeten nicht. 34 Beschäftigte wurden verletzt. Zwar waren die Springer-Zeitungen bei den Linken alles andere als beliebt, aber mit Bomben auf die Drucker und Setzer des Konzerns loszugehen, das kam überhaupt nicht gut an. Die RAF-Frau Irmgard Möller räumte
später ein, der Anschlag sei "ein böses Beispiel" dafür gewesen, "wie man militante Politik auf gar keinen Fall machen kann".
Vier Tage später beendete die RAF ihre Offensive mit einem Anschlag auf das Hauptquartier der 7. US-Armee in Heidelberg. Zwei mit insgesamt 125 Kilogramm Sprengstoff gefüllte Bomben zerfetzten drei amerikanische Soldaten.
Ulrike Meinhof schrieb in der Kommandoerklärung: "Die Menschen in der Bundesrepublik unterstützen die Sicherheitskräfte bei der Fahndung nach den Bombenattentätern nicht, weil sie mit den Verbrechen des amerikanischen Imperialismus und ihrer Billigung durch die herrschende Klasse hier nichts zu tun haben wollen."
Das Gegenteil war der Fall: Während der Anschlagsserie, bei der insgesamt 4 Menschen getötet und 74 verletzt worden waren, gingen bei der Polizei so viele Hinweise ein wie noch nie. Einer dieser Tipps brachte Fahnder des BKA dazu, eine Garage in Frankfurt nahe des Hauptfriedhofs zu observieren. In den Morgenstunden des 1. Juni 1972 erlebten Zivilbeamte dort eine filmreife Szene.
Drei junge Männer rasten in einem auberginefarbenen Porsche falsch herum durch eine Einbahnstraße. Zwei gingen in die verdächtige Garage. Als sich Polizisten dem dritten Mann näherten, der draußen Schmiere stand, flüchtete der. Dann schoss er dreimal, traf aber nicht. Er ließ sich widerstandslos festnehmen. Es war Jan-Carl Raspe, der fähigste Techniker der Gruppe.
Die zwei Männer in der Garage hatten, als sie die Schüsse hörten, sofort die Türen geschlossen. Immer mehr Polizisten rückten zur Belagerung an. Sie schoben ein Auto vor die Garagentür, warfen durch kleine Fenster von hinten Tränengasgranaten hinein. "Die einzige Chance, die Sie haben", rief der Einsatzleiter des BKA durch ein Megafon, "ist aufzugeben. Werfen Sie die Pistolen in den Hof. Nehmen Sie die Hände hoch, und kommen Sie einzeln raus. Sie sind noch jung."
Die beiden Männer öffneten die Tür und schossen auf die Polizisten. Schließlich versuchten diese vergeblich, mit einem Panzerwagen die Türen der Garage wieder zuzudrücken, um die beiden mit Tränengas auszuräuchern. Die Belagerung dauerte schon über zwei Stunden, als ein Scharfschütze auf eigene Faust aus 75 Meter Entfernung einem der beiden Männer den Oberschenkel durchschoss.
Der zweite Mann ergab sich, es war der Kameraassistent Holger Meins. Der Angeschossene war Andreas Baader. Er kroch unter einen gestohlenen Iso Rivolta IR 300, einen 55 400 Mark teuren italienischen Sportwagen, von dessen Typ in Deutschland nur 50 zugelassen waren - nicht exakt das Auto eines kommunistischen Revolutionärs. Als Polizisten ihn aus der Garage schleppten, trug er noch seine Ray-Ban-Sonnenbrille.
Wenige Stunden später fanden Feuerwehrmänner in West-Berlin nach einem Brand in einer konspirativen Wohnung ein imposantes Arsenal: mehr als 200 Kilogramm Chemikalien für Sprengstoff, ein Maschinengewehr, eine MP, zwei Pistolen und über 1000 Schuss Munition.
Das Logo der RAF zierte - vor einem fünfzackigen Stern - eine Heckler & Koch-Maschinenpistole. Waffen wurden der RAF schnell zum Fetisch. Manche RAF-Männer zerlegten und reinigten ihre Waffen, als wäre es eine kultische Handlung. Baader sagte einmal: "Ficken und Schießen ist ein Ding." Gleichzeitig sorgte die Maxime, stets eine Waffe zu tragen, für eine ständige Gefährdung.
Als Gudrun Ensslin am 7. Juni 1972 in einer noblen Boutique am Hamburger Jungfernstieg einen weißen Shetland-Pullover anprobierte und dafür ihre Jacke ablegte, fiel der Verkäuferin deren Gewicht auf. Als sie die Konturen einer Pistole ertastete, rief ihre Chefin die Polizei. Die Festnahme erfolgte blitzschnell.
Zwei Tage nachdem die wichtigste Organisatorin der RAF ausgeschaltet war, nahm die West-Berliner Polizei Brigitte Mohnhaupt, die Residentin der RAF in der Mauerstadt, zusammen mit ihrem Gefährten fest. Die Nächsten, die den Fahndern sechs Tage später ins Netz gingen, waren Ulrike Meinhof und Gerhard Müller. Ein Lehrer, bei dem sie übernachten wollten, hatte die Polizei informiert.
In Meinhofs Jacke fanden Polizisten einen Brief, zwei Seiten lang mit Schreibmaschine eng beschrieben. Er stammte von der inhaftierten Gudrun Ensslin. Ganz im Stile einer Kommandantin gab sie darin Befehle, welche konspirativen Wohnungen geräumt werden sollten und wer jetzt welche Jobs zu übernehmen habe.
Über ihre Verhaftung schrieb Ensslin: "Ich gepennt, sonst wäre jetzt eine Verkäuferin tot (Geisel), ich und vielleicht zwei Bullen, der Laden voll mit Bullen, am Rand der Straße drei Bullenautos, also echt unklar, ob ich weggekommen wäre."
Horst Mahler, der schon fast zwei Jahre in Berlin im Gefängnis saß, gab Durchhalteparolen aus: "Ihr lebt. Das zählt", schrieb er an Ensslin. "Das, was schon bisher geleistet wurde, ist enorm, und das ist erst der Anfang."
Nach Irmgard Möllers und Klaus Jünschkes Verhaftung im Juli in Offenbach saß im Sommer 1972 nahezu die gesamte RAF hinter Gittern. "Dass sie uns nicht kriegen", hatte Ulrike Meinhof zwei Jahre zuvor gesagt, "das gehört sozusagen zum Erfolg der Geschichte." Jetzt waren bis auf 4 alle der mindestens 33 RAF-Mitglieder tot oder gefangen. Die RAF - so schien es - war auf ganzer Linie gescheitert.
Die Bundesregierung Willy Brandts und besonders der liberale Innenminister Hans-Dietrich Genscher konnten nach der Verhaftungswelle erst einmal aufatmen. Beständig hatten ihnen Christdemokraten Untätigkeit vorgeworfen. "Müssen denn noch mehr Leute von Bomben zerrissen werden", hatte CSU-Chef Franz Josef Strauß gepoltert, "bis bei uns einmal etwas geschieht?" Walter Scheel, liberaler Außenminister und Vizekanzler, erklärte im Sommer 1972 erleichtert: "Das Problem Baader-Meinhof ist erledigt."
Aber das war eine Täuschung. Die Gründer der RAF fanden erst in den folgenden Jahren im Gefängnis zu sich selbst. Sie waren besonders harten Haftbedingungen unterworfen. Als Opfer der Justiz und des Staates erregten sie Mitleid und Solidarität bei den Linken. Sie wurden als unbeugsame Märtyrer gesehen - und entwickelten in dieser neuen Rolle mehr Wirkung als mit ihren kryptischen Schriften und selbstgebastelten Bomben.
Im nächsten Heft:
Der Kampf geht weiter - Wie Baader und Ensslin aus dem Knast den Wiederaufbau der RAF dirigierten.
* Im November 1971 in Ost-Berlin.
Von Michael Sontheimer

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