15.10.2007

FRANKREICHTief verletzt

Ehefrau, First Lady, Sonderbotschafterin - welche Rolle spielt Madame Sarkozy? Wohl keine mehr. Alles deutet auf Trennung hin.
Cécilia - sie ist das einzige Thema, bei dem Frankreichs oft ruppiger Präsident liebevolle Schwärmerei genauso wie verletzliche Dünnhäutigkeit zeigt: "Sie ist meine Stärke und meine Achillesferse zugleich", bekannte Nicolas Sarkozy im Herbst 2003, lange vor dem Einzug in den Elysée. "Wenn sie Jackie Kennedy geliebt haben, werden sie Cécilia Sarkozy anbeten", glaubte er noch im Frühjahr von seinen Wählern. Doch schon im Sommer war er sich nicht mehr sicher: "Sie ist meine einzige Sorge."
Womöglich nicht mehr lange. Seit Wochen verdichten sich die Anzeichen für eine unmittelbar bevorstehende Trennung - ihre ständige Abwesenheit scheint bald nicht mehr anders erklärbar. Verglichen mit Cécilia Sarkozy ist Professor Joachim Sauer geradezu ein ständiger Begleiter seiner Gattin Angela Merkel. Die Elysée-Astrologen datieren den letzten offiziellen Auftritt des Präsidentenpaares auf den Nationalfeiertag am 14. Juli.
Zuvor hatte schon Cécilias abrupte Abreise vom G-8-Gipfel in Heiligendamm wegen "persönlicher Gründe" verblüfft; zum diplomatischen Ärgernis geriet ihr Nichterscheinen beim Grill-Picknick mit US-Präsident George W. Bush während des Sommerurlaubs in Kennebunkport - angeblich wegen einer plötzlichen Angina. Vergangene Woche hieß es dann, Cécilia habe zunächst in einem Genfer Nobelhotel Zuflucht gesucht und sei anschließend nach London weitergereist.
Längst haben die französischen Tageszeitungen ihre Titelseiten über das Sensationsereignis fertig. Doch sie wollen das Ende nicht verkünden, bis es eine Bestätigung aus dem Präsidentenpalast gibt.
Nur der "L'Est républicain" meldete bereits am Freitag die bevorstehende Scheidung. Ihre Gründe wolle Cécilia offenbar in einer Hochglanzillustrierten ausbreiten - die zum persönlichen Geständnis passende Fotostrecke, so das Regionalblatt, sei ebenfalls schon fertig.
Es wäre die Geschichte eines angekündigten Abschieds und das alte Lied von der vergeblichen Hoffnung, in den Medien eine Idylle zu verbreiten, ohne die Kosten für solche PR zahlen zu müssen. "Gemeinsam werden wir die Stufen der Macht erklimmen", hatte Nicolas Sarkozy einst seiner Ehefrau versprochen, doch mit jedem Schritt nach oben wuchs der Abstand zwischen dem machtbesessenen Politiker und seiner selbstbewussten Gattin.
Dem damaligen Bürgermeister des Pariser Vororts Neuilly hatte die Heirat mit dem Ex-Model das nötige gesellschaftliche Flair verschafft. Cécilias Kontakte ermöglichten ihm den Zugang zur Pariser Society, und der Nachwuchsstar der Konservativen inszenierte sein privates Glück zielstrebig zur Beförderung seiner Karriere. Publizistisch aufbereiten ließ sich das Glamour-Paar von befreundeten Medien-Bossen, welche die beiden stets vorteilhaft in Szene setzten.
Egal, ob er gerade Innen-, Finanzminister oder Parteichef war, Cécilia blieb nie nur einfach Politikergattin. Sarkozy bescheinigte ihr stets, seine "engste Beraterin" zu sein, stellte ihr Licht auf jeden erreichbaren Scheffel. Die perfekte Partnerschaft hielt bis zum August 2005, als Cécilia mit einem Liebhaber, dem Werber Richard Attias, auf der Titelseite von "Paris Match" erschien - ein Scoop, der den Chefredakteur später seinen Posten kostete.
Im Sommer 2006 feierten Cécilia und Nicolas Versöhnung: Gerade rechtzeitig zum Start in den Präsidentenwahlkampf zeigten die Medien den Kandidaten wieder in trauter Eintracht mit Frau und Familie.
Nach dem Sieg am 6. Mai steigerten sich die Innenansichten aus dem Elysée-Palast zur Hofberichterstattung der Fünften Republik. Die Patchwork-Familie - fünf Kinder aus drei Ehen - musste als Beleg für die Gegenwartsnähe Sarkozys herhalten.
Doch mit ihrer Rolle, der wirbeligen Präsidentschaft ihres Mannes Eleganz zu verleihen, hat sich Cécilia offenbar nie abgefunden, genauso wenig wie mit der Aufgabe, sich als Schirmherrin für Wohltätigkeitsvereine einzusetzen oder ihren Fans zu antworten, die sie mit mehreren hundert Briefen wöchentlich eindecken. "Offizielle Dinner zu organisieren, Kleider von Dior oder Saint Laurent zu tragen genügt ihr nicht", verriet ihre Freundin Isabelle Balkany. Ein erster großer Auftritt Cécilias auf diplomatischem Parkett geriet prompt zum politischen Eklat.
Als persönliche Emissärin hatte die Präsidentengattin bei Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi um die Freilassung der fünf bulgarischen Krankenschwestern gebeten - offenbar im Gegenzug für einen militärischen Millionendeal. Für ihren erfolgreichen Einsatz wurde Cécilia in Sofia als Heldin gefeiert, in Paris jedoch machte die sozialistische Opposition daraus eine Staatsaffäre: Von dieser Woche an beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss mit den Umständen der Mission.
Mag sein, dass Cécilia ihren Ehemann jetzt für die Vorwürfe verantwortlich macht. Denn just als Bulgariens Präsident Georgi Parwanow die Französin für ihre Tripolis-Reise feiern wollte, sagte Madame ihre Teilnahme beim Staatsbesuch in Sofia ab. Die Entschuldigung von Ehemann Nicolas klingt im Nachhinein glaubhaft: Die Polemik der politischen Gegner habe Cécilia "tief verletzt".
Vielleicht hätte Sarkozy besser früher auf ihre zarten Hinweise gehört. Auf die Frage, ob sie es sich vorstellen könne, als Präsidentengattin in den Elysée zu ziehen, hatte sie schon früh mit entwaffnender Offenheit reagiert: "Das ödet mich an." STEFAN SIMONS
Von Stefan Simons

DER SPIEGEL 42/2007
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