22.10.2007

SPORTPOLITIKSchmutzige Karrieren

In den Sportverbänden arbeiten noch heute etliche belastete Funktionäre des DDR-Sports. Der Bund finanziert sie - und verstößt gegen eigene Richtlinien.
Andreas S. war knapp 16, als er zum ersten Mal Dopingmittel bekam. Er war ein talentierter Gewichtheber des SC Einheit Dresden, den die Sportgroßmacht DDR zu Menschenversuchen missbrauchte: Wie mindestens acht weitere Athleten gehörte der Teenager auch zur "Versuchsreihe Lathan", benannt nach dem Mediziner des Experiments. Es ging darum, die Wirkung von Anabolika auf Minderjährige zu ergründen.
Sieben Jahre lang schluckte er die Präparate, ohne darüber aufgeklärt zu werden, was er da bekam. Die Nebenwirkungen zeigten sich erst viel später - der frühere Muskelmann wurde depressiv.
Andere der damals ahnungslosen Probanden wurden ebenfalls zu Langzeitpatienten. Sie bekamen Akne und Potenzprobleme, litten an Nierenkoliken und mussten sich operieren lassen, weil ihnen Brüste gewachsen waren. Vier der Gewichtheber erstatteten schließlich Strafanzeige gegen den Mann, der ihnen in den achtziger Jahren die Tabletten verabreicht haben soll: Bernd Grabsch, ihren früheren Trainer.
Grabschs Karriere haben die massiven Vorwürfe der Körperverletzung nicht geschadet. Unter dem Dach des Bundesverbands Deutscher Gewichtheber (BVDG) arbeitet er bis heute als Landestrainer in Sachsen, auch mit Jugendlichen.
Nach dem Zusammenbruch der DDR musste sich der gesamtdeutsche Sport entscheiden: Vergangenheitsbewältigung oder Kontinuität, Verfolgung der Täter oder Einbindung in die Verbände. Maßstab für eine Übernahme ins neue System ist bis heute eine Empfehlung, die der Hauptausschuss des Deutschen Sportbundes im Dezember 1991 verabschiedete: Wer "nicht den Nachweis fehlender Beteiligung am Dopingsystem" der DDR erbringen könne, sollte "aus der Organisation des Sports in Deutschland grundsätzlich ausscheiden".
Viele wurden trotzdem weiterbeschäftigt. Denn die Manipulatoren aus dem Osten - Trainer, Ärzte, Sportwissenschaftler - hatten einen unschätzbaren Vorteil: Sie wussten, wie man Sieger formt.
Nach außen hin gerieren sich die Spitzenfunktionäre weiterhin als Hüter der Moral. Standfest behauptete unlängst etwa Michael Vesper, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, "bereits in den neunziger Jahren" hätten Politik und Verbände Berufsverbote für Doping-Trainer "im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten umgesetzt".
Ausgerechnet ein 123 Seiten dicker Bericht aus dem Bundesinnenministerium ("Projektgruppe Sonderprüfung Doping"), der die Förderung des Spitzensports in Deutschland untersucht, belegt nun, dass die Kontrollinstrumente von Politik und Verwaltung zur Einhaltung der Anti-Doping-Richtlinien versagt haben. Demnach hat das Kölner Bundesverwaltungsamt (BVA), das den Verbänden die Fördergelder auszahlt und deren Verwendung überwachen soll, "nie untersucht, ob die im Bewilligungsbescheid erhobenen Anforderungen der Anti-Doping-Klausel eingehalten wurden". Die Sportverbände haben Millionen Euro an Steuergeldern für dopingverdächtige Angestellte kassiert, ohne auch nur eine kritische Nachfrage des BVA beantworten zu müssen.
Der Prüfbericht widmet sich vor allem Organisationen wie dem Bund Deutscher Radfahrer oder auch dem Deutschen Leichtathletik-Verband, der mindestens sechs Bundestrainer beschäftigt, die in den Akten der Berliner Staatsanwaltschaft als Verteiler von Anabolika erwähnt werden - darunter den Siebenkampftrainer Klaus Baarck, die Speerwurftrainerin Maria Ritschel oder Werner Goldmann, der den jüngst zum Vizeweltmeister gekürten Diskuswerfer Robert Harting betreut.
Für den Deutschen Schwimm-Verband arbeitet Klaus Rudolph als Lehrwart in Mecklenburg-Vorpommern, als wäre nichts passiert. Dabei hatte er bereits im April 1999 in einer Vernehmung eingeräumt, als ehemaliger Cheftrainer des SC Empor Rostock für "Körperverletzungen der Schwimmer und Schwimmerinnen verantwortlich" zu sein, verursacht durch den Konsum von Anabolika. Rudolph hatte die Einnahme der Tabletten angeordnet und überwacht.
Auch bei den Gewichthebern gibt es neben Grabsch wahrscheinlich noch weitere Doping-Belastete. Der Olympiastützpunkt Chemnitz/Dresden beschäftigt mindestens einen Trainer mit fragwürdiger Vita. Ihm wird gemäß den Akten der Berliner Ermittler von früheren Athleten des SC Karl-Marx-Stadt vorgeworfen, ihnen als Minderjährige Oral-Turinabol verabreicht zu haben. Trainer Grabsch, über dessen Rolle im DDR-Doping bereits vor sechs Jahren berichtet worden ist (SPIEGEL 51/2001), war für eine erneute Stellungnahme nicht zu erreichen.
Offen bleibt, ob die Nachsicht gegenüber den ehemaligen Funktionären und Trainern aus dem Osten politisch gewollt ist - oder ob nur Schlamperei des Beamtenapparats die einstigen Drahtzieher des DDR-Sports verschont.
Dabei kennt das BVA die Folgen des Medikamentenmissbrauchs nur zu genau - die Kölner Behörde musste vor vier Jahren die Entschädigungsanträge der Opfer des DDR-Staatsdopings überprüfen, es ging um 10 000 Euro pro Person. Von 302 Anträgen bewilligte sie 194. Anders als bei den Tätern prüfte sie dort jeden Fall im Detail.
An diesem Mittwoch wird der Sportausschuss des Deutschen Bundestages über die Vergabe von Fördermitteln für das kommende Jahr beraten. Es geht um insgesamt knapp 84 Millionen Euro, und Winfried Hermann, sportpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, wird als Exempel eine Haushaltssperre gegen den Radfahrer-Verband beantragen. "Der hat sich besonders", sagt er, "durch Schlafmützigkeit und Pseudo-Aktivitäten ausgezeichnet." UDO LUDWIG, MICHAEL WULZINGER
Von Udo Ludwig und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 43/2007
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