19.11.2007

Das Buch meines Lebens

Robert Walser (1878 bis 1956), der mehr als 20 Jahre in einer Nervenheilanstalt verbrachte, erzählt in seinem 1909 publizierten Tagebuch-Roman vom Schüleralltag in einem geheimnisvollen Erziehungsinstitut.
Jakob von Gunten geht in eine Schule, in der man lernt, nichts zu sein. Wie kann man ohne Selbstbewusstsein auskommen? Das wird hier gelehrt und gelernt. Wer immer genug Selbstbewusstsein hat (oder sogar mehr, als er braucht), der muss dieses Buch nicht lesen. In allen Fächern wird in dieser Schule gelehrt, nichts von sich zu halten und dabei glücklich zu sein. Unverletzbar ist der, dem es gelingt, sich so kleinzumachen, dass ihn die Welt nicht mehr wahrnehmen kann. Dann kann einem die Welt sofort nichts mehr anhaben. Wer würde denn diesem Programm zustimmen? Franz von Assisi, Hölderlin, Kierkegaard, Kafka. Am meisten Kierkegaard.
Ich habe das Buch zwanzigmal gelesen, tausendmal darin gelesen und immer neue Finessen und Radikalitäten und Techniken der Selbstrettung durch Selbsterniedrigung entdeckt. Es ist ein Brevier, mein Brevier. Der Leser wird angesteckt vom Humor, von der Trauer, der Verzweiflung, von den radikalen Saltos der Jakob-Existenz. Aber angesteckt eben nur, solange man liest. Das macht das Buch zum Evangelium für solche, denen daran liegt, manchmal eine Zeitlang entlassen zu werden aus den niederen Diensten zugunsten einer Karriere.
Jakob: "Ich verachte ... mein ganzes Denkvermögen." Und noch eine Lieblingsstelle - wer sie unbewegt liest, der soll dieses Buch meiden: "Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und Einfluss gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern Regionen atmen."
Darum Brevier, darum keine positive Lesefrucht, darum eine Wirkung, vergleichbar der des Musizierens oder eben des Betens. Darum ein Meisterwerk in der deutschen Sprache: Das Meisterwerk der Ironie. International ganz nah bei Swift. Darum hat man, wenn man mitteilt, was in diesem Buch geschieht, so gut wie nichts gesagt, weil die Mitteilung hier allein durch den Ton geschieht.
Von Martin Walser

DER SPIEGEL 47/2007
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