15.10.2007

FILMTief im Herzen des Feindes

Krieg, Terror, konspirativer Sex: Das Melodram „Gefahr und Begierde“ des US-Taiwaners Ang Lee erzählt von einer grausamen Liebe.
Ein Mann zum Träumen, so sanft und schön und scheu und berühmt wie in der westlichen Welthälfte Johnny Depp - in Asien ist das Tony Leung, der Hongkong-Star mit dem seelenvollen Blick, der in rund 70 Filmen vielerlei gespielt hat, Schwertkämpfer und Herzensbrecher, Dichter und Desperados. Zum ersten Mal hat im Jahr 1989 ein Film mit Tony Leung in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen, und nun vor sechs Wochen wieder: Ang Lees "Se Jie" oder "Lust, Caution", der in den deutschen Kinos "Gefahr und Begierde" heißt.
Tony Leung lässt diesmal alles hinter sich, worauf seine Fans bisher vertrauen konnten. Der als stets untadelig eleganter Gentleman auftretende Herr Yi, den er in "Se Jie" spielt, wird zwar, mit umflortem Blick, zu einem Liebessüchtigen, geradezu Liebeskranken. Aber zugleich ist er, im Shanghai der Jahre 1941/42, der kalte, unnahbare Chef-Folterer im Dienst des japanischen Besatzungsregimes. Es errege ihn, sagt er, wenn er sich bei seinem blutigen Handwerk seine Geliebte dazuphantasiere, und er malt das der Geliebten mit dem Wunsch aus, dass es auch sie errege: Feuer und Eis.
Auf dem Brokeback Mountain in Ang Lees berühmtem vorigem Film war die Liebe ein Augenblick, gelebt im Paradies. In "Gefahr und Begierde" ist der geheime Ort, wo die Liebenden voreinander ihre Masken fallen lassen, eine Lust-Hölle, aus der es nur einen Ausgang gibt, den Tod. Das erste Bild, mit dem der Film den Zuschauer konfrontiert, ist die Großaufnahme eines Schäferhunds, Auge in Auge - treuherzig, wölfisch, unergründlich.
Erzählt wird nicht die Geschichte des lustvoll grausamen Herrn Yi, sondern die einer Studentin ohne Familie namens Wang Jiazhi, die sich aber Herrn Yi gegenüber als verheiratete Frau Mak ausgibt: So ist ihre Bekanntschaft vom ersten Blick an ein Falschspiel. Ob zuerst er in ihren Bann gerät und dann sie in seinen oder doch umgekehrt - davon handelt die Erzählung der in ihrer Heimat hochgeschätzten Autorin Eileen Chang (1920 bis 1995), die den Film inspiriert hat.
Ang Lee beginnt mit dem hochgespannten letzten Akt des Dramas und bricht vor dem Höhepunkt ab, um in einer weit ausholenden Rückblende auszumalen, wie im Jahr 1938 in Hongkong die einsame, scheue Wang in einer Studententheatergruppe Anschluss, Geborgenheit, ja Lebensinhalt findet. So ist sie auch begeistert dabei, als die patriotische Laienspielschar sich zu einer terroristischen Vereinigung mausert. In aller Naivität plant man einen Mordanschlag auf Yi, der in der britischen Kolonie Hongkong die Kollaborationsregierung des japanisch besetzten Südchina repräsentiert. Wang soll, herausgeputzt als gelangweilte Ehefrau eines Geschäftsmanns, den schönen Lockvogel spielen, der den scheuen, stets von Leibwächtern gedeckten Yi in eine Falle lotst.
Die studentische Wohngemeinschaftskonspiration, die im ersten Augenblick wie eine Kostümkomödie zwischen Schein und Sein aussah, bekommt Züge einer grimmigen Groteske, als Wang entjungfert werden muss, um glaubhaft als verheiratete Frau auftreten zu können. Sie wird zum Horrorstück, als man ziemlich bestialisch einen potentiellen Verräter in der eigenen Reihe abschlachtet.
Was Ang Lee in diesem ersten Teil in Hongkong kühl und genau erzählt, handelt vom Fiasko der besten Absichten, vom Verlust der Unschuld und der Entdeckung des Bösen, von Selbstkorrumpierung und Selbstverrat - und dem bösen Herrn Yi wird bei alledem kein Haar gekrümmt.
Drei Jahre später aber, in Shanghai, lässt Wang alias Frau Mak sich ein zweites Mal Herrn Yi, der dort inzwischen Geheimpolizeichef ist, als Köder zuspielen. Diesmal beißt die gefürchtete Bestie an: Wang, die Schauspielerin als Falschspielerin auf Leben und Tod, entdeckt eine Art Liebe, die den Selbstverrat bis zur Selbstauslöschung treibt, sie bohrt sich dem Feind tief ins Herz hinein und erliegt ihm dann doch.
Für die Rolle dieser Wang, sagt James Schamus, Ang Lees Co-Autor und Co-Produzent seit eh und je, habe man als Gegenspielerin des Superstars Tony Leung bewusst eine Unbekannte gesucht, etwa wie Maria Schneider für "Der letzte Tango". Die "unbekannte" Tang Wei, eine lilienhaft sanfte, fragile Schönheit in den seidig schimmernden Etuikleidern der Epoche, meistert die Gratwanderung dieser Figur mit faszinierender Sicherheit: Sie lässt sich nichts schenken und siegt.
Die junge Schriftstellerin Eileen Chang, gleichen Alters wie ihre Heldin Wang, muss im Shanghai der Kriegsjahre, wo sie ihren ersten Erfolg hatte, eine glamouröse Erscheinung gewesen sein. Doch sie heiratete einen älteren Kollegen, der sich rasch als Weiberheld und Kollaborateur erwies - das war und blieb ihre Schande. Nach der Gründung der Volksrepublik setzte sie sich nach Hongkong ab, wo sie hauptsächlich Drehbücher schrieb, und ging dann in die USA. Die gefeierte Wiederentdeckung ihres Frühwerks in China seit den achtziger Jahren scheint sie wenig berührt zu haben; sie lebte zunehmend einsiedlerisch bis zu ihrem Tod im Jahr 1995 in Los Angeles.
Die Erzählung "Se Jie", 1950 geschrieben, immer wieder überarbeitet und erst 1979 publiziert, hält der Taiwaner Ang Lee, der seit drei Jahrzehnten in den USA lebt, für das geheime Kernstück von Eileen Changs Werk: die Geschichte ihres eigenen Liebesunglücks, von der sie sich -"wie ein Opfer, das wieder und wieder sein Trauma neu durchleben muss" - nicht durch Veröffentlichung trennen wollte. Lee hat "Se Jie" als Wunschprojekt seit langem gehegt, und aus lauter Liebe ist ihm der Film (mit gut zweieinhalb Stunden Spieldauer) ein wenig zu groß geraten, denn er ist und bleibt bei aller Finesse und Opulenz der szenischen Rekonstruktion eine Zwei-Personen-Geschichte.
In seinem glühenden Kern aber, wo Liebe und Verbrechen als ein und dasselbe erscheinen, ist er grandios. Für die chinesische Literatur sei, wenn es um die Liebe geht, das Erzählen eine Kunst des Andeutens, Verbergens, Verschweigens, sagt Lee: "But movies are another animal." Da leckt der Schäferhund sich die Lefzen.
URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 42/2007
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