29.10.2007

RAF-Serie (VIII): Die dritte Generation„Der Kampf hört nie auf“

Obwohl fast die Hälfte ihrer Kader sich 1980 in die DDR absetzte und der Rest der zweiten Generation verhaftet wurde, mordete die RAF weiter: Die dritte Generation ging zur Genickschusstaktik über - und hinterließ viele Rätsel. Von Georg Bönisch und Michael Sontheimer
Es waren fünf Kriminalpolizisten der untergehenden DDR, die am 6. Juni 1990 für die größte Überraschung in der Geschichte der RAF sorgten: Die Ermittler des Zentralen Kriminalamts hatten den Plattenbau in der Rosenbecker Straße 3 im Ost-Berliner Stadtteil Marzahn observiert. Als eine Frau mit Pagenschnitt in dem Haus verschwand, gingen sie hinterher und klingelten an der Wohnung 0201 mit dem Namensschild "Becker".
"Um einen Sachverhalt zu klären", wie es die Kripo-Männer formulierten, möge Ingrid Becker doch bitte mitkommen. "Ich möchte gleich zu Beginn meiner Befragung erklären, dass meine eigentliche Identität nicht die der Becker Ingrid ist", gab diese zu Protokoll. Ihr wahrer Name, sagte sie, sei Susanne Albrecht.
Obwohl sie umgehend festgenommen wurde, war Susanne Albrecht erleichtert. Knapp zehn Jahre hatte die Hamburger Anwaltstochter in der DDR als Mensch ohne Vergangenheit gelebt. Zuletzt fürchtete sie, verrückt zu werden. Im Juli 1977 hatte Albrecht die Mörder des Bankiers Jürgen Ponto, der ein guter Freund ihres Vaters war, in dessen Haus in Oberursel geführt. Seitdem hatten Terrorfahnder des Bundeskriminalamts (BKA) sie auf der ganzen Welt gesucht.
Mal dachten BKA-Beamte, sie lebe in Beirut, mal sollte sie in Nicaragua untergetaucht sein. Doch Albrecht hatte in Wahrheit im deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat Asyl gefunden. Und nicht nur sie.
Sechs Tage nach Albrecht wurde Inge Viett, die 1980 von der Bewegung 2. Juni zur RAF gekommen war, in Magdeburg festgenommen; zwei Tage darauf zwei ehemalige Terroristen in Senftenberg; ein weiteres Ex-RAF-Paar am selben Tag in Frankfurt (Oder); einen Tag später noch zwei RAF-Aussteiger in Schwedt. Schließlich holten DDR-Kriminalpolizisten ein letztes Paar am 18. Juni 1990 in Neubrandenburg ab. Da waren es dann zehn.
DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel hatte die Ex-RAF-Terroristen mit Unterstützung von Stasi-Offizieren an seinen Bonner Kollegen Wolfgang Schäuble geliefert - als Morgengabe zur deutschen Einheit.
Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, der es bis dahin kaum gelungen war, die Mordserie der RAF im Deutschen Herbst 1977 genauer aufzuklären, konnte neue Hoffnung schöpfen. Sie bot den Ex-Terroristen aus der DDR Strafminderung an, wenn sie als Kronzeugen aussagen würden. Und das taten sie alle, um sich eine lebenslange Freiheitsstrafe zu ersparen.
Aus den detaillierten Schilderungen der DDR-Aussteiger erfuhren die Bundesanwälte jetzt auch, in welch desolater Verfassung sich die RAF nach dem Scheitern der "Offensive 77" und dem Tod der RAF-Führung in Stammheim befand. "Alle Hoffnungen waren futsch, Ratlosigkeit machte sich breit", gab Sigrid Sternebeck zu Protokoll. Niemand in der Gruppe habe mit einem solchen Ende gerechnet. "Ich war verzweifelt und sah keine Perspektive."
Der größte Teil der Gruppe saß demoralisiert in einem RAF-Quartier in Bagdad. Peter-Jürgen Boock klagte dort etwa, er habe Darmkrebs, ihn quälten ständige Schmerzen und er brauche deshalb starke Medikamente. Seine Freundin Brigitte Mohnhaupt schickte zwei erst im Sommer 1977 zur RAF gestoßene Männer - Gert Schneider und den Schauspieler Christof Wackernagel - aus Bagdad nach Amsterdam, um Drogen zu beschaffen, darunter auch Haschisch und Kokain.
Doch die Polizei observierte die dortige konspirative Wohnung. Als Beamte die beiden Drogenkuriere vor der Tür stellten, schossen diese sofort und warfen eine Handgranate. Sie wurden dennoch verhaftet. Kurz darauf nahmen Fahnder nach einer Schießerei eine RAF-Frau fest, die mit einem gefälschten Rezept in einer Hamburger Apotheke Drogen für Boock kaufen wollte.
Wie sich später herausstellte, hatte Boock keineswegs Krebs - er war schlicht rauschgiftsüchtig und brauchte mehrere Spritzen am Tag. Auch als Stefan Wisniewski im Mai 1978 in Paris verhaftet wurde, hatte er 44 Ampullen Drogen für Boock im Gepäck.
Willy Peter Stoll, einer der Schützen bei der Entführung Schleyers, wurde im September 1978 in Düsseldorf in einem Chinarestaurant von Polizisten erschossen; ebenso Elisabeth van Dyck im Mai 1979 in einer konspirativen Wohnung in Nürnberg. Fünf Wochen später wurde Rolf Heißler bei seiner Festnahme in Frankfurt durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt.
Dennoch schlug die RAF im Juni 1979 zum ersten Mal seit dem Deutschen Herbst wieder zu. Unweit von Brüssel zündete Rolf Klemens Wagner per Funk in einem unter eine Straße getriebenen Stollen einen Sprengsatz, als der Nato-General Alexander Haig auf dem Weg zum Hauptquartier war. Da Wagner die Detonation Sekundenbruchteile zu spät auslöste, wurden drei Personenschützer in einem Begleitfahrzeug nur leicht verletzt. Die Erklärung des "Kommandos Andreas Baader" endete mit dem Satz: "Der Kampf hört nie auf."
Die Durchhalteparole verfing allerdings nicht mehr bei allen: Ende 1979 war endgültig klar, dass acht Mitglieder die RAF verlassen wollten. "Ich hatte zu viel Angst, irgendetwas zu machen", sagte einer von ihnen später.
Mohnhaupt und Christian Klar - seit Boock sich abgesetzt hatte das Führungspaar - suchten nach einer Möglichkeit, die Aussteiger sicher unterzubringen. Zunächst mussten sie ihre Waffen abgeben. In einem Ferienhaus in der Bretagne warteten sie darauf, dass ein sicheres Exil für sie organisiert würde. Ein sozialistisches Land in der Dritten Welt lag nahe. Um sich für ein neues Leben in Mosambik oder Angola vorzubereiten, lernten die Aussteiger schon Portugiesisch.
Doch es kam anders. Die Fäden zog eine erfahrene Veteranin des deutschen Terrorismus: Inge Viett. Im Frühjahr 1978 hatte sie, eher zufällig, auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld den Stasi-Major Harry Dahl kennengelernt; als sie im Juni bei der Durchreise in der CSSR zusammen mit zwei anderen Frauen festgenommen wurde, eilte Genosse Harry sofort nach Prag - und eiste das Trio los.
Ende Mai 1980 sprach Inge Viett mit Dahl und einem seiner Kollegen aus der für Terrorabwehr zuständigen Hauptabteilung XXII des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) über die Pläne für ein Exil in Afrika. Die Geheimen rieten ab. Erstens sei die politische Lage dort in-
stabil, und zweitens würde eine Gruppe von Weißen sofort auffallen. Der Leiter Hauptabteilung XXII fragte den Stasi-Chef Erich Mielke um Rat in der delikaten Angelegenheit, und der Genosse Minister sagte nur: "Dann kommen sie doch einfach zu uns."
Der Rückzug in den Realsozialismus war perfekt organisiert. Jeder Aussteiger erhielt aus einer Kasse der RAF 3000 D-Mark "als Startkapital", wie einer von ihnen aussagte. Wenige Wochen nach der Asylofferte reisten acht Aussteiger in drei Gruppen Richtung DDR, Inge Viett und Henning Beer folgten. "Palästinensische Genossen", berichtete der RAF-Mann Werner Lotze später, hätten "mündlich einen konkreten Ablaufplan" übermittelt. So seien er und seine Lebensgefährtin von Frankreich aus erst mit dem Zug in die Schweiz nach Genf gefahren, dann über Zürich nach Wien.
Von dort aus ging es nach Prag, erst ins Parkhotel, dann ins Hotel Solidarität - ein schönes Synonym für die erstaunliche Gastfreundschaft der DDR. Eine "unrühmliche, heimliche wie unheimliche Kooperation" nannte Bundestagspräsident Norbert Lammert Mielkes Hilfe vergangene Woche bei einer Gedenkveranstaltung für die RAF-Opfer in Berlin.
Der Stasi-Chef und seine Männer gingen dabei ein hohes Risiko ein. Hätte die Bundesregierung von der Aufnahme ihrer Todfeinde erfahren, hätte es trotz aller Entspannungspolitik
zu einer schweren innerdeutschen Krise kommen können.
Die Aussteiger wurden in einem "konspirativen Objekt" der Staatssicherheit nahe Frankfurt (Oder) untergebracht und in DDR-Staatsbürgerkunde unterwiesen. Sie mussten sich detaillierte Biografien ausdenken, die die Stasi mit gefälschten Dokumenten legalisierte. Zur Übergabe der Staatsbürgerschaftsurkunden organisierten die MfS-Betreuer eigens eine kleine Feier im konspirativen Unterschlupf.
Susanne Albrecht hieß nun "Ingrid Jäger", war angeblich in Madrid geboren und wegen ihrer Ablehnung des Kapitalismus in der Bundesrepublik in die DDR übergesiedelt. Alsbald begann sie ein Fernstudium an der Leipziger Karl-Marx-Universität mit dem Ziel, Englischlehrerin zu werden. Silke Maier-Witt (Aliasname: "Angelika Gerlach") schrieb sich in Erfurt ein für eine Ausbildung zum "Facharbeiter Krankenpflege".
Werner Lotze und Christine Dümlein waren "Manfred und Katharina Janssen". Sie wurde Sekretärin der Betriebsberufsschule des VEB Synthesewerk Schwarzheide, er "Ofenfahrer" im Dreischichtsystem. Lotze brachte es dann sogar zum Schichtleiter und Trainer der Ruderer bei der Sportgemeinschaft Dynamo Senftenberg.
Aber die Stasi beherbergte nicht nur die Aussteiger, sondern unterstützte auch die Rest-RAF im Westen unter Führung von Mohnhaupt und Klar. Stasi-Offiziere bildeten sieben aktive RAF-Mitglieder aus, in Sprengstofftechnik und an Waffen bis hin zur Panzerfaust RPG-7, einem sowjetischen Modell. Sechs Wochen dauerte das Spezialtraining in einem "Schießkino" und auf freier Fläche.
Ungeklärt blieb bis heute, wann genau die Lehrstunden gegeben wurden - im Sommer 1981 oder erst Anfang des Jahres 1982. Mit einer Panzerfaust RPG-7 beschoss nämlich ein Kommando mit Klar und drei weiteren RAF-Kadern am 15. September 1981 in Heidelberg die Mercedes-Limousine des US-amerikanischen Generals Frederick Kroesen. Ein Übungsschießen vor diesem Anschlag könnte für die Stasi-Offiziere eine Anklage wegen Beihilfe zum versuchten Mord nach sich ziehen.
Während sich die Aussteiger im Arbeiter-und-Bauern-Staat einlebten, veröffentlichte die RAF im Mai 1982 zum ersten Mal seit den von Ulrike Meinhof über zehn Jahre zuvor verfassten programmatischen Schriften wieder ein längeres Papier, Titel: "Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front".
"Wir haben 1977 Fehler gemacht", hieß es darin, "und die Offensive wurde unsere härteste Niederlage." Die Entführung des Lufthansa-Jets "Landshut" durch verbündete Palästinenser wurde zwar kritisiert, doch der Selbstbetrug behielt die Oberhand. So erklärten die RAF-Kader zum Deutschen Herbst, "dass wir stärker als vorher daraus hervorgekommen sind". Es sei jetzt "möglich und notwendig", so die Devise, "einen neuen Abschnitt in der revolutionären Strategie im imperialistischen Zentrum zu entfalten".
Daraus wurde nichts. Am 11. November 1982 näherten sich zwei mit einem Klappspaten ausgerüstete Frauen in einem Wald bei Heusenstamm südlich von Offenbach dem wichtigsten mit Waffen und Dokumenten bestückten Erddepot der RAF. GSG-9-Männer hatten keine Mühe, Brigitte Mohnhaupt sowie Klars Jugendfreundin Adelheid Schulz festzunehmen.
Nur fünf Tage später lagen in der Nähe eines anderen Depots mit dem Decknamen "Daphne" nahe Hamburg mehrere Dutzend Polizisten auf der Lauer. Der Mann im Trainingsanzug, der ihnen dann in die Arme lief und sich widerstandslos festnehmen ließ, war Christian Klar.
Das Bundeskriminalamt verbreitete, dass Pilzsammler das einen halben Meter unter der Erdoberfläche verborgene Zentraldepot bei Heusenstamm entdeckt hätten. Glaubhafter sind Informationen eines ehemaligen Terrorfahnders, nach denen die RAF-Gefangene Verena Becker bei Vernehmungen durch Verfassungsschützer den entscheidenden Tipp gab. In jedem Fall waren nun alle Vertreter der zweiten Generation außer Gefecht gesetzt. Die RAF existierte jetzt nur noch in Gestalt von Gefangenen.
Die erste Spur zu dem Versteck im Osten wurde im Westen am 13. Juni 1985 aktenkundig: Auf der Polizeistation im schwäbischen Möglingen gab ein junger DDR-Übersiedler zu Protokoll, er sei absolut sicher, dass die als RAF-Mitglied gesuchte Silke Maier-Witt unter dem Namen "Angelika Gerlach" in Erfurt lebe: "Ich habe mit ihr an der Medizinischen Fachschule Weimar studiert."
Der falsche Name stimmte tatsächlich, und die Stasi-Offiziere wurden nervös. "Du musst sofort aus Erfurt verschwinden", erklärte ein MfS-Hauptmann der Ex-Terroristin. Ihre Wohnung in der Moskauer Straße 18 wurde sofort gesäubert; sie verschwand aus Erfurt. In Ost-Berlin erhielt sie nicht nur ihre nächste Identität: "Sylvia Beyer", angeblich geboren am 18. Oktober 1948 in Moskau. Auf Weisung ihres Führungsoffiziers unterzog sie sich auch einer Gesichtsoperation - ihre Nase wurde begradigt. Nach einer kleinen Odyssee durch eine Handvoll konspirativer Wohnungen in Ost-Berlin und im Umland bekam sie einen neuen Job als Leiterin der Informationsstelle im VEB Pharma Neubrandenburg.
Anfangs trafen sich die Ex-RAFler einmal im Jahr, um den Tag ihrer Einbürgerung
zu feiern. Bei Korn und Bier erzählten sie von ihrem neuen Leben. Niemand klagte, ihnen gefiel der Honecker-Sozialismus. "Alle Personen", notierte ein Stasi-Betreuer zufrieden, "haben sich fest in das berufliche und öffentliche Leben eingegliedert." Ihre Existenz mit falscher Identität im für sie richtigen System endete erst, als auch die DDR vor ihrem Untergang stand.
Aber warum machte die RAF im Westen immer weiter? Warum fanden sich immer wieder Nachfolger, die den ebenso blutigen wie hoffnungslosen Privatkrieg gegen Kapitalismus und Staat weiterführten?
Die RAF, so der einzig plausible Erklärungsansatz, war - trotz ihrer Theorie vom internationalen Befreiungskampf - sehr deutsch. Kapitulieren kam nicht in Frage. Man stand auf der richtigen Seite, wähnte sich als Vollstrecker der Geschichte und hatte bis zum Endsieg zu kämpfen.
Aber auch den Vertretern des attackierten Staats waren eine flexible Taktik oder gar der Gedanke an Zugeständnisse lange fremd. Nach dem Deutschen Herbst saßen die meisten RAF-Gefangenen wieder über Jahre in strenger Einzelhaft isoliert und konservierten in Hochsicherheitstrakten ihr wahnhaftes Weltbild.
"Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun", postulierte schon Adolf Hitlers Lieblingskomponist Richard Wagner. Germanische Nibelungentreue war es auch, die Anfang 1984 drei langjährige RAF-Unterstützer dazu brachte, in den Untergrund zu gehen: die Wiesbadener Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams sowie die Schwäbin Eva Haule. Sie alle hatten über Jahre hinweg RAF-Mitglieder im Gefängnis besucht.
Grams war schon bei der Besetzung des Amnesty-International-Büros im Herbst 1974 dabei. Für seine Freundin Hogefeld war der Hungertod des RAF-Manns Holger Meins das Erweckungserlebnis. Die ehemalige Jurastudentin und Orgellehrerin galt als derart fanatisch, dass die Illegalen sie zunächst nicht aufnehmen wollten. "Die gurgelt morgens mit Salzsäure", lästerten sie über Hogefeld.
Die drei Neulinge im Untergrund mussten bald einen herben Rückschlag hinnehmen. Nachdem sich mehrere RAF-Kader in einer konspirativen Wohnung in Frankfurt versammelt hatten, ging einem die Pistole los. Das Projektil durchschlug den Fußboden zur darunterliegenden Wohnung eines Elektromeisters.
Der Handwerker rief die Polizei. Die nahm auf einen Schlag sechs RAF-Mitglieder fest: neben Helmut Pohl, der schon der ersten Generation der Gruppe angehörte, auch Ernst-Volker Staub, der später, nach dem Absitzen einer vierjährigen Haftstrafe, wieder in den Untergrund ging.
In dem Frankfurter Unterschlupf beschlagnahmten die Beamten zudem 8400 Blatt Dokumente: vor allem Strategiepapiere und Rechercheunterlagen. In Letzteren fanden sich Hinweise auf RAF-Anschlagsziele, zum Beispiel auf die Manager Ernst Zimmermann und Karl Heinz Beckurts. Als die RAF-Experten bei der Stasi von den Umständen der Verhaftung erfuhren, kamen sie zu dem Schluss: "Mit solchen Amateuren wollen wir nichts zu tun haben."
Doch es waren immer noch RAF-Leute in Freiheit. Wolfgang Grams habe beim Wiederaufbau, so schrieb Eva Haule später, eine entscheidende Rolle gespielt. "Ohne ihn und seine Zähigkeit, mit der er alle praktischen Probleme angefasst und gelöst hat, wäre das nicht gegangen. Wir waren wenige, hatten so gut wie nichts in der Hand, kaum Waffen, kein Geld, wenig Erfahrung in der Organisierung der Illegalität."
Aber schon vier Monate nach den Festnahmen in Frankfurt erbeuteten RAF-Mitglieder bei einem Überfall auf ein Waffengeschäft in Maxdorf bei Ludwigshafen unter anderem 22 Pistolen und 2800 Schuss Munition. Das Arsenal war wieder gut gefüllt. Und sechs Wochen später - am 18. Dezember 1984 - stellte ein RAF-Mitglied einen mit einer 25-Kilogramm-Bombe beladenen Pkw auf dem Gelände der Nato-Schule in Oberammergau ab, doch der Zündmechanismus versagte.
Die RAF hatte inzwischen eine strategische Allianz mit einer kleinen französischen Terrorgruppe geschlossen, der Action directe. Ende Januar 1985 erschoss ein Kommando der Action directe bei Paris einen Direktor des Verteidigungsministeriums. Wie eng die Gruppe mit der RAF liiert war, zeigte das Bekennerschreiben: Es war von einem "Kommando Elisabeth von Dyck" unterzeichnet.
Eine Woche nach dem Mord in Frankreich klingelte eine zierliche Frau am Bungalow des Rüstungsmanagers Ernst Zimmermann in Gauting bei München. Sie gab sich als Botin aus, die eine Unterschrift vom Hausherrn brauche. Als der kam, stand plötzlich auch ein Mann mit Maschinenpistole in der Tür. Das Duo fesselte das Ehepaar Zimmermann, dann führten die beiden den Vorstandsvorsitzenden der Firma MTU, die Turbinen für "Tornado"-Kampfjets und Motoren für "Leopard"-Panzer baut, in sein Schlafzimmer. Zimmermann wurde mit einem Schuss in den Kopf ermordet.
Die dritte Generation der RAF hatte zu ihrer Genickschusstaktik gefunden. Den Fahndern wurde auch schnell klar, dass die Neuen handwerklich wesentlich professioneller arbeiteten als ihre Vorgänger. Obwohl
die Mörder Zimmermanns keine Handschuhe trugen, hinterließen sie nicht einen Fingerabdruck. Offenbar hatten sie ihre Hände mit Spray "versiegelt", wie es ein Fahnder ausdrückt.
Die Terroristen schlüpften auch nicht mehr bei Freunden unter wie einst Ulrike Meinhof oder mieteten mit falschen Papieren Wohnungen. Stattdessen übernahmen sie Studentenbuden, deren Mieter für längere Zeit ins Ausland gingen. Solche Untermieter konnte das BKA auch mittels verfeinerter Rasterfahndung nicht mehr aufspüren. Autos wurden höchstens für Anschläge gemietet, gewöhnlich bewegten sich die Terroristen mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Auf den Zimmermann-Mord folgte ein Anschlag, mit dem die RAF auch noch die letzten Sympathien in der linksradikalen Szene verspielte: Am Abend des 7. August 1985 machte eine Frau in der Wiesbadener Discothek Western Saloon dem 20-jährigen US-Soldaten Edward Pimental schöne Augen. Der GI verließ in freudiger Erwartung eines sexuellen Abenteuers mit ihr die Disco - und wurde am nächsten Morgen erschossen im Wiesbadener Stadtwald gefunden. Das Oberlandesgericht Frankfurt kam später zur Auffassung, dass Birgit Hogefeld der Lockvogel gewesen sei.
Warum der amerikanische Soldat sterben musste, zeigte sich kurz danach: Auf dem Parkplatz der Rhein-Main Air Base explodierte eine Autobombe. Ein US-Soldat und eine Zivilangestellte kamen zu Tode, 23 weitere Menschen wurden verletzt. Die Attentäter hatten Pimentals Dienstausweis benutzt, um auf das Gelände zu gelangen.
Etliche Linke, auch RAF-Gefangene wie Karl-Heinz Dellwo, kritisierten öffentlich den Mord an dem jungen Soldaten. Die Illegalen antworteten nur kühl: "Wir haben nicht diesen verklärten, sozialarbeiterischen Blick."
Am 9. Juli 1986 sprengte eines ihrer Kommandos die BMW-Limousine des Siemens-Vorstandsmitglieds Karl Heinz Beckurts. Beckurts hatte sich für den Ausbau der Atomenergie eingesetzt. Er musste sterben, weil sich die RAF bei der Anti-AKW-Bewegung anbiedern wollte.
"Wir hätten im Grunde 1977, spätestens aber nach den Verhaftungen 1984 aufhören sollen", sagt heute ein Mann der zweiten RAF-Generation: "Ab Mitte der achtziger Jahre hatten die Aktionen überhaupt keine Linie mehr. Es gab keine politische Perspektive." Einzelne RAF-Gefangene versuchten, auf die Illegalen Einfluss zu nehmen. Aber es fehlte die Einigkeit unter ihnen.
Wer genau zur dritten Generation zählte, ist bis heute unklar. Sicher ist, dass es sich um eine deutlich kleinere Gruppe handelte als die rund 20 Köpfe starke Truppe, die im Deutschen Herbst die Machtfrage stellte. Die "Kommandoebene" hatte wahrscheinlich an die zehn Mitglieder. Eine zentrale Position nahmen Hogefeld und ihr Freund Grams ein. Das Paar bildete die Doppelspitze, so wie vor ihnen Gudrun Ensslin und Andreas Baader und dann Brigitte Mohnhaupt und Peter-Jürgen Boock.
Einer der ganz seltenen Fahndungserfolge gelang der Polizei am 2. August 1986 in Rüsselsheim. Da zwei jüngere Frauen und ein Mann in einem Eiscafé immer hektisch ihre Papiere abdeckten, sobald sich die Kellnerin näherte, rief ein Gast die Polizei. Als Beamte an den Tisch traten, ließ Eva Haule ihre Pistole lieber stecken. Sie und die beiden Unterstützer, mit denen sie sich getroffen hatte, wurden festgenommen. Doch bis zur nächsten Ergreifung eines RAF-Mitglieds sollten sieben Jahre vergehen.
Die Verhaftung Haules konnte die RAF-Killer aber nicht stoppen. Am Abend des 10. Oktober 1986 stieg Gerold von Braunmühl, Leiter der Politischen Abteilung im Auswärtigen Amt in Bonn, vor seinem Haus aus einem Taxi. Als der Spitzenbeamte seine Aktentaschen aus dem Kofferraum hob, tauchte eine kleine vermummte Person auf. Sie schoss Braunmühl dreimal in den Oberkörper. Er schleppte sich noch auf die andere Straßenseite - wo ihn ein zweiter Vermummter mit zwei Schüssen in den Kopf tötete.
Bei einer der Tatwaffen handelte es sich um jene Smith & Wesson, mit der auch Hanns Martin Schleyer erschossen worden war. Die Waffe wurde bis heute nicht gefunden. Der in der Öffentlichkeit kaum bekannte, parteilose Braunmühl war für das "Kommando Ingrid Schubert" eine "der zentralen figuren in der formierung westeuropäischer politik im imperialistischen gesamtsystem".
Nach einem weiteren, allerdings gescheiterten Attentat auf den Finanzstaatssekretär Hans Tietmeyer im September 1988 in Bonn herrschte über ein Jahr Ruhe. Generalbundesanwalt Kurt Rebmann verkündete schon, die RAF sei "nicht mehr so gefährlich wie früher". Doch dann ging ein RAF-Kommando mit einer technischen Präzision ans Werk, die Politiker und Wirtschaftsmanager in Angst und Schrecken versetzte.
Als Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, am 30. November 1989 in einer gepanzerten Mercedes-Limousine durch Bad Homburg chauffiert wurde, detonierte eine auf einem Fahrrad abgelegte, mit dem Sprengstoff TNT gefüllte Hohlladungsmine. Die Panzerung des Wagens half Herrhausen da auch nicht mehr, der Bankier und Vertraute von Bundeskanzler Helmut Kohl starb, von Splittern tödlich getroffen. Mittels einer Lichtschranke war der Sprengsatz punktgenau gezündet worden.
Nach einem gescheiterten Attentat auf Innenstaatssekretär Hans Neusel im Juli
1990 in Bonn versuchte die RAF ein Dreivierteljahr später, bei den Ostdeutschen, die sich durch die deutsche Einheit betrogen sahen, Punkte zu machen: Ein RAF-Mitglied erschoss am 1. April 1991 mit einem Präzisionsgewehr den Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder im Arbeitszimmer seines Hauses in Düsseldorf.
Angesichts des Scheiterns der schlichten repressiven Taktik gegen die RAF und mangels irgendwelcher Fahndungserfolge änderte der liberale Bundesjustizminister Klaus Kinkel danach den Kurs der Regierung. Im Januar 1992 erklärte er: "Der Staat muss dort, wo es angebracht ist, zur Versöhnung bereit sein." Der FDP-Mann startete ein Aussteigerprogramm und sorgte für Lockerungen bei den harten Haftbedingungen der RAF-Gefangenen. Kinkels Initiative zeigte Wirkung: Gut drei Monate später erklärten die Illegalen, sie wollten die "Eskalation zurücknehmen". Es werde vorerst keine "Angriffe" auf "führende repräsentanten von wirtschaft und staat" mehr geben.
Um einen solchen handelte es sich bei der letzten Aktion der RAF auch nicht: Fünf Vermummte überwältigten und fesselten am 27. März 1993 im hessischen Weiterstadt die Wachen eines kurz vor der Eröffnung stehenden Gefängnisses. Anschließend jagten sie die Anlage mit 200 Kilogramm Sprengstoff in die Luft.
Vor der Detonation hatten die Terroristen sehr ordentlich die Zubringerstraßen abgesperrt und Warnschilder angebracht: "Knastsprengung in Kürze - Lebensgefahr. Sofort wegrennen!" Menschen wurden nicht verletzt; der Sachschaden betrug 130 Millionen Mark, die Explosion verzögerte die Eröffnung des Gefängnisses um vier Jahre. Am Tatort wurden Haare auf einem Teppichstück gefunden, die später mittels DNA-Analyse den Terroristen Ernst-Volker Staub und Daniela Klette zugeordnet wurden. Wahrscheinlich war auch der RAF-Mann Burkhard Garweg dabei. Alle drei werden bis heute gesucht.
Die RAF hatte zu diesem Zeitpunkt fast 23 lange Jahre gebombt und geschossen. RAF-Mitglieder hatten 32 Menschen ermordet, 19 aus ihren eigenen Reihen waren zu Tode gekommen. Die letzten beiden Toten gab es am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof der mecklenburgischen Kleinstadt Bad Kleinen: Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams wollten sich mit einem Unterstützer treffen, doch der arbeitete für den Verfassungsschutz. Hogefeld wurde festgenommen, Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella starben nach einem heftigen Schusswechsel.
Obwohl die RAF ohne Grams und Hogefeld kaum mehr operationsfähig war, brauchte sie noch einmal fünf Jahre, um dem Irrsinn ein förmliches Ende zu bereiten: Im April 1998 ging im Kölner Büro der Nachrichtenagentur Reuters ein in Chemnitz abgesandtes achtseitiges Schreiben ein. "Die stadtguerilla in form der raf ist nun geschichte", war darin zu lesen. "Das ende dieses projekts zeigt", hieß es lapidar, "dass wir auf diesem weg nicht durchkommen konnten." Der bewaffnete Kampf war aus der Sicht der RAF nur deshalb falsch, weil er keinen Erfolg hatte.
Nach einer Aufzählung aller seit der Gründung der RAF im Jahr 1970 zu Tode gekommenen Kämpferinnen und Kämpfer zitierten die RAF-Auflöser, ohne sie namentlich zu nennen, die Kommunistin Rosa Luxemburg. Die hatte im Januar 1919, einen Tag bevor sie ermordet wurde, geschrieben: "Die Revolution sagt: Ich war, ich bin, ich werde sein."
Der Tag, an dem die Auflösungserklärung in Köln eintraf und veröffentlicht wurde, war der 20. April, der für ältere Deutsche unauslöschlich als "Führers Geburtstag" mit Adolf Hitler verbunden ist. Der einstige BKA-Chef Horst Herold, schon 17 Jahre im Ruhestand, stellte ungläubig fest: "An einem solchen Tag löst sich eine RAF, wie ich sie kenne, nicht auf."
Die RAF war aber nicht mehr die RAF, die Herold von 1971 bis zu seinem Rücktritt 1981 bekämpft hatte. Wer sich zuletzt hinter dem Logo mit dem Stern und der Maschinenpistole verbarg, ist bis heute ungeklärt. "Sie wissen nicht viel über uns", hatte die Terrortruppe sich noch 1996 gebrüstet. "Sie haben noch nie wirklich durchgeblickt, wie unsere strukturen aussehen oder wer in der raf organisiert ist."
Die Anschläge der dritten Generation, bei denen 10 Menschen ermordet und 29 verletzt wurden, bleiben rätselhaft. Wo die Terroristen der dritten Generation über all die Jahre gelebt haben, wissen nur sie selbst.
Patrick von Braunmühl, dessen Vater von der RAF ermordet wurde, sagt: "Dass der enorme Verfolgungsapparat bislang über die dritte Generation fast nichts herausgefunden hat, ist ein Armutszeugnis."
BKA-Experten unterzogen alte RAF-Asservate DNA-Analysen. Neben den Erkenntnissen aus den in Weiterstadt zurückgelassenen Spuren konnten sie ein Haar, das an einem Handtuch unweit der Villa Rohwedders gefunden wurde, Wolfgang Grams zuordnen. Ein Beweis, dass er der Todesschütze war, ist das nicht.
Beamte des Verfassungsschutzes und des BKA ermittelten routinemäßig auch die Kontaktpersonen der ihnen bekannten RAF-Mitglieder vor deren Abtauchen. Sie erstellten beispielsweise eine Liste von Verdächtigen aus dem Umfeld von Eva Haule. Doch Durchsuchungen oder Haftbefehle ließen sich in keinem einzigen Fall begründen.
Sicher ist, dass die RAF-Terroristen der dritten Generation - so wie ihre Vorgänger - gute Kontakte zu Palästinensern hatten und sich immer wieder über längere Zeit nach Syrien oder in den Libanon zurückziehen konnten.
Sowohl der als RAF-Mitglied gesuchte Christoph Seidler, der 1984 abgetaucht war und sich 1996 stellte, als auch Andrea Klump, die 1999 in Wien festgenommen wurde, bestritten, jemals in der RAF gewesen zu sein. Das Gegenteil ließ sich ihnen nicht nachweisen.
Eva Haule, die im August nach 21 Jahren Haft entlassen wurde und in Berlin als Fotografin arbeitet, weiß vieles. Und Birgit Hogefeld, die in Frankfurt einsitzt, müsste nahezu alles über die Mordtaten der dritten Generation wissen.
Aber die beiden Frauen wahren die RAF-Tradition: Sie schweigen eisern. "Aussagen über illegale strukturen und geheime orte des exils", hieß es in einer der letzten RAF-Erklärungen vom November 1996, "sind und bleiben absolut abzulehnen."
* Mit Arbeitskolleginnen 1986 in der DDR.
Von Georg Bönisch und Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 44/2007
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