26.11.2007

KUNSTMARKTDie Könige von Peking

Chinesische Künstler sind die neuen Stars internationaler Auktionen, die Preise für Bilder und Installationen steigen wie die Börsenkurse. Nun ist erstmals eine Schau von den Anfängen der Avantgardekunst zu sehen.
Sie nannten sich "Xiamen Dada", "Kunstgruppe Nord" oder "Gruppe Neuer Maßstab". Sie taten Dinge, die zuvor in Chinas Kunstszene undenkbar schienen: Sie wuschen Zeitungen in der Waschmaschine, um aus der Pappe traditionelle chinesische Gräber nachzubilden.
Sie verbrannten öffentlich ihre Werke oder täuschten einen Selbstmord als Happening vor. Einer pinselte in vierjähriger Fleißarbeit auf Papier und Leinwand Tausende chinesische Schriftzeichen, die nur seiner Phantasie entsprungen waren, keines existierte wirklich.
Zwanzig Jahre später sind viele Werke dieser Künstler in Peking zu besichtigen: "'85 New Wave" heißt die Schau, mit der das belgische Unternehmerpaar Guy und Myriam Ullens Anfang November das Ullens Center for Contemporary Art eröffnete. Nach der Pekinger Nationalgalerie ist ihr Museum jetzt der größte permanente Ausstellungsort für aktuelle Kunst in China.
"'85 New Wave" erlaubt einen einzigartigen Einblick in eine aufregende Epoche der chinesischen Kultur. Als sich Chinas KP in den achtziger Jahren langsam von der Planwirtschaft verabschiedete und ihr abgeschottetes Reich öffnete, lernten viele Künstler erstmals die Werke ihrer Kollegen in New York, Paris, Berlin oder Tokio kennen. Besucher brachten Kataloge internationaler Ausstellungen, bald durften die ersten Chinesen ins Ausland reisen.
Maler und Bildhauer, die bis dahin in Hochschulen, Armee, Betrieben und Partei angestellt waren und wackere Arbeiter, rauchende Schornsteine oder liebliche Frauen darstellten, begannen mit neuen Themen und Techniken zu experimentieren.
Neben Installationen hängen im Ullens Center etwa vier riesige Glatzköpfe, in Grau und Schwarz gemalt, mit weit aufgerissenen Mündern, genannt "Die zweite Situation". Ein anderes Bild zeigt eine dunkle Madonna hinter roten Gittern, ein drittes eine Schattenwelt mit Figuren, die wie Pinguine aussehen. Titel: "Serie Polarregion". Sogar eine ärmliche Künstlerkemenate aus den achtziger Jahren ist nachgebaut.
Dass ausgerechnet ein belgischer Industrieller die bislang bedeutendste Sammlung dieser Aufbruchgeneration zeigt, ist nicht verwunderlich. In jenen Jahren interessierten sich nur wenige Chinesen für
ihre jungen Wilden - und wenn doch, hatten sie kein Geld, Kunstwerke zu kaufen.
Das taten die Ausländer wie der Lebensmittelfabrikant Ullens, der in den achtziger Jahren zum ersten Mal nach Peking kam. Er wollte Geschäfte machen, was aber, wie er in einer Suite des Hotels Grand Hyatt nahe dem Tiananmen-Platz gesteht, "nicht sehr erfolgreich" war. Glücklicher verlief sein Ausflug in die Kunstszene.
Fasziniert vom "Zauber Chinas", tat sich Ullens in seiner Freizeit bei den Kulturschaffenden um. "Ich habe mit Malern zusammengewohnt", berichtet er. Als er und andere Ausländer die ersten Bilder für ein paar hundert Dollar erwarben, waren deren Schöpfer "die Könige von Peking. Als Erste konnten sie sich private Autos leisten".
Mittlerweile besitzt der Belgier rund 1300 Werke chinesischer Künstler, "und ich kaufe immer weiter". Ein lohnendes Hobby, denn mit Chinas Wirtschaft boomt zwischen Hongkong und Peking inzwischen auch der Kunstmarkt.
Die Preise für Bilder steigen wie die Börsenkurse steil nach oben, auf internationalen Auktionen sind chinesische Künstler die neuen Stars, ihre Werke oft teurer als die arrivierter westlicher Maler.
So wurde im Juni bei Sotheby's in London "Ein kichernder Yue als Papst gekleidet" des Malers Yue Minjun für umgerechnet mehr als drei Millionen Euro versteigert. Ein paar Wochen später erzielte das Werk "Hinrichtung", das auf das Tiananmen-Massaker von 1989 anspielt, über 4,2 Millionen Euro.
Es sind inzwischen nicht mehr allein die Ausländer, die die Preise nach oben treiben, sondern Chinas neue Reiche selbst. Liu Xiaodongs sozialkritisches Gemälde "Die neuen Migranten der Drei Schluchten", das unlängst für fast 2,2 Millionen Euro unter den Hammer kam, kaufte die Gründerin einer Pekinger Restaurantkette.
Viele Chinesen erwerben Kunst nicht nur aus ästhetischem Interesse, sondern auch, weil sie sich eine ordentliche Rendite versprechen. "Unter meinen Kunden sind immer mehr Chinesen", sagt die Pekinger Galeristin Emily Zhang, "die den Kauf von Bildern als Investition verstehen."
Nach Autos, Villen und Schmuck gelten Bilder und Skulpturen als gute Geldanlage. Ausländische Auktionshäuser wie Christie's und Sotheby's drängen ins Reich der Mitte, "dorthin, wo die Kunden sind", wie ein britischer Händler sagt. Immer mehr Galerien entstehen, die Website chinaartinvestments.com bietet Bilder im Internet an. Es sei an der Zeit, einen "ästhetisch angenehmen Aspekt zu Ihrem Vermögen hinzuzufügen", wirbt sie und schwärmt von einem "meteoritenhaften Wertanstieg zeitgenössischer chinesischer Kunst".
"Der Markt entwickelt sich in China schnell und intensiv", sagt der chinesischstämmige Kunstexperte Arnold Chang aus New York. Auch für die zierliche Galeristin Zhang, die ihre Stücke in einer Erdgeschosswohnung im Südosten Pekings präsentiert, sind hohe Preise mittlerweile normal. An der Wand hängt eine mit wenigen Pinselstrichen hingeworfene füllige nackte Frau mit rotem Kussmund des Malers Pang Yongjie. "Vor wenigen Monaten hätte ich rund 2000 Euro dafür
verlangt", sagt Zhang, "heute bekomme ich 5500."
Die eher unerfreuliche Folge: Die Künstler arbeiten wie am Fließband. "Einige kopieren schon sich selbst, weil sie keine Zeit mehr haben, schöpferisch zu sein", sagt Zhang. Als sie jüngst von einem "nicht mal sehr guten Maler" neue Bilder erwerben wollte, "stand ich auf Platz 54 seiner Bestellliste".
Nicht immer, klagt Zhang, seien die Werke das viele Geld auch wert. Doch moderne chinesische Kunst ist so begehrt, dass viele Kunden bereit sind, selbst für Stücke minderer Qualität große Summen auszugeben - Sammeln als Spekulation.
"Der Assistent kleckst irgendetwas hin. Daneben steht der Künstler und telefoniert. Dann setzt der ein paar Pinselstriche hinzu und verkauft das Ganze für Tausende Dollar", beobachtete der Berliner Maler Ekkehard Stoevesand, der in den vergangenen Jahren in Peking gearbeitet und unterrichtet hat, die Produktion in einem Atelier. "Als ich meine Sachen verkaufte, haben mich alle für verrückt erklärt, weil sie so billig waren."
Manche der einst bitterarmen Maler sind zu Wohlstand gekommen. Viele leben in feinen Villen in Songzhuang, einem Künstlerdorf in den Außenbezirken Pekings, fahren große Autos, beschäftigen Sekretäre und Assistenten. Yue Minjun, 45, dessen lachende Fratzen auf den jüngsten Auktionen so viele Millionen Euro brachten, ist einer von ihnen. Er selbst sieht heute davon keinen Cent, denn die Werke verkaufte er bereits Anfang der neunziger Jahre. "Ich habe keine Ahnung, warum der Kunde jetzt so viel Geld dafür ausgegeben hat. Ich will es auch nicht wissen", sagt Yue.
Dass seine Werke womöglich zu reinen Spekulationsobjekten verkommen sind, streitet er allerdings ab. "Die Käufer sind Intellektuelle. Sie verstehen meine Bilder. Es geht ihnen nicht nur darum, ihr Geld zu vermehren."
Yue ist ein schmaler Mann mit kahlgeschorenem Kopf. Er gehört zur Generation der sogenannten Polit-Pop-Künstler, die auf die Vorgänger der achtziger Jahre nachfolgten. An der Wand seines riesigen Ateliers hängen vier neue Versionen der lachenden Figuren: "Dies sind alles Porträts von mir in verschiedenen Lebensphasen und Lebenssituationen", sagt er. "Ich werde sie auch in Zukunft malen."
Bei einer Schale grünem Tee sinniert er über die Gründe für den Boom. "Die Menschen wollen wissen, was in China nach so vielen Jahren Reformpolitik passiert. Wir Künstler stellen in Frage, was um uns herum geschieht. Wir setzen uns kritisch mit Kultur und Umwelt auseinander."
Derzeit arbeitet er an einer neuen Serie: Er malt Propagandabilder und Plakate aus den sechziger Jahren nach. Allerdings lässt er alle Figuren weg. So fehlt auf einem riesigen Landschaftsgemälde Mao Zedong, nur Schreibpapier und Bücher liegen noch da. Vor dem Eingang eines "Revolutionskomitees" ist die Wache nicht mehr vorhanden, auf dem Wachturm an der russischen Grenze sind die zwei Soldaten verschwunden. "Ich will den Blick auf die Vergangenheit schärfen", sagt Yue.
Kritiker werfen vielen seiner Kollegen vor, sich zu sehr nach dem Geschmack betuchter Käufer aus dem Ausland zu richten und sich künstlerisch nicht weiterzuentwickeln - im Gegensatz zu jenen Vorläufern aus den achtziger Jahren, die "plötzlich mit so vielen Einflüssen von außen fertig werden mussten und noch auf der Suche waren", so Yue.
Ebenso spannend wie "'85 New Wave" ist der Ort der Ausstellung selbst: Sie befindet sich in einer alten Fabrikhalle des Künstlerviertels "798", einer Ansammlung von Werkgebäuden, die DDR-Architekten im Bauhaus-Stil errichteten (SPIEGEL 27/2004). Einst stellten hier Chinas Rüstungswerker Elektronik und Keramik her. Hoch geheim war das riesige Gelände, wie alle chinesischen Armeeanlagen bekam es eine Nummer, die seinen wahren Charakter verbergen sollte.
Heute sind viele solcher Areale privatisiert, die meisten Ingenieure und Arbeiter wichen Malern, Bildhauern und Galeristen, die das Areal vor wenigen Jahren entdeckten. "798" ist mittlerweile ein Synonym für Chinas moderne Kunstszene.
"Eine Menge Geld" habe er investiert, um die Halle für sein Zentrum zu renovieren, sagt Ullens, der sich im Jahr 2000 aus der Geschäftswelt zurückzog. Eine präzise Summe will er nicht nennen. Ganz in Schwarz und Weiß ist das rund 8000 Quadratmeter große Gemäuer gehalten, Gänge aus Glas verbinden die Räume. Neben der Ausstellung soll eine große Bibliothek für Gegenwartskunst entstehen. Der Belgier will auch chinesische Kuratoren ausbilden lassen, weil dies in China sonst niemand tut.
"Wir werden keine Bilder verkaufen, wir wollen kein Geld verdienen", sagt Ullens. Die Kosten sollen mit einem Restaurant und einem Kunstgeschäft wieder hereinkommen. In der Zeit zwischen den Ausstellungen können die Hallen an kunstbewusste Industrielle vermietet werden.
Damit der Charakter der Fabrikhalle nicht ganz verlorengeht, blieben zwei ehemalige Kessel erhalten, auch der alte Ziegelofen mit seinem 50 Meter hohen Schornstein wurde wieder hergerichtet. Vor dem Eingang stehen über ein Dutzend kurzgeschorene Wachleute in schwarzen Anzügen und mit roten Krawatten stramm wie zum Appell.
Chinas moderne Kunst ist eben so wertvoll geworden, dass sie streng bewacht werden muss. ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 48/2007
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