15.10.2007

RAF-Serie (VI): „Offensive 77“Das grausame Feminat

Bei der Roten Armee Fraktion und ihrer „Offensive 77“ spielten Frauen die Hauptrollen.
Am 8. Februar 1977 öffnete sich in dem beschaulichen badischen Städtchen Bühl das Tor des Gefängnisses. In die Freiheit schritt eine 27 Jahre alte Frau, die der Bundesrepublik Deutschland den Krieg erklärt hatte: Brigitte Mohnhaupt.
"Die RAF war für sie heilig; das war ihr Leben, ihre Überzeugung", charakterisierte Susanne Albrecht sie später. Die beiden lernten sich im Sommer 1977 im Untergrund kennen. Mohnhaupt sei in der Gruppe "absolut dominant" gewesen, und man habe gewusst, "dass sie alles, was sie sagte, absolut ehrlich meinte".
In Bruchsal aufgewachsen, war Brigitte Mohnhaupt 1967 nach München gegangen, um Englisch, Geschichte und Zeitungswissenschaften zu studieren. Sie wollte Journalistin werden. Zunächst durchaus dem Luxus zugetan und mit einem Adligen liiert, zog es sie bald in eine Münchner Kommune, in der mit Drogen, "freier Liebe" und Gemeinschaftseigentum experimentiert wurde.
Mohnhaupt lernte Rainer Langhans und Uschi Obermeier kennen, die Medien-Ikonen der Jugendrevolte, doch das Pop-Paar war ihr zu unpolitisch. Sie machte 1969 bei der Besetzung des Zeitungswissenschaftlichen Instituts mit, um gegen den Krieg der USA in Vietnam zu protestieren. Das Institut lag im Amerikahaus.
Im Frühjahr 1971 ging Mohnhaupt in den Untergrund. Und als im Juni 1972 fast die gesamte erste Generation der RAF festgenommen wurde, schnappte die West-Berliner Polizei auch sie. Wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Urkundenfälschung und unerlaubten Waffenbesitzes kassierte sie eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren.
Nachdem sich Ulrike Meinhof im Mai 1976 in Stuttgart-Stammheim erhängt hatte, wurde Mohnhaupt in den Hochsicherheitstrakt im 7. Stock der Betonburg verlegt und saß dort ein halbes Jahr zusammen mit der RAF-Führung. Besonders Gudrun Ensslin machte es sich zur Aufgabe, Mohnhaupt als Bevollmächtigte aufzubauen. Sie und Baader waren seit Jahren unzufrieden mit ihren Nachfolgern im Untergrund, die meist schnell verhaftet worden waren und kaum Aktionen zustande gebracht hatten.
Mohnhaupt bekam eine intensive Schulung und präzise Aufträge. Nach ihrer Freilassung sollte sie als Erstes das Stuttgarter Anwaltsbüro von Klaus Croissant gründlich reorganisieren. Die Anwälte und zahlreiche Mitarbeiter, die mit der RAF sympathisierten, hatten eine zentrale Funktion für die Stammheimer. Sie waren das Band zwischen drinnen und draußen, überbrachten Botschaften und organisierten die Propaganda.
"Die Umstellung vom Knast zur Freiheit wirkte auf die sowieso schon nicht gerade phlegmatische Mohnhaupt wie ein Aufputschmittel", erinnerte sich später Volker Speitel, als er vom wichtigsten Kurier zum Kronzeugen geworden war. "Sie konnte zwei Tage überhaupt nicht pennen, quasselte ununterbrochen." Schon am ersten Tag wollte sie Klaus Croissant, den seine Mitarbeiter respektvoll "den Alten" nannten, aus seiner Kanzlei rauswerfen. Mohnhaupt selbst sprach von einer "Säuberung"; die Belegschaft des Büros wurde von ihr einvernommen und bekam neue Jobs zugewiesen.
"Das Schlimmste an der Mohnhaupt", so Speitel, sei "ihre riesige Paranoia" gewesen. Sie entfachte unterwegs im Auto "mehr als einmal" kleine Feuer, um brisante Dokumente zu verbrennen, weil sie glaubte, der Wagen würde verfolgt.
Nachdem sie zwei Wochen lang bei den Unterstützern gewirbelt hatte, ging Brigitte Mohnhaupt in den Untergrund. Sie liierte sich umgehend mit Peter-Jürgen Boock; die beiden bildeten nun die neue Führung der Illegalen - wobei Mohnhaupt der Kopf dieser Doppelspitze war.
"Die Frauen hatten bei der RAF das Sagen", sagt ein Ex-Terrorist. "Wir Männer waren nur für das Grobe und das Handwerk zuständig."
Eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Hierarchie existierte bei der RAF von Anfang an. Von der Gründung im Jahr 1970 bis zu ihrem Selbstmord im Mai 1976 hatte die Journalistin Ulrike Meinhof nahezu alle Texte für die Gruppe verfasst. Die ideologische Instanz und zugleich die Finanzchefin war die Germanistin Gudrun Ensslin.
An der allerersten Aktion der RAF, der Befreiung Andreas Baaders in Berlin im
Mai 1970, waren neben Ensslin vier Frauen und nur ein Mann beteiligt.
War die erste Generation der RAF in der Mehrzahl noch männlich, so verkehrte sich das Verhältnis später: Im Dezember 1976 handelte es sich bei 15 der 28 gesuchten Terroristen um Frauen. Bis 1986 war das angeblich schwache Geschlecht auf den Fahndungsplakaten stets stärker vertreten als die Männer. Als wollten sie das terroristische Feminat demonstrieren, überfielen im Sommer 1977 mehrere RAF-Frauen in Essen eine Bank. Wie zwei ehemalige RAF-Männer berichten, erbeuteten sie über 400 000 Mark und entkamen auf Fahrrädern.
Die Terroristinnen verstanden sich als gleichberechtigte Revolutionäre, und in der umfangreichen Literatur zur RAF ist das Frauenthema fast völlig ausgespart. Der Verfassungsschützer Hans Horchem staunte nur über eine "personelle Zusammensetzung, für die es kein Beispiel gibt". Sein Kollege Günther Nollau witterte angesichts der weiblichen Dominanz "einen Exzess der Befreiung der Frau".
Gudrun Ensslin hatte ihre Nachfolgerin Mohnhaupt beauftragt, für den Schmuggel von Schusswaffen und Sprengstoff nach Stammheim zu sorgen. Mit Hilfe von Kurieren und eines Anwalts gelangten drei Pistolen und Sprengstoff in den Hochsicherheitstrakt. Ensslin war die Stimme der dort Eingeschlossenen. Ein- bis zweimal pro Woche schickte sie an die Illegalen verschlüsselte Kassiber. Eine Botschaft lautete schlicht: "Der General muss weg." Wenn die Aktion nicht bald laufe, werde den Illegalen das Recht aberkannt, sich RAF zu nennen.
Nachdem der Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine beiden Begleiter in Karlsruhe von einem RAF-Mitglied erschossen worden waren, schrieb Mohnhaupt in Amsterdam die Kommandoerklärung - unter Verwendung einer Vorlage der Stammheimer. "Für akteure des systems selbst wie buback findet die geschichte immer einen weg", hob sie an. "Am 7. 4. 77 hat das kommando ulrike meinhof generalbundesanwalt siegfried buback hingerichtet."
Kurz vor seinem Tode, so erinnert sich Michael Buback, habe sein Vater ihm gesagt: "Die Mohnhaupt ist die Schlimmste."
Die Ermordung des einstigen NSDAP-Mitglieds Buback war der Auftakt für die "Offensive 77". Die Gründer der RAF hatten vor dem Hintergrund des Krieges in Vietnam 1972 vor allem US-Einrichtungen angegriffen. Für ihre Nachfolger war der westdeutsche Polizei- und Justizapparat der Hauptfeind. Und ihr Vorgehen wurde immer brutaler.
Knapp vier Wochen nach dem Buback-Attentat schoss die RAF-Frau Verena Becker, um sich ihrer Festnahme zu entziehen, im badischen Singen aus kurzer Entfernung auf einen schon am Boden liegenden Polizisten. Der überlebte wie durch ein Wunder; Becker und ihr Begleiter Günter Sonnenberg wurden angeschossen und festgenommen.
Die RAF ließ sich dadurch nicht von ihrem Ziel abbringen, die Stammheimer aus dem Gefängnis zu holen. Die Illegalen sollten einen Bankier entführen. Drei Namen standen auf der Liste. Die Wahl fiel auf Jürgen Ponto - weil Susanne Albrecht sich als Türöffnerin anbot.
Es war der erste Anschlag, bei dem Brigitte Mohnhaupt in vorderster Reihe stand. Nachdem Christian Klar die Nerven verloren und auf Ponto geschossen hatte, gab sie weitere fünf Schüsse auf den Bankier ab. Anschließend stand die Gruppe vor der Frage, ob sie eingestehen sollte, dass sie den Bankier eigentlich entführen wollte. Nein, entschied Mohnhaupt, einen solchen Betriebsunfall einzuräumen wäre rufschädigend.
Die Erklärung die sie aufsetzte, fiel aus dem üblichen Rahmen. Sie war mit "Susanne Albrecht aus einem Kommando der RAF" unterschrieben. Sonst versteckten sich die Mitglieder der Gruppe bei ihren rituellen Erklärungen zu Anschlägen stets hinter dem Kollektiv.
Die Einzige, die diese Regel durchbrach, war eine Vertreterin des starken Geschlechts der RAF.
MICHAEL SONTHEIMER
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 42/2007
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