26.11.2007

TV-SERIEN„Einsame Trottel“

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner, 59, über den RTL-Quotenhit „Bauer sucht Frau“ und das Image der Landwirte
SPIEGEL: Herr Sonnleitner, Sie haben von Anfang an die RTL-Sendung "Bauer sucht Frau" kritisiert, in der einsamen Landwirten paarungswillige Frauen zugeführt werden. Mittlerweile läuft die wöchentliche Show sehr erfolgreich in der dritten Staffel. Fiel Ihre Kritik wenigstens auf fruchtbaren Boden?
Sonnleitner: Nein, die Sendung ist kaum besser geworden. Sie gibt ein dümmliches und falsches Klischee über die Bauern wieder. Mit der Realität hat das alles nichts zu tun.
SPIEGEL: Was stört Sie besonders?
Sonnleitner: Wo soll ich da anfangen? Die Bauern, die RTL da zeigt - oder besser: vorführt -, sind für mich absolut ferngesteuert durch die Regisseure und Sendermacher. Die werden als einsame Trottel präsentiert, die nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen. Ich finde überhaupt die ganze Art dieser Auswahl von Partnerinnen ziemlich zotig und hinterwäldlerisch.
SPIEGEL: Wie reagiert der Kölner Privatsender bislang auf Ihre Vorwürfe?
Sonnleitner: Die Verantwortlichen haben meine Kritik nicht geteilt. Schließlich sei die Sendung doch ein voller Erfolg. Das sind unterschiedliche Maßstäbe. Die Fernsehmacher werten nicht den Inhalt, sondern einfach nur ihre Zuschauerquote ...
SPIEGEL: ... die mit zuletzt acht Millionen aber auch enorm ist ...
Sonnleitner: ... und die dennoch kein Grund sein kann, eine komplette Berufsgruppe der Lächerlichkeit preiszugeben und einer ganzen Gesellschaft ein vollkommen falsches Bild vorzugaukeln. Es beschweren sich bei mir viele Landwirte, die mir vorwerfen: Warum machst du nichts dagegen? Der klassische Bauer fühlt sich durch eine solche Sendung diffamiert.
SPIEGEL: Könnten Sie es nicht einfach mit Humor nehmen?
Sonnleitner: Wir Bauern können sehr gut über uns selbst lachen. Aber wenn das Klischee verdoppelt und verdreifacht zur Karikatur verkommt, dann ist das wirklich nicht mehr lustig.
SPIEGEL: Vielleicht wird auf RTL ja nur auf überspitzte Art das Nachwuchsproblem Ihrer Branche angegangen.
Sonnleitner: Genau das ist der völlig falsche Eindruck, der dann hängenbleibt. Denn dieses Nachwuchsproblem gibt es gar nicht mehr. Es ist ein Klischee, dass der Bauer keine Frau bekommt und die Landwirtschaft ein aussterbender Zweig ist. Wenn man sich die neuen Ausbildungs- und Studentenzahlen ansieht, dann stimmt das einfach nicht mehr.
SPIEGEL: Wer sich etwa Online-Partnerschaftsportale wie landflirt.de anschaut, kann leicht einen anderen Eindruck bekommen.
Sonnleitner: Jetzt dürfen Bauern schon keine Kontaktanzeigen mehr aufgeben und im Internet chatten? Das gibt es doch bitte in jeder Zeitung und durch alle Schichten, kreuz und quer. Das hat es immer schon gegeben und ist doch kein landwirtschaftsspezifisches Feld. Dann wäre ganz Deutschland vereinsamt auf der Suche.
SPIEGEL: Was glauben Sie, weshalb das Interesse der Zuschauer an den balzenden RTL-Landwirten so groß ist?
Sonnleitner: Da müssen Sie die fragen, die sich das anschauen. Mir persönlich ist es ein Rätsel, wieso sich andere so gern mit dem Beziehungsleben auf dem Land beschäftigen.
SPIEGEL: Vielleicht gibt es eine Sehnsucht nach dem Einfachen in einer doch arg komplizierten Welt?
Sonnleitner: Da ist sogar was dran. Das war ja schon bei der US-Serie "The Simple Life" so ...
SPIEGEL: ... in der Paris Hilton auf dem Bauernhof aushelfen musste.
Sonnleitner: Aber auch diese Sendung gefiel mir nicht besser. Tut mir leid, da bin ich streng.
SPIEGEL: Eigentlich kommen die Bauern in den Medien mittlerweile doch viel besser weg als früher, als sie immer nur in der "Tagesschau" auftauchten, wenn sie irgendwo demonstrierend Mist abluden. Das müsste Sie freuen.
Sonnleitner: Ja, das tut uns gut. Man hat jahrelang immer darüber geredet, dass die Landwirtschaft sozusagen Old Economy ist und verschwinden wird. Tatsächlich sind wir eine der ältesten Branchen. Aber uns wird es auch immer geben. Selbst dann noch, wenn etwa die Automobilindustrie schon wieder verschwunden sein wird. Und wir werden wichtiger denn je. Weltweit steigt die Nachfrage nach höherwertigen Nahrungsmitteln. Deutschland ist zudem der viertgrößte Agrarexporteur der Erde. Im vergangenen Jahr hatten wir zweistellige Zuwachsraten. Wir deutschen Bauern sind da spitze - und dann läuft im Fernsehen so ein Käse. Furchtbar!
SPIEGEL: Beruhigen Sie sich doch ein wenig!
Sonnleitner: Will ich aber nicht. Auch das Frauenbild, das RTL da vermittelt, ist falsch. Es heiraten Ärztinnen, Lehrerinnen und normale angestellte Frauen in die Höfe ein. Sie gehen auch dann noch ihrem Beruf nach und können das wunderbar verbinden mit dem Job des Mannes auf dem Hof. Das sind bestimmt nicht die Dummerchen, die hinter dem Mann herlaufen, nur weil der ein paar Hektar Land hat.
SPIEGEL: Doch der Volksmund giftet, der dümmste Bauer habe die dicksten Kartoffeln.
Sonnleitner: Darüber bin ich mittlerweile erhaben. Ich sehe die Pisa-Studie, und dann bin ich beruhigt.
INTERVIEW: MARKUS BRAUCK
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 48/2007
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