08.10.2007

„Wir haben viel geweint“

Christian Albrecht Barschel, 27, über den Tod in Genf und seine Überzeugung, dass sein Vater Opfer eines Mordes wurde
SPIEGEL: Herr Barschel, Sie waren sieben Jahre alt, als Ihr Vater starb. Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?
Barschel: Mein Onkel Eike oder meine Tante haben es mir gesagt. Ich war mit meinen Geschwistern bei ihnen in Yens bei Genf zu Besuch. Wir haben viel geweint und konnten es gar nicht begreifen.
SPIEGEL: Sprechen Sie mit Ihren Geschwistern über den Tod des Vaters?
Barschel: So gut wie gar nicht. Wahrscheinlich aus Rücksichtnahme, damit der Schmerz nicht immer wieder aufkommt.
SPIEGEL: War es Ihrer Ansicht nach Mord oder Selbstmord?
Barschel: Mord, davon bin ich überzeugt. Man liest viel, und manche Motive kommen in Frage, aber sich auf den oder die Täter festzulegen fällt schwer.
SPIEGEL: Was macht Sie so sicher?
Barschel: Es ist ein Bauchgefühl. Andererseits bin ich sein Sohn und habe seine Gene. Ich wäre nicht der Typ, der sagt: "Tschüss Leben" und vier Kinder und eine Frau im Stich lässt. Das hätte mein Vater nie getan, und er hat es auch nicht getan.
SPIEGEL: Vielleicht ist der Gedanke an Selbstmord für Sie unerträglich?
Barschel: Ich käme damit klar, wenn es denn so wäre, es ist aber nicht so. Für mich sprach nie etwas für Selbstmord. Jeder, der sich damit beschäftigt, muss zu dieser Schlussfolgerung kommen.
SPIEGEL: Wer könnte der Mörder, wer könnten die Mörder sein?
Barschel: Es wurde so viel spekuliert, über die CIA, den Mossad, die Stasi, den BND, über die deutsche Politik, die mit drinhängt. Am Ende ist es wohl ein Mischmasch aus allem.
Ich gehe davon aus, dass die Mörder nur ausführende Organe waren. Sie haben einen Auftrag erfüllt. Mein Vater wollte kurz vor seinem Tod auf einer Pressekonferenz sein Wissen über Dinge preisgeben, die über seinen Kopf hinweg geschehen sind, vor und während seiner Amtszeit. Das hat gewissen Funktionsträgern und Institutionen Angst gemacht.
SPIEGEL: Glauben Sie, das Geheimnis um den Tod Ihres Vaters wird jemals gelüftet?
Barschel: Mittlerweile kann ich nicht mehr daran glauben. Da ist so vieles vertuscht und verschlampt worden. Wo sollen handfeste Beweise noch herkommen? Der Tod meines Vaters wird mich sicher mein ganzes Leben beschäftigen. Ich möchte die Verantwortlichen fragen können: Warum haben Sie uns Kindern den Vater genommen? Ich hätte gern Klarheit und Gewissheit über das Schicksal meines Vaters.
INTERVIEW: ANNA SADOVNIKOVA
Von Anna Sadovnikova

DER SPIEGEL 41/2007
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