15.10.2007

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDie lieben Verwandten

Ein Indiostamm besucht die Zivilisation - für zwei Tage.
Die Besucher waren misstrauisch. Fünf volle Tage lang waren sie durch den Dschungel gelaufen, über hundert Kilometer im Amazonasgebiet Brasiliens, sie wollten keinen Fehler machen, so kurz vor dem Ziel.
Also schickten sie zwei Späher vor. Die Späher näherten sich dem Dorf singend, sie klatschten in die Hände und machten mächtig Lärm. Wir kommen in friedlicher Absicht, sollte das heißen, schießt nicht auf uns! Euer Besuch ist da.
Das Dorf, vor dem die Späher jetzt standen, liegt am Rio Xingu, einer der schönsten Regionen im Regenwald. Die Bewohner dort gehören zum Stamm der Kayapó. Vor 50 Jahren erst waren die Kayapó von den Weißen entdeckt worden, mittlerweile sind sie sesshaft geworden in der Zivilisation, sie gelten als integriert, auch wenn sie gelegentlich einen Farmer entführen, um die Regierung zu beeindrucken.
Jugendliche aus dem Dorf entdeckten die beiden Späher als Erste: Die Fremden waren hochgewachsen und schön, sie trugen Haare bis zur Hüfte und in der Unterlippe einen kleinen Holzteller, ihren Körper und ihr Gesicht hatten sie schwarz-rot gefärbt. Kurz gesagt: Sie sahen aus wie Kayapó, nur noch ein bisschen ärmlicher, sie sprachen einen merkwürdigen Dialekt - wie Verwandte aus der Provinz.
Zwei Tage später tauchte die ganze Gruppe am Flussufer auf, vorsichtig, abwartend, gegenüber vom Dorf. Drei Familien, 86 Männer, Frauen und Kinder. Die Fremden, das brachten die Kayapó aus ihnen heraus, gehörten einer Untergruppe ihres eigenen Stammes an, den Mentyktire. Es waren Verwandte, sehr entfernte, etwas sonderbare Verwandte, nur die Alten im Dorf konnten sich vage an sie erinnern.
Damals, als die Kayapó anfingen, in festen Dörfern zu leben, hatten sich die Mentyktire in den Urwald zurückgezogen. Bis dahin waren sie alle Nomaden gewesen, sie jagten und fischten und blieben nie länger als ein paar Tage am selben Ort. Der Kontakt mit der Zivilisation hatte die einen sesshaft gemacht; die anderen aber zogen tiefer in den Dschungel, fern von jeder Zivilisation, außerhalb der Zeit.
Haben sie sich aus Angst vor den Weißen versteckt? Wollten sie lieber frei im Dschungel leben, als edle Wilde gewissermaßen, statt eingepfercht in den Regeln der Zivilisation? Ein romantischer Gedanke - aber nach Meinung der Kayapó völliger Quatsch: "Sie hatten sich mit ihren Verwandten überworfen und mussten deshalb fliehen", heißt es im Dorf. Kayapó und Mentyktire gelten als streitsüchtig.
Jahre vergingen. Die Kayapó vergaßen den Zwist irgendwann, sie hielten ihre Verwandten für tot, hingerafft von der Grippe oder anderen Epidemien, und irgendwann vergaßen auch die Mentyktire, warum sie fortgegangen waren. Brasilien war inzwischen eine Militärdiktatur und wieder eine Demokratie geworden; Brasiliens Fußballer hatten fünfmal den Weltmeistertitel gewonnen, die Zeit wucherte über die Mentyktire und ihren Streit.
Und nun standen sie plötzlich auf der anderen Flussseite. Im Dorf der Kayapó rätselten die Erwachsenen, warum die Verschollenen gerade jetzt Kontakt zu ihren Stammesgenossen suchten. Vielleicht hatten Holzfäller sie vertrieben. Oder Goldsucher. Oder Sojafarmer, die das Land brauchten.
Gut möglich, dass die Mentyktire Zuflucht suchten. Vor einem Jahr zerschellte in der Nähe ihrer Jagdgründe eine Boeing 737 im Urwald, Suchtrupps überflogen das Gebiet mit Hubschraubern. Vielleicht hat das die Indios vertrieben, sie zu dem Entschluss gebracht, sich mit ihren Verwandten zu versöhnen. Die Kayapó konnten das alles nur mutmaßen, denn die Mentyktire erzählten nichts darüber.
In Colíder, der nächstgelegenen Stadt, hörte ein Häuptling der Kayapó, zugleich Chef der Indianerbehörde, vom Besuch aus dem Dschungel. Er organisierte Medikamente gegen Grippe und Malaria, verhängte eine Zugangssperre über das Reservat und machte sich auf den Weg ins Dorf. Aber er kam zu spät: Die Mentyktire hatten sich, nach nur zwei Tagen, wieder zurückgezogen, dorthin, woher sie gekommen waren.
Sie hatten bei ihren Verwandten in der Moderne vorbeigeschaut und sich nach zwei Tagen dagegen entschieden. Sie leben jetzt wieder irgendwo, sie sind der Welt entkommen, als hätte die Globalisierung ein Schlupfloch.
Der Häuptling der Kayapó will nun eine Expedition zusammenstellen: Sie werden ein Boot ausrüsten, eine Kiste mit Blechtöpfen, Haumessern und anderen Geschenken mitnehmen, den Rio Xingu hochfahren und auf Zeichen lauschen, die ihnen verraten, wo ihre Verwandten jetzt zu Hause sind. Er hofft, dass die Mentyktire wieder singen und lärmen, so wie bei der ersten Kontaktaufnahme. Dann, das ist der Plan, wird er die Geschenke im Urwald auslegen und sich zurückziehen, um zu sehen, ob sie die Deckung verlassen.
Er wird selber singen und lärmen, um ein Zeichen zu geben, dass er in friedlicher Absicht kommt. Und wahrscheinlich auch, weil er ein bisschen Angst hat vor seinen Verwandten. JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 42/2007
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Die lieben Verwandten

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