15.10.2007

TODESSTRAFEZucken auf der Todespritsche

Lässt sich ein Mörder wirklich human ins Jenseits befördern? Um diese Frage ist in den USA eine bizarre Debatte entbrannt.
Die Hinrichtung in Lucasville, Ohio, schien schon gelaufen, als Joseph Clark plötzlich den Kopf hob und stöhnte: "Es wirkt nicht!"
Erschrocken zogen die Henker den Vorhang vor, der sie von den Zeugen trennte, und machten sich hastig daran, dem Mörder eine zweite Giftspritze zu setzen. Nach 35 Minuten ging der Vorhang wieder auf, aber das Schauspiel war noch nicht beendet. Wieder und wieder versuchte Clark, etwas zu sagen. Erst 86 Minuten nach Beginn seiner Exekution war er tot.
Dass die US-Henker den Umgang mit der Spritze nicht beherrschen, wird immer häufiger berichtet. Im Gefängnis von Starke, Florida, etwa schnappte ein abgeurteilter Mörder auf der Todespritsche "wie ein Fisch auf dem Trockenen", ehe er 34 Minuten nach der Injektion starb.
Seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 wurden in den USA 929 Menschen durch die Giftspritze gerichtet, doch von diesen Exekutionen sind "ungefähr 40 vermasselt worden", klagt William Lanier, Anästhesiologe und Chefredakteur der Ärztezeitschrift "Mayo Clinic Proceedings". Bis zum kommenden Sommer soll nun das Oberste Gericht der USA urteilen, ob das Verabreichen einer Giftspritze eine "grausame und ungewöhnliche Bestrafung" darstellt - und damit gegen die Verfassung verstößt.
Die Untersuchung betrifft die mit Abstand häufigste Hinrichtungsmethode: Sie war bislang in 37 der insgesamt 38 US-Bundesstaaten üblich, in denen die Todesstrafe erlaubt ist.
Doch jetzt dürften die Nachforschungen des Supreme Court dazu führen, dass vorerst kaum mehr Todesurteile vollstreckt werden. So hat der Justizminister von Oklahoma das zuständige Gericht aufgerufen, keine neuen Exekutionen anzuberaumen. Und sogar in Texas, wo die Todesstrafe bisher besonders hart durchgesetzt wurde, hat ein Gericht Anfang Oktober eine Hinrichtung ausgesetzt.
Die Debatte um die "letale Injektion" offenbart das widersprüchliche Verhältnis der Amerikaner zur Todesstrafe. Einerseits sind die meisten US-Bürger dafür, überführte Mörder ins Jenseits zu befördern. Andererseits soll die Tötung nicht archaisch wirken und möglichst schmerzfrei über die Bühne gehen.
Seit Jahrzehnten suchen amerikanische Henker nach einem "humanen" Hinrichtungsverfahren. Erschießungskommandos, wie in Utah eingesetzt, galten bald als zu brutal. Das Hängen wurde ebenfalls verworfen: Bei zu geringer Fallhöhe zuckt das Opfer bis zu 45 Minuten lang am Strick; bei zu großer Fallhöhe wird der Kopf abgerissen.
Der Tod in der Gaskammer dauert zu lange. Als 1992 Donald Harding in Arizona vergast wurde, musste sich der anwesende Justizminister gar übergeben. Der elektrische Stuhl schließlich ist umstritten, weil es wiederholt zu Bränden und Verbrennungen gekommen ist. In Florida fing der Kopf zweier Delinquenten Feuer; und häufig wurden die Hingerichteten derart geröstet, dass man die Leichen abkühlen lassen musste, ehe man sie fortschaffen konnte.
Als in Oklahoma anno 1977 der elektrische Stuhl einer teuren Reparatur bedurfte, wurde deshalb Jay Chapman, oberster Leichenbeschauer des Staates, beauftragt, eine Alternative zu entwickeln. Der schrieb die Namen dreier Stoffe aufs Papier: zuerst das Narkosemittel Thiopental-Natrium, damit der Todgeweihte nichts spürt; dann das Lähmungsmittel Pancuroniumbromid, damit sein Körper nicht zuckt; schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen.
Allerdings können die Substanzen nur dann wie geplant wirken, wenn sie fachgerecht in die Vene injiziert werden - und gerade daran haperte es in den vergangenen Jahren erheblich.
Viele Henker führen nur alle paar Jahre eine Exekution durch und sind im Umgang mit den Spritzen nur unzureichend ausgebildet. So kommt es vor, dass sie die Nadelspitze versehentlich ins Muskelfleisch stechen. Oder sie vermischen die Substanzen, bis diese verklumpen.
Aufgrund der Stümpereien wirkt das Lähmungsmittel manchmal zu schnell - dann stirbt der Delinquent bei vollem Bewusstsein einen langsamen Erstickungstod. In anderen Fällen wirkt das Kaliumchlorid zuerst - der Verurteilte tritt unter großen Schmerzen aus dem Leben.
Deshalb fordern jetzt manche, dass Ärzte die Arbeit der Henker übernehmen sollten. "Wenn Sie exekutiert würden, hätten Sie nicht lieber einen fachkundigen und fürsorglichen Menschen, der schnell den Zugang zur Vene findet?", fragt der Anästhesiologe David Waisel vom Children's Hospital in Boston.
Doch Waisel ist ein Außenseiter. Sein Vorschlag verstößt gegen das Standesrecht und geht an den Realitäten vorbei: Denn etliche Verurteilte sind fettleibig und haben im Knast jahrelang Drogen gespritzt - auch dem besten Doktor gelingt es da nicht immer, eine freie Vene zu finden.
Die Todesstrafe ganz abzuschaffen wäre vielen Ärzten da lieber. Ganz gleich, wie der Supreme Court entscheiden wird, der Chirurg Leonidas Koniaris von der University of Miami ist schon jetzt überzeugt, dass die Giftspritze nicht zu retten ist: "Sie ist eine abscheuliche Perversion eines Heilmittels." JÖRG BLECH
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 42/2007
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