26.11.2007

INNOVATIONENGlobalisierung ganz privat

Gestresste Amerikaner lassen sich neuerdings ihren Alltag von Helfern organisieren, die sie von Asien aus telefonisch durchs Leben begleiten.
Wenn Michael Levy sein neues Leben beschreibt, kommt er minutenlang ins Schwärmen. "Man wird ein fauler Mensch. Es ist einfach wunderbar", sagt er.
Bis zum Sommer führte der 42-Jährige eine ganz normale Mittelstandsexistenz in New York: Er arbeitet als Anwalt für das Justizministerium. Seit kurzem jedoch hat er einen ganzen Mitarbeiterstab zur Verfügung, der sich rund um die Uhr auf Abruf um sein Privatleben kümmert.
Wie neulich in Las Vegas, wo Levy seinen Abschied vom Junggesellendasein feierte. Er saß mit Freunden am Pokertisch und hatte absolut keine Lust, die Zimmerbelegung persönlich an der Rezeption zu besprechen. "Ruf bitte an und sag denen, die sollen noch ein Zusatzbett in das Zimmer 21057 stellen", wies er seinen Assistenten per Blackberry-E-Mail an. Persönliche Sekretäre machten vor seiner Hochzeit auch die Termine von Levys Verlobter im Brautmodenladen klar und organisierten den Smokingverleih für die Gäste.
Das eigene Personal ist flink, nett und hilfsbereit. Vor allem ist es unschlagbar billig. Der ganze Telefon-Service kostet nur 29 Dollar im Monat und wird von einem Callcenter der New Yorker Firma Ask Sunday irgendwo in Indien erledigt.
Zwar ist die Globalisierung auch in den USA noch immer Schimpfwort und Synonym für Jobabbau und fernöstliche Billigproduktion. Doch neuerdings entdecken auch Mittelstandsamerikaner die Vorzüge der Globalisierung fürs eigene Privatleben. Das Motto - auch für den persönlichen Haushalt: Auslagern, was geht. Dank Internet gibt es dabei kaum noch Grenzen.
Da gibt es junge Erwachsene, die zu faul sind, sich in Online-Rollenspielen wie "World of Warcraft" selbst den Weg zu höheren Spiel-Levels freizukämpfen: Sie lassen diesen Job einfach in China erledigen, wo professionelle Spieler in Zwölf-Stunden-Schichten Monster abballern. Schätzungen zufolge gibt es schon über 100 000 solcher chinesischen Profispieler, die ihren reichen Westkunden für 30 US-Cents pro Stunde virtuelle Fähigkeiten und Güter erkämpfen.
Und während Online-Butler das Leben der Eltern organisieren, helfen indische Nachhilfelehrer deren Kindern via günstige Internet-Telefonie bei den Hausaufgaben. Aus Hongkong und Südamerika sind sogar schon Chinesisch- und Spanischstunden abrufbar. Pauken rund um die Uhr: Manche Firmen bieten das zum Pauschalpreis von 99 Dollar pro Monat.
Die Marktlücke hat Anfang 2005 der Inder Krishnan Ganesh entdeckt, als er aus Bangalore nach Amerika reiste, um neue Geschäftsmöglichkeiten zu suchen. "Die USA haben die besten Unis der Welt", sagt er voller Bewunderung. Nur mit der normalen Schulausbildung hapere es.
600 Nachhilfelehrer arbeiten mittlerweile für seine Firma TutorVista, die meisten von zu Hause irgendwo in Indien, einige auch auf den Philippinen, in Hongkong und Singapur. "Jetzt können sich auch die Massen mehr Bildung leisten", sagt er. Die Risikokapitalgeber von Sequoia Capital, die einst schon den Aufstieg von Google und YouTube finanzierten, gaben ihm 15 Millionen Dollar und spekulieren mit dem Inder jetzt auf einen Mega-Erfolg. "In zwei, drei Jahren möchten wir eine Million Schüler haben", sagt Ganesh.
Der Welthandel mit Bildung funktioniert nach einem einfachen Rezept. Auf der einen Seite sitzen TutorVista-Angestellte wie Riju Goel. Morgens um 4.30 Uhr Ortszeit stellt die 24-jährige Inderin in ihrem Elternhaus den Computer an und beginnt ihre Nachhilfe für US-Schüler, die um diese Zeit aus der Highschool nach Hause gekommen sind und an den Hausaufgaben sitzen. Vier Stunden später eilt sie in eine Mittelschule in Delhi, wo sie eine Klasse von 14-Jährigen unterrichtet. "Online verdiene ich mehr Geld", sagt die studierte Mathelehrerin. Zurzeit sind es 12 000 Rupien, also gut 200 Euro pro Monat.
Auf der anderen Seite dieser Art globalisierter Haushaltshilfe gibt es Kunden wie Roger Hall. Der 32-Jährige, tagsüber Verkäufer in einer Mobilfunkfirma in Manhattan, studiert nebenbei noch Personalmanagement - und muss dafür Mathetests absolvieren. An manchen Abenden lässt er sich stundenlang aus Indien auf die Sprünge helfen.
Wie von Geisterhand malt dann ein Lehrer aus Mumbai oder Delhi Algebragleichungen auf seinen Computerbildschirm, und Hall müht sich übers Internet-Telefon mit der Lösung ab. "Echte Nachhilfelehrer in Manhattan könnte ich mir nie leisten", sagt er.
Wie in jeder anderen Branche sorgt die indische Offensive natürlich auch bei den Nachhilfelehrern für Unruhe. Von Ausbeutung ist die Rede und von niedriger Qualität. Zum Preis von etwa zwei Nachhilfestunden eines New Yorker Lehrers bietet die indische Konkurrenz einen ganzen Monat lang Rund-um-die-Uhr-Betreuung.
Offenkundig ein lohnendes Geschäft: Neben TutorVista kämpfen in Amerika schon eine ganz Reihe indischer Firmen um Schüler. Die Zuwachsraten der noch jungen Branche liegen, heißt es, bei 40 bis 50 Prozent.
Und Bildung ist nur eines von vielen Terrains: "Warum sich mit langweiligen und alltäglichen Aufgaben herumschlagen?", wirbt beispielsweise IwantaPA.com (zu Deutsch etwa: Ich-will-eine-Privatsekretärin.com).
Steve Ludmer, 28, ist mit seiner Firma Ask Sunday erst seit Sommer am Markt. Doch schon jetzt gehen bei seinen Angestellten in Indien täglich Hunderte von Aufträgen ein: Gestresste US-Kunden verlangen nach einem Hubschrauber zum Flughafen John F. Kennedy. Andere schaffen nicht mal mehr die Buchung des Restauranttisches ohne ihre indischen Helfer. FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 48/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

INNOVATIONEN:
Globalisierung ganz privat

  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich
  • Ein Surfer und seine Begleiter: Delfine, alles voller Delfine!
  • Unglück auf Baustelle: Kran bricht zusammen